Die CSU-Unordnung im Grundsatzprogramm (5)

bayernFortsetzung der CSU-Programmdebatte.

>>> Hier Artikel 1 und 2 und 3 und 4.

>>> Hier geht es zur Ordnung.

Die Gepflogenheiten des Alltags sind zu beachten.

Es gibt über die rechtlichen Regelungen des Zusammenlebens hinaus ungeschriebene Regeln, die sich aus unserer Kultur und Tradition entwickelt haben.

Sie sichern ein menschliches Miteinander und garantieren ein friedliches Zusammenleben.

Bei uns ist es üblich, dass man andere Menschen mit einem Händedruck begrüßt und mit einem Gruß verabschiedet.

Bei uns bietet man schwächeren Menschen Hilfe an.

Bei uns versteckt man sein Gesicht nicht hinter einem Schleier.

Wer bei uns lebt, muss sich nach unseren Gepflogenheiten richten.

Wer Frauen den Respekt verweigert, etwa Lehrerinnen oder Krankenschwestern ablehnt, missachtet unsere Lebensart.

Händedruck. Gruß zum Abschied. Und wenn sich jetzt ein Teil der Bevölkerung fürs Küsschen auf die Wange entscheidet? Und wenn sich ein Stoffel unter uns befindet?

An wen soll sich das denn nun wenden? An die paar wenigen rabiaten Islamfanatiker? Schießt da die CSU nicht mit Kanonen auf Spatzen? Kann sich die CSU da nicht auf die Alltags-Sanktion verlassen, die unweigerlich erfolgt, wenn sich jemand oder wenn sich eine Gruppe von Leuten der Grußpraxis verweigern?

Bei uns bietet man schwächeren Menschen Hilfe an.

Verdammt nochmal! An wen richtet sich denn das? Das kann sich doch nur an uns Deutsche richten! An den Normalbürger!

Die Migranten sind in aller Regel sehr viel hilfsbereiter, wenn sie Situationen wahrnehmen, in denen ein schwächerer Mensch handgreiflicht Hilfe braucht.

Möchte denn die CSU hier unterstellen, dass zum Beispiel Muslime weniger hilfsbereit sind? Es ist doch offensichtlich das Gegenteil der Fall.

Bei uns versteckt man sein Gesicht nicht hinter einem Schleier.

Geschenkt. Es dürfte da kaum jemand geben unter uns, der hier anderer Meinung ist. Was aber folgt daraus? Dass wir der Handvoll Frauen, die in Deutschland leben und die Vollverschleierung praktizieren, strafrechtlich kommen? – Kanonen auf Spatzen.

Wer Frauen den Respekt verweigert, etwa Lehrerinnen oder Krankenschwestern ablehnt, missachtet unsere Lebensart.

Richtig. Ist da jemand anderer Meinung? – Ich kenne niemanden. Also, was soll’s?

Nimmt man die kleine Liste, die uns die CSU hier vorlegt, ernst, müsste man ungefähr tausend weitere Punkte anfügen. Etwa, dass man sich ordentlich wäscht. Dass man halbwegs ästhetisch isst. Dass man nicht herumschreit. Dass man, wenn man besoffen ist, trotzdem darauf achtet, anderen nicht lästig zu fallen. Dass man auf den Rolltreppen links geht und rechts steht. Dass man nicht mit einem Hunderteuroschein bezahlt, wenn sich die Rechnung auf 20 Cent beläuft. Etc. pp.

Ich wünsche dem Leser viel Vergnügen dabei, die Liste zu verlängern.

Und sich die Frage zu stellen, wozu eine solche Liste in einem Grundsatzprogramm vorgestellt wird. Und wieso grade die paar Punkte ausgewählt werden. Und wie wir als Gesellschaft reagieren, wenn jemand gegen diese Gepflogenheiten des Alltags verstößt. Und ob man dazu den Staat braucht.

Deutsch ist bei uns die Sprache des öffentlichen Lebens.

Damit das Miteinander funktioniert, müssen alle eine gemeinsame Sprache sprechen können.

Die gemeinsame Sprache ermöglicht das Verständnis für die Einstellungen und Lebensführung des Gegenübers.

Deutsch ist bei uns die verbindliche Sprache im öffentlichen Leben – keine andere.

Ja.

Aber: Man besuche einmal Chemie an der Technischen Universität München. Vorlesungen auf Englisch … Man höre mal in die Kommunikation hinein, wie sie in einer Firma stattfindet, die Computerprogramme entwickelt …

Ist doch wohl kein Problem, oder?

Wir bestehen zurecht darauf, dass Migranten, die sich in Deutschland ansiedeln wollen, Deutsch lernen.

Wir tun auch einiges dafür.

Wenn es der CSU nicht reichen sollte, läge es nahe, staatlicherseits mehr und bessere Angebote zum Deutschlernen zur Verfügung zu stellen.

Man könnte auch daran denken, erfolgreiches Deutschlernen zu prämieren. Motivation durch Belohnung fördern.

Apropos Deutsch: Was reduziert eigentlich die sprachliche Qualität, in der wir heute unser Deutsch verwenden?

Wäre das Nachdenken darüber nicht eine viel wichtigere Aufgabe für diejenigen, die sich um die deutsche Sprache Sorgen machen?

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    “Bei uns ist es üblich, dass man andere Menschen mit einem Händedruck begrüßt und mit einem Gruß verabschiedet.”

    Dabei hat wohl die CSU die orthodoxen Juden vergessen, die es wie orthodoxe Muslime auch ablehnen, Frauen die Hand zu geben.Fehlt jetzt mal wieder die Debatte um Beschneidung und Schächten, um die Leitkulturdebatte kulturell weiter zu bereichern.

  2. Leo, eine spanische (Verzeihung katalanische!) Tageszeitung schreibt, daß in Neu-Perlach Süd 160 jugendliche, unbegleitete Flüchtlinge wegen noch laufender Verfahren von Anwohnern wegen Lärmbelästigung mit einer 4 (vier!) Meter hohen Gefängnismauer auf Kosten der Allgemeinheit eingemauert würden, die selbst 40cm höher sei als die berüchtigte DDR-Mauer in Berlin? Eine weitere eingemauerte Unterkunft “in der Nähe” (ohne genaue Ortsangabe!) sei nur 3 Meter hoch. Trifft das zu, ist das gar Standard in Bayern, werden Flüchtlinge, bzw. unbegleitete, jugendliche Flüchtlinge “in Verwahrung” genommen, oder ist das eine Zeitungsente?
    http://www.elperiodico.com/es/noticias/internacional/munich-construye-una-valla-contra-los-refugiados-ciudad-5613881

  3. Jakobiner meint:

    “Bei uns ist es üblich, dass man andere Menschen mit einem Händedruck begrüßt und mit einem Gruß verabschiedet.”

    Und was macht man dann mit Japanern? Die geben auch nicht die Hand, sondern verneigen sich höflich.

  4. Wenn man als Deutscher einen Japaner sittengerecht begrüßen will, dann muss man auf den Abstand achten, denn der Abstand für das Händeschütteln und das Bussi-Bussi ist zu gering. Man würde so dem Japaner bei der Verbeugung unbeabsichtigt einen Kopfstoß verpassen, was der evtl. als Angriff wertet und mit einem Judo-Schulterwurf beantworten würde und schon hätte man statt einer höflichen Begrüßung eine interkulturelle Keilerei, die keiner wollte?

  5. Eine seit vielen Jahren in München lebende Spaniern hat über Facebook diesem Artikel von EL PERIODICO über “die Mauer von Neu-Perlach” auf das heftigste widersprochen und die vielfältige Nachbarschaftshilfe der Münchner hervorgehoben:

    Este artículo no refleja la realidad de Múnich y se lo digo desde el corazón de la ciudad. Vivo en Múnich desde hace muchos años y debo decir que lo que debería ser noticia es la solidaridad de la gente de aquí con los refugiados. Los refugiados fueron bien recibidos en su día, el mundo lo vio por los medios. Después de su llegada han estado acogidos en pabellones de deporte, antiguas fábricas y albergues gracias a las autoridades, que con mayor o menor éxito les han dado un techo para vivir a muchas personas. Pero sin duda, la gran protagonista de esta acogida ha sido la población. Los ciudadanos de esta fantástica ciudad han sido los que les han abierto sus puertas. Iniciativas de todo tipo, provenientes de las parroquias, los colegios, las asociaciones deportivas se desarrollan cada día para que los refugiados encuentren su lugar entre nosotros. No les cuento esto porque lo haya leído en algún medio, sino porque lo veo cada día. Yo misma colaboro con otras madres del colegio de mis hijos y visitamos una antigua fabrica de mi barrio en la que residen más de 700 refugiados, allí se organizan cursos de costura, manualidades, ayuda con el idioma y la búsqueda de empleo, repaso escolar para los niños, actividades deportivas y de todo tipo. Las autoridades les han dado el techo, pero somos los ciudadanos, los que de forma desinteresada les ofrecemos nuestro tiempo y experiencias para conseguir una sociedad más humana. Qué lastima, que para ustedes eso no sea noticia y el muro sí. Por cierto, ¿Cuántos refugiados ha acogido España?, ¿No deberías ser eso también noticia? Como le digo, solo en mi barrio de Múnich creo que tenemos más de 1.400… y somos los vecinos los que pasamos muchas tardes en sus centros conociéndolos y apoyándolos. Un gran placer y una gran oportunidad tanto para ellos como para nosotros, todos nos enriquecemos mutuamente. ¿Por qué no vienen a nuestro centro y escriban sobre el trabajo de los voluntarios? Están invitados…

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