Brexit-Stadt Boston, Lincolnshire

europaFast 76% für den Brexit, das war Rekord.

Was ist los in diesem englischen Boston?

(Es ist die “Gemüsefabrik” Englands. Gärten und Felder und Verarbeitung. Viele Arbeitskräfte kommen aus Ost- und Südosteuropa.)

Spiegel Online hat dazu einen aufschlussreichen Artikel. Ich zitiere und kommentiere im Anschluss.

Die EU-Einwanderer aus Osteuropa verursachten jede Menge Probleme in der Stadt, sagt Dani. “Die kommen hierher, und als erstes beantragen sie eine Sozialwohnung. Und dann andere Sozialleistungen.”

Auf einen Termin beim Arzt müsse man zwei Wochen warten, in den Schulen sprächen immer weniger Kinder Englisch und die Gewaltkriminalität sei angestiegen. “In einem Jahr gab es drei Morde”, sagt Dani. “Auf den Straßen ist zu wenig Polizei unterwegs.” Das kleine Boston, im Würgegriff von Polen, Rumänen und Letten?

Ein Bostoner Pole hält dagegen:

“Wir sind hierher gekommen für ein besseres Leben. Wir arbeiten hart, wir zahlen Steuern, wir kaufen ein”, sagt der 28-Jährige. Die Briten könnten ihre Arbeit wohl kaum übernehmen. “Die wollen doch gar nicht arbeiten. Die beantragen doch nur Sozialleistungen”, meint er.

Wie viele sind sie denn in Boston, diese “Fremden”?

Der Anteil der Ausländer in Boston hat sich zwischen 2001 und 2011 verfünffacht, zeigen Zahlen der britischen Statistikbehörde. Jeder zehnte in Boston, einer Stadt mit rund 67.000 Einwohnern, hat mittlerweile Wurzeln in den neuen EU-Ländern.

10%. Ist das viel, fragt der Bürger einer Stadt, in der 40% ihre Wurzeln in anderen Ländern haben (und vermutlich leicht auch 10% und mehr in Ost- und Südosteuropa).

Wie dem auch sei, Boston ist (anders als München) gespalten:

Doch die alten und neuen Bürger leben nicht zusammen – sondern nebeneinander her. Es gibt polnische Supermärkte, polnische Delikatessen-Läden und die Wochenzeitung “Boston Express” erscheint nicht etwa auf Englisch – sondern auf Polnisch. Im Integrationsindex der konservativen Denkfabrik Policy Exchange kommt die Stadt in diesem Jahr auf den letzten Platz.

Eine Einwanderer-Parallelgesellschaft.

Das normalste von der Welt. Die erste Generation bildet, wenn Zahl und Anteil dafür groß genug sind, eine Einwanderer-Community.

Das legt sich nach einiger Zeit. Mit der nächsten Generati0n löst sich diese community allmählich auf – wenn und soweit man die Einwanderer sich integrieren LÄSST.

Auch die Anti-Einwanderer-Reaktion ist das normalste von der Welt.

“Es sind einfach zu viele Menschen”, sagt Alan. “Unsere Infrastruktur hält das nicht aus.”

“Das. Und die Morde”, sagt Rob. “Wir sind die Mord-Hauptstadt Englands.”

Da sind sie wieder die Morde, die schon Ukip-Mann Dani erwähnt hatte. Tatsächlich hatte Boston im vergangenen Jahr die höchste Zahl an Mord- und Totschlagsversuchen pro Einwohner in England. Boulevard-Zeitungen wie die “Daily Mail” und der “Daily Mirror” titelten daraufhin, Boston sei die “murder capital” des Landes.

Wer in die amtliche Statistik für Lincolnshire schaut, stellt jedoch fest, dass sich an dieser Zahl in den vergangenen 13 Jahren nichts verändert hat; sie springt immer mal wieder hoch und runter. Aber “murder capital” hört man in vielen Gesprächen – das hat sich festgesetzt in den Köpfen. Und immer schwingt mit, wer dafür verantwortlich sei: die Osteuropäer.

Auch das gehört immer dazu: Wilde Verdächtigungen. Die andern sind gefährlich! Mörder, Kriminelle!

Kommentar

1. Wird sich jetzt etwas in Boston, Lincolnshire, ändern? Wird es jetzt weniger Polen und Rumänen geben? – Unwahrscheinlich.

2. Wo liegt eigentlich das Problem? – Offensichtlich im Sozialen. Die Unterschicht wird abgehängt, die untere Mittelschicht wird zum Prekariat, die mittlere Mittelschicht hat Angst vor dem Abstieg, die obere Mittelschicht spuckt verächtlich auf die Schichten, die unter ihr sind und verweist stolz auf ihre überlegene Tugenden, die sie “erfolgreich” machen.

England ist zu wenig Sozialstaat. Der Staat tut zu wenig für seine Bürger. Die fiesen sich gegenseitig an, statt politisch etwas an der Unfairness zu ändern. Und sie stürzen sich auf den ethnisch fixierbaren Sündenbock und Prügelknaben. Hier sind es die Polen und Rumänen.

3. Es herrscht da unten Konkurrenz. Offensichtlich arbeiten diese Polen und Rumänen besser (billiger, zuverlässiger, fleißiger, effizienter?) für das Kapital als die eingesessenen Briten. Also heuert die kapitalistische Wirtschaft die Polen und Rumänen an.

Unwahrscheinlich, dass diese Polen und Rumänen so, wie der UKIP-Typ das im ersten Zitat behauptet, vor allem auf Sozialleistungen aus sind. Wahrscheinlich hat der Pole recht, der sagt: Wir sind hier zum Arbeiten! Und das tun wir.

4. Ideal für das Kapital, dass sich die beiden Gruppen auseinanderdividieren lassen. Dass der Staat die Bedingungen für diese Feindschaft erzeugt.

Die beiden Gruppen müssten sich verbünden, wenn sie mehr für sich und Boston herausholen wollen. Tun sie aber nicht.

5. Dumm ist es jetzt für die kapitalistische Wirtschaft insgesamt gelaufen mit dem Brexit. Eine unerwartete unangenehme Nebenwirkung der neoliberalen Verarmungs- und Spaltungspolitik.

6. Apropos Morde. Dazu steht schon einiges in den Zitaten. Wer hat hier wen umgebracht? Der Artikel informiert uns nicht darüber.

7. “Unsere Infrastruktur hält das nicht aus.” – Ja nun, wieso sorgt London nicht für eine angemessene Infrastruktur überall? Weil man von den Reichen, die immer reicher werden, immer weniger Steuern verlangt und verlangen will.

8. “… in den Schulen sprächen immer weniger Kinder Englisch …” – Sorry, bei nur 10% aus verschiedenen (!) anderen EU-Ländern dürfte das kein Problem sein. Wie reden denn polnische und rumänische Kinder miteinander? Englisch, vermutlich.

9. Dieser hier öfters zitierte UKIP-Mann ist selber ein Einwanderer. Nur ist er schon länger in GB. Ein Einheimischer geworden … So geht das. Vielleicht werden die Polen und Rumänen Bostons in 20 Jahren bestens integriert sein, einer fremdenfeindlichen Partei angehören und hetzen gegen die Einwanderer der 2030er Jahre. Gelernt haben sie’s dann ja, und als Einwanderer gegen Einwanderer zu schimpfen ist gewiss ein Zeichen gelungener Integration.

Resümee: Es ist in Boston die übliche fremdenfeindliche Routine.

Immerhin diesmal mit einem politischen Hammereffekt: dem Brexit.

Ich rate der Wirtschaft und der mit ihr allzu eng verbundenen Politik: Wenn ihr vermeiden wollt, dass euch und uns allen der Laden bald um den Kopf fliegt, fangt an, SOLIDARISCHE Wege möglich zu machen.

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*