Von der Logik des Fanatismus (2)

theorie

Ernst-Dieter Lantermann: Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus.

Das Buch hilft zu verstehen, was zurzeit abgeht. Und immer schlimmer abgehen wird. Fanatismus ist mein Thema in den nächsten Artikeln.

Teil 2

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Fanatismus ist en vogue. Bzw. der Radikalismus als Vorstufe.

Einmal in der Politik – vor allem rechts (Pegida, AfD, CSU, Trump), aber auch links (Autonome, “Schwarzer Block” …). Zahlenmäßig fallen aber nur der rechte Fanatismus und Radikalismus ins Gewicht.

Aber auch in anderen Bereichen. Etwa beim Essen: ein Teil der Veganer. Oder beim Tierschutz. Auch da gibt es die fanatischen Extreme. Beim Fußball – die Ultras. Beim Nachbarschaftsstreit …

Der Islamismus der Muslimbrüder und der Salafisten ist ein weiteres Beispiel. Erdogan. “Der Islamische Staat”.

Bedingungslos kämpft man um seine Wahrheit, sein Recht, seine Ruhe – rücksichtslos, hemmungslos wehrt man sich.

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Das gab es natürlich schon immer. In Krisenzeiten mehr als in Zeiten des Optimismus.

Optimismus gibt es nicht mehr viel.

Es geht uns noch gut – in ein paar Jahren werden wir wohl feststellen, dass wir hier und heute in beinahe paradiesischen Verhältnissen, in einem Goldenen Zeitalter gelebt haben.

Aber aus der Perspektive der Verunsicherten ist das Hier und Heute schon fatal.

Hat noch jemand eine Vorstellung davon, dass die Zukunft besser werden könnte als die Gegenwart?

Die Utopien sind verwelkt.

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Ich füge etwas hinzu, was ich bei Lantermann nicht finde:

Der Fanatiker denkt in seinem Fanatismus nicht daran, dass etwas besser wird durch seine “Explosion”. Er will einfach nur das, was ihn erbittert und erbost, kaputt machen.

Wie ist das bei einem trotzigen Kind?

Es hat nicht wirklich eine Strategie. Es kalkuliert nicht umsichtig: Wenn ich mich jetzt trotzig stelle, dann geben Mama und Papa nach und ich krieg, was ich haben will.

Kann sein, dass da eine vage Hoffnung mitschwingt, aber sie ist nicht überlegt, es ist kein Plan.

Die Nebenfolgen und die mittelfristigen Auswirkungen kommen dem Trotzigen nicht in den Sinn.

Etwas Emotionales explodiert in ihm und schaltet die ratio aus.

Oder, bestenfalls, die Emotion unterwirft sich die ratio und zwingt sie in ihren Dienst.

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Erwartet jemand von der AfD oder von Trump oder von Strache oder Le Pen, dass etwas im Lande wirklich besser wird?

Nicht wirklich.

Man tut natürlich so, als ob. Aber der Glaube daran ist nicht stark. Es geht den Leuten mehr darum, sich durch ihren Radikalismus und Fanatismus selbst zu bestätigen. Selbstachtung herzustellen. Sich stark zu fühlen. Auftrumpfen können – was für ein tolles Gefühl gibt das! Wir sind wieder wer!

Das hat etwas “Halbstarkes”, Juveniles, Machomäßiges.

Dass dabei die Gesellschaft kaputt gehen könnte – ist doch nur ein Ablenkungsmanöver der Feinde.

Wir gehen doch ohnehin kaputt, wenn es so weiter geht.

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Beispiel Russland:

Den Leuten geht es ständig schlechter. Materiell. Kaum Aussicht auf Besserung.

Trotzdem halten sie zu Putin. Oder halten still.

Sie begeistern sich an nationalen Erfolgen: die Übernahme der Krim zum Beispiel. Die Weltmachtrolle, die Russland zu spielen scheint.

Wenn’s uns auch materiell schlecht gehen mag, wenigstens können wir auf Russland stolz sein – dank Putin.

Regieren andere, geht es uns auch schlecht, vielleicht noch schlechter, und nix wär’s mit der Weltmachtrolle und dem russischen Stolz darauf.

Das Materielle, so lernen wir, spielt durchaus eine Rolle. Aber nicht die Rolle, die wir, die Linken und von Marx her kommenden, zu glauben pflegen. Unsere Intuition erweist sich als irreführend.

Auch in Deutschland. Es geht denen, die rechtspopulistisch protestieren, nicht wirklich ums Materielle. Es geht ihnen um ihren Stolz. Um das Gefühl, wichtig zu sein.

Das kriegen sie im deutschen Fall nicht in Form einer Krim; sie möchten es in Form von Privilegierung gegenüber angeblich Fremden bekommen. Sie möchten was Besseres sein – und fühlen sich als was Besseres, wenn sie Flüchtlinge, Ausländer, Muslime, Migranten diskriminieren können.

Fortsetzung folgt.

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    “Das Materielle, so lernen wir, spielt durchaus eine Rolle. Aber nicht die Rolle, die wir, die Linken und von Marx her kommenden, zu glauben pflegen. Unsere Intuition erweist sich als irreführend.

    Auch in Deutschland. Es geht denen, die rechtspopulistisch protestieren, nicht wirklich ums Materielle. Es geht ihnen um ihren Stolz. Um das Gefühl, wichtig zu sein.”

    Sehr interessanter Gedanke, denn die Linkspartei versucht speziell über Sozialstaatspolitik die AfD bekämpfen zu wollen. Zudem bedeutet Nationalismus auch bereit zu sein, Opfer fürs Vaterland zu bringen–vom Materiellen bis hin zum eigenen Leben (Krieg). So kauften auch viele Deutsche trotz materiellem Mangel Kriegsanleihen und zogen mit Hurrah in den Krieg und waren bereit das eigene oder das Leben ihrer Söhne für Gott und Kaiser, Vaterland und Führer zu geben. Aber ab einer gewissen Grenze reicht es dann aber auch wieder: Siehe Oktoberrevolution in Rußland oder die Arbeiter- und Soladtenaufstände 1918, die den Kaiser stürzten und den Krieg beendeten.Aber es muss scheinbar immer erst zum Extremsten und der Katastrophe kommen, bis ein Umdenken erfolgt.

  2. An Opfer denken die, auf die ich mich da beziehe, wohl ganz zuletzt.

    Es hat eher mit dem Trotz zu tun, dem blinden bedingungslosen expressiven unerwachsenen NEIN, das sich nicht um die Folgen kümmert.

    Mit Destruktivität und Gemeinheiten macht der Ohnmächtige auf sich aufmerksam, er erzwingt Beachtung.

    Und wenn diese Gemeinheiten erst einmal kollektiv eine zeitlang erfolgreich zu sein scheinen, gewinnt er rauschhaften Stolz.

    Eine Perspektive ist dabei allenfalls in Form eines drogenähnlichen Wahns drin.

    Trotz ist ohne Umsicht, ohne Rücksicht auf die Vernunft, ohne skeptisches Abwägen von Fakten und Folgen. Auch ohne Empathie.

  3. Jakobiner meint:

    Da hast du wohl recht: Opferbereitschaft setzt die Einsicht auf negative Folgen eines Handelns vorraus. Aber umgekehrt erhoffen sich viele ja nach einer möglichen Phase der Entbehrung und der Katharsis einen besseren Zustand als den Staus Quo, ja vielleicht ein goldenes Zeitalter. Viele glauben auch nicht daran, dass es schlimm kommen könnte. Siehe Trumps “Make America great again”–man hofft auf die USA der 50er Jahre. Oder bei der AfD–man hofft auf eine Rückkehr in das 30er (Höcke)oder 50er Jahre-Deutschland (Petry).

  4. Jakobiner meint:

    Viele glauben auch nicht daran, dass es schlimm kommen könnte oder halten Warnungen davor für Feindpropaganda des etablierten Systems.Und selbst wenn: Da muss man eben durch, damit es besser wird.Also so ganz ohne die Hoffnung geht es scheinbar selbst bei Fanatikern nicht. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich als letztes.

  5. Jakobiner meint:

    Opferbereitschaft kann das Opfer um seiner selbst willen sein, als Ideal einer Sache zu dienen ohne Rücksicht auf eigene Nachteile, ja auch des Tods–siehe Märtyrer oder Revolutionäre wie Che Guevara oder Jesus Christus, die dann wegen ihrer reinen Opferbereitschaft auch Heiligen- und Ikonenstatus erhalten. Aber selbst dann ist dies oft mit einer Kosten-Nutzenabwägung verbunden. Die muss nicht immer individuell ausfallen, sondern kann auch das eigene Opfer für eine bessere Zukunft des Kollektivs oder der Volksgemeinschaft oder des Vaterlands oder der Weltrevolution und dem Paradies auf Erden sein. Oder halt 72 Jungfrauen und ein jenseitiges Leben in einem paradisieschen Schlarafenland des Himmels, das die Entbehruzngen und die Opfer des Märtyrers aufwiegt. Aber umgekehrt erhoffen sich viele ja nach einer möglichen Phase der Entbehrung und der Katharsis einen besseren Zustand als den Status Quo, ja vielleicht ein goldenes Zeitalter.

  6. Opferbereitschaft setzt (einen ggfs. sogar riesigen) Idealismus voraus. Ich opfere etwas von mir – oder sogar mich selbst – im Dienste einer Sache oder im Dienste von anderen Menschen.

    Solche Opferbereitschaft sehe ich bei uns nirgends, weder links noch rechts noch in der Mitte. Garantiert nicht bei den AfDler und Pegidanern.

    Die sind nicht einmal bereit, für den künftigen Erfolg hier und jetzt etwas zu investieren – nämlich in die Integration der Migranten.

    Opferbereitschaft zeigen zurzeit vor allem die Dschihadisten.

    Wäre ICH opferbereit? – Ja.
    Würde ich auch mein Leben opfern? – Ich hoffe: Ja. Aber das kann ich erst sagen, wenn die Situation so ist, dass ich mein Leben tatsächlich opfern müsste. (Ich denke da an eines meiner großen Vorbilder: Georg Elser.)

    Materiell bin ich auch jetzt opferbereit. Ich wäre bereit, doppelt so viele Steuern zu bezahlen oder zum halben Gehalt zu arbeiten, wenn dieser Verzicht fair und konstruktiv und nachhaltig eingebunden wäre. Wenn ich mir denken könnte, dass es dem Überleben der Menschheit dienen würde.

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