Von der Logik des Fanatismus (4)

theorieErnst-Dieter Lantermann: Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus.

Das Buch hilft zu verstehen, was zurzeit abgeht. Und immer schlimmer abgehen wird. Fanatismus ist mein Thema in den nächsten Artikeln.

Teil 4

12

Lantermann sieht den Fanatismus in Zusammenhang mit der Tendenz, sich in sichere Gemeinschaften zurückzuziehen.

Es gibt sie als Kommunikationsgemeinschaften, etwa im Internet: Paralleluniversen, in denen die Teilnehmer nur noch Bestätigung suchen – und finden – und kaum noch einen Austausch mit jenen suchen, die anders ticken als sie.

Es gibt sie als “gatted communities”, als “geschlossene Wohnkomplexe” für relativ wohlhabende, privilegierte Gruppen.

Man will unter sich sein.

Ist die Sicherheit dieser sich abschließender Gruppen dadurch wirklich größer geworden?

Grade die Abschließung erzeugt und vermehrt die Angst, von außen angegriffen zu werden. Auch die Bösen, Begehrlichen draußen rüsten auf, um auf Werte der “geschlossenen Wohnkomplexe” zugreifen zu können.

“Angreifer” drohen hier, nebenbei bemerkt, immer auch von innen …

Auch die geschlossenen Kommunikationsgruppen spüren den Druck von außen und werden zunehmend unfähig, damit hinreichend konstruktiv umzugehen. Denn mit der Lernverweigerung verdummen sie.  Die Lebenstüchtigkeit nimmt ab. Die Identität erodiert.

Sicherheit wird zur Obsession. Womit das Sicherheitsgefühl ständig sinkt.

Eine abgeschlossene, sichere Welt – ist eine utopische Vorstellung. Kein erreichbarer Ort.

Die Abschottung wird selbst zum Sicherheitsrisiko.

Die Angst wächst – und mit ihr die Obsession, sich noch stärker abgrenzen und die Mauern noch höher ziehen zu müssen.

Damit wächst der Fanatismus.

13

Lantermann nennt folgende psychologische Typen, die für Fremdenfeindlichkeit besonders anfällig sind:

Die verhärteten Selbstgerechten: Sie leben in ökonomisch und beruflich gefestigten Verhältnissen, blicken aber misstrauisch in die Zukunft, sehnen sich nach vergangenen Zeiten zurück, sehen ihren Erfolg durch moderne Entwicklungen – und nicht zuletzt durch die Einwanderung, die “Fremden”, gefährdet.

Die Beleidigten: Sie leben in finanziell, beruflich und sozial prekären Verhältnissen, es fehlt ihnen (anders als den “Selbstgerechten”) an Bildung und Qualifikation, sie halten sich für die Verlierer und nehmen die Einwanderer als Sündenbock dafür. Ihr Ressentiment geht nicht nur gegen Ausländer, es tendiert dazu, allgemein zu werden.

Die Verbitterten: Sie haben Bildung, Qualifikation – und leben dennoch in prekären Verhältnissen. Sie sind Modernisierungsverlierer. Ihr Lieblingsfeind scheinen die Muslime zu sein. Die Verbitterten sehen sich selbst als aufgeklärt und tolerant und in den Muslimen den Todfeind der Aufklärung und Toleranz.

Die grollende Elite: Sie sind quantitativ nur wenige, aber sehr wirksam im öffentlichen Raum. Beispiele: Sarrazin, Sloterdijk, Schwarzer.

Betrachtet man sich die jüngsten Erkenntnisse über die Wähler der AfD, so müsste die Gruppe der “verhärteten Selbstgerechten” besonders groß sein: AfD-Wähler verdienen im Durchschnitt etwa so viel wie CSU-Wähler und deutlich mehr als SPD- und Linke-Wähler.

14

Was gewinnen Fremdenfeinde durch ihre Fremdenfeindlichkeit?

Ich zitiere:

- Fremdenfeindlichkeit schafft ein neues Wir-Gefühl, eine feste soziale Identität und Zugehörigkeit zu allen denen, die sich auch als Fremdenfeinde zu erkennen geben.

- Fremdenfeindlichkeit rechtfertigt Verhaltensweisen, die man eigentlich nicht für legitim oder mit den eigenen Prinzipien und Werten vereinbar halten würde. Innere Zweifel über die Moralität des eigenen Denkens und Handelns treten daher erst gar nicht auf.

- Fremdenfeindlichkeit bietet klare Orientierungen und festes Wissen. …

- Hass verleiht Sinn.

- Frendenfeindlichkeit erleichtert die Vertrauens- und Misstrauensbildung. Wer fremdenfeindliche Haltungen rechtfertigt, propagiert oder zum Programm erhebt, den halten Fremdenfeinde für vertrauenswürdig …

- Fremdenfeindlichkeit hebt das Selbstwertgefühl. …

Fremdenfeindlichkeit reduziert insofern zunächst das Gefühl der Unsicherheit in unübersichtlichen Sozialverhältnissen. Und verschafft dem bedrängten Herzen die Möglichkeit, seinen Hass, seine Wut, sein Ressentiment auszuleben.

Dieser Verlust von Anstand setzt voraus, dass man den Anderen depersonalisiert – und Fremdenfeindlichkeit bewirkt genau diese Depersonalisierung.

Und die Spaltung der sozialen Welt in die Wir-Gruppe und die feindliche, fremde Gruppe der Anderen.

Fortsetzung folgt

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*