Erdogans Putsch – manche hoffen, der Große Führer werde sich mäßigen und die Erdotürken werden sich wieder einkriegen

tuerkeiIch erwarte es nicht.

Aber ich gestehe allen, die es erhoffen, das Recht auf Hoffnung zu. Auch, dass die Zukunft offen ist für Überraschungen.

Betrachten wir ein paar der jüngsten Entwicklungen.

1.

Die WELT informiert uns darüber, wie die Erdotürken in Deutschland mobilisieren gegen ihre Feinde hierzulande – und dazu gehören nicht nur die vielen Erdo-Gegner unter den Deutschtürken (die “Verräter”), sondern Deutschland und die Deutschen generell.

6.000 türkisch-deutsche Informanten soll der türkische Geheimdienst in Deutschland haben – und vor allem ansetzen auf türkisch-deutsche Gegner Erdogans: Gülen-Anhänger, PKK-Anhänger, Liberale und Demokraten.

Was der Geheimdienst treibt, bleibt meist verborgen – wie AKP-nahe Kreise agieren, nicht. In sozialen Netzwerken kursieren schwarze Listen mit Namen missliebiger türkischstämmiger Anwälte, Friseure, Gemüsehändler, die boykottiert werden sollen – und sogar mehr oder minder unverhohlene Mordaufrufe. Dursan B., ein Mann der AKP-Lobbyorganisation Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), drohte am 16.Juli zwei Landsleuten: “Ihr Ehrlosen! Für euch gibt es keinen einfachen Tod. Wie wollt ihr euch auf die Straße wagen?”

Mit systematischer Einschüchterung versuchen die Erdotürken, die Mehrheit der Deutschtürken einzuschüchtern. – Details im Artikel der WELT.

2

“Von den Türkischstämmigen, die schon lange in Deutschland leben, erwarten wir, dass sie ein hohes Maß an Loyalität zu unserem Land entwickeln”, sagte Merkel unserer Redaktion. “Dafür versuchen wir, für ihre Anliegen ein offenes Ohr zu haben und sie zu verstehen. Und dafür halten wir auch engen Kontakt mit den Migrantenverbänden.”

Merkel warnte Anhänger und Gegner des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor Gewalt in Deutschland. “Meinungs- und Demonstrationsfreiheit gilt in Deutschland für alle, die hier leben, aber natürlich müssen alle ihre Meinungsverschiedenheiten friedlich austragen.”

Auch wenn es einigen nicht gefällt, weil es zu pauschal formuliert ist – hier trifft Merkel den Ton, den die meisten Deutschen hören wollen.

Die Kritik verfehlt diesen Punkt:

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), hat den Loyalitätsaufruf von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an Menschen mit türkischen Wurzeln kritisiert. Eine deutliche Mehrheit der Türkischstämmigen fühle sich “unserem Land zugehörig”, sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. “Wir sollten daher diesen Menschen nicht pauschal Loyalitätskonflikte unterstellen.”

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt warf Merkel vor, “ohne Not eine gesamte Gruppe unter Generalverdacht” zu stellen. Kritik kam auch aus der Türkei.

Schon richtig. Die Erdotürken sind in Deutschland eine Minderheit, etwa ein Viertel der Deutsch-Türken. Die weitaus meisten Deutschtürken mit türkischem Pass haben nicht an der Wahl in der Türkei teilgenommen, trotz heftiger Werbung dafür, und von denen, die teilgenommen haben, haben dann auch nur 55% die AKP gewählt.

Angela Merkel hätte präziser werden müssen. Wollte sie aber nicht. Leider.

Die meisten Deutschtürken fühlen sich tatsächlich eher zugehörig zu Deutschland als zur Türkei, trotz einer ebenso verständlichen wie gesunden Anhänglichkeit an ihr Herkunftsland.

3

Der diplomatische Krieg zwischen Österreich und der Türkei wird heißer.

Markus Bernath (Blogger bei derstandard) erläutert das angenehm differenziert.

Überhaupt sollte man sich in Deutschland mal genauer anschauen, was sich da zwischen Österreich und der Türkei abspielt. Bernath interpretiert es als Stellvertreterkrieg. Die EU lässt Österreich mal vorpreschen …

Und die Türkei holzt in einer Weise, die … na ja … wie soll man das sachlich kommentieren?

Die Heftigkeit der Reaktionen aus Ankara – von der um Beifall heischenden “Verpiss dich, Ungläubiger”-Meldung des Erdoğan-Beraters Burhan Kuzu bis zur Rückberufung des türkischen Botschafters diese Woche – legen den Schluss nahe, dass die türkische Führung ein Exempel statuieren will.

Allerdings, auch Österreich betreibt hier Innenpolitik via Außenpolitik, schreibt Bernath.

Doch etwas berücksichtigt er nicht:

Dass Erdogan weiter eskalieren wird und eskalieren muss. Dass also eine permanente Konfliktverschärfung zu erwarten ist.

Ich weiß, es gibt durchaus erdogan-feindliche Kommentatoren, die meinen, der Büyük Lider werde in nächster Zeit verbindlicher auftreten und eine weitere Verschärfung des Konflikts mit dem Westen zu vermeiden versuchen.

Auch Bernath meint das.

In der Türkei nach dem Putsch gibt es unerwartete Versuche politischer Konsensbildung zwischen Regierung und Opposition. Ihren Ausgang sollte man abwarten.

Dito außenpolitisch: die Annäherung an Russland und an Damaskus. Auch Biden wird man wohl pfleglich behandeln bei seinem Besuch in Ankara.

Andererseits: Erdogan säubert das türkische Militär systematisch von NATO- bzw. westorientierten Militärs und händigt die Armee jenen Militärs aus, die gegen den Westen stehen. Worauf läuft das hinaus? (Fügen wir hinzu: Die Erdo-Medien hetzen das Volk systematisch gegen den Westen auf.)

Meine Hypothese: Wunschdenken liegt westlichen Erwartungen einer Nicht-Eskalation zu Grunde. Erdogan kann nicht anders als eskalieren. Eine Mäßigung ist immer nur ein kleiner taktischer Zwischenschritt auf dem Weg zur Allmacht und auf dem Weg zur verschärften Spaltungs- und Risikopolitik.

Erdogan ist ein Hitler/Mussolini-Typ. Man sollte das als Möglichkeit, als Wahrscheinlichkeit in Rechnung stellen und in die strategische Planung einbeziehen.

4

Dazu kommt, dass die Entfremdung der Erdotürken von Deutschland und Österreich ihren Gang gehen wird. Das Problem wird sich entfalten – egal, wie sehr man von “besorgter Seite” aus beschwichtigen, verharmlosen, beschönigen will.

Von den deutschen Erdotürken kommt die klare Ansage: Wir sind die Türkei! Wir sind keine Deutschen. Wir wollen keine Deutschen sein und halten an unserer türkischen Heimat und Loyalität fest – auch gegen Deutschland und die Deutschen.

Die Erdotürken organisieren das und versuchen, diejenigen Deutschtürken, die das Nationalspiel (noch) nicht richtig mitspielen, einzuschüchtern.

Kein Grund, darüber hysterisch zu werden. Die Erdotypen sind und bleiben isoliert. Sie machen sich und ihre community in Deutschland und Österreich selber kaputt.

5

Eine Gefahr anderer Art entsteht: Wie lange wird es dauern, bis die ersten frustrierten jungtürkischen Machos gewalttätig werden?

Da sie Deutschland und die Deutschen als ihre Feinde betrachten, werden sie keine Hemmungen entwickeln, immer noch heftiger ihrem Meister beim arroganten Pöbeln nachzueifern und bei Gelegenheit auszuflippen …

Die Integration der Erdotürken ist zuende. Weitere Entfremdung und Desintegration sind zu erwarten.

Auf der anderen Seite lauert der deutsch-völkische Mob. Diese dummen Erdotürken präsentieren ihnen einen hervorragenden Prügelknaben, Blitzableiter, Sündenbock. Einen Unterschied zwischen Erdotürken und den normalen, gut integrierten und loyal zu Deutschland stehenden Deutschtürken werden sie nicht machen.

Da eine große Mehrheit der Deutschen diese bornierten Erdotürken zum Kotzen finden, lohnt es sich für die – wählerabhängigen – Politiker, an die rabiate Abneigung ihrer Klientel politisch anzudocken und “etwas” gegen diese erklärten Feinde Deutschlands zu tun.

6

Diese Entwicklung ist vielleicht jetzt noch nicht für alle klar zu sehen. Aber ich erlaube mir, es vorauszusehen. Als das, was wahrscheinlich passieren wird.

Fehlt es meiner pessimistischen Perspektive an Plausibilität?

Sollte man Politik nicht an realistischen Erwartungen ausrichten?

Kommentare

  1. Kann gut sein, daß du am Ende Recht behältst, Leo? Ich bin kein Hellseher, obgleich ich mich manchmal so aufführe, bekannter, alter Fehler von mir;-)
    Im Falle von Recep Tayyippie-ya-yeah Erdogan, “dem Unberechenbaren”, kommt seine Sprunghaftigkeit zu Gute. Er ist schlicht schwer auszurechnen!
    Mal ist er Freund, mal Feind von Israel, Iran, Ägypten, Irak, Russland, den USA und der EU oder Deutschland. Wenn man lange genug wartet, vertritt er um 180 Grad entgegen gesetzte Positionen und deren Gegenteil…
    Was m.E. definitiv erledigt sein müsste, wenn die EU-Chargen noch einen letzten Rest von Charakter besitzen, ist eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU ob nun vor oder nach 2023. Aber bei Juncker & Co. weiss man nie..

  2. almabu,
    bei einer Aufnahme der Türkei in die EU hätten auch die Völker, die Wähler noch ein Wörtchen mitzureden. Es ist aber sowieso klar, dass selbst im Falle eines Sturzes von Erdogan eine Aufnahme der Türkei nicht mehr in Frage kommt. Eine Mehrheit der Türken will sie nicht – und hat nicht vor, den Prozess der Annäherung an den säkularen und liberalen Westen wieder aufzunehmen.
    Soll die Türkei glücklich werden in ihrer Nahost-Wüste! Ich halte sie für verloren.

    Im übrigen hat das EU-Projekt mit sich selbst zu kämpfen. Wird die EU in 20 Jahren noch bestehen? (Also, einigermaßen so, wie sie konzipiert ist)? – Mein Blick in die Zukunft sagt: Das steht 50:50. Kann sein, kann nicht sein.

    Ich erwarte vor allem das nächste Platzen der Finanzblase. Die ist heute schon um ein Vielfaches größer als die, die 2008 geplatzt ist. Und man pumpt weiter virtuelles Geld hinein, Billionen jedes Jahr. Wenn sie platzen wird, wird unsere Ökonomie möglicherweise nicht mehr per Steuergeld und Verschuldung der Staatshaushalte zu retten sein. DANN werden alle Karten neu gemischt, und die eine (erste) Katastrophe wird andere nach sich ziehen. Ich rechne mit höllischen Verhältnissen.

    Eine Vollmitgliedschft der Türkei in der EU – eigentlich ist das Thema lächerlich. Sie ist unter KEINEN Umständen denkbar. Sie ist von niemandem (auch von den Türken nicht) gewollt, sie ist politisch unmöglich, sie ist wirtschaftlich unmöglich … Es ist ein reines Diplomatenspiel.

  3. Korbinian meint:

    für cenki und fantomas ist heute Feiertag. Erdogan greift die PYD in Syrien an, mit Billigung von USA und Merkelanien. Erdogan brauch nur mal nach Moskau zu blinzeln und alle hier kriechen ihm in den Arsch.
    So langsam versteht man auch warum cenki und co. sich hier so sauwohl fühlen und uns alle auslachen und beschimpfen können: Von dieser “Regierung” haben sie nichts zu befürchten. Wahrscheinlich haben sie eher Angst davor mal eine Rotte Kurden in die Arme zu laufen.

  4. Das seh ich anders, Korbinian.

    Der Kampf gegen den IS hat Priorität, auch in meiner Sicht. Wenn nun die Türkei endlich bereit ist, den Krieg mit dem IS aufzunehmen, ist das erfreulich. Mal vorausgesetzt, die Türkei macht das nicht nur mal für den Moment, um eigentlich die Hand frei zu bekommen gegen den zuverlässigsten Partner, den wir im syrischen Krieg haben, die Kurden. Da werden wir erst einmal schauen müssen, wie sich das entwickelt.

    Mittelfristig dürfte deine Kritik eine gewisse Berechtigung erfahren. Die Türkei trennt sich nach und nach vom Westen. Die Amis nähren mal wieder einen zukünftigen Todfeind. In der Türkei selbst bereiten sie den (irrsinnigen) Bruch mit NATO, USA und EU schon vor – die antiwestliche Hetze heizt die antiwestlichen Gefühle der Türken an; die NATO-orientierten Teile der Armee werden eliminiert und ersetzt durch “Eurasier” und andere anti-westliche Gruppen. Im Moment schaltet man systematisch diejenigen in der ganzen Gesellschaft aus, die man Gülenisten nennt (wobei man gleich einen großen Teil der liberalen Gegner Erdogans und der AKP mit-beseitigt) – als nächstes werden dann die Kemalisten (die das jetzt unterstützen!) drankommen. Schritt für Schritt.

    Cenki wird sich in Deutschland nicht “sauwohl” fühlen können. Denn soviel ist klar: Die Bevölkerung steht ziemlich einhellig gegen die Erdotürken. Dem kommen auch die Politiker nicht aus. Die Linke ist pro-kurdisch und sowieso contra. Die Grünen sind liberal, multikulturell, antinationalistisch, antifaschistisch, antiautoritär – und sowieso contra. Die Rechte ist sowieso anti-türkisch, aus ethnozentrischen bzw. chauvinistischen und rassistischen Gründen (insofern eigentlich das Spiegelbild der AKP). Bleibt die breite Mitte – Konservative und Sozialdemokraten. Die Konservativen neigen eher nach rechts, zur anti-türkischen und moderat nationalistischen Haltung und sind gegen die Erdotürken insofern allergisch; die Sozialdemokraten sind eigentlich eher gegen antidemokratische, gegen autoritäre, gegen antiwestliche Neigungen und insofern auch contra, obgleich sie natürlich auch gern vorsichtig pragmatisch handeln möchten.

    Ich bin mir also ziemlich sicher, dass sich die anti-erdotürkische Haltung in Deutschland stark ausprägen und politisch deutlich bemerkbar machen wird – trotz allem außenpolitischen Rumeiern.

    Also, keep cool!
    Natürlich wird die NATO nicht so einfach die Türkei fallen lassen wollen. Ich finde das durchaus rational. Auch dass Biden in Ankara “nett” ist. Meine Perspektive geht aber weiter. Ich sehe, wie sich die Dinge entwickeln werden. Ich schaue auf die innere Dynamik der Vorgänge. Und die lassen mich vermuten (!):

    1. Die Türkei wird sich immer weiter und weiter vom Westen entfernen und strebt dem Bruch mit dem Westen zu. Innen- wie außenpolitisch. (Und gegen das eigene Interesse.)

    2. Der Westen versucht, diese Entwicklung zu stoppen. Für die Regierungen bedeutet das, dass man der Türkei in den Arsch kriechen muss – aber auch, dass man das den eigenen Bürgern schlecht verkaufen kann.

    3. Die Entdemokratisierung der Politik schreitet auch bei uns voran. Die Regierungen versuchen, Außenpolitik an den Bürgern vorbei zu machen. Das geht schon bis zu einem gewissen Punkt. Aber es hat seine Grenzen. Wo die genau liegen, weiß ich nicht.

    4. Die Entfremdung der Erdotürken von Deutschland und Österreich wird weiter zunehmen. Sie ist bereits jetzt nicht mehr rückgängig zu machen. Das wird nach und nach auch die Gegenreaktion der Gesellschaft verschärfen. Die gegenseitige Abneigung wird immer weiter zunehmen. Schlecht für die Minderheit, die praktisch in Deutschland keine Gruppe mehr vorfindet, die sie verteidigt.

    5. Auch wenn sich Deutschland und Österreich langsam entdemokratisieren – der Druck der Öffentlichkeit, der Wähler auf die Regierung bleibt vorerst noch stark genug. Die Regierung kann viel machen trotz dieses Drucks, aber alles in allem wird sie diesem Druck doch immer wieder ein Stückchen nachgeben müssen. Im Moment lässt sich die Öffentlichkeit sich von sowas wie den Streit um Burka und Burkini ablenken. Oder mit der Diskussion um den Doppelpass. Die Regierung möchte nicht, dass man jetzt über DITIB, UETD und die erdotürkische Phalanx in Deutschland spricht. Das passt grade mal nicht ins außenpolitische Kalkül. Also redet man über etwas, das eigentlich nicht viel zur Sache tut, aber irgendwie so sexy für die Leute ist, dass sie sich ablenken lassen.
    Auch das betrachte ich mit einem Lächeln, Korbinian. Denn es hält nicht lange vor. Der offene Konflikt mit den erklärt deutschlandfeindlichen und antiwestlichen Erdotürken kommt. Ich sehe, wie sich die Sache aufschaukelt.

    (Ich rechne auch damit, dass sich Erdogan einige weitere Entgleisungen leistet, die die gegenseitige Abneigung schüren werden.)

    Also, ich denke, Korbinian, wir sollten das primär als POLITISCHEN Konflikt nehmen, nicht primär als Kultur- oder Religionskonflikt, auch wenn kulturelle und Religionsaspekte hineinverwoben sind. Der Punkt ist: Die Erdotürken haben sich definitiv POLITISCH gegen den Westen entschieden, also gegen die Integration, gegen die Loyalität mit dem Land, in dem sie eigentlich dauerhaft leben und von dem sie eigentlich ein Teil sein wollen.

    Im übrigen drücke ich den Kurden beide Daumen. Von allen Gruppen im Nahen Osten sind die Kurden diejenige, die uns am nächsten stehen und es am ehesten verdient, in ihren Interessen gefördert zu werden.

  5. Noch etwas, das mir beim Lesen von diversen Artikeln zum Syrien-Einsatz der türkischen Armee auffällt: Es scheint kaum oder vielleicht sogar keine Kämpfe zwischen IS und der türkischen Armee gegeben zu haben. Der IS hat sich einfach zurückgezogen.

    Möglich, dass der IS das mit der Türkei abgesprochen hat. Verloren hätten sie das Gebiet ohnehin – hätten die Türken nicht eingegriffen, wäre Jarabalus an die Kurden gefallen.

    Es ist also nach wie vor möglich, dass die Türkei im heimlichen Einverständnis mit dem IS handelt.

    Kann es zum Krieg mit der PYD kommen? – Möglich. Aber ich vermute, dass sowohl die USA als auch Russland das nicht wollen und möglicherweise verhindern werden und verhindern können. Die beiden Mächte wären schön dumm, wenn sie auf Erdogan bauen würden und seine Bereitschaft, den IS zu bekämpfen. Ich bin mir sicher, dass beide keinerlei Vertrauen in Erdogan setzen – und dass beide Erdogan zu benutzen versuchen, Putin gegen die NATO, die Amis gegen den IS.

    Aber ich denke, es wird zu begrenzten Kämpfen zwischen der türkischen Armee und den Kurden in Nordsysyrien kommen.

    Und möglich ist natürlich immer, dass eine der beiden Seiten zu weit geht und dass die Sache außer Kontrolle gerät.

  6. Erdoǧans Allerwertester stark gefährdet!
    Der Pascha aller Türken und Moslem-Brüder, der Wächter von Bosporus und Dardanellen, der beste Freund Putins, der wichtigste Verbündete der USA im Nahen Osten nach Israel, der wichtigste Verbündete der USA im Mittleren Osten nach Saudi Arabien, der wichtigste Vertragspartner der EU beim Menschengeschacher von und nach Europa, hat es in diesen Tagen nicht leicht. Alle sind scharf auf seinen Allerwertesten, dessen Hohlräume sie in kriechender Weise zu erkunden suchen. Meist sind schon mehrere drin und es entstehen unschöne Staus und Wartezeiten. Die Stimmung ist gereizt…

    US-Vice-President Joe Biden eröffnete den Reigen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz folgte ihm artig auf den Fersen. Er bekam einen kalten Händedruck mit eingeforener Miene des Paschas, daß auch der letzte des Lesens Unkundige in der EU und der Türkei auch ganz ohne Text begreifen möge, wer hier Bittsteller und wer Gunstgewährer ist. Der Größenunterschied zwischen Schulz und Erdoǧan rührte wohl daher, daß Schulz bei der Aufnahme vor dem Pascha knien musste, was die EU-Medien durch die Wahl des Bildausschnittes nur mühsam vertuschen konnten? Martin Schulz eierte auf der Pressekonferenz verbal herum, sagte jedoch nicht, daß die Visafreiheit für Reisen von Türken in die EU nicht käme. Erdoǧan verlangt sie, zack-zack, bis 1. Oktober, denn sonst kann keinen Bürgerkrieg machen gegen Kurden und uns die alle in die EU schicken mit freundlicher Empfehlung von Pascha Recep Tay-yippy-ya-yeah! Erdoǧan, dem Unberechenbaren!

    Nun folgt also die deutschen Bundesregierung, die sich in einzigartiger Weise von einem überfälligen historischen Dokument, einer belanglosen, unbedeutenden, Erklärung des Deutschen Bundestages distanziert, der Erklärung über den Genozid der Türken an den Armeniern vor, um und nach 1915. Sie hatte, nach 101 Jahren, anscheinend nicht mehr Wert, als wenn sich ein paar Abgeordnete auf der Bundestagstoilette (die mit den Koks-Spuren?) einfach mal so verbal erleichtert und sich Geschichten aus 1001 Nacht erzählt hätten?

    Das alles nur, weil Abgeordnete unbedingt nach Incirlik in den Türkei-Urlaub fahren wollen? Es stehen doch anderswo in der Türkei massenhaft Hotels leer, muss es denn unbedingt Incirlik sein? Was gibt es denn da zu sehen? Atombomben der USA? Die könnten sie doch auch in Deutschland besichtigen? Ob und wie der Deutsche Bundestag darauf reagieren wird? Man weiss es nicht…

    Weil es den Steinmeiers, Merkels und Gabriels natürlich zu peinlich ist, sich selbst vor die TV-Kameras der Weltmedien zu stellen, dort den Kotau zu machen und den Sultan unterwürfigst um Verzeihung zu bitten, muss dies jetzt der Regierungssprecher Seibert tun. Er hat bekanntlich eine gewisse Übung in politischen Unterwerfungsgesten in seinen Jahren mit Merkel erworben. Ob ihm der Job noch Spaß macht?

  7. Der Auftritt von Schulz war allerdings peinlich. Wieso tut er sich (und uns) das an?
    Wieso zeigt er der deutschen, der europäischen Öffentlichkeit, dass unsere Politiker in der Tat feige, verlogene, öffentlichkeitsferne Idioten sind?

    Gibt es in Europa, in Deutschland eine relevante Anzahl von Leuten, die so einen Auftritt gutheißen? Die so einen Auftritt für nötig halten?

    Der Effekt in Europa ist wohl eher der: Wut auf diese perverse Außenpolitik, noch stärkere Abkehr von den Eliten, die diese Peinlichkeiten und Perversionen zu verantworten haben. Legitimitätsverlust. Ist sich Schulz (sind sich Junker, Merkel & Co) dessen bewusst?

    Die Türkei hat nun endgültig Rechtsstaat und Demokratie abgeschafft und Erdogan zum Diktator erhoben. Möchte Schulz das bestreiten? Ich stelle ihn mir vor bei einer Talkshow, in der er die Abschaffung von Medienfreiheit, Rechtsstaat, Gewaltenteilung in der Türkei – nein, nicht verteidigt, sondern beschwichtigend kommentiert. Herunterspielt. Partiell leugnet durch vage Einwände.

    Schulz & Co können ihre Politik nicht wirklich öffentlich wirkungsvoll rechtfertigen. Sie versuchen es auch gar nicht. Vage sprechen sie von Brücken bauen, Miteinander-Reden-Müssen. Issjaguud. Heißt das, dass man die politische Katastrophe, die sich in der Türkei abspielt, beschönigen muss?

    Wir werden hier verarscht.

    Gut ist, dass das so ziemlich alle merken. Und dass so ziemlich alle sauer sind.

    Ich warte jetzt auf den ersten Medienkommentar in Deutschland, der Schulz’ Auftritt in der Türkei für richtig hält.

    Immerhin, halten wir zwei Dinge fest:
    1. Wie ich von Anfang an vorhergesehen habe: Es gibt keine Visa-Freiheit für Türken. Sie ist objektiv nicht machbar.
    2. Auch die leichte Relativierung des Armenierbeschlusses im Deutschen Bundestag (nicht rechtlich bindend – das war ja von vorne herein klar und ist auch von Anfang an gesagt worden) durch den Pressesprecher ist keine Distanzierung. D. h. die Regierung stimmt nach wie vor mit der Bundestagsresolution überein.
    Ich würde mir nur wünschen, dass man das nicht defensiv, sondern offensiv der türkischen Seite mitteilt.

    Auf mittlere Sicht: Appeasement von Hitler-Typen wie Erdogan und von Megalomanen wie die Erdo-Türken, die wir ihn Deutschland unmittelbar beobachten können, Appeasement scheitert am Ende und wird im historischen Rückblick zumindest peinlich.

    Ich verstehe, dass man mit dem Großen Führer spricht, dass man mit ihm Regelungen und Kompromisse sucht – aber heißt das, dass man ihm in der Arsch kriechen muss, wie das Schulz gemacht hat? Heißt das, dass man zu uns Bürgern eine verlogene Sprache wählen muss? Dass man uns verscheißern muss?

    Wie gesagt, es funktioniert auch nach innen nicht. Der Ärger der Bürger wird nur immer noch größer. Bis er am Ende explodieren wird.

  8. Was sagt eigentlich das EU-Parlament dem Schulz vorsteht zum Thema Türkei, also zu deren inneren Lage, Demokratieabbau, Massenentlassungen, Verhaftungen, Berufsverbote, Beschlagnahmungen, sowie zu deren kriegerischen Aggressionen und rechtlich nicht gedeckten militärischen Exkursionen in Nachbarstaaten, zur Förderung von terroristischen islamistischen Aktivitäten? Habe ich da etwas übersehen?

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