“Die neuen Deutschen” (2)

deutschlandHerfried und Marina Münkler haben ein unbedingt lesenswertes Buch geschrieben: Die neuen Deutschen.

Hier lesen Sie den zweiten Artikel darüber. (Hier ist der erste.)

Ich habe von hinten angefangen. Das letzte Unterkapitel lautet: “Aus Fremden Deutsche machen” (Seite 283 – 290).

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Das Bekenntnis zum Grundgesetz gehört zur Identität eines Deutschen. Es könne sozusagen als “Identitätsanker” dienen und bei der Integration helfen.

Was haben diejenigen erlebt, die zu uns geflohen sind? Entwürdigung, Ablehnung, Gewalt, Alleingelassenwerden im Elend, Unfreiheit.

Das Grundgesetz verkörpert eine Vorstellung von Gemeinschaft, von Gesellschaft, die die Würde des Menschen, seine Freiheit und seine Sicherheit (gerade auch die von Minderheiten) achtet und ein Minimum an Solidarität staatlicherseits sicherstellt.

In diesem Sinn kann jeder tatsächlich jeder, der nach Deutschland gekommen ist, ein Deutscher werden – auch wenn nicht jeder dies wollen und nicht jeder dies schaffen wird.

Zugleich werden viele von denen, die als Deutsche geboren wurden und fest davon überzeugt sind, Deutsche zu sein, sich anstrengen müssen, selbst diesem Anspruch zu genügen.

Deutschsein ist dieser Definition nach kein Merkmal, auf dem man sich ausruhen kann, weil man es qua Geburt bekommen hat und es einem nicht genommen werden kann, wie das in den wesentlich ethnisch geprägten Nationsdefinitionen des 19. und noch des 20. Jahrhunderts der Fall war.

Es handelt sich vielmehr um eine normativ angereicherte Identitätszuschreibung, die Anforderungen enthält, denen man sich stellen muss.

Eine solche normative Identitätszuschreibung ändert nichts daran, dass diejenigen, die qua Geburt Deutsche sind, dies auch bleiben, wenn sie den Vorgaben dieser Zuschreibung nicht genügen.

Aber sie haben dann keine Möglichkeiten mehr, denjenigen, die dieser Zuschreibung genügen und Deutsche werden wollen beziehungsweise es geworden sind, von der Zugehörigkeit auszuschließen.

Der staatsbürgerrechtlichen Definition desDeutschen, über die nach wie vor der Staat und seine Verwaltung nach rechtlichen Vorgaben verfügt, ist damit eine Identitätszuschreibung vorgeschaltet, über die nicht die Administration, sondern die Gesellschaft bestimmt.

Sie setzt der ethnischen Definition von nationaler Zugehörigkeit, die mit wachsender Mobilität der Menschen und dem Erfordernis von Zuwanderung überholt ist, eine Vorstellung von nationaler Identität entgegen, die offener und flexibler ist, die der veränderten sozialen Realität Rechnung trägt und trotzdem die Nationalvorstellung nicht aufgibt und zu den historischen Akten legt.

Die deutsche Gesellschaft ist eine offene und leistungsorientierte Gesellschaft, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch offener und wohl auch noch leistungsorientierter werden muss, wenn sie ihre Position in der Weltwirtschaft und ihren Wohlstand im Innern behalten will.

Dabei ist sie auf Zuwanderung angewiesen, und es herrscht durchaus Konkurrenz mit anderen Gesellschaften um die Fähigsten und Leistungsstärksten.

Der Wille, diese Tüchtigsten für sich zu gewinnen, schließt nicht aus, dass man aus humanitären Gründenin einer besonderen Notlage auch diejenigen aufnimmt, die aller Wahrscheinlichkeit nicht in diese Gruppe gehören und die nur mit erheblichen Anstrengungen aussichtsreich in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können.

Solche humanitären Akte wird man sich freilich umso eher (oder überhaupt nur dann) leisten können, je erfolgreicher man zuvor in der Konkurrenz um die Tüchtigsten und Leistungsfähigsten gewesen ist und je weniger dabei ein ethnisch geprägter Nationsbegriff als Ausschließungsinstrument gedient hat.

Soweit Herfried und Marina Münkler.

Es folgt im nächsten Artikel mein Kommentar dazu.

 

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    “Der Wille, diese Tüchtigsten für sich zu gewinnen, schließt nicht aus, dass man aus humanitären Gründenin einer besonderen Notlage auch diejenigen aufnimmt, die aller Wahrscheinlichkeit nicht in diese Gruppe gehören und die nur mit erheblichen Anstrengungen aussichtsreich in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können.”

    Diese Stelle relativiert den ansonstigen Sozialdarwinsismus des “deutschen Arbeitsethos”ideals wieder kräftig. Aber warum nur Solidarität mit leistungsschwachen Flüchtlingen und nicht mit leistungsschwachen Deutschen, zumal er ja immer mehr Konkurrenz und Selektion nach eisernen Leistungskriterien fordert, was dann schon wieder etwas widersprüchlich klingt. Ob viele Bürger solche Wendungen nachvollziehen werden?

  2. Jakobiner meint:

    Irgendwie bleibt´s aber widersprüchlich: Die Leistungsträger, seien es nun die leistungsstarken Einheimischen und die durch ein Einwanderungsgesetz zusätzlich dazukommenden leistungsstarken Arbeitsmigranten sollen sich immer stärkerer kapitalistischer Konkurrenz aussetzen, den Kampf jeder gegen jeden verschärfen, um wettbewerbsfähig für die Kapitalakkumalition zu bleiben und dabei gleichzeitig auch noch Solidaritätsgefühle- und denken entwickeln.Der durch den Markt erzeugte Konkurrenzegoismus soll dann irgendwie humanitäres und soziales Denken und Handeln fördern.Das klingt gelinde gesagt etwas wunschträumerisch. Ob viele Bürger solche Wendungen nachvollziehen werden? Für viele wird dies klingen: Wir müssen immer mehr leisten, malochen und schuften und uns immer mehr der sich steigernden Leistungskonkurrenz aussetzen, um anderen ein leistungsschwaches Leben zu ermöglichen. Ohne eine Diskussion über den Arbeitsethos und eine Änderung des Wirtschaftssystems wird hier kein Umdenken erfolgen, sondern sich der Sozialdarwinismus eher verstärken.

  3. Jakobiner meint:

    Sollte man deswegen AfD wählen? Nein, denn erstens teilt die AfD den Sozialdarwinismus Münklers, will zwar Ausländer raus, aber eben will die AfD die Leistungsschwachen wie auch die Arbeiter und die Gewerkschaften gleichermassen zugunsten des Kapitals schröpfen, also nationale Leistungsarbeiter, unproduktive Rentner, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger zugleich. Aus diesen Gruppen erhoffen sich viele eine nationale Solidarität der AfD, aber würden bitter enttäuscht werden–nur, dass die AfD dann ein national-autoritäres System errichtet hätte, in dem Gewerkschaften, Arbeitslosenvereine, etc. nichts mehr zu melden hätten und Zwangsarbeit, Arbeitslager, Sozialabbau, Arbeitsfront vorherrschen würde, aber keiner mehr aufbegehren könnte.

  4. Jakobiner,
    wenn du die MÜnklerzitate nochmal liest, wirst du sehen, dass die beiden Autoren keineswegs sozialdarwinistisch argumentieren. Im Gegenteil, ausgesprochen sozialstaatsorientiert. Mustergültig sozial. Sie bestehen auf dem sozialen Ausgleich! Allerdings stellen sie fest, dass natürlich die meisten erfolgreich arbeiten müssen und dadurch genug Steuern zahlen können, damit die Sozialstaatskassen auch gefüllt bleiben.

    Ich denke, man sollte sich das, was die Autoren sagen, genau anschauen.

    Ich bin wie die beiden Münklers der Meinung, dass es zu unserem Selbstbild, zu unserer Selbstachtung, zu unserem realen Leitbild hierzulande gehört, dass wir uns unseren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen. Und dass wir sowohl unser Leben selbst als auch die Gesellschaft insgesamt so einrichten, dass ein Herausfallen aus der Arbeitswelt die Ausnahme bleibt.

    Es dürfte auch von vorne herein zum Selbstbild und zum Ziel derer gehören, die als Arbeitsmigranten oder als Flüchtlinge zu uns kommen. Insofern – das sehen auch die Münklers so – gibt es da keine grundlegenden Probleme. Die liegen dann eher daran, dass WIR dabei versagen, die Hürden für die Migranten niedrig genug zu halten.

  5. Jakobiner meint:

    Dennoch siehn Münler, dass die Konkurrenz der Leistungsgesellschaft zunimmt und plädiert dafür sich dem anzupassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Er plädiert also nicht dafür sich diesen steigernden Leistungsansprüchen entgegenzustellen. Und hier kommt mir eben der Gedanke: Wie soll bei Leuten, die immer mehr dem Konkurrenzegoismus ausgesetzt sind ein solidarisches oder eben sozialstaatliches Denken hervorgehen? Das Gegenteil ist doch zu erwarten.

  6. Insoweit gebe ich dir recht.

  7. Jakobiner meint:

    Sozialdarwinistisch wird es meiner Ansicht nach, wenn Münkler von Leistungsverweigerern spricht, das klingt so wie Modernisierungsverlierer und hatz eine gewisse soziale Kälte. Es klingt so, dass diese Leute einfach zu faul sind, zu träge, zu bequem, nicht genug Willen und MUt haben und übersieht, dass viele bei dem rasanten technologischen Wandel eben bei der Weiterqualifizierung nicht Schjritt halten können, zumal man heute mit 50 plus nur noch als schwer vermittelbar bei Arbeitsämtern gilt.Auch wird eben diese Ideologie des Arbeitsethos und der Erwerbsarbeit sozialdarwinistisch, wenn Digitalisierung und Industrie 4.0 voll durchrationalisieren. Es gibt Studien, die besagen, dass in 20 Jahren nur noch 1/3 der Bevölkerung von Erwerbsarbeit leben wird und der Rest arbeitslos oder nur unterbeschäftigt sein wird in prekären Verhältnissen. Darauf geht Münkler gar nicht ein.Zum Münklerischen Deutschen gehört der Arbeitsethos und der Leistungswille.Ob sich hier ein preußisch-protestantischer Hintergrund der Münklers erschließt, konnte nicht nachrecheriert werden, zumindestens klingen die Ausführungen sehr nach eines Hochlobens des Max Weberschen protestantischem Arbeitsethos..Die neue deutsche Mitte umfasst die sogenannten Leistungswilligen und Leistungsträger, die In- und Ausländer sein können, nicht am nationalen Kriterium, sondern am Arbeitsethos bemessen werden, multikulturell, globalistisch, bildungsnah, guit verdienend, vermögend und fit für die Arbeits- und Standortkonkurrenz.Diese alle zusammen bilden die “neuen Deutschen”.Was ist dann mit allen Faulen und nicht so Leistungswilligen/fähigen, den Arbeitslosen und Hartzlern? Gibt es denn Stellen in dem Buch, wo er das thematisiert? Oder bleibt das ein weißer Fleck? Spricht er Industrie 4.o, Digitalisierung und die Auswirkungen in seinem Buch überhaupt an?

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