“NEBEN uns die Sintflut” (Lessenich) – Teil 2

theorieWir leben in einer Externalisierungsgesellschaft.

Die hat ihren Preis.

Ein Preis ist: Unsere Opfer kommen zu uns.

Die globalen Fluchtbewegungen nehmen zu.

Stephan Lessenich, “Neben uns die Sintflut”  liefert eine Theorie, die das Geschehen erklären kann.

Zum ersten Teil.

Hier folgt die erste Fortsetzung

—-

EXTERNALISIERUNG

Etwas aus dem Inneren wird nach außen verlagert.

Beispiel: Eine Produktion verbraucht gratis Wasser als öffentliches Gut und gibt es dann schmutzig und giftig an die Allgemeinheit zurück.

Lessenich:

“Die reichen, hochindustrialisierten Gesellschaften dieser Welt lagern die negativen Effekte ihres Handelns auf Länder und Menschen in ärmeren, weniger ‘entwickelten’ Weltregionen aus.”

Das geschieht systematisch und und prinzipiell.

Wir können es – und wir können nicht anders.

Wenn es möglich ist, Kosten und Lasten auszulagern, tut man es.

Und es ist möglich gegenüber Ländern, die nicht stark genug sind, sich dagegen zu wehren.

Die große Mehrheit der Gewinner ist damit einverstanden.

Umweltschäden katastrophalen Ausmaßes (etwa durch Entwaldung oder Vergiftung des Grundwassers), brutalste Ausbeutung (etwa in der asiatischen Textilindustrie), Ruin des Fischbestands der Meere und Ruin der lokalen Fischer … Es stört ein bisschen, wenn man davon hört, aber es kümmert uns nicht sonderlich.

Bis uns die Folgen direkt erreichen.

Bis sich unser bisher nur halbbewusstes, unterschwelliges Rendevous mit der Globalisierung unmittelbar aufdrängt.

Die Illusion des globalen Aufstiegs, des trickle-down-Effekts, des globalen Fahrstuhls nach oben – ist geplatzt.

Da hilft auch die Nachricht nicht, dass dank der Entwicklung in China und in Teilen Indiens insgesamt die Armut gesunken sei.

Reichtumsproduktion ist immer auch Armutsproduktion.

Die Externalisierung gehört zu den Grundprinzipien des Kapitalismus.

Er MUSS wachsen. Er KANN NICHT stillstehen. Er MUSS sich ausdehnen, immer neue geographische Regionen und immer neue gesellschaftliche Bereiche erfassen, einbeziehen in seinen rentablen Kapitaleinsatz.

So wird die ganze Welt sein Revier, und so werden alle Aspekte des Lebens sein Revier. Alles muss kommerzialisiert werden.

Der Kapitalismus kann nicht anders.

Um sich zu erhalten, muss er in die letzten Winkel der Erde vordringen, muss er auch noch die letzten Menschen zum Teil seiner Akkumulationsbedürfnisse machen (bzw. diejenigen, die absolut nicht dafür geeignet sind, ausscheiden).

(Das gilt auch nach innen. Die Kommerzialisierung muss auch unser Privatleben, unser Intimleben durchdringen. Aber das ist ein anderes Thema.)

Seit einigen Jahren eignet sich das Kapital global die Landwirtschaftsflächen an. (Ich habe das in meinen Artikeln zum “land grabbing” aufgegriffen.)

Der moderne, globalisierte Kapitalismus kennt keine immanenten Grenzen, weder für die Einverleibung in die Wertschöpfung noch für die Auslagerung der Kosten, für die Externalisierung.

Die Nebenfolgen und langfristigen Folgen werden ignoriert. Was zählt, ist der Profit hier und jetzt.

Adam Smith hat die platte ideologische Formel geliefert: Irgendwie regelt “der Markt” alle Egoismen zum Guten durch die “unsichtbare Hand”.

Eben durch Externalisierung der Folgen des egoistischen Handelns.

Wenn der Erfolg HIER zu einem Verlust DA führt, was macht man? – Erstens schaut man weg. Zweitens schiebt man die Schuld von sich weg und dem Verlierer zu. Drittens erwartet man, dass sich das unter der Hand schon irgendwie zum allgemeinen Guten regeln wird.

Das Asymmetrische an dem Verhältnis zwischen Gewinner und Verlierer ignoriert man. Dass es vor allem mit Macht, mit Übermacht zu tun hat in der Konkurrenz.

Der Kapitalakkumulation geht eine Machtakkumulation voraus. Politische und ökonomische Macht gehen Hand in Hand.

Um die Kosten auslagern zu können, muss man – STÄRKER sein. Den andern mit Machtmitteln “überzeugen” können.

So kommt es zum “ungleichen Tausch” und zum Eindruck, der globale Markt sei fair.

Fortsetzung folgt.

Kommentare

  1. Wer weiss, vielleicht hilft es uns ja bei der Sensibilisierung und der Bereitschaft zur Problemlösung wenn “die humanitären Folgen unseres Handel(n)s uns heimsuchen?

    Das globale Dorf in Europa!

    Wer ist dieser Vielvölker-Cocktail?
    Man nehme:

    290.000 Algerier
    242.000 Portugiesen
    228.000 Marokkaner
    110.000 Tunesier
    080.500 aus Guadeloupe
    077.000 aus Martinique
    069.000 Türken
    062.000 Chinesen
    055.500 aus Mali
    055.000 aus Bella Italia
    049.000 von der Elfenbeinküste
    047.000 aus dem Senegal
    047.000 Spanier
    043.000 Kongolesen
    040.000 Polen

    Kleinere Mengen von Migranten, z.B. ein mittleres deutsches Dorf, ein britisches Village, werden hier nicht extra aufgeführt…

    Frage:
    Was ist das? Selbst für die hochgelobte internationale Multi-Kulti-Metropole München sind das ein paar globale Köpfe zuviel.

    Antwort:
    Wenn man zu den o.g. rund 1,5 Mio Menschen aus aller Welt noch 7,5 Mio Franzosen dazu zählt, dann entspricht die Mischung in der Summe dem Zensus von Île-de-France, der Großregion Paris des Jahres 2012. Hätten Sie’s gewußt?

    Inzwischen sind noch ein paar Millionen dazu gekommen. Für 2014 wird die Einwohnerzahl bereits mit 12 Millionen angegeben, ein Zuwachs von 2 Millionen in zwei Jahren.

    2006: 35%, jeder Dritte Einwohner des Großraums Paris, war entweder selbst migriert (17%) oder hatte mindestens ein Elternteil (18%), das nicht in Frankreich geboren war. Die Zahlen sind zehn Jahre alt, die Aktualität wird vermutlich entsprechend höhere Werte aufweisen?

    ______
    https://en.wikipedia.org/wiki/%C3%8Ele-de-France

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*