An alle Hysterisierer!

kriminalitaetEs gibt ja schon sowas wie Angstlust, nicht wahr? Drum lieben erstaunlich viele Leute Horrorfilme und Thriller. Und kriegen auch gar nicht genug Real-Life-Horrorstories via Medien ins horror-lechzende Hirn geliefert.

Diese Ausgangslage ist Ideal für Psychopathen, die sich erstens selbst hassen, die zweitens die Welt und drittens ihre Mitmenschen hassen und die sich dann gern spektakulär an der Welt und den Menschen rächen, indem sie möglichst viele möglichst eindrucksvoll mit sich in den Tod nehmen.

Die zu erwartende Wirkung auf uns erleben sie (vorab) als Erfolg.

Ihre Tat können sie dann als heldenhafte persönliche Rache erleben, oder als Opfer für Allah, oder als Kampf fürs einheimische Volk.

In allen Fällen, die religiös verbrämten eingeschlossen, haben wir es mit Menschen zu tun, deren Persönlichkeit schwer gestört ist.

Im Falle der “Dschihadisten” liegen dazu noch nicht genug Analysen vor, aber das, was wir wissen, legt es nahe, die Breiviks einerseits, die rein privat motivierten Amokläufer andererseits, ähnlich einzuordnen.

Es gibt die Psychopathen, die Psychotiker und die Traumatisierten.

Letztere sind nicht über ein existenzielles, schweres Schockerlebnis hinweggekommen; die Psychotiker haben eine gespaltene Persönlichkeit; meistens aber sind es erstere, psychopathologische Fälle: Menschen, die sich in eine Wahnwelt, in einen Wahnraum geflüchtet haben.

Ich zitiere einen Fachmann (Hurrelmann, interviewt in der SZ):

Es war uns vorher einfach nicht klar, dass eine solch starke Persönlichkeitsstörung – Langman spricht sogar von Persönlichkeitszerstörung – allen solchen Tätern gemein ist und eine derart gravierende Rolle spielt.

Ich als Soziologe hatte bis dahin geglaubt, dass Umweltbelastungen – gestörte Familienverhältnisse, schulische Belastungen, Konflikte mit Freunden etc. – das Entscheidende sind.

Langman zeigt: Das sind schon wichtige Faktoren, sie führen aber nur bei einer gestörten Persönlichkeit dazu, dass diese jungen Männer in eine andere Welt abdriften.

Eine gesunde Person kann oft die schwersten Konflikte irgendwie abfedern.

Und dann muss jeweils noch der dritte Faktor gegeben sein: Der Täter muss Zugang zu einer Waffe haben.

Der Täter gibt seiner mörderischen Tat einen Sinn.

Ich bin ein Opfer der Gesellschaft. Oder ich muss für Gerechtigkeit sorgen.

Deshalb ist es ja auch für viele Gewaltattentäter so attraktiv, ihre Tat religiös oder politisch zu verbrämen. Obwohl das gar nicht der eigentliche Antrieb ist.

Insofern bin ich auch erleichtert, dass diese Tat eindeutig keinen Hintergrund im religiösen oder politischen Kulturspannungsverhältnis hat.

Es liegt uns nahe, solche Taten mit unseren Kategorien zu verstehen oder einzuhegen, aber Langman zeigt ja gerade, dass das nicht geht. Er schreibt, es bleibe bei jeder der noch so detailliert rekonstruierbaren Taten ein großes schwarzes Loch: Die psychische Störung, der Wahn.

Fast alle diese Täter sind junge Männer.

Das hat mit typisch männlichen Bearbeitungsstrategien von Störungen und Belastungen zu tun.

Sie tragen das nicht nach innen, sondern explosiv nach außen.

Die Gewalt wird dann als Befreiungsschlag gegen die Umwelt erlebt – und gegen sich selbst. Denn meist töten die Täter sich selbst.

Der Täter steigert sich in seiner dekonstruierten Persönlichkeit in Wahnvorstellungen hinein, fühlt sich als allmächtiger Handelnder und erlangt durch seine Taten etwas, das er nie zuvor in seinem Leben so richtig erreicht hat: Die totale Herrschaft über seine Umwelt.

Er katapultiert sich aus der Ohnmacht heraus in die brutale Machtausübung.

Wenn das so ist, dann ist unsere medial hysterisierte Reaktion genau das, was solche Psychopathen verstärkt dazu bringt, Amok zu laufen; und was religiös motivierte unter ihnen zum Dschihadismus reizen muss.

Herfried Münkler empfiehlt uns “heroische Gelassenheit” oder “mürrische Indifferenz”.

Hurrelmann:

Das ist der richtige Weg. Wenn es uns nicht gelingt, auf solche vereinzelte Amokläufe oder Attentate anders zu reagieren als auf eine die ganze Gesellschaft gefährdende Situation, müssen wir nochmal in uns gehen.

Da kommen wir auch sehr schnell zu den Medien. Es ist beunruhigend, dass solch eine Tat sofort weltweit eine derart riesige Aufmerksamkeit erfährt, weil sie im Kontext einer Kette von Attentaten und damit existierender Verunsicherung stattfindet.

Dahinter steckt natürlich außerdem bei vielen ein politisches Kalkül. Es gibt nicht nur die Amokläufer, die am liebsten die ganze Welt in ihren Untergang mitnehmen würden. Die politischen Amokläufer von rechts haben auch Zulauf. Die sind auch eine Art Dschihadisten.

1. Zugabe:

Ein Vorschlag zur Ernüchterung: Schauen wir uns mal die Statistik an.

Was gefährdet mich als Münchner im Jahre 1976 und im Jahre 2016?

Die Zahl der Verkehrstoten lag damals bei über 200, heute liegt sie bei ca. bei 20 pro Jahr.

Die Zahl der Morde lag damals etwa doppelt so hoch wie heute.

Meine schon öfters hier vorgebrachte These: Je sicherer die Umwelt, desto hysterischer die Reaktion auf Gefährdungen.

Das Leben in München ist heute, im Jahre 2016 – trotz Amok- und Terrorgefahr – sehr viel sicherer als das Leben in München 1976. Und 1976 war es schon sicherer als 1966 …

So, liebe Leute, und nun hysterisiert nur mal weiter.

Reutlingen? Ansbach? Davor Würzburg … Da kommen sicherlich noch einige Anlässe dazu. Schließlich bereitet man den Psychopathen im Moment das herrlichste Willkommen in den Medien und in den immer hysteriebereiten Hirnen vieler Bürger.

Ich plädiere für Gelassenheit.

2. Zugabe:

Zwei Sorgen mach ich mir natürlich schon:

1. Wohin treibt uns diese irrsinnige Hysterisiererei? Lassen sich immer mehr Menschen bei uns verrückt machen?

2. Das Münchner Oktoberfest wäre der ideale Schauplatz für einen Amoklauf oder einen dschihadistisches Terrorschlag.

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Alles vollkommen richtig.

  2. “Hysterisierer” ist ein durchaus akzeptabler Neologismus :-)

  3. Korbinian meint:

    und bis wir die Quoten der Neonazimorde seit der Wende erreicht haben ist noch etwas Luft.

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