Erdogans Putsch (1)

tuerkeiSchon witzig, wenn Leute den Putschversuch einiger irrer Militärs verurteilen (dies zurecht) – und dann Erdogans Putsch teils bejubeln, teils befürworten und rechtfertigen, teils resigniert dulden.

Dabei ist Erdogans Putsch schlimmer, als es ein Militärputsch sein könnte. Eben weil ein großer Teil des türkischen Volkes dieses Ende der Demokratie, diese autoritäre und bald totalitäre Neuorganisation der Türkei begrüßt.

Viele Türken sehen in Erdogan das, was viele Deutsche 1933 in Hitler gesehen haben. Hitler ist Deutschland. Deutschland ist Hitler. Hitler spricht für Deutschland, Hitler steht für Deutschland, mit Hitler handelt Deutschland … So führt sich Erdogan auf. Ganz offen. Er zeigt uns und den Türken unverhüllt, dass er ein Faschist ist.

Die FAZ kommentiert das Interview Gottliebs mit Erdogan zutreffend:

Für ihn gibt es nur noch das Volk. Dessen Willen gilt es zu erfüllen. Was ist der Wille des Volkes? Das weiß niemand besser als Recep Tayyip Erdogan. Er kennt das Volk, hört ihm zu und handelt nach seinem Willen. Er kann also gar nichts falsch machen. Er entscheidet im Namen des Volkes. Das bedeutet auch: Wer gegen ihn ist, handelt gegen das Volk. Kommt das irgend jemandem bekannt vor?

Ich war oft in der Türkei und hab oft und gern über Politik und Geschichte mit Türken gesprochen. Vorsichtig – aber doch auch neugierig. Immer wieder hab ich gemerkt, dass Hitler für Türken eine positive Figur ist. Dass seine Art und seine Stärke (und wohl auch sein Antisemitismus) – seine Fähigkeit, das ganze Volk hinter sich zu versammeln – FÜR Hitler spricht, nicht gegen ihn.

Erdogan selbst hat mal durchscheinen lassen, dass Hitler durchaus ein positives Beispiel für ihn darstellt:

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat das präsidentielle System Hitler-Deutschlands gelobt. Das Regime Adolf Hitlers sei beispielhaft „effizient“ gewesen, wurde Erdogan heute in türkischen Medien zitiert.

Der Präsident war nach seinem Besuch in Saudi-Arabien gestern gefragt worden, ob ein präsidentielles Regierungssystem (in dem das Staatsoberhaupt die zentrale Macht in Händen hält und in manchen Fällen auch die Rolle des Regierungschefs innehat, Anm.) unter Beibehaltung der Einheit des Staates möglich sei.

Auf die Frage antwortete Erdogan wörtlich: „Dafür gibt es bereits Beispiele in der Welt. Sie können das sehen, wenn Sie Hitler-Deutschland anschauen. Es gibt auch spätere Beispiele in mehreren anderen Ländern.“

zitiert bei BlogIG

Ein Punkt, den wir besonders beachten sollten:

Von „islamistischem Terror“ will Erdogan erst gar nicht reden und nichts hören. Denn mit der Religion habe der Terror nichts zu tun, wer von „islamistischem Terror“ spreche, beleidige alle Muslime und gebärde sich nicht anders als ein Antisemit. Rede denn irgendjemand von christlichem oder jüdischem Terror? Wer von islamistischem Terror spricht, handelt also genau so wie ein Antisemit? Den Twist muss man sich merken. In einer Woche mit gleich zwei islamistischen Anschlägen und zwei weiteren Bluttaten in Deutschland so zu reden, das zeugt schon von einer gewissen Kühnheit.

An dieser Stelle des Gesprächs konnte man die Luft an- und Sigmund Gottlieb zugute halten, Erdogan dekonstruiert zu haben. Jeder, der seine Sinne beisammen hat, kapiert, was mit diesem Mann los ist: Mit Erdogan ist kein Staat zu machen, vor allem kein demokratischer. Als Partner taugt er für gar nichts – nicht für einen EU-Betritt, nicht für die Achtung der Menschenrechte, nicht für die Flüchtlingspolitik (die selbstverständlich die offene Flanke der Europäischen Union ist, in diesem Punkt hat Erdogan recht) und auch nicht im Kampf gegen den – islamistischen – Terror.

Erdogan und seine Türkei sind also kein Partner in der Abwehr des Islamischen Staates und des Dschihadismus.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Säuberungen:

45.000 Personen aus der Verwaltung entlassen – wie viele davon verhaftet?

21.000 Personen im Bildungsbereich (Lehrkräfte etc.) entlassen – wie viele davon verhaftet?

9.000 Militärs verhaftet

2.100 Richter und Staatsanwälte entlassen, zum Teil verhaftet

1.500 Polizisten entlassen, zum Teil verhaftet

Inzwischen ist es zu neuen Entlassungen und Verhaftungen von Journalisten gekommen. Der Prozess läuft schon seit drei Jahren – nach und nach verlieren alle regierungskritischen Journalisten ihre Arbeit, ein Teil davon wird inhaftiert.

Angeblich alles Gülenisten.

Es gibt auch Journalisten, die ich bisher für seriös gehalten habe, die meinen: Ja, der Putsch ist von Gülenisten gesteuert worden.

Ich zweifle daran. Nicht, weil ich Gülen und seiner Bewegung freundlich gegenüberstehe. Man lese dazu meine vielen Gülen-kritischen Artikel!

Aber dass Gülenisten im Militär so stark vertreten waren, dass sie von dort aus einen Putsch versuchen konnten, halte ich für eine Propagandalüge Erdogans, an die sich jetzt viele Opfer und Feinde der Gülenbewegung anhängen.

Erdogan hat noch einen weiten Weg vor sich. Er will die Allmacht, er will den säkularen Staat in einen religiösen verwandeln, er will zum Führer der islamischen Welt werden. Im Moment arbeiten Kemalisten und Erdoganisten zusammen – gegen alles, was in der Türkei liberal ist, zivilgesellschaftlich, europäisch. Auch die Militärkemalisten bei MHP und CHP sind Feinde der Demokratie und der Liberalität, sie sind fanatische und völkisch verblendete Nationalisten, autoritär bis auf die Knochen. Sie hassen den Westen – haben aber Schwierigkeiten, einen Ersatz für die Anlehnung an den Westen zu finden.

Merkel und die EU-Kommission kriechen Erdogan nach wie vor in den Hintern.

Business as usual, verkündet die EU-Kommission. Die Beitrittsverhandlungen müssten intensiviert werden …

Nun ja.

Das machen sie nun wirklich ohne irgend einen Rückhalt in der Bevölkerung irgend eines EU-Landes.

Spinnen diese Damen und Herren?

Der Protest gegen diese zynische und kurzsichtige Politik reicht inszwischen sogar schon bis in den Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung hinein.

Dazu mein nächster Artikel!

 

Kommentare

  1. Korbinian meint:
  2. Korbinian meint:

    Auch Möchtegern-Humanisten und Demokraten aus türkischen Reihen haben sich teilweise mit den Putschisten, die mehr als 100 Zivilisten getötet haben, solidarisiert bzw. keine Gelegenheit ausgelassen, ihr eigenen Volk zu verschmähen. Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt und die Masken sind gefallen. Das türkische Volk vergisst auch diejenigen nicht, die sich in schwerster Stunde heimtückisch gegen das Volk gestellt haben. Das Blut der unschuldigen Menschen klebt auch an euren Händen.

    Ob man ihm mal den Klemperer in die Hand drücken sollte?
    “Die Sprache des dritten Reiches”

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