Von der Logik des Fanatismus (5)

theorieErnst-Dieter Lantermann: Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus.

Das Buch hilft zu verstehen, was zurzeit abgeht. Und immer schlimmer abgehen wird. Fanatismus ist mein Thema in den nächsten Artikeln.

Teil 5 (und Schluss)

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Fanatismus ist “heißes Denken”.

Im Stress stehend tendieren wir dazu, intensive Gefühle zu entwickeln, die es uns nicht mehr erlauben, kühl zu beobachten und besonnen zu operieren.

Unsere Denkfreiheit wird extrem eingeschränkt. Das Denken automatisiert sich. Das Gefühl diktiert der Vernunft, was nun gilt.

Unter diesem Diktat sucht das Gehirn nur noch Bestätigungen. Widersprechende Informationen oder logische Fehler werden ignoriert.

Aufmerksamkeit finden nur solche Informationen, die dem Selbstwertgefühl dienen.

Das Denken vemeidet jetzt jede Reflexion, jeden Zweifel. Zweifel wird als schädlich gesehen, als Gefahr.

Das Denken polarisiert nun extrem und binär. Manichäisch. Entweder – oder. Etwas anderes gibt es nicht.

Die Gefühle regieren auch über das Gedächtnis. Alle Erinnerungen, die dem heißen Bedürfnis des Moments widersprechen, werden getilgt.

Tunnelblick: Man reduziert die komplexen Situationen radikal auf die momentane Obsession und das, was für sie relevant zu sein scheint.

Resümee: Das Denken wird totalitär.

Dazu passt dann politisch eine autoritäre charismatische Führerfigur und ein autoritäres Regime.

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Schlussüberlegungen  (meinerseits)

Ich sehe das alles nicht moralisierend. Menschen sind immer so, wie sie aufgrund der Umstände sein müssen.

Also frage ich mich: Welche Umstände machen die Menschen so?

Was bringt sie dazu, heiß, also fanatisch zu denken?

Was in der Erziehung trägt dazu bei, dass so viele anfällig sind für fanatisches Denken?

Was in den sozialen Verhältnisse führt dazu?

Was in den kulturellen Verhältnissen führt dazu?

Das führt über dieses hier eher psychologisch angepackte Thema hinaus.

Auch die Frage, wie wir, wenn wir an den Umständen nichts oder wenig ändern können, auf den zunehmenden Fanatismus reagieren sollen.

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    Ein exotisches Beispiel für diesen Fanatismus sind die Reichsbürger.Wie man erfahren kann, rekrutieren sich Reichsbürger vor allem aus Menschen, die „Probleme mit den Behörden“haben. Das kann von der Insolvenz und der Zwangsräumung, GEZ-Gebühren bis hin zu Führerscheinentzug wegen Trunkenheit oder Verkehrsstrafen reichen.In einem Gutteil der Fälle handelt es sich um Opfer kapitalistischer Konkurrenz, die pleite gingen oder in finanzielle Schwierigleiten kamen.Aber anstatt hier eine antikapitalistisch-linke Alternative zu suchen, versuchen sie sich aus ihrer Notlage mittels reaktionärer, rechter Konzepte zu befreien, wollen wieder Herr im eigenen Haus sein und rufen einen Staat aus, dessen Staatsführer sie selbst oder ein ein anderes selbsternanntes Staatsoberhaupt mit eigenen Titeln, Reichspass und Staatsinsignien der eigenen Staatsmacht sein soll.Zuerst wurden die Reichsbürger nur als Querulanten und Spinner abgetan, zu abwegig erschien der Staatsmacht, dass es Leute gab, die diese in ihrer Legitimation infrage stellten und auch danach handelten, zumal der Großteil dieser Leute ja auch bisher steuerzahlende, friedliche Mitbürger und Untertanen von nebenan waren, die sich erst infolge von finanziellen Schwierigkeiten, die der Kapitalismus eben hervorbringt radikalisierten.

    Solche Bewegungen gab es auch schon von linker Seite, wie etwa die Freie Republik Wendtland oder die Kommune Christiania oder die Hausbesetzerszene in Hamburg und Berlin, die sich da eigene Biotope und „rechtsfreie Räume“schufen.Hierbei verfolgte man aber emanzipatorische, humanistische Projekte. Die Reichsbürger jedoch berufen sich auf ein früheres Deutsches Reich, sind also geschichtsrevisionistisch, reaktionär und nationalistsch und teils auch großdeutsch. Die BRD wird als Unrechtsstaat, als von den USA besetzter Staat und als GmbH/Firma gesehen, die kein legitimer deutscher Staat sei , keinen Friedensvertrag habe,man sich deswegen noch im Kriegszustand befinde und die Bundesbürger seien nur Opfer der Reeducation der Besatzungsmächte und gehirngewaschen, während der Reichsbürger dies erkannt hat. Als Reaktion darauf rufen Reichsbürger ihren eigenen Staat aus, grenzen ihr Haus als Reichsgebiet, oft mit eigenem Wappen ab und verweigern Steuerzahlungen, Gehorsam und delegitimieren die Staatsmacht symbolisch oder dann eben auch mittels physischer Gewalt.Da es nun die ersten Opfer seitens der Staatsmacht gab, wird nun der Ruf laut, die Sache ernster zu nehmen und die Staatsmacht will mit ihren SEKs nun zeigen, dass sie die eigentliche Macht im Staate ist und das Gewaltmonopol hat.

    Man muss jedoch sehen, dass die Reichsbürger nicht aus einem luftleeren Raum entstammen. Diese Ideologie, das Recht in die eigene Hand zu nehmen propagieren ebenso solche Vigilantenfilme wie “Ein Mann sieht rot”mit Charles Bronson oder die ganzen Clint Eastwood-Dirty Harryfilme, wie auch die Milizenbewegung in den USA, die AfD, wenn sie zur Selbstbewaffnung der Bundesbürger aufruft und die zahlreichen Verschwörungsseiten im Internet und den sozialen Medien, libertäre Egomanen und Ayn-Rand-Jünger wie eben auch Neoliberale und Konservative. Und auch die CSU leistet solchen Ideologien Vorschub–hierzu noch ein Artikel von Global Review aus dem Jahr 2012, der sich mit der libertären Ideologie, wie sie auch vom Bayerischen Rundfunk verbreitet wurde beschäftigt anhand des Films „Empire me—der Staat bin ich“. Näheres siehe unter:
    http://www.global-review.info/2016/12/01/reichsburger-untertanen-grunden-ihren-eigenen-staat/

  2. Ernst- Dieter Lantermann meint:

    Sehr geehrter Herr Brux,
    Herzlichen Dank für Ihre differenzierte Kommentierung meines Buches ” Die radikalisierte Gesellschaft”, auch die von Ihnen vorgetragenen kritischen Punkte teile ich mit Ihnen. Wir alle können nur hoffen, daß die Zivilgesellschaft sich entschlossen aufmacht, diesem erstarkten Populismus ihre eigene Kraft entgegenzusetzen. Ihr Blog ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel dafür.
    Mit freundlichem Gruss
    Ernst-Dieter Lantermann

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