Englisch Verrückt

grossbritannien1

Die Engländer beschließen also per Referendum, aus der EU auszusteigen.

Aber ca. 80% der Parlamentsabgeordneten sind gegen den Ausstieg.

Wie soll da der Ausstieg gemacht werden? Man kann die Abgeordneten kaum dazu zwingen, gegen ihre Überzeugung (für die sie ja gewählt worden sind?) zu stimmen.

Jetzt wird eine Person, die für Remain eingetreten ist, Premierministerin. Was soll sie machen? Alles, was sie jetzt bezüglich der EU-Austritts-Entscheidung machen wird, wird falsch sein. Alles wird England schaden, und ihr selbst auch. ALLES. Arbeitet sie auf die Austritts-Erklärung hin, wird es schaden, tut sie es nicht, wird es schaden.

Es ist eine lose-lose-Situation für England.

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Theresa May steht für eine rabiate Anti-Einwanderungs-Politik.

Das trifft den Wunsch vieler – aber nicht den der Wirtschaft selbst. Eigentlich soll sie doch als Tory-Anführerin im Sinne der Wirtschaft handeln?

Und die kann von der Einwanderung guter Arbeitskräfte nur profitieren.

Und wird unter der Abschottungspolitik, die immer härter wird, immer mehr leiden. Viele Firmen werden England verlassen bzw. erst gar nicht nach England gehen, wenn sich das Land abschottet.

Auch das ist eine verrückte Situation. Lose-lose: Verringert die Regierung die Einwanderung und erlaubt sie die zunehmende Hetze gegen Immigranten, die schon da sind, schadet sie der Wirtschaft. Tut sie aber das Vernünftige, zieht sie sich immer mehr Hass und Abneigung derer zu, die meinen, die Immigranten würden ihnen schaden.

3.

Um für dieses Dilemma einen konstruktiven Ansatz zu finden, blicken wir einfach mal etwas tiefer.

Dabei hilft uns ein kluger Engländer, Simon Stephens, Dramatiker. Die SZ hat ihn interviewt.

Er vergleicht Londons Luxus mit dem großen Rest des Landes.

Schauen Sie sich mal hierum: Alles istwunderschön, die Beleuchtung, die Bedienungen, das Essen und der Kaffee sind exzellent, es gibt einen Pool auf dem Dach, und wenn man sich die Hände wäscht, riecht man hinterher absolut wunderbar. Hier manifestiert sich der Reichtum, den London aus dem Rest des Landes gesaugt hat.

Das begann, als Margaret Thatcher in den Docklands einen zweiten Londoner Finanzdistrikt bauen ließ. Seitdem haben wir uns als Banken- und Servicekultur wiedererfunden – zu Lasten des übrigen Landes, wo die Industrie verschwand und durch nichts anderes ersetzt wurde. In diesen Gegenden, in Nordengland, in Wales, in Cornwall, haben alle „Leave“ gewählt, um sich an London zu rächen. Sie haben sich selbst damit am meisten geschadet.

Die Politik in Westminster hat mit der Realität wenig zu tun. Letzte Woche war ich in Newcastle. Ich habe in den vergangenen dreißig Jahren nie ein so hohes Aufkommen an Obdachlosigkeit und öffentlichem Alkoholismus gesehen. An jeder Straßenecke waren Leute, die sich prügelten oder betrunken den Mond anheulten. Das Leben dieser Leute ist so oder so ruiniert.

England verdankt seine Misere Thatcher und Blair. Einer asozialen Politik, die die ohnehin vorhandene brutale Spaltung in Arm und Reich dramatisch verschärft hat.

There is no such thing as society – sagte Maggy Thatcher. Nun denn, dieser Ideologie folgend hat sie die Selbstzerstörung der Gesellschaft vorangetrieben. Blair und Cameron, ihre Schüler, haben den Kurs fortgesetzt.

Die Abgehängten rächen sich. Selbstzerstörerisch.

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Was macht Labour?

Bürgerkrieg in der Partei selbst.

Die Parlamentsabgeordneten sind zu 80% rechts, die Parteimitglieder, die den Vorsitzenden gewählt haben (Corbyn, mit immerhin 59% der Stimmen) sind links.

Beide Seiten haben sich den Krieg erklärt.

Labour ist gelähmt und wird sich eventuell spalten.

Das Mehrheitswahlrecht bestraft solche Spaltungen mit Vernichtung.

Wieder so eine verrückte Situation, in der alles, was man macht, falsch ist. Unterstützt man Corbyn, zerstört man Labour. Unterstützt man ihn nicht, zerstört man Labour.

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Noch ein kleines Extra aus dem Interview mit Stephens.

Jemand hat einen Vorfall in einer Straßenbahn gefilmt, bei dem zwei Jugendliche einen Mann „Immigrant“ nannten und ihn damit beleidigen wollten.

Natürlich ist das abstoßend. Aber ich fand es interessant, dass diese jungen Leute ihre Unzufriedenheit, ihre Angst ineine Sprache kleiden, die sie aus politischen Kampagnen übernehmen.

„Immigrant“ ist für sie nur ein neues Schimpfwort. Genauso erschreckend ist die Reaktion der anderen Passagiere: Sie können es nicht ignorieren, der Streit wird über ihre Köpfe hinweg ausgetragen – aber sie haben offensichtlich Angst. Und keiner sagt etwas,bis die beiden Pöbler aussteigen.

Ich weiß auch nicht, was ich getan hätte – hätte ich ihnen die Meinung gesagt? Ich hoffe es, immerhin bin ich doppelt so groß. Aber ich bin mir nicht sicher.

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Stephens deutet auch an, in welcher Richtung grundsätzlich die Lösung zu suchen wäre:

Das wichtigste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, ist Yuval Noah Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“.

Harari erklärt, dass der Mensch sich von anderen Primaten dadurch unterscheidet, dass er in Gruppen vonmehr als 150 Individuen leben kann – die Fähigkeit zusammenzuarbeiten ist unsere Stärke.

Und wir können das, weil wir in der Lage sind, an Dinge zu glauben, die wir nicht sehen können. Wir erzählen einander Geschichten, die unsere Gruppen zusammenhalten …

Wir sind SOZIALE Wesen. Gemeinschaftswesen. Gesellschaftswesen.

Wir haben uns eine Ideologie aufdrängen lassen, die uns zu Atomen, zu nackten Individuen, zu reinen egoistischen Interessenberechnern machen möchte.

Das ist nicht gut gegangen und wird nun allmählich zur Katastrophe.

Aus der Marktwirtschaft ist eine Marktgesellschaft geworden, und die kann nur desintegrieren. Sie kann die Menschen nicht zusammenhalten. Sie gibt ihnen nur Konsum und Hektik und abstrakte Verfahren, aber keine Heimat, keine Identität, keine Geschichten, die sie integrieren könnten.

Was für eine Gesellschaft wollen wir haben?

Die meisten kommen gar nicht auf die Idee, diese naheliegende Frage zu stellen. Sie fragen sich nur noch: Wie komme ich persönlich durch? Wie vermeide ich es unterzugehen? Bestenfalls: Wie schaffe ich mir meine Karriere? Wie kriege ich so viel Luxus wie möglich?

Eine solche Gesellschaft zerbröselt.

Die USA und England machen es uns vor.

 

Kommentare

  1. Gerade zurück aus Glasgow kann ich nur bestätigen, was dieser Mann so klug über die britische Gesellschaft sagt. In Schottland habe ich von sehr vielen Menschen das Verlangen nach mehr Zusammenhalt und sozialem Ausgleich vernommen. Vielleicht hat das Land deshalb zu 62% für den Verbleib in der EU und für die “sozialdemokratische” SNP gestimmt. Aber auch dort gibt es Ausgrenzung und Elend, allerdings weniger als in England. Stephens bringt es auf den Punkt: “Wir haben uns eine Ideologie aufdrängen lassen, die uns zu Atomen, zu nackten Individuen, zu reinen egoistischen Interessenberechnern machen möchte. Das ist nicht gut gegangen und wird nun allmählich zur Katastrophe.” – nicht nur in England!

  2. “Die Parlamentsabgeordneten sind zu 80% rechts, die Parteimitglieder, die den Vorsitzenden gewählt haben (Corbyn, mit immerhin 59% der Stimmen) sind links.”

    Ich bin neugierig, woher die Zahlen kommen und ob sie nur geschätzt sind oder von einer Studie stammen. Wie misst man zum Beispiel die Prozentzahl von Labour-Abgeordneten, die politisch rechts von Corbyn sind? Oder identifizieren sie sich als Moderaten bzw. bilden eine Fraktion?

  3. Interessante und schwierige Situation, Casey.
    INHALTLICH bin ich hauptsächlich auf Corbyns Seite. Niemals würde ich eine(n) Blairyte Candidate wählen, weder als Labourmitglied noch als Wähler bei nationalen Wahlen.
    Andererseits: Ist Corbyn wirklich ein Anführer? Ich hab nicht den Eindruck. Man braucht schon Leute, die Führungsqualitäten haben …
    Und noch ein Andererseits: Das englische System ist nun mal total aufs Parlament zugeschnitten. Die Parlamentsfraktion ist Labour genauso wie die Mitgliedschaft. Gibt es zwischen beiden einen Dissens – konträre Mehrheiten – MUSS man einen Kompromiss suchen. Corbyn und seine Anhänger suchen den Kompromiss nicht, ebenso wenig wie die Blair-Fraktion, die bei den Abgeordneten von Labour die Mehrheit stellen. Ich steh da in der Mitte, ohne viel Hoffnung. Ich würde also als Labour-Linker auf die Labour-Rechte zugehen.

  4. Welches Stück läuft hier gerade?

    Moment mal, also Boris Johnson, der alte Privatschul-Kumpel von David Cameron, rannte weg und tauchte ab als er sah, was für einen Schlamassel er mit seinem BREXIT-Rausch auf der Insel angerichtet hatte?

    Dann unterstützte er die Cameron-Nachfolge-Kandidatur von Andrea Leadsome gegen Theresa May, bis Andrea es sich auch anders überlegte, weg rannte und abtauchte und doch nicht gegen May antrat? Alle potentiellen Gegenkandidaten lösten sich nacheinander in Luft auf und am Ende war es (alternativlos natürlich!) Theresa May, die den Begrüßungs-Spagat vor der Queen machte am gestrigen Theresa May’s Day, dem MAY-DAY, MAY-DAY, MAY-DAY?

    Jetzt hat die Upper-Class-Clique sich einmal gedreht, geschüttelt, „gewendet“ und alles läuft weiter wie bisher, „dubi-dubi-duuu, right“ Calamity-Dave?

    Jetzt soll also erklärtermaßen in der EU offiziell der BREXIT erklärt werden, aber alles für die Briten praktisch genauso weiterlaufen wie bisher? Marktzugang zum EU-Binnenmarkt für ihre kreative Finanzindustrie? Niederlassungsfreiheit für UK-Firmen in der EU, bei gleichzeitigem „OUT OF BOUNDS“ für nur „hysterisch verbundene“ EU-Kontinentaleuropäer auf der Insel zugunsten von „historisch verbundenen“ Indern, Pakistanis, Afghanen?

    Man muss ja langsam fast alles für „grundsätzlich möglich“ halten, aber sollte dies so eintreffen wäre es das definitive Ende „dieser EU“! (Der erste Satz ohne Fragezeichen;-)

    Es stellt sich mir immer noch die Frage, WER die monatelange, sauteure BREXIT-Kampagne in den britischen Medien finanziert hat und zu welchem Zweck, wenn doch angeblich weder die Regierung noch die Wirtschaft diesen Austritt wollten? Es scheint auch keinen zu interessieren, wer aus welchem Grund das zweit- oder drittgrößte Land dieser EU mal eben destabilisiert und zu welchem Zweck er dies tut. Das wird ja (zumindest bisher) nicht einmal „dem üblichen Verdächtigen, dem Erzschurken und Vater aller Bösen“ Putin zugeschrieben?

    Ein geradezu vergiftetes Willkommen veröffentlicht das US State Department für Boris Johnson:

    „US State Department spokesman Mark Toner says the US is looking forward to engaging with Boris Johnson, the new foreign secretary. 

    He said that the bond between Britain and the US “is frankly a relationship that goes beyond personalities”, adding: “We’re always going to be able to work with the British no matter who is occupying the role of foreign sec because of our deep abiding special relationship with the United Kingdom.” (theguardian)

    In Diplomatensprache könnte man das als vorwarnende „Empfangsschelle“, hochdeutsch „Präventivohrfeige“ für Boris Johnson bezeichnen…
    __________
    http://www.theguardian.com/politics/blog/live/2016/jul/13/pmqs-cameron-may-reshuffle-labour-leadership-bid-as-mcdonnell-defends-claim-that-anti-corbyn-plotters-fucking-useless-politics-live

  5. Interessant wird aber der erste Besuch des neuen UK-Außenministers Boris Johnson in der Türkei, denn er war ja auch der gefeierte Gewinner eines Erdogan-Schmähgedichtes im UK. Aber das war gestern und der Sultan wird das schon verstehen, zumal Johnson sich ja auch rühmt türkisches Blut in den Adern zu haben (vom Opa?)…

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