Kambouris Notruf (3)

deutschland_im_blaulichtTania Kambouri hat einen Bestseller geschrieben, über den es sich zu reden und zu diskutieren lohnt.

Sie ist Polizistin in Bochum, schlägt sich dort beruflich mit der (überwiegend migrantischen) Unterschicht herum – und schildert ihre Erfahrungen besorgt, verärgert, warnend dem Leser – der, so hofft sie selbst, dies nicht xenophob oder hysterisch zur Hetze missbraucht. Sie ist selbst Migrantin, griechischer Herkunft.

Der erste Artikel ist >>>hier, der zweite >>> hier.

Ich setze die Debatte fort. Diesmal sprechen wir über die “Rassismuskarte“.

Die Polizei, so Kambouri (Seite 196/197) setze auf Deeskalation statt auf Durchsetzen. Leider nur mit begrenztem Erfolg. Denn es habe sich zu sehr bei bestimmten Migrantengruppen herumgesprochen, dass nur geringe Konsequenzen zu befürchten seien und dass man die Polizei und die Öffentlichkeit dadurch verunsichern könne, indem man die “Rassismuskarte” spiele.

Sofort ist die Person, die kontrolliert oder verhört wird, mit dem Vorwurf da, es handle sich um Rassismus.

“Ich hoffe, es spricht sich bald genauso schnell herum, dass selbst wir diese Strategie durchschaut haben.

Das Perfide an der Sache ist, dass der Rassismusvorwurf einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleichkommt, denn wenn man sich dagegen wehrt, wird das nur als ‘Beweis’ gegen einen angeführt.

Das dumme Spiel hat zur Folge, dass viele Beamte tatsächlich entnervt aufgeben. Das darf nicht sein! Wenn selbst bei Routineeinsätzen – wir reden ja nicht einmal über gesuchte Straftäter – die Autorität dermaßen leicht ausgehebelt werden kann, finde ich das nicht mehr akzeptabel.”

(Kambouri führt dann noch, und da schwelgt sie durchaus empört in einem Vorurteil, Fälle von “Kuscheljustiz” an, also Fälle, in denen ihrer Meinung nach zu sehr die kulturelle Sensibilität der Richter durchschlägt. Es gibt diese “Kuscheljustiz” nicht. Wenn es pro Jahr 1 Fall gibt, in dem man der Meinung sein könnte, dass ein Gericht “zu sensibel” auf ein Delikt reagiert hat, das kulturell einschlägig ist, ist das ein Beleg dafür, dass es offensichtlich keine Kuscheljustiz in Deutschland gibt; vielleicht eher das Gegenteil. 1 Fall auf 10.000 … das geht gegen Null.)

Zurück zur “Rassismuskarte“.

Ich denke, dass Kambouri hier wieder einmal recht hat. Und wieder einmal etwas Wesentliches “vergisst”.

Missetäter ebenso wie diskriminierte Minderheiten haben das Recht, das auch jeder andere hat: für sich verteidigend in Anspruch zu nehmen, was helfen könnte.

Ich nehm es einem Israeli nicht übel, wenn er mir Antisemitismus vorwirft, nur weil ich die Politik des Staates Israel gegenüber den Palästinensern für kriminell halte. Der Vorwurf des Antisemitismus ist übel, eine Gemeinheit, aber ich weiß, dass ich damit leben muss. Es ist nicht kriminell, mir diesen Vorwurf zu machen. Nur unsachlich und destruktiv.

So kann es auch Polizisten im Einsatz gehen.

Wenn sie kein schlechtes Gewissen haben, werden sie es verkraften, ohne dass sie gleich glauben, sie würden den Respekt einbüßen.

Aber sie haben ein schlechtes Gewissen.

Was sie betreiben, nennt sich profiling.

Einer wie ich wird am Münchner Hauptbahnhof niemals von der dortigen Polizei überprüft. Die schauen mich kurz an und WISSEN, der Mann ist ein Einheimischer und harmlos.

Aber was wäre, wenn ich schwarz oder braun wäre? Wenn ich irgendwie “mittelmeerisch” aussehen würde? Natürlich würde ich dann gelegentlich herausgegriffen werden.

Es ist polizeilich gesehen effizient, profiling zu betreiben. Man will Illegale herauspicken, man will Kleinkriminelle erwischen … und kennt seine Klientel.

Dabei mischen sich nun polizeiliche Effizienzkriterien mit Vorurteilen.

Das ist unvermeidlich.

Wer profiling betreibt, fällt auch ein Vorurteil, handelt auf der Grundlage eines (eventuell durchaus besonnen kalkulierten) Vorurteils.

Wer profiling betreibt, handelt immer auch rassistisch. (Wohlgemerkt, nicht nur. Das Rassistische ist hier nur ein Aspekt.)

Dazu kommt, dass man natürlich als Polizist ständig eher mit denen zu tun hat, die als Unterschichtsangehörige am Rande der Gesellschaft leben, mehr oder weniger ausgegrenzt, diskriminiert, auf Kriegsfuß mit der Gesellschaft stehen. Und die sind heute auch in einer Stadt wie München sehr häufig Personen mit Migrationshintergrund.

Und schließlich sind Polizisten auch nur Menschen wie du und ich. Normale Bürger. Sicherlich mit einer speziellen Ausbildung, die sie kompetenter macht oder machen sollte in ihrem Urteil über andere und in ihren Reaktionen auf das Fehlverhalten anderer. Aber nichtsdestoweniger sind sie Menschen wie du und ich. Also voller Vorurteile. Voller Gefühle, wie wir sie auch von Nicht-Polizisten kennen.

Und diese Vorurteile, diese Gefühle fließen unvermeidlich in die Arbeit der Polizisten ein. In ihre Blicke, in ihre Gesten, in den Ton ihrer Sprache …

Das geht nicht anders.

Polizisten können und sollen ihr Menschsein nicht abschalten. Sollen auch im Amt der Mensch bleiben, der sie sind. Und so vibrieren halt – naiv direkt und weitgehend unbewusst – die Vorurteile mit, wenn ein Polizist amtlich handelt und es mit einem Migranten zu tun hat.

Und der Migrant, der spürt das und reagiert darauf wiederum nicht weniger vorurteilshaft und naiv grob – oder taktisch kalkuliert.

(Exkurs:

Ich respektiere beides. Auch wenn es mir immer wieder unangenehm auffällt.

Bezüglich der Polizei etwa bei München-ist-bunt-Demos gegen Aufmärsche der Rechtsradikalen. Die Abneigung vieler Polizisten gegen UNS lässt sich durchaus spüren. Sie wird nicht handgreiflich – schließlich marschieren OB Reiter (SPD) und Vize-OB Schmid (CSU) auf unserer Seite mit. Aber ich bin mir sicher, ziemlich viele der Polizisten, die hier durchaus sinnvoll und friedlich für die Trennung der beiden Demonstrationen sorgen, sympathisieren eher mit dem rechtsradikalen Trupp.

Meiner Vermutung nach ist das den Politikern auch recht so. Der Feind steht (ihrem Gefühl nach) eher links. Zu Zeiten der Weimarer Republik war das penetrant; aber auch heute ist das noch der natürliche Gang der politischen Gefühle. Die politische Mitte steht der Rechten näher als der Linken, fürchtet sich mehr vor links als vor rechts.

Ich nehme es Kambouri nicht übel, dass sie auf diese beiden Aspekte – das profiling und die natürlichen Vorurteile von Polizisten als Teil der Gesellschaft – nicht näher eingeht. Die Aufgabe ihres Buches ist eine andere. Man muss in EINEM Buch nicht ALLES sagen.)

 

Kommentare

  1. Mir ist die Motivation von Frau Kambouri nicht ganz klar, warum sie ein Buch über die Migranten schreibt. Ich habe sie bei zwei Talk-Shows gesehen. Mein Eindruck war, dass sie der Meinung ist, aufgrund ihres Migrationshintergrundes Bescheid zu wissen, wie es mit den Migranten auf sich hat. Besonders über die sog. Nordafrikaner kennt ihre Abneigung keine Grenze. Natürlich sind die PolizistInnen auch Menschen und haben ihrer Vorurteile, genauso wie die Migranten. Was aber nicht außer Acht gelassen werden darf, ist dass die Polizei eine ganz andere Ausgangsposition hat als die Migranten. Das ist die Macht, mir der die Polizei ausgestattet ist und von vielen von ihnen gezielt ausgenutzt wird. Sowohl gegen die Einheimischen als auch Migranten. Wenn die Polizei sich bei ihren Einsätzen von dem Rassismusvorwurf verunsichern lässt, ist das nicht, wie Kambouri behauptet, die List von Miranten, sondern ein Problem der Polizei. Wo ist eigentlich das Problem, wenn irgendwo ein verbrechen passiert, und die Täter festgenommen bzw. bestraft werden müssen? Egal mit welchem Hintergrund.

  2. Es soll Leute geben, Deutsche, die tatsächlich glauben, wir Deutsche seien Opfer der Flüchtlingseinwanderung. Wir. Deutsche. Seien. Hier. Die Opfer. …

    Vermutlich wird der “OPFER-Diskurs” in Zukunft generell eine noch größere, penetrantere Rolle spielen, als das jetzt schon der Fall ist.

    Zu Kambouri:

    Jeder, der in der öffentlichen Welt etwas erreichen will, tut gut daran, sich als Opfer von irgendwem und irgendwas zu stilisieren.

    Das muss man heute geschickt machen, denn es gibt viel Konkurrenz.

    Selbstverständlich kommt es prächtig an, wenn sich die Polizei als Opfer darstellen kann.

    Auch die Millionäre und vor allem die Milliardäre sind Opfer. Je mehr Privilegien einer hat, desto wichtiger wird es für ihn, nach außen hin als Opfer zu erscheinen, und als Reicher hat man mehr Mittel, um das wirkungsvoll rüberzubringen.

    Nur die tatsächlichen Opfer, die haben es schwer. Ihr Schicksal geht in den Fluten des Opferdiskurses unter, und es fehlen ihnen die materiellen Mittel und die rhetorische und mediale Kompetenz, um ihr tatsächliches Opferdasein anschaulich und glaubwürdig darstellen zu können.

    Wie kommt die Polizei dazu, sich als Opfer darzustellen?
    Wie kommen die hochprivilegierten Deutschen (als Volk, als Gesamtheit) dazu, sich als Opfer zu sehen?

    Psychologisch:
    (1) Wer Opfer ist, darf sich aufgeilen. Das gewährt Lust.
    (2) Wer Opfer ist, ist im Recht. Die anderen, die Täter, schauen dann schlecht aus. Wer Opfer ist, kann also ein Gutes Gewissen haben.
    (3) Wer Opfer ist, darf aggressiv zurückschlagen. Darf aggressiv werden. Man wird sich ja wohl noch wehren dürfen.
    (4) Wer Opfer ist, darf nach dem Staat rufen, damit der im Namen des Volkes zuschlägt. Die Täter bestraft oder sogar vernichtet. So ist es am bequemsten. Es lebe der starke, der – bei richtiger Gelegenheit – rücksichtslose Staat! (Der natürlich nur darum zuschlagen darf, weil auch er – OPFER ist!)

    Sei Opfer!
    Es lohnt sich!

    Wie immer ist sowas ambivalent.
    “Du Opfer!” sagen die Opfer der Stärkeren verächtlich, wenn sie grad mal wieder aggressiv drauf sind und ihren Frust an Schwächeren auslassen wollen.

    Der Sozialdarwinismus gehört zum Spiel. Stärke ist immer auch ein Beweis dafür, dass man gut ist und – eigentlich irgendwie – recht hat. Wer schwach (und also Opfer) ist, ist selber schuld.

    Also, damit man meinen “Rat” nicht missversteht:
    Geschickterweise muss man immer zugleich Opfer und Täter sein können. Opfer der Feinde, die man empört anklagt, Täter gegenüber diesen Feinden aus gerechter Empörung.

    Verwirrend?

    Drum mein weiterer “Rat”:

    Am besten, man überlässt sich da einfach seinem Bauchgefühl. Denk nicht nach! Nachdenken und Analysieren machen konfus! Verlass dich auf dein spontanes Gefühl! Das sagt dir dann schon, in welcher Situation du “irgendwie” den Täter und in welcher anderen Situation du “irgendwie” das Opfer spielen musst. Oder auch mal beides zusammen.

    Diese Diatribe kommt von einem, der selbst nicht dazu neigt, sich als Opfer zu sehen. Aus Gründen, die man bei den Stoikern, Zenbuddhisten, Sufi-Mystikern und mit diesen verwandten Lehrern der Weisheit nachlesen kann.

    Ich verzichte auch politisch auf die Opfer-Dividende.
    Freilich, da kann man fragen, ob das von mir klug ist.

  3. K.Gerlach meint:

    Die Imitation von Integration
    Kann man nicht auch super ohne Integration leben?

    Flüchtlinge in Deutschland
    Ich brauche keine Integration, ich habe eine Satellitenschüssel
    Nicht alle Flüchtlinge wollen sich in Deutschland integrieren. Und nicht alle finden den richtigen Weg. Echte Integration beginnt mit dem Abbau von Vorurteilen – vor allem in der Liebe.

    http://de.qantara.de/inhalt/fluechtlinge-in-deutschland-ich-brauche-keine-integration-ich-habe-eine-satellitenschuessel

    Ein interessanter Artikel von Von Yahya Alaous auf QANTARA,
    über die Probleme, aber auch einen Hoffnungsschimmer
    für gelungene Integration.

  4. Integration bedeutet nicht, dass man wie K.Gerlach ticken muss. Integration ist erreicht, wenn man sich an das geltende Gesetz hält.

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