“FiBS verändert die Welt.” (2. Teil)

initiativgruppeFrauen in Beruf und Schule = FiBS. Ein Projekt der InitiativGruppe wird 20 Jahre alt.

Es zeigt, wie man (im Kleinen und Praktischen) die Welt (wenn auch nur ein bisschen) verändern kann.

Ich setze den Artikel vom Donnerstag fort.

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Deutsch & Nicht-Deutsch

Man kann bei FiBS einen Blick auf gelebte Multikulturalität werfen.

Die Beratungskunden und die Kursteilnehmerinnen sind Migrantinnen der ersten oder zweiten Generation.

Bei den 10 Angestellten (1 Vollzeit, 9 Teilzeit) und den weiteren 15 Honorarlehrkräften ist die Herkunft gemischt.

Äußerlich überwiegt das Nicht-Deutsche.

Betrachet man aber die Bewegungsrichtung, so zielt sie aufs Deutsche.

In welcher Sprache wird unterrichtet? In welcher Sprache wird ausgebildet? In welcher Sprache unterhalten sich die Frauen aus 100 verschiedenen Nationen und 50 verschiedenen Muttersprachen? – Die Sprachwelt bei FiBS ist Deutsch.

Wofür wird ausgebildet? – Für den deutschen Arbeitsmarkt.

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Wer finanziert?

Die Beratungskundinnen und die Kursteilnehmerinnen erhalten die Leistungen von FiBS umsonst. Werden sie von der Agentur für Arbeit geschickt, können sie sogar dafür Unterstützungsleistungen in Anspruch nehmen.

Nehmen wir einmal an, eine Kursteilnehmerin kostet den öffentlichen Geldgebern (Stadt, Land, Bund, EU) 500 Euro pro Monat, alles eingerechnet – Personalkosten für Lehrkräfte und Verwaltung, Miete (für 700 qm) und Material, Unterhaltsleistungen via Agentur für Arbeit.

Es ist eine Investition, die sich auszahlen wird. Doppelt und dreifach. Die Produktivität der Arbeit wird gefördert, die Qualität der Arbeit steigt, mehr Steuergeld wird eingenommen … Es ist kein Nullsummenspiel, es ist eine win-win-Situation. Geber und Empfänger gewinnen beide, und je mehr der eine gewinnt, desto mehr gewinnt auch der andere.

Wichtigster Finanzier und Ermöglicher ist die Landeshauptstadt München. Frau Dr. Durst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft macht in der Hauptrede zur Feier der 20 Jahre deutlich, wie sehr die Stadt München das Projekt schätzt.

Wenn München einen doppelt so hohen Anteil an Migranten hat wie Berlin – und weniger als halb so viele Probleme damit, dann wohl auch deshalb, weil München besser für die Integrationsvoraussetzungen gesorgt hat.

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Die Flüchtlinge des Jahres 2015

Mit den Veränderungen der Welt verändern sich die Aufgaben einer Institution wie FiBS.

Jetzt ist ungefähr eine halbe Million Syrer nach Deutschland gekommen.

In der Arbeitswelt und bei FiBS konnten sie noch nicht ankommen – die meisten hängen noch in den Netzen der bürokratischen Asylverfahren, sitzen noch betätigungslos in Asylunterkünften und warten und warten, dass sie endlich etwas für sich tun können.

Auch FiBS wartet – und bereitet sich darauf vor, für diese neue Herausforderung ein darauf zugeschnittenes Angebot zu präsentieren.

Die Leiterin von FiBS, Christiane Schloffer, will mir darüber noch keine Einzelheiten verraten. Schauen wir erst einmal … Erst handeln, dann zeigen – und dann reden.

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Was fehlt?

Erstens wäre es FiBS recht, wenn es endlich vom Projekt zur Institution werden dürfte. Wenn statt der jährlichen Projektgenehmigung die Arbeit auf Institutionsebene gehoben werden könnte.

Zweitens wäre FiBS (und nicht nur FiBS) sehr damit gedient, wenn Berlin sich dazu aufraffen könnte, Deutschkurse nicht nur bis zum Niveau B1 zu finanzieren, sondern bis zum Niveau B2. Für die meisten Berufe, für die FiBS ausbildet bzw. die Ausbildung unterstützt oder vorbereitet, ist das Sprachniveau B2 erforderlich. So, wie es anerkanntermaßen im Interesse der Bundesrepublik Deutschland liegt, dass die Migranten das Niveau B1 erreichen (weshalb das ja auch finanziell gefördert wird), so liegt es auch im Interesse des Landes, dass diejenigen, die B1 geschafft haben und einen Lernschritt weiter gehen wollen und müssen, dies ebenfalls tun können.

Ich frage mich, warum man in den letzten Koalitionsverhandlungen in Berlin diesen so naheliegenden, so einfach einsichtigen Punkt nicht berücksichtigt hat. Keiner würde bestreiten, dass es nützlich wäre, B2 in die Förderung über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aufzunehmen. Jeder würde sagen, ja, das wäre sehr hilfreich und ganz im Interesse der Wirtschaft und der Gesellschaft. Warum zum Teufel wird es dann nicht gemacht?

(Meine Vermutung dazu: Das ist ein Erfolg der Rechtspopulisten. Es gelingt ihnen, die Integrationspolitik zu bremsen, indem sie den Regierenden Angst machen, worauf hin diese schauen, dass sie ja nicht zu viel tun für die Integration.)

(Anmerkung: In Form von Deutsch für den Beruf gelingt es in manchen Fällen dann doch, Frauen beim Lernen für das Niveau B2 aus AfA-Mitteln zu fördern.)

Drittens: Der Stadt München kann FiBS nur Danke sagen. Und tut das auch. Was aber ist mit dem Land Bayern? Es trägt auch etwas bei – aber nur wenig. Es könnte zum Beispiel hilfreich werden, wenn es gilt, ESF-Mittel zu bekommen. (Das sind EU-Mittel, die abrufbar werden, wenn die andere Hälfte von einem anderen Geldgeber übernommen wird.)

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Zwei Frauen bei FiBS

Tanja Sch. hat einen deutschen Vater und eine serbische Mutter. Sie ist alleinerziehende Mutter.

Während ihre zwei Kinder in der Schule sind, verbringt sie 5 1/2 Stunden bei FiBS und macht eine Umschulung zur Qualifizierten Buchhaltungsfachkraft. Bürospezifischer PC-Unterricht, Buchführungstheorie, Deutsch fürs Büro und für den Beruf …

Die Klasse hat 18 Teilnehmerinnen.

Gefragt, was sie besonders schätzt, antwortet sie: Das Gemeinsame ist das Beste. Das gemeinsame Lernen.

Ramzia S. kommt aus Afghanistan, hat dort Abitur gemacht, war an der Uni, hat als Erzieherin gearbeitet.

Seit 1997 ist sie in Deutschland. Sie arbeitet für wenig Geld (da offiziell unqualifiziert) Teilzeit im Erziehungsbereich und möchte endlich einmal für ein richtiges Gehalt arbeiten.

Dazu macht sie jetzt bei FiBS den Mittelschulabschluss, lernt Deutsch fürs Niveau B2.

Das sind zwei Beispiele. Ich könnte fortfahren und 150 Beispiele pro Jahr liefern. 150 Geschichten, die fast alle als Ermutigungs- und Erfolgsgeschichten gelesen werden können.

Es ist schade, dass die öffentliche Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf Negativgeschichten abfährt.

Nur so kann der fatale Eindruck entstehen, Integration in Deutschland funktioniere nicht. Oder nur im Ausnahmefall.

FiBS ist einer der vielen Orte in Deutschland, durch die erfolgreiche Integration zum Normalfall wird.

Wer noch mehr Integrationserfolg haben will, der sollte sich politisch dafür einsetzen, dass der Staat noch mehr in diesen Bereich investiert.

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Der Staat?

Warum der Staat?

Das Erfolgsmodell ist: Der Staat liefert die Rahmenbedingungen (rechtlich und finanziell), freie Träger organisieren und machen die Arbeit, der Staat überprüft danach wiederum die Leistung – als Voraussetzung für die weitere Finanzierung.

Warum macht der Staat die Sache nicht gleich selber?

Weil er zu groß ist – und die schiere Größe unflexibel macht.

Initiativen von unten, aus der Gesellschaft heraus, reagieren schneller auf Veränderungen, nehmen Herausforderungen eher und sensibler wahr und reagieren auf sie oft innovativ. Der Staat kann da nur lernen – und dankbar sein – und, wenn er klug ist, diese Initiativen unterstützen.

Die wiederum brauchen den Staat, brauchen die administrativen und finanziellen Unterstützungsleistungen. Alleingelassen wären sie überfordert, könnten sie allenfalls ganz kleine Brötchen backen.

Da haben wir ein Beispiel für viele, warum es in der Regel kein Entweder-Oder sein sollte, wenn man etwas praktisch erreichen will.

So gegensätzlich Staat und Initiativen “von Natur aus” sein mögen – sie brauchen sich gegenseitig, weil der Staat zu groß und weil die Initiativen selbst zu klein sind, um ihre Ziele erreichen zu können.

In diesem Sinne gehört FiBS zu den tausenden von kleinen Weltveränderern. Die Welt bräuchte noch viel mehr davon …

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