“NEBEN uns die Sintflut” (Lessenich) – Teil 4

theorieWir leben in einer Externalisierungsgesellschaft.

Die hat ihren Preis.

Ein Preis ist: Unsere Opfer kommen zu uns.

Die globalen Fluchtbewegungen nehmen zu.

Stephan Lessenich, “Neben uns die Sintflut”  liefert eine Theorie, die das Geschehen erklären kann.

Zum ersten Teil.

Zum zweiten Teil.

Zum dritten Teil.

Zur “Philosophie” der Externalisierungsgesellschaft

Grundlage unserer Ethik und der darauf aufbauenden Rechts- und Sozialordnung ist die Verallgemeinerbarkeit.

Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.

Kant hat diese Regel im kategorischen Imperativ zugespitzt. Die Vernunft sieht darauf, ob etwas tatsächlich allgemein gelten kann. Erst dann kann es als vernünftig gelten.

Externalisierung ist aber grundsätzlich nicht verallgemeinerbar.

Externalisierung funktioniert nur, wenn man den andern zum Opfer machen kann.

Externalisierung braucht ein “Außen”, das zugleich ein “Anderes” ist, ein “Fremdes”, das man als nicht zugehörig und nicht gleichwertig zum Opfer machen kann.

Externalisierung zielt auf Exklusivität.

Also, was kümmert es uns, wenn die in Brasilien oder in Mali oder in Indien oder in Griechenland darben und zu Grunde gehen?

Selber schuld. Warum machen sie es nicht so wie wir?

Wir sind nicht verantwortlich für das Versagen der anderen.

Egal, wir brauchen uns nur um uns selber zu kümmern. Grenzen zu!

Aber Grenzen auf bei den anderen für alle unsere Exportprodukte, für unsere Wirtschaftsstrategien, für unser Kapital,  für unsere Kulturleistungen, auch für den Tourismus! Sollen sie doch dankbar sein für alle diese Segnungen und lernen, es genauso zu machen wie wir!

(Ha ha, gottseidank können sie nicht – denn könnten sie es, könnten wir nicht mehr externalisieren … wären wir auch nicht mehr oben …)

Lessenich liefert charakteristische Beispiele aus dem Bereich des Agrobusiness. Soja, die Killerbohne. Monokulturen. Chemiekeulen. Die Ölpalme. Brandrodungen. Die wassergierige Baumwollproduktion. Das Aquafarming. Landgrabbing.

Dazu kommt der schmutzige und giftige Rohstoffabbau mit seinen eigenen Katastrophen. Die schmutzigen und giftigen Produktionsvorgänge bei der Verarbeitung.

Auch der (wenn das Wetter ihn erlaubt) blaue Himmel über Deutschland verdankt sich zum Teil der Externalisierung der ökologischen Kosten in die Peripherie.

Dazu kommt die brutalste Ausbeutung der Arbeitskraft, die uns zum Beispiel deutlich werden könnte an den Desastern in Bangladesch. Die uns u. a. mit superbilligen Textilien versorgt.

Die reichen Nationen leben nicht über ihre eigenen Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse von Milliarden Menschen im Süden.

Wie nennt man diejenigen, die da auch ein philosophisches Problem spüren? Die sich denken, dass wir hier anderen etwas tun, was wir nicht möchten, dass sie uns tun?

Gutmenschen.

Für Anstand wird man von den Barbaren unter uns verachtet.

Das Unanständige wird populär.

Fortsetzung folgt.

 

 

Kommentare

  1. Leo, das kann ich alles unterschreiben und du machst dir die ganze Mühe, aber darin steht doch kein einziger neuer Satz?
    Der Skandal ist, daß dies alles seit mindestens zwanzig Jahren bekannt ist, sich aber bisher nichts ändert, sondern leider eher negativ zuspitzt.
    Wenn aber dein Anliegen war, etwas zeitloses zu schreiben, dann ist dir dies zweifellos gelungen?
    ______
    PS: Was sagst du als GRÜNER zu der Schlafwagentruppe, Verzeihung zum Spitzenkandidatenpärchen, für die Bundestagswahl am 24. September? Werden diese Beiden die GRÜNEN über oder unter die 10% bringen?

  2. Den Cem hab ich selber gewählt. Ich finde ihn ziemlich lebendig, lieber almabu.

    Was Lessenich angeht, so behaupte ich: Das liest sich einigermaßen “neu”. Auch wenn es natürlich anknüpft und weiterentwickelt, was schon lange Thema ist.

    Wie ist das zum Beispiel mit Amerika-Kritik? Sollte man auf die künftig verzichten, weil sie ja doch schon seit Jahrzehnten formuliert wird?

  3. Dann gehörst du ja zu der 21% Minderheit der GRÜNEN-Mitglieder, die ihrem Parteivorsitzenden das Vertrauen und Mandat als männlicher Spitzenkandidat ausgesprochen haben, Glückwunsch Leo!

    Ich will weder den Lessenich noch deine Mühen abwerten, versteh’ das bitte richtig! Mich macht nur rasend, daß wir bei dem Thema trotz bester Problemanalysen nicht wirklich weiter, nicht voran kommen. Wir reden halt drüber…
    Jede Form von Kritik sollte zeitnah bewertet und zutreffend sein. Eine Jahrzehnte lang gepflegte “Kritik aus Gewohnheit” ist wirkungslos und somit letztlich sinnlos wenn sie nicht mehr zutreffend begründbar ist.

  4. Trumpist meint:

    Trump, oh yeaaaahhhhhh!

    Höcke für Deutschland!!!

  5. Jakobiner meint:

    Off-Topic zu Höckes Nazirede:

    Interessant, wie Jürgen Elsässer den Höcke zu rechtfertigen sucht:

    „Dabei hat Martin Walser bei der Verleihung des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ im Oktober 1998 ion seiner Dankesrede ganz ähnlich, vielleicht noch schärfer argumentiert. Walser wörtlich: „In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande.“ Walser sprach gegen die „Instrumentalisierung des Holocausts“, Auschwitz dürfe nicht zur „Moralkeule“ verkommen, die „Dauerpräsentation unserer Schande“ werde dazu instrumentalisiert, den Deutschen wehzutun oder gar politische Forderungen daraus abzuleiten.

    Auch Spiegel-Gründer und – Herausgeber Rudolf Augstein formulierte damals ganz ähnlich: Dieses „Schandmal“ sei „gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland“ gerichtet. Augstein bedauerte die Rückgratlosigkeit der Regierenden: „Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität“.

    Nichts verdeutlicht den Niedergang der politischen Kultur und Meinungsfreiheit in Deutschland mehr als der Umstand, dass es für Walsers Rede im Oktober 1998 „standing ovations“ gab – auch die versammelte Regierungsspitze einschließlich des Bundeskanzlers Gerhard Schröder und vieler Minister erhoben sich von den Plätzen. Wenn heute aber ein AfD-Politiker dasselbe sagt, wird von einer „Nazi-Rede“ gesprochen(…) Wo bitteschön hat den Höcke Geschichtsrevisionismus betrieben? Er mahnt eine Erinnerungskultur an, wo AUCH der deutschen Opfer würdig gedacht wird. Jedes andere Volk macht das ebenso. Oder gibt es ein Denkmal für die ermordeten Armenier in Ankara, ein Denkmal für die ermordeten Indianer in Washington, ein Denkmal für die ermordeten Dresdner in London? Höcke fordert nicht Revisionismus, sondern NORMALITÄT für Deutschland: Nicht über, aber auch nicht unter anderen Völkern wollen wir sein!.“

    https://juergenelsaesser.wordpress.com/2017/01/18/kesseltreiben-gegen-hoecke-nach-dresdner-rede/

    Zum einen zeigt sich eben, dass der deutsche Nationalismus sich weiter als nur in Kreisen der AfD bemerkbar macht, sei es nun die versammelte Großbourgeosie bei der Walserschen Friedenspreisverleihung, Walser oder Augstein selbst.Zum zweiten wäre die Forderung, dass die USA eben auch ein Indianergenozidmahnmal und die Türken eben ein Armeniergenozidmahnmal aufstellen und nicht so zu tun als wäre ein Holocaustmahnmal keine Normalität, die man anstreben sollte. Da wird es eben schon wieder geschichtsrevisionistisch–Motto: Wenn die anderen Völker Genozide begehen und keine Mahnmalke haben, dann können auch die Deutschen einen Holocaust und 2 Weltkriege beginnen ohne ein Mahnmal zu haben.Tendenziell sprechen sich also Nationalisten dafür aus, Völkermorde und Genozide im Namen des eigenen Volkes an anderen Völkern zu begehen ohne daran von der Geschichte daran erinnert werden zu müssen. Das soll dann Normalität werden.Zumal fragt sich auch, was die Konsequenz dieser Kritik sein soll: Dass man das Holocaustmanhmal und andere Gedenkstätten und Mahnmäler jetzt wieder abreisst und beseitigt, damit “Normalität”hergestellt werden kann?

  6. zu Trumpist:

    Da kommt zusammen, was zusammengehört.

    Auch in der Form ist dieser Beitrag charakteristisch.

    Zu Jakobiner und Höcke: Die Höcke-Rede ist einen Artikel wert. Morgen.

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