Erdogan möchte uns gern in einen Krieg mit Russland ziehen …

tuerkei… aber vorerst macht die NATO noch nicht mit.

Sie fällt nicht auf Erdogans Spiel herein. (vgl. Spiegel Online)

Das angebliche PKK/YPG-Attentat in Ankara ist ein allzu durchsichtiges Manöver.

Erdogan lässt “Beweise” vorlegen – und in Washington schüttelt man den Kopf und sagt diplomatisch, dass man zur Prüfung dann doch noch etwas mehr Zeit brauchen würde.

Von der Diplomatensprache ins Normaldeutsche übersetzt: Nachtigall, ich hör dir trapsen! Erdogan, wir kennen dich!

Schon 2 Stunden nach dem Attentat hatten die türkischen Sicherheitsbehörden den Fall vollständig “aufgeklärt”. Das ist nur möglich, wenn sie dabei selber die Finger drin gehabt haben.

Jetzt meldet sich als Täter eine von der PKK unabhängige kurdische Terrorgruppe, genannt TAK.

Mit der PKK oder der YPG wird sie nichts zu tun haben. Denn diese beiden Vertreter des kurdischen Volkes haben kein Interesse daran, der Türkei Gründe für weitere Angriffe auf sie zu liefern oder die NATO dazu zu bringen, der Türkei frei Hand gegen sie zu geben.

Das Attentat von Ankara ist dermaßen eindeutig gegen das Interesse von PKK und YPG, dass man deren Täterschaft von vorne herein als unwahrscheinlich ansehen kann.

Es ist andererseits dermaßen offensichtlich im penetrant vorgetragenen Interesse von Erdogan, dass sich das cui bono aufdrängt.

Es nützt wirklich NUR Erdogan.

Wenn es denn überhaupt jemandem nützen sollte.

Schon Tage zuvor hat Erdogan die NATO und die USA beschimpft, wie sie es verantworten könnten, die YPG militärisch zu unterstützen. Die NATO solle wählen zwischen der Türkei und der Terrortruppe!

Seine Prioritäten kennt jeder: Vernichtung der Kurden (PKK und YPG in Nordsyrien) haben Vorrang. Wenn der Islamische Staat den entstehenden Kurdenstaat in Nordsyrien zerstören kann – siehe Kobani – dann hat er Erdogans Einverständnis und Unterstützung.

Da der IS dies im Moment nicht schafft, möchte Erdogan nachhelfen und die türkische Armee eingreifen lassen. Was wirkungsvoll nur mit einem vollen Einmarsch zu  machen ist.

Das aber würde ein UN-Mandat und ein Ja der NATO erfordern.

Beides gibt es nicht.

Ein solcher Einmarsch würde auch zur unmittelbaren Konfrontation mit Russland führen. Etwas, das die NATO auf jeden Fall vermeiden will.

Außerdem will die NATO, auch wenn sie das nicht öffentlich zugibt, keineswegs, dass die Dschihadisten der Front gegen Assad in Damaskus einmarschieren. Da käme der Westen vom Regen in die Traufe. Assad darf also nicht verlieren. Allerdings sollte er auch nicht gewinnen. Irgend ein Kompromiss sollte gelingen, ist aber nicht in Sicht. Immerhin arbeitet man daran. Erdogan tut, was er kann, um seine Optionen zu erreichen: Vernichtung des Kurdenstaats in Nordsyrien, Vernichtung des Assad-Regimes, Ersetzung durch ein sunnitisches, von der Türkei abhängiges Regime.

Es wird in der Politik nicht alles Wichtige ausgesprochen.

Aber man kann das Unausgesprochene manchmal an den Taten ablesen. An dem, was ungesagt bleibt, an dem Gesagten, wie es gesagt wird, an dem, was tatsächlich getan und was nicht getan wird.

Erdogan hat sich für sein Verhältnis zum Westen – so vermute ich – mit der Inszenierung des Attentats von Ankara (falls der MIT hinter der “TAK” und seiner Tat steht) oder mit der vorschnellen und vordergründigen Interpretation und Instrumentalisierung des TAK-Anschlags als Tat von PKK und YPG keinen Gefallen getan.

Die Frage für uns ist: Inszenierung oder (nur) Instrumentalisierung? (Letzteres halte ich im Moment für wahrscheinlicher, aber zumindest ein informiertes Geschehenlassen ist auch nicht unwahrscheinlich.)

Schauen wir in den nächsten Tagen mal genauer, wer oder was hinter der TAK steht, der Organisation, die sich zu dem Anschlag bekannt haben soll. Nach dem, was wir bisher wissen, ist es eine Gruppe, der die PKK zu gemäßigt ist und die darum unabhängig von der PKK und sogar gegen die PKK operiert. Mit der YPG hat sie auf jeden Fall nichts zu tun.

Zu den unausgesprochenen oder nur vorsichtig angedeuteten Dingen gehört auch: Merkel und die EU versuchen im Moment, Erdogan zu schonen und ihm wenigstens in ein paar Dingen nach dem Mund zu reden, weil man meint, dass man ihn braucht, um den Flüchtlingsstrom aus der Türkei zu stoppen.

Damit macht sich Europa erpressbar.

Erdogan wird früher oder später fordern:

Entweder ihr gebt uns freie Hand, die Kurden der PKK und der YPG zu vernichten,

oder wir tun nichts oder nicht viel gegen den weiteren Flüchtlingsstrom in Richtung Europa.

Diese Erpressung bereitet er zurzeit vor.

(Durchaus im Einverständnis mit einer Mehrheit der Türken.)

Normalerweise hätte Europa in einer solchen Sache kein großes Problem, nachzugeben und der mörderischen Politik ihren Lauf zu lassen. Soviel Zynismus leistet man sich bei Notwendigkeit ohne Wimpernzucken.

Nur, im konkreten Fall gibt es ein zusätzliches und gegenläufiges Interesse, nämlich das, dass die NATO so viele Kräfte gegen den IS mobilisieren will, wie sie kann. Dazu gehören die Kurden von der YPG. Eigentlich auch die kampfstarke PKK. Auf die YPG (und im Grunde auch auf die PKK) kann man kaum verzichten, wenn man es ernst meint mit dem Kampf gegen den Islamischen Staat.

(Hinzu kommt, dass die NATO die direkte Konfrontation mit Russland vermeiden will – und außerdem, wie schon gesagt, eine Niederlage Assads wegen der zusätzlich dadurch ausgelöst werdenden Flüchtlingsströme nicht wollen kann.)

Erdogan hingegen steht im (heimlichen) Bündnis mit dem IS. Der IS wird sich wünschen, dass die türkische Armee mit den Kurden aufräumt. Man hätte dann einen starken Gegner weniger. Und die Türken werden weiter stillhalten, mit den Türken würde man andernfalls leicht fertig werden. Ein paar Selbstmordattentate in den Urlaubsregionen könnten dazu vielleicht schon genügen. Ca. 10% der türkischen Bürger sympathisieren mit dem IS – ein Rekrutierungs- und Unterstützungspotenzial, das groß genug ist, um das Land ins Chaos zu stürzen.

Die Türkei betreibt darum (zusammen mit Saudi-Arabien) gegenüber dem IS das, was wir “Appeasement” nennen. Der Islamische Staat ist nur ein Randthema in den Erdoganmedien. Das (indirekte, unausgesprochene) Bündnis verrät sich eben dadurch.

Ein Indiz:

Der Selbstmordattentäter sei aus Syrien gekommen. Man habe ihn an der Grenze registriert und die Fingerabdrücke genommen. – Woraus eigentlich folgt, dass ihn die YPG oder PKK, wenn sie ihn als Selbstmordattentäter verwenden wollten, NICHT brauchen konnten. Denn für diese Organisationen macht es keinerlei Sinn, sich jetzt als Täter einer solchen Aktion in Verruf zu bringen.

Hunderttausende von syrischen Kriegsflüchtlingen sind ohne Registrierung über die Grenze gekommen. Es wäre für die YPG keinerlei Schwierigkeit gewesen, einen Attentäter so einzuschleusen, dass er nicht auf Rojava zurückzuverfolgen wäre.

Die Türkei müsste also begründen, inwiefern die YPG für sich ein Interesse an der Tat haben könnte.

Das kann sie nicht, das versucht sie auch gar nicht.

Damit aber steht der Vorwurf an die YPG auf tönernen Füßen.

Und dann haben wir die Verbindung dieses Attentats und seiner politischen Folgen mit den heftigen Forderungen Erdogans an die NATO, endlich die YPG als Terrororganisation einzuschätzen, die Unterstützung für sie zu beenden und der türkischen Armee zu erlauben, diesen Todfeind (auch des IS!) endlich aus dem Weg zu räumen.

Anmerkung 1:

Vergleiche dazu auch Tomasz Konicz bei telepolis.

Er deutet den Fall als false flag operation. Das kann sein, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, oder jedenfalls nur insoweit, als die Sicherheitsbehörden eventuell einen agent provocateur eingesetzt haben oder vorab ein Auge zugedrückt haben, damit das Attentat passieren konnte. Das wäre dann natürlich auch ein Fall von false flag.

Ich nehme vorerst als die wahrscheinlichste Version an, dass die Regierung das Attentat einfach nur schamlos instrumentalisiert und der YPG unbedingt in die Schuhe schieben will. Insofern wäre der Vergleich nicht “Gleiwitz”, sondern der Mord an dem deutschen Diplomaten von Rath in Paris durch einen jungen Juden, der dann von den Nazis bequem ALLEN Juden in die Schuhe geschoben wurde. Das berühmt-berüchtigte Resultat war das Pogrom vom 9. November 1938.

Anmerkung 2:

Ich halte es vorerst noch für ausgeschlossen, dass sich die NATO von der Türkei in eine Konfrontation mit Russland treiben lässt oder dass sich die NATO dazu hergeben wird, die dschihadistische Opposition gegen Assad in Damaskus, Aleppo, Homs und Hama einmarschieren zu lassen.

Soviel Dummheit möchte ich der NATO nicht unterstellen.

Aber wäre es nicht doch möglich, dass sich die Konstellation so entwickelt und dieser Fall eintreten könnte?

Ich habe vor einiger Zeit Christopher Clark: “Die Schlafwandler” gelesen. Wie die europäischen Mächte gewissermaßen “schlafwandelnd” den Ersten Weltkrieg entfesselt haben.

Ist ein solches Szenario für die nächste Zeit im Nahen Osten denkbar?

Keine der beteiligten Mächte hat heute irgend eine Kontrolle über das irre, unübersichtliche, mörderische Geschehen dort. Jede der beteiligten Mächte aber besteht auf ihren zum Teil fatal borniert interpretierten Interessen. Und einige spielen gradewegs mit dem Feuer – Putin und Erdogan vor allem, auch die Saudis und der Iran. Dazu kommt als berechenbar-unberechenbarer Faktor der Islamische Staat, der nur drauf wartet, diese irre wirre Situation für sich zu nutzen.

In solchen unübersichtlichen Verhältnissen kann es leicht zu verblüffend dummen und brandgefährlichen Eskalationen kommen. Wie 1914 …

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Wenn man den Äußerungen eines de Misere glauben Schenken darf dann steht das offizielle Merkel-Deutschland momentan dem Erdogan-Regime näher als Washington es tut.

  2. Guter Artikel, Leo!
    Merkels Forderung nach einer konkreten “No-fly-zone” zwischen der türkischen Grenze und Aleppo beweist, daß es ihr nicht primär um die Sicherheit der betroffenen Menschen geht, sondern um das Offenhalten des Konfliktes zugunsten von Erdogan und IS, der türkischen Nachschub ermöglicht und zugleich den Einsatz von Bodentruppen zu einem späteren Zeitpunkt offen hält. Das ist also eindeutig keine humanitäre sondern eine strategische Forderung von Frau Merkel, ganz im Sinne von Erdolf!
    Nun hat die NATO die Türkei heute zwar offiziell vor einem provozierten Konflikt mit Russland gewarnt, aber so etwas kann sich bei beinahe täglich wechselnden Szenarien durchaus auch wieder ändern. Es bleibt gefährlich!

  3. elCIVARO meint:

    Mann sollte die Anschläge die vorher verübt worden genauer betrachten , sie tragen alle die gleichen Instrumentalisierungs Muster .
    Angefangen von Suruç .

  4. John Butler (Pseudonym) im SPECTATOR über Erdogan, der die Türkei in einem paranoiden Einparteien-Staat verwandle:

    http://www.spectator.co.uk/2016/01/turkey-is-turning-into-a-paranoid-one-party-state/

  5. Korbinian meint:
  6. es geht nicht um Islam als Religion, sondern um eine Ideologie, um den politischen Islam. Präziser wäre es daher, den Zentralrat der Muslime in den “Zentralrat des politischen Islam” umzubenennen. Viele in diesem Land wären dankbar zu wissen, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun haben. Denn um einen Sprecherverein haben viele nicht gebeten.

    Viele Muslime wollen nicht, dass ihre Religion zur Manipulation und Machtdurchsetzung benutzt wird und sie als unbescholtene Bürger unter Generalverdacht gestellt werden. So bleiben gerade jene Muslime, die ihr reiches islamisches Erbe und die vielfältigen kulturellen Einflüsse kennen, ungefragt zurück und bekommen oft von jenen Verbandsvertretern, die die deutsche Öffentlichkeit dominieren, das Etikett des Unglaubens verpasst. Das ist unerträglich.

    Schreibt die Autorin. Ich kann ihr da nur recht geben.

    Das Klima wir rauer.

    Man muss ein Auge auf das Problem werfen, das Sineb al-Masrar hier anspricht: Wenn gläubige Muslime meinen, sie könnten hier für sich eine Kultur der Feindschaft gegen die bei uns übliche offene, pluralistische, tolerante Kultur aufbauen, dann muss man dem eine Grenze setzen. al-Masrar liefert mit ihrem Artikel einen guten Beitrag dazu.

    Und bringt Mazyek ins Schwitzen. Ich halte dessen Strategie nicht für konstruktiv. Er wird sie auf die Dauer nicht durchhalten können.

    Aber vergessen wir nicht, lieber Korbinian, wie viele anti-pluralistische, intolerante, hetzerische Attacken jeden Tag auf die Muslime in Deutschland einprasseln. Man kann dann den – falschen – Eindruck gewinnen, Deutschland bewege sich auf einen Bürgerkrieg zu.

    Wer immer die muslimischen Deutschlandfeinde angreift, die islamistischen Ideologen, der sollte deutlich machen, dass er den politisch-perversen Islam meint und nicht den Islam als Religion.

    (Wobei eine Religion auch öffentlich präsent sein darf und sich auch politisch äußern darf. Das widerspricht keineswegs der Trennung zwischen Religion und Staat. Es kommt darauf an, WIE hier die Religion ihre politisch relevanten Ansprüche formuliert.)

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