Wieviele von den Flüchtlingen waren eigentlich Syrer?

asylDie Schätzungen, die ich lese, gehen auseinander.

Mal heißt es, etwa die Hälfte, mal heißt es, zwei Drittel.

Auf jeden Fall: Ein erheblicher Teil derer, die in den letzten Monaten über die Balkanroute nach Deutschland (bzw. Österreich) gekommen sind, sind keine syrischen Kriegsflüchtlinge.

Ein Teil kommt aus dem Irak oder Afghanistan. Auch das sind Kriegsflüchtlinge.

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Ein anderer Teil allerdings kommt aus Nordafrika, vor allem Algerien und Marokko. Sie nutzen die Visa-Freiheit ihrer Länder mit der Türkei, um dort einzureisen und sich dann dem Strom der syrischen Kriegsflüchtlinge anzuschließen.

Es scheinen sehr viele zu sein. Ich nehme an, in der Zeit vom September bis jetzt könnten es 100.000 und mehr gewesen sein.

Da haben wir ein Problem.

Es sind ausschließlich junge Männer. Bei den Behörden – soweit sie sich ihnen stellen (müssen) – geben sie in der Regel an, sie seien Syrer. Sie versuchen, von der alles in allem positiven Einstellung vieler Deutscher bezüglich der syrischen Kriegsflüchtlinge und von den asylrechtlichen Vorteilen einer syrischen Herkunft zu profitieren.

Sie haben hier in Deutschland so gut wie keine Chance, weder eine Chance auf Asyl noch eine Chance, regulär Arbeit zu finden. Also verlegen sie sich aufs Kleinkriminelle.

Ihre Stellung zur Gesellschaft, in der sie Beute zu machen versuchen, ist primär feindselig. Denn sie wissen, dass sie nichts anderes erwartet als Ablehnung, Ausgrenzung, polizeilicher Zugriff, Ausweisung.

Integrationswille besteht hier keiner – auf beiden Seiten nicht.

Wir können nicht bestreiten, dass auch sie gute Gründe haben, ihren elenden Verhältnissen in Marokko oder Algerien zu entfliehen.

Aber unser Interesse an ihrer Aufnahme geht gegen Null.

Gut, dass jetzt ein Rücknahme-Abkommen mit Marokko und Algerien zustande gekommen ist. Warten wir ab (und hoffen wir), dass es rasch und umfassend angewandt werden kann.

(In der Praxis gestaltet sich so etwas meistens schwierig.)

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Ein weiterer Teil derer, die mit dem Strom der Flüchtlinge gekommen sind – und die schon während des ganzen Jahres 2015 gekommen sind – sind Leute aus Albanien und dem Kosovo und Roma vom Balkan.

Europäer.

Wiederum können wir kaum leugnen, dass sie gute Gründe haben.

Europa hat kein wirkungsvolles Roma-Konzept. Die Länder, in denen sie leben, meinen kein Interesse an einer Integration der Roma in ihre Gesellschaften zu haben. Diese Ablehnung wird von großen Mehrheiten der Bürger dieser Länder getragen.

Also liegt es für die meisten Roma der Balkanländer nahe, es in Mittel-, West- und Nordeuropa zu versuchen.

Aslygründe im engeren Sinne (wie sie gesetzlich definiert sind) haben sie kaum. Aber was sollen sie vernünftigerweise tun? In ihren Herkunftsländern haben sie keine Perspektive.

Dafür, ihnen in ihren Herkunftsländern (Bulgarien, Rumänien, Ungarn; Serbien, Mazedonien, Bosnien) eine Perspektive zu geben, hat die EU kein Konzept. (Auch wenn man manchmal davon redet und hier und da mal etwas finanziert.)

Die Nicht-Roma aus dem Kosovo und aus Albanien haben ebenso keine Asylgründe (im engeren Sinne). Normalerweise würde ich dafür plädieren, ihnen mit einem großzügigen Aufnahmeprogramm (mit Vorbereitung im Heimatland, Deutschkursen, beruflichem Lernen etc.) zu begegnen.

Aber im Moment werden wir mit der Aufnahme der Kriegsflüchtlinge aus Syrien genug zu tun haben.

Wir werden also restriktiv verfahren müssen mit den Wirtschaftsflüchtlingen vom Balkan.

Was kein Grund sein kann, ihnen einen Vorwurf zu machen, wenn sie es versuchen, bei uns Fuß zu fassen.

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Ich plädiere also für eine selektive Vorgehensweise.

Priorität haben die Kriegsflüchtlinge aus Syrien; dazu kommen Flüchtlinge aus dem Irak und Afghanistan, die oft ebenfalls Kriegsflüchtlinge sind.

Meine Gründe für diese selektive Politik sind nicht moralischer Natur. Es sind politisch-pragmatische Überlegungen, die es mir ratsam erscheinen lassen, die Priorität so zu setzen.

Einmal entsprechen die Gründe der Kriegsflüchtlinge den Kriterien für die Aufnahmepflicht. Wen sie fliehen dürfen, haben die andern die Pflicht, sie aufzunehmen. Nicht nur die Nachbarländer haben diese Pflicht.

Zum zweiten haben diese Nachbarländer bereits so viel geleistet, dass nun wirklich wir an der Reihe sind, ihnen die Last von den Schultern zu nehmen.

Aus wiederum politisch-pragmatischen Überlegungen: Auf die Dauer würde die Massierung von Millionen Flüchtlingen in der Türkei, dem Libanon und in Jordanien diese Länder destabilisieren. Auf die Dauer würde die Verelendung der Flüchtlinge zu politischen Verzweiflungsreaktionen führen – ich verweise auf die Attraktion des Dschihadismus für diejenigen, die meinen, nichts mehr zu verlieren zu haben. Hinzu kommt, dass uns “Erdoganistan” in einer Weise erpressen kann, die politisch für uns wie für die Türkei fatal wäre, wenn wir uns die Einsperrung der Flüchtlinge in der Türkei zum Ziel setzen würden.

Wir müssen davon ausgehen, dass der Krieg in Syrien noch lange andauern wird; dass also eine Rückkehr der Flüchtlinge auf viele Jahre hinaus nicht möglich sein wird. (Was eine positive Überraschung nicht ausschließt.)

Wir sollten vielmehr beachten, dass ein Zusammenbruch des verbrecherischen Assad-Regimes neue Flüchtlingswellen auslösen würde; jede Politik des Westens, die dies unberücksichtigt ließe, wäre fahrlässig. (Die Türkei, also Erdogan, meint hingegen, dass sie von einem solchen Inferno profitieren könnte, und bekämpft die syrischen Kurden und das Assadregime und will den Untergang beider. Weg frei für die Türkei – und den Islamischen Staat.)

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Zurück zur Ausgangsfrage: Wie viele Syrer sind eigentlich seit September nach Deutschland gekommen?

Ich habe dazu noch keine offizielle Schätzung gehört.

Im Moment nehme ich an, dass es etwa eine halbe Million sein könnte.

Ich bin gespannt auf die statistische Auswertung des Einwanderungsdramas von September bis Dezember 2015.

2016 wird anders laufen. Wie genau, zeichnet sich schon ab. Aber das ist ein anderes Thema.

In den letzten Tagen kommen nur noch wenige Flüchtlinge in Deutschland an. Der Weg übers Meer ist wetterbedingt schwierig, und Mazedonien hat die Grenze fast ganz dicht gemacht.

Die Türkei und Griechenland betreffend erwarte ich mir nur Katastrophales – entweder durch stinkende Arschkriecherei der EU oder – falls die nicht klappt – durch einen Flüchtlingskollaps in Griechenland. Da wir beides nicht wollen (nicht wollen können) … bleibt uns nichts anderes übrig, als am Ende eben doch die Kriegsflüchtlinge aus Syrien direkt herzuholen und aufzunehmen.

Anmerkung:

Die Eritreer habe ich in diesem Artikel ausgespart. Wenn man sich anschaut, wie es in Eritrea zugeht, kann man den Flüchtlingen nur gratulieren, die es bis nach Deutschland geschafft haben.

Was dann aber hier fehlt, ist ein spezielles Aufnahmeprogramm für Flüchtlinge aus Eritrea.

Man sollte immer auch ein auf die Flüchtlingsgruppe und ihre besonderen Aspekte abgestelltes Angebot bereit halten.

Im Moment ist es noch so, dass man sie monatelang, jahrelang mit einer Minimalbetreuung abspeist.

Deutschland müsste mit bereits erfahrenen Eritreern zusammen ein Eritreer-Integrations-Programm aufbauen.

Kommentare

  1. Korbinian meint:
  2. Akademia meint:

    Türkei hat keine Visa Freiheit mit Nordafrika

  3. Ich dachte, ich hätte gelesen, dass für die jungen Marokkaner und Algerier der Weg in die Türkei frei sei.

    Straubhaar: Die meisten Experten scheinen es anders zu sehen als er. Es ist ja auch immer die Frage, ob man die Firmen zwingt, ungeeignete deutsche Kräfte zu nehmen, die natürlich durchaus in vielen Bereichen zur Verfügung stünden. Nicht in allen, allerdings.

    Die Bildung und Ausbildung (auf deren Möglichkeiten Straubhaar vor allem setzt) wird nicht wirklich besser werden. Dazu ist unser Bildungssystem zu konservativ – es passt sich den Mentalitätsänderungen bei den Kindern und jungen Leuten und den sich rasch ändernden Anforderungen in der Arbeit nicht flexibel an. Es hält an der alten Angst- und Druckmethode fest, auch an der destruktiven Selektion, bei der ein großer Teil der Schüler mit Absicht zum Versager gestempelt und in die Resignation getrieben wird. Einige unserer Konkurrenten auf dem Weltmarkt machen das besser.

    Eher könnte ich mir vorstellen, dass der technologische Wandel einen Teil der Deutschen überflüssig machen wird. Was wird dann mit dem passieren?

    Auf jeden Fall gilt: Die Firmen werden sich um ihrer Konkurrenzfähigkeit willen auf dem globalen Arbeitsmarkt bedienen müssen. Der nationale Arbeitsmarkt wird ihnen nicht genug bieten. Es gibt ja auch genug gute Fußballer deutscher Herkunft – und trotzdem holen sich alle Profivereine so viele Spieler vom globalen Spielermarkt, dass der Anteil sich inzwischen auf die 50% zubewegt.

    Möchtest du, Korbinian, das mit dem Argument kontern, es gebe doch genug gute deutsche Spieler, wieso kaufen sich die Vereine alle (alle!) so viele Spieler im Ausland?

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