Von der Logik des Fanatismus (3)

theorie

Ernst-Dieter Lantermann: Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus.

Das Buch hilft zu verstehen, was zurzeit abgeht. Und immer schlimmer abgehen wird. Fanatismus ist mein Thema in den nächsten Artikeln.

Teil 3

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“Die Welt des Fanatikers besteht aus einfachen Wahrheiten, extremen Gegensätzen, scharfen Grenzen zwischen sich und den anderen und einem geschlossenen Glaubens- und Überzeugungssystem, das keine Differenzierungen oder Zweifel duldet.

Seine Selbstsicherheit und Selbstwertschätzung hängen davon ab, dass es ihm gelingt, sich gegen jede Wahrnehmung und Einsicht abzuschotten, die sein grandioses Bild von sich selbst erschüttern könnten.

Ein wesentliches Merkmal aller Fanatiker stellt daher ihre entschlossene Abwehr und Verschließung gegenüber allen Informationen aus der feindlichen Außenwelt dar, die mit ihrem Selbst- und Weltbild nicht kompatibel sind. ” (178)

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Wie schafft man das?

Man zieht sich von allen Menschen zurück, die die eigene Weltsicht nicht teilen. Vielleicht physisch. Vielleicht auch nur kommunikativ:  Man redet mit ihnen nicht mehr. Man streitet mit ihnen nicht mehr.

Oder man streitet sich, aber nur mit dem defensiven Ziel der Abwehr oder dem offensiven Ziel des Niederingens. Eine Debatte ergibt sich nicht, ein Dialog ist undenkbar.

Die medialen Netzräume schaffen die Voraussetzung für diese beiden Arten des Rückzugs, für die Möglichkeit, unter sich zu bleiben und sich immer nur zu bestätigen.

Und sich in den gemeinsamen Wahnvorstellungen zu bestärken.

Freie Bahn für die Eskalation.

Fakt ist nur noch, was einem passt.

Eine Korrektur von außen gibt es kaum noch.

Das ist der Weg in den Irrsinn. Denn:

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Damit geht die Fähigkeit zur Anpassung an die Wirklichkeit verloren. Die Fähigkeit zu lernen.

Lernen (Adaption) ist Assimilation + Akkomodation.

Assimilation: Der Lernende passt die von außen kommenden Informationen seinen eigenen Strukturen an.

Akkomodation: Der Lernende pass seine eigenen Strukturen den von außen kommenden Informationen an.

Das funktioniert nur im Wechselspiel. Nur, wenn es gleichgewichtig abläuft.

Wer sich selbst verschließt und immer nur Bestätigung sucht, blockiert die Akkomodation – und damit auch die Assimilation.

Ohne Lernen keine Anpassung an die Wirklichkeit.

Die größenwahnsinnige Vorstellung kommt zum Vorschein, dass wir mit unserem Willen die Welt zwingen können.

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Politisch:

Die Welt ist komplexer, unübersichtlicher, unsicherer geworden.

Die Antwort dessen, der sich verweigert: Radikale Komplexitätsreduktion via Abschottung, Aufbau einer Parallelwelt, Fanatismus!

“In einer freiwilligen Selbstverschließung der Gesellschaft gegenüber neuartigen, Chancen oder Risiken, Sicherheit oder Unsicherheit verheißenden Informationen und Ereignissen läge womöglich die größte Gefahr für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, die ihr Handeln immer stärker von der Dynamik des Fanatismus bestimmen ließe.” (180)

Fortsetzung folgt.

Aber erst einmal muss ich Seehofers Trump-Lob und die Frage, ob Fillon in Frankreich tatsächlich eine Alternative zu Le Pen ist, kommentieren.

 

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Und die Facebook-Algorithmen helfen kräftig mit:
    http://m.spiegel.de/spiegel/a-1122311.html

  2. Jakobiner meint:

    Rede bei einer Anti-AfD-Demo

    Wir stehen hier gegenüber der Veranstaltung der AfD, die wie viele verharmlosend „rechtspopulistisch“ genannten Parteien für Nationalismus, Sozialabbau, Sexismus, Homophobie steht, zurück zu den alten Energien inklusive Atomkraft will, aus der EU austreten will und eine autoritäre Herrschaft anstrebt, wieder die Wehrpflicht, ein Massenheer und einen neuen deutschen Militarismus will.. Diese Entwicklung sehen wir überall auf der Welt und Grund hierfür ist, dass der Weltmarkt und die Globalisierung die Entwicklungen allerortens synchronisiert.

    Nach dem Fall des Kommunismus obsiegte der westliche Kapitalismus und in den 90er Jahren nahm die Globaliserung volle Fahrt auf und mit ihr eine neoliberale Agenda, die auf Privatiserung des Wohnungsbau, der Daseinsvorsogre,Deregulierung der Finanzmärkte , Sozialabbau und Lohnkürzungen setzte und von allen etablierten Parteien mitgetragen wurde.Der Globaliserungsboom dauerte nur ein Jahrzehnt und erste Krisenerscheinungen traten mit dem Crash der New Economy, der Sättigung der emerging markets und Schwellenländer und schließlich mit der Finanzkrise 2008 zutage und sie werden sich wiederholen und auch noch vertiefen, da sie wie die Mangelwirtschaft in einer Planwirtschaft eben genauso dem Kapitalismus systemimmanent sind, genauso wie der Schwarze Freitag 1929 dem Kapitalismus systemimmanent war, so auch die Finanzkrise 2008 und die noch schlimmer kommenden Krisen, die eben keine Zufälle und Betriebsunfälle oder Anomalien sind, sondern eben dem kapitalistischen System immanent sind. Das wusste jeder, der einmal ins verbotene Buch Das Kapital von Karl Marx reinliest, das aber von den neoliberalen Mainstreamökonomen,- politikern und -medien als irrelevant angesehen wird.

    Der postkommunistische Boom des Kapitalismus ist nun folgerichtig von Stagnation und weiteren Krisen abgelöst worden, auch in den BRICS-Staaten.Genauso wie die kommunistische Planwirtschaft Mangelwirtschaft und Unfreiheit bedeutet, so zeichnet sich die kapitalistische Wirtschaft des Westens durch Wirtschafts- und Finanzkrisen aus, durch Konzentration von Eigentum, durch Prekarisierung und sozialen Abstieg der Arbeiter und auch der Mittelschichten, steigende Mieten und Immobilienspekulation, die dann eben auch neue politische Bewegungen und Parteien hervorbringen, die sich als Schutzmacht der kleinen Leute versprechen und zunehmend auf Nationalismus „America first“, „Britain first“, „Germany first“, “Russia first”, “China first”, “Philipines first” und was auch immer setzen.

    Max Horkheimer sagte einmal „Wer vom Faschismus redet und nicht vom Kapitalismus, soll lieber schweigen“. Das Wiederaufkommen rechtsextremer Parteien und Bewegungen sowie des Nationalismus liegt im Wirtschaftssystem begründet. Solange es keine andere Gesellschaftsentwürfe gibt oder wieder diskutiert werden, können Demokraten nur die politischen und sozialen Exzesse dieses Systems versuchen einzudämmen und zu mildern.Wir befinden uns im wesentlichen in einem Abwehrkampf und dieser ist mit der Wahl Trumps und dem Sieg der Brexitbefürworter nicht leichter geworden.

    Um uns herum sehen wir die rapide Erosion der Nachkriegsordnung und Trump stellt inzwischen auch alle Nachkriegsinstitutionen von EU. NATO, IWF, Weltbank, WTO, UNO auf den Prüfstand und zur Disposition.In Deutschland erhofft sich die AfD nun Zulauf. Die US-Politik im Nahen und Mittleren Osten, der Irakkrieg 2003 und dann der übereilte Rückzug des US-Militärs unter Obama haben diese Region in ein Trümmerfeld und Nährboden für islamistischen Terror verwandelt, vor den nun breite Flüchtlingsströme Richtung Europa drängen.

    In Afrika hat die Wirtschaftspolitik des Westens und auch der EU, die Freihandelsabkommen zuungunsten der afrikanischen Staaten abschloss, subventionierte Nahrungsmittel in die afrikanischen Länder exportierte, deren Fischgebiete mit Hochseeflotten leerfischt und den bäuerlichen Existenzen so ihre Existenz nimmt, für viele die Lebensumstände derart verschlechtert, dass sie nun den Weg nach Europa suchen.

    Die neuen rechtsextremen Parteien setzen nun auf Nationalismus und Wirtschaftsnationalismus. Sie forden die völlige Entsolidarisierung der Gesellschaft, wie auch der internationalen Staatengemeinschaft. Es soll wieder wie bei Hobbes ein Krieg jeden gegen jeden werden, die Menschen und die Staaten als Wolfsmenschen, die einander bekämpfen und das sozialdarwinistische Recht des Stärkeren gilt und die Schwächeren und Andersdenkenden unterdrückt und aussortiert werden. Wo Wirtschafts- und Handelskriege sowie Kriege zum bevorzugten Mittel der Auseinandersetzung werden.

    Dem kann man nur den Gedanken der Toleranz, Mitmenschlichkeit, des Humanismus, der Solidarität, des Internationalismus, des Kosmopolitismus entgegenhalten sowie eine Sozialpolitik, die Rechts- und Sozialstaat sichert.Aber alle Demokraten sollten auch wieder über andere Wirtschafts- und politische Systeme nachdenken, damit die Rechtextremen nicht als alternativlos erscheinen.

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