“Die neuen Deutschen” (1)

deutschlandHerfried und Marina Münkler haben ein unbedingt lesenswertes Buch geschrieben: Die neuen Deutschen.

Ich werde in zwei oder drei Artikeln einiges daraus zitieren und diskutieren.

Dabei fange ich mal von hinten an. Das letzte Unterkapitel lautet: “Aus Fremden Deutsche machen” (Seite 283 – 290).

Auf drei Ebenen müsse das geschehen, wenn es Erfolg haben soll:

1. auf der Ebene des Staates:

Es genügt nicht, den Migranten die deutsche Staatsbürgerschaft zu verleihen. Aber der administrative Schritt gehört dazu.

Der Staat nimmt auf, registriert, bringt unter und versorgt, organisiert Maßnahmen … und verleiht am Ende, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, die deutsche Staatsbürgerschaft.

Der Einwanderer ist nun Deutscher.

Also rechtlich integriert. Rechtlich ein Deutscher. Aber u. U. noch immer ein Fremder.

2. auf der Ebene der Wirtschaft:

Geregelte Arbeit und das Verdienen des eigenen Lebensunterhalts müssen hinzukommen.

Dazu gehört auch ein gewisses Minimum von Arbeitsethos.

Ein Deutscher verlangt von sich selbst – in der Regel, und aus Gründen der Selbstachtung – dass er oder sie möglichst nicht zum Sozialfall wird. Das gehört zur Selbstbeschreibung der Deutschen.

(Die beiden Autoren sehen das in der Regel bei Einwanderern als gegeben an. Sie weisen auch darauf hin, dass darin eine Verpflichtung der deutschen Seite besteht, den Einwanderern auch die Chancen zur Integration in den Arbeitsmarkt zu geben und ihnen beizustehen, damit sie die Chance zu nutzen lernen.)

Auch das reicht aber noch nicht hin. Deutscher werden muss man auch

3. auf der Ebene der Bürgergesellschaft, der Zivilgesellschaft.

Das ist anspruchsvoller als die beiden vorherigen Ebenen.

Es bedarf einer gelingenden Nachbarschaft, eines Engagements in Vereinen, eines Gefühls der Zugehörigkeit zu Deutschland, auch einer gewissen Identifikation mit Deutschland.

Es scheitert oft daran, dass die Alteingesessenen hier nicht mitspielen und Migranten zurückweisen. Wenn das Deutschwerden auf dieser Ebene misslingt, liegt es oft nicht an den Migranten, sondern an den Deutschen selbst.

Die Münklers greifen nun direkt die deutschen Integrationsverweigerer an:

Sie sagen “deutsch”, aber sie meinen Selbstprivilegierung. Die Vorstellung des Deutschseins dient hier dem Selbstschutz derer, die sich vor einem Leistungsvergleich scheuen und keinerlei Konkurrenz ausgesetzt sein wollen. Es ist die Schließungskategorie einer gealterten, erschöpften und müden Gesellschaft, die es sich in irgendeiner Nische bequem machen und nicht gestört werden will.

Demgegenüber öffnet sich Münklers Deutschland all denen, die Deutsche werden wollen:

Als Deutscher soll hier vielmehr ein jeder verstanden werden, der davon überzeugt ist, dass er für sich und seine Familie durch Arbeit (gegebenenfalls auch durch Vermögen) selbst sorgen kann und nur in Not- und Ausnahmefällen auf Unterstützung durch die Solidargemeinschaft angewiesen ist.

Für diesen Deutschen gilt weiterhin, dass er Grund hat, davon auszugehen, dass er durch eigene Anstrengung die angestrebte persönliche Anerkennung und einen gewissen sozialen Aufstieg erreichen kann.

Hinzu kommen zwei soziokulturelle Aspekte der Identität – sie nennen es “Identitätsmarker”:

Der erste davon steht für die Überzeugung, dass religiöser Glaube und seine Ausübung eine Privatangelegenheit sind, die im gesellschaftlichen Leben eine nachgeordnete Rolle zu spielen hat und bei der Bearbeitung von Anträgen durch die Verwaltung sowie bei der Bewerbung um Arbeitsplätze ohne Bedeutung ist.

Zudem … hält sich der als deutsch Bestimmte daran, dass die Entscheidung für eine bestimmte Lebensform und die Wahl eines Lebenspartners ein das individuelle Ermessen eines jeden Einzelnen fällt und nicht von der Familie vorgegeben wird.

Ein weiteres kommt hinzu:

Der fünfte und entscheidende Identitätsmarker der Deutschen soll und muss das Bekenntnis zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sein.

Darüber mehr in meinem nächsten Artikel.

Im darauf folgenden Artikel kommt dann mein Kommentar.

 

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    Zur Identität als Lesetip einen Artikel aus der Schweizerischen NZZ, die der Ansicht ist, dass Verfassungspatriotismus allein nicht genügt, ohne dann näher zu sagen, was dann zur deutschen Identität gehört.

    http://www.nzz.ch/feuilleton/aktuell/kulturelle-identitaet-als-problem-deutsch-sein-und-bleiben-ld.117226

    Bei Münkler fokusiert sich “Deutschsein” sehr auf Arbeitsethos und Leistungswille, sowohl bei Deutschen wie bei Ausländern nebst Verfassungspatriotismus. Klingt aber auch etwas nach Sarrazin und etwas sozialdarwinistisch: Wer nicht bereit oder fähig ist, sich der Leistungsgesellschaft anzupassen, ist kein Deutscher. Zum Deutschen gehört der Arbeitsethos und der Leistungswille. Was ist dann mit allen Faulen und nicht so Leistungswilligen/fähigen, den Arbeitslosen und Hartzlern? Und Arbeitsethos haben andere Gesellschaften auch–ohne dass sie “deutsch” wären–man denke an den protestantische Arbeitsethik der Anglosachsen oder den konfuzianistischen Leistungswillen der Asiaten. Es sei denn er möchte auf preußische Tugenden hinaus, was er wohl aber auch nicht meinen dürfte.

  2. Jakobiner meint:

    Deutschsein” als Arbeitswilligkeit und Erwerbstätigkeit plus Verfassungspatriotismus ist eine tendenziell sozialdarwinitische Formel, die Leistungsschwächere ausgrenzt, zu Bürgern 2. Klasse macht und mit Sanktionen droht, die von Kürzungen des Hartz4-Sates bis zur Zwangsarbeit oder zum Arbeitslager so alles umfassen könnten. Diesen Arbeitsfetischismus, der sich von der Rechten bis zur Linken durchzieht, von Lenins “Wer nicht arbeitet, soll nicht essen”über Max Webers protestantische Arbeitsethik und der “Arbeit, Arbeit, Arbeit” der Sozialdemokratie, “Jobs, jobs, jobs” der US-Politiker bis zum “Arbeit macht frei”der Nationalsozialisten wird gar nicht hinterfragt.

    Zwar wird wohl Konsens bestehen, das in jeder Gesellschaft die unbedingt gesellschaftlich notwendige Arbeit organisiert werden muss, aber deren Umfang, wie auch deren Verteilung wäre jeweils zu bestimmen und diskutierbar, aber im Kapitalismus herrscht eben der Zwang sich gegen Lohnarbeit zu verdingen und die Kapitalakkumlationgibt den Takt der Arbeit, deren Umfang und deren Anforderungen an die Arbeiter und Angestellten eben vor. Arbeit nur als moralischen Selbstzweck zu sehen und als Ethos führt bei der kapitalitischen Rationalisierung und Industrie 4.0 eben auch schnell zur Stigmatisierung, Ausgrenzung und Unterdrückung der Überflüssiggemachten.

    Eine treffende Kritik hierzu verfasste auch Robert Kurz in seinem Manifest der Arbeit, in dem er auf den sich verstärkenden Widerspruch zwischen Wegfallen und Wegrationalisieren von Arbeit und dem sich erhöhten moralischen Arbeitsfetisch hinwies. Münkler ist damit ebenso exklusiv und tendenziell sozialdarwinitisch, da er eine Gemeinschaft der Leistungsstarken propagiert, bei denen Leistungsschwache nichts verloren haben und auch eigentlich keine Deutschen sind und abgesondert gehören.

    Münkler kommt hier populistisch der Volksmeinung und Volkes Stimme sehr entgegen, denn nach Umfragen richten sich die Resentiments der Deutschen vor allem Langzeitsarbeitslose und dann erst in weitem Abstand gegen Ausländer, Muslime, Juden und Homosexuelle. Die stigmatisierteste Gruppe sind die Leitsungsschwachen und der Sozialdarwinismus ist Mainstream, den Münkler mit seinen Ansichten zum Deutschsein kräftig befeuert. Es könnte gut sein, dass sich die Leistungsschwachen und abgehängten der Globaliserung und all jene, die befürchten abgehängt zu werden dann aus Protest auf die Volksgemeinschaft besinnen und den NPD-Slogan “Sozial geht nur national” verinnerlichen.

    Bei der anstehenden Digitalisierung und Industrie 4.0, bei der eine Studie der Deutschen Bank mit dem Verlust von 59% der heutigen Arbeitsplätze rechnet, Markus Blume von der CSU-Grundsatzkommission gar mit 40% gefährdeter Arbeitsplätze kalkuliert, Nahles offen gesteht, dass sie gar nicht weiß, “was da auf uns zukommt”, hat derartige moralische Arbeitsethosideologie für die Freigesetzten und Stigmatisierten verherrende Wirkungen.Sie werden dann der sozialdarwnitischen Stigmatisierung voll ausgesetzt und Opfer dieses Arbeitsfetischs, das Leben ohne Erwerbsarbeit als lebensunwertes Leben betrachtet– und mit Münkler dann auch noch als undeutsches Leben und Undeutschsein.

    Seine Wunschvorstellung ist eine Gemeinschaft der Leistungsstarken. Hier die leistungsstarken und vermögenden Biodeutschen und Ausländer als die neuen Deutschen, dort die leistungsschwachen und armen Sozialschmarotzer , der Abschaum und das Gesockse als die neuen Ausländer und Undeutschen.

    http://www.global-review.info/2016/09/18/henfried-munkler-der-arbeitsethos-und-die-deutsche-identitat/

  3. Diese Betonung des Arbeitsethos fällt auf. Ich werde drauf in meinem Kommentar eingehen.

  4. Der Arbeitsethos und die Stigmatiserung von Nichtarbeitenden ist in der abendländischen Geschichte allerdings auch schon vor dem Kapitalismus sehr verbreitet.

    Den “starken Bettler” (ein Armer, der nicht arbeiten will, obwohl er es könnte) gibt es als Diskursfigur seit dem spätem Mittelalter.
    Vgl. z.B. diese Aufsätze von Ernst Schubert http://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/texte/aufsaetze/schubert-duldung.html
    oder auch
    http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/17661/11471

  5. Jakobiner meint:

    Zu Conring: Bei den “starken Bettlern” handelte es sich aber eben um an öffentlichen Plätzen auftretende Bettler. Auch gab es damals Bettelorden. Das gibt es heute nur bei Bettlern und Punks, die einen mal um einen Euro in der Fußgängerzone anschnorren. Im Kapitalismus geht es aber um den Sozialstaat und um das massenhafte Phänomen der Arbeitslosigkeit ,die nicht wie im Mittelalter durch die Natur und Ernteausfälle sondern durch die massenhafte Rationalisierung infolge der Kapitaloptimierung entstehen, wie auch der ganze Arbeitsprozess nicht nmehr den Launen der Natur unterliegt, sondern der Kapitalakkumulation.

  6. Natürlich gibt es den “starken Bettler” schon immer.
    Er war auch schon immer ein Vorwand für die Hartherzigen bzw. für diejenigen, die sich die Armen vom Leibe halten wollen und auf Armut nicht karitativ oder sozialstaatlich oder gar gleichheitsgesinnt (sozial-emanipatorisch) reagieren wollen.

    Über 13% der Kinder in Deutschland leben von Hartz IV … Tendenz steigend. In Ostdeutschland sind es fast 22%. Etwa 50% von ihnen leben bei alleinerziehenden Eltern. Ein Drittel fällt auf Familien mit drei und mehr Kindern.

    Da komme mir jemand mal mit der Klage, es gebe soo viele Faule …

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