Kambouris Notruf (2)

deutschland_im_blaulichtTania Kambouri hat einen Bestseller geschrieben, über den es sich zu reden und zu diskutieren lohnt.

Sie ist Polizistin in Bochum, schlägt sich dort beruflich mit der (überwiegend migrantischen) Unterschicht herum – und schildert ihre Erfahrungen besorgt, verärgert, warnend dem Leser – der, so hofft sie selbst, dies nicht xenophob oder hysterisch zur Hetze missbraucht. Sie ist selbst Migrantin, griechischer Herkunft.

Der erste Artikel ist >>>hier.

Ich setze die Debatte fort. Zunächst wieder ein Zitat (S. 50-52), ein Fallbeispiel. 

Zusammen mit einem Kollegen fuhr ich Präsenzstreife, das heißt, wir waren ohne ein bestimmtes Ziel in Bochum-Mitte unterwegs, um “nach dem Rechten zu sehen”, als mir drei Heranwachsende auffielen, schätzungsweise gerade mal volljährig.

Sie überquerten die Straße unmittelbar vor unserem Streifenwagen, lachten uns im Vorbeigehen aus und gestikulierten. Sie hoben die Arme und ihr Kinn provokant in unsere Richtung, um auszudrücken, die Polizei solle doch herkommen, wenn sie etwas von ihnen wolle, und äußerten “Scheiß Bullen”, welches ich durch die geöffnete Fahrerscheibe hörte.

Es war ihr übliches Machogehabe, um auf sich aufmerksam zu machen und uns ein bisschen zu provozieren.

Mir blieb nichts anderes übrig: Ich hielt an und kontrollierte sie. Unternehme ich gegen dieses Verhalten nichts, wird es beim nächsten Mal nur noch schlimmer und womöglich aggressiver.

Die drei waren der Polizei bereits gut bekannt, sie stammten aus einer libanesischen Großfamilie mit etlichen kriminellen Mitgliedern. Alle drei hatten sich ihre Akteneinträge mit den üblichen Gewalt- und Eigentumsdelikten “redlich” verdient.

Während der Kontrolle lachten sie sich weiter schlapp. Als ich sie darauf ansprach und sie darauf hinwies, dass es sich hier um eine Polizeikontrolle handelte, die sie ernst nehmen sollten, fragte mich einer, ob das heute mein erster Tag sei. Und: “Da muss wohl jemand seine Macht ausspielen, was?”

Kambouris Kommentar:

Wir Polizisten haben rechtlich keinerlei Handhabe gegen solch ein Verhalten. Und das wissen diese Jungs nur zu gut. Sie wissen ganz genau, wie weit sie gehen können, ohne dafür belangt zu werden. Nicht nur, dass der Staat missachtet wird. Auf die Dauer leiden vor allem die Beamten und deren Psyche unter diesen permanenten Erniedrigungen, mögen sie im Einzelfall auch noch so harmlos erscheinen. Man braucht da schon ein dickes Fell.

Solch ein Verhalten sollte mit einer Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Bei jedem Verkehrsverstoß wird der Bürger selbst für Lappalien zur Kasse gebeten, während dieses respektlose Verhalten keinerlei Sanktionen nach sich zieht. Dabei hat es sehr wohl negative Folgen, wenn bei jedem dieser kleinen Machtspielchen der Respekt mehr oder weniger schleichend untergraben wird. Es trifft Sanitäter und Ärzte, Busfahrer und Schaffner, Feuerwehrmänner und Polizisten, im Prinzip alle, die eine “offizielle” Funktion haben und in einem beschränkten Weltbild Deutschland repräsentieren. …

Die Kinder tun ihr auch leid:

Sie scheinen nur noch wenige Chancen zu haben, eine normale Rolle in unserer Gesellschaft einnehmen zu können. Und können selbst am wenigsten dafür. Wie soll ihre Zukunft aussehen? Und: Wie soll unsere gemeinsame Zukunft aussehen?

Kinder und Jugendliche hätten schon immer rebelliert, das gehöre zu einer gesunden Entwicklung. Aber:

Es liegt mehr im Argen, wenn man als Polizist von Jugendlichen bespuckt und beleidigt wird, nur weil man Polizist ist. Das hat dann nichts mehr mit Rebellion in der Pubertät zu tun. Diese “Umgangsformen” schauen sich schon die Kleinsten von den Halbstarken ab, die sie wiederum von den Nächstältesten übernommen haben. Das Verhalten wird quasi traditionell weitergegeben. Und in der nächsten Generation höchstens noch “verfeinert” und an neuesten technische Gadgets angepasst.

Kommentar des Bloggers:

1. Muss die Polizei darauf bestehen, dass man ihr mit Respekt begegnet?

Kambouri hätte es gern. Als Polizistin ist das ein naheliegender und verständlicher Wunsch. Aber wäre es gesund für unsere Gesellschaft, wenn solcher Respekt so sichergestellt wird, dass auch deutlicher Widerspruch gegen eine Polizeiaktion oder gegen einen Polizisten oder gegen die Polizei schon als Vergehen sanktioniert werden?

Polizisten haben Macht. Das ist gut so – und zugleich ist es gefährlich für die Gesellschaft. Drum hegen wir diese Macht ein. Wie Feuer. Es ist nützlich, aber auch gefährlich. Man muss immer beides sehen.

Die Macht der Polizei ist notwendig und gut für die Gesellschaft – und zugleich problematisch. Wo Macht ist, da ist Machtmissbrauch. Soviel zum Grundsätzlichen.

Dürfen Jugendliche die Polizei so provozieren, dass es unterhalb der Schwelle des Vergehens bleibt? – Warum nicht? Nicht, dass ich es für gut finde, wenn das geschieht. Natürlich läuft da etwas schief. Aber damit muss ein Polizist leben. Er hat genug Ressourcen, um sich durchzusetzen, wenn es rechtlich, rechtsstaatlich möglich ist.

Anspucken und direktes Beleidigen dürfte strafbewehrt sein. Das können sich diese ungezogenen bzw. kleinkriminellen Jungs nicht leisten. Sie belassen es bei Äußerungen, die grade noch durchgehen. Also, was soll’s?

2. Die libanesischen Großfamilien

sind ein spezielles Problem. Überschaubar, da nur an einigen wenigen Orten lebend; die Zahl ist auch nicht besonders hoch. Aber da, wo sie agieren, können sie einerhebliches Problem werden.

Man sollte es nicht mit den anderen Integrationsproblemen vermischen.

Hier haben sich kriminell agierende Clans gebildet, die in der Tat so etwas bilden wie sich gut abschottende Parallelgesellschaften.

Offensichtlich sind weder Polizei noch das Rechtssystem in der Lage, diese Strukturen aufzubrechen. Das aber wäre nötig. Ich werde an anderer Stelle einmal diskutieren, was man da machen könnte, machen sollte. Und mich fragen, warum man bisher kaum etwas macht. Warum wir uns diese destruktive Struktur gefallen lassen. Würde sich der sicherlich hohe Aufwand nicht lohnen, die “libanesischen” Clans aufzulösen? Ihnen das Geschäft zu verderben?

Mein Vorschlag wäre: Da sie ihre (männlichen) Kinder zum Teil zu Kriminellen und Asozialen erziehen, könnte man sie ihnen jugendamtlich wegnehmen. Das würde diese kriminellen Familien ins Mark treffen.

3. Erziehung zum Respekt

ist eine notwendige Sache. Aber wie macht das unsere Gesellschaft generell? Erzieht sie zum Respekt?

Sie erzieht weder zum Respekt gegenüber den Eltern noch gegenüber den Lehrern noch gegenüber sonstigen Autoritäten.

Das ist einerseits gut so, andererseits schlecht.

– Gut: Wir brauchen die individuelle kritische Distanz zu allen Autoritäten. Grade dann, wenn sie mächtig sind. Je mächtiger sie sind, desto mehr brauchen wir die Fähigkeit zur Kritik – also zur Respektlosigkeit. Denn grade mächtige Autoritäten meinen, dass Kritik an ihnen respektlos sei.

– Schlecht: Wer Autoritäten nicht anerkennen und respektieren kann, schädigt dadurch sich selbst und die Gesellschaft. Sie braucht Autorität in beiden Formen, informelle (freie, frei zugestandene) Autorität und formelle (staatlich sanktionierte) Autorität. Unser Zusammenleben in großen Gemeinschaften ist nicht möglich ohne die Anerkennung informeller und formeller Autoritäten.

Gefordert ist also eine Balance. Man muss beides können: Autoritäten respektieren und sie nicht respektieren. Und zwar ein und dieselbe Autorität. (Es geht hier nicht darum, sich auf die eine Autorität gestützt gegen die andere Autorität zu wenden.)

Das ist schwierig zu lernen und schwierig, im Konfliktfall richtig auszubalancieren. Kein Wunder, dass es ziemlich häufig misslingt. Misslingt in beide Richtungen: Unterwürfigkeit einerseits, Überheblichkeit und anarchisches bzw. destruktives Verhalten andererseits.

Es gelingt unseren modernen Gesellschaften nicht hinreichend, diese Balance einzuüben. Das ist nicht primär ein  Migrantenproblem.

4. Der Staat als Feind

Unsere Gesellschaft lässt die Unterschicht nach und nach abdriften und verwahrlosen und prekarisiert die die untere Mittelschicht. Wie reagieren die Ausgegrenzten und die vom Abstieg Bedrohten? Teilweise aggressiv, teilweise kriminell.

Sie erleben ihre Ausgrenzung als unzulässig und revanchieren sich.

Das kann grundsätzlich werden.

Wenn man relativ arm ist und täglich konfrontiert wird mit dem in vieler Hinsicht exzessiven Reichtum der anderen, ist das unerträglich.

Wie reagieren darauf die Oberschicht und die Mittelschicht, soweit sie sich nach oben orientiert? – Mit verstärkter Repression. Mehr Polizei. Härteren Strafen. Dazu gnadenlos moralistischer und sozialdarwinistischer Propaganda: Die da unten sind eben schlechte Menschen und Versager.

Die Gegenreaktion: “Die da unten” mobilisieren ihre Kräfte gegen “Die da oben”. (Heute eher individualistisch und anarchistisch und kleinkriminell.)

Zu denen, gegen die man sich richtet, gehört auch die Polizei.

Wenn nun zu diesem sozialen Sprengstoff noch eine kulturelle Beimengung hinzukommt, nehmen “Die da oben” ebenso wie “Die da unten”, soweit sie keine Migranten sind, vor allem die kulturelle Seite wahr.

Es ist aber primär die soziale Kluft, die den Sprengstoff darstellt.

Es ist nicht klug vom Staat, sich neoliberal marktfundamentalistisch zu gebärden und einen immer größeren Teil seiner Bevölkerung abzuschreiben.

Tania Kambouri sollte sich fragen, wer oder was in Deutschland die Armen arm macht. Und ob die relativ Armen nicht auch ein wenig recht haben, wenn sie ausflippen und ihre Aggression gegen “Die da oben” samt “Deren Polizei” wenden.

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