Hannah Arendt zum heutigen Rechtspopulismus. Teil 1

theorieDie große Philosophin und Politikwissenschaftlerin ist schon lange tot. Sie lebte 1906 bis 1975.

1951 kam ihre 1000 Seiten starke Analyse des Nationalsozialismus/Kommunismus/Totalitarismus heraus: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.

Die Welt hat sich seither gewaltig verändert. Einen Hitler, einen Stalin, eine NSDAP und eine KPdSU (stalinistischer Prägung) kann es nicht mehr geben.

Aber Nachfolger. Enkel. Weiterentwicklungen. Zeitgenössische Varianten.

Darum lässt sich aus der Geschichte lernen.

Ich bringe in diesem ersten Beitrag mal nur einige Zitate aus dem Kapitel “Totalitäre Propaganda”. (In meiner alten 1986er TB-Ausgabe vom Piper-Verlag ist das Seite 546-575.)

Sie beziehen sich auf den Erfolg der faschistischen und kommunistischen Propaganda VOR der Machtübernahme.

1

Die Massen, mit welchen es totalitäre Propaganda zu tun hat, leiden “an einem radikalen Schwund des gesunden Menschenverstandes und seiner Urteilskraft sowie an einem nicht minder radikalen Versagen der elementarsten Selbsterhaltungstriebe.”

Anders als “Materialisten” und “Utilitaristen” meinen, geht es diesen Massen nicht um ein Abwägen ihrer (irdischen) Interessen. Die werden ihnen in der Krise eher gleichgültig.

Den Sinn für ihre (irdischen) Interessen haben sie “im Chaos individueller, nicht transformierbarer Interessen” verloren.

Im Falle der Nazis und der Kommunisten haben sich die Fanatiker in die “unheimliche Welt absoluter Selbstlosigkeit” gestürzt: in die Bereitschaft, ihr individuelles Leben zu opfern für das große Ziel.

Die extreme Risikobereitschaft der Rechtspopulisten heute ist sicherlich nicht mehr von Selbstlosigkeit geprägt. Darauf komme ich zurück.

2

Die Führer der totalitären Bewegung gewinnen ihre magische Macht vor allem durch die Fähigkeit, die Leute glauben zu machen, unfehlbar zu sein, allwissend.

Alles kommt so, wie sie es vorhersehen und vorhersagen.

Auch hier liegen die Verhältnisse heute etwas anders.

3

“Bevor die Massenführer die Macht in die Hände bekommen, die Wirklichkeit ihren Lügen anzugleichen, zeichnet sich ihre Propaganda durch eine bemerkenswerte Verachtung für Tatsachen überhaupt aus.

In dieser Verachtung drückt sich bereits die Überzeugung aus, dass Tatsachen nur von dem abhängen, der die Macht hat, sie zu etablieren. “

Geschrieben 1951!

Haben sie einmal die Macht, bestimmen sie von oben, was Tatsache ist und was nicht.

Haben sie die Macht noch nicht, bauen sie mit ihren Anhängern eine sich rigoros abschließende Welt von Lügen auf. In ihr herrscht Sicherheit, absolut sicheres Wissen – Fakt ist nur, was “uns” (= der Bewegung) nützt.

4

Ob  die Verhältnisse nach einem Sieg wirklich besser werden, interessiert kaum. Die Massen sind “nur am Sieg als solchem, am Erfolg überhaupt interessiert. Es geht ihnen nie um die Sache oder eine bestimmte Unternehmung, sondern um den Sieg ganz gleich welcher Sache und um den Erfolg welchen Unternehmens auch immer.”

Ein Gedanke, der mir neu ist und den ich erst einmal in Ruhe überdenken muss.

5

“Vom Mob … hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum ihrer Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen, wobei die objektive Bedeutung der gewählten Themen ganz unberücksichtigt bleiben kann.

Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an die Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder die offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken.”

Fortsetzung folgt.

Wie gesagt, das ist Analyse aus dem Jahr 1951 über die Vorgänge vor der Machtergreifung der Nazis 1933 und der contra und parallel laufenden kommunistischen Propaganda.

Es wird zu überlegen sein, worin die Unterschiede zu heute bestehen – und worin die Verwandtschaft.

Offensichtlich finden die Kämpfe heute nicht mehr auf der Straße statt, sondern in der digitalen Kommunikation.

Offensichtlich kann man die Leute heute nicht mehr für Selbstaufopferung gewinnen.

Wir haben es auch nicht mich machtvoll top-down organisierten Massenparteien zu tun.

Das sind drei fundamentale Unterschiede zu damals, die in die Analyse eingehen müssen.

Bleibt die Verwandtschaft dennoch erkennbar?

 

 

Kommentare

  1. Zum Punkt 4:
    Ob die Verhältnisse nach einem Sieg wirklich besser werden, interessiert kaum. Die Massen sind “nur am Sieg als solchem, am Erfolg überhaupt interessiert. Es geht ihnen nie um die Sache oder eine bestimmte Unternehmung, sondern um den Sieg ganz gleich welcher Sache und um den Erfolg welchen Unternehmens auch immer.”

    Zu der Angelegenheit Trump und Sieg gehört in erster Linie die einfache Tatsache, dass er überhaupt Präsident geworden ist. Das ist der Sieg, das ist der neue, vorher kaum vorstellbare Status quo. Den eifrigsten Trump-Wählern geht es weniger darum, dass es ihnen materiell und nachweisbar besser geht, sondern eher darum, dass SIE wieder die Macht haben, den Präsidenten zu wählen, dass SIE eine symbolische Macht von DENEN da oben zurückerobert haben. Das sind oft Leute, die Obama die Schuld für jegliches Elend in die Schuhe schieben und ihren Sieg bei Trump verstehen. Konkretes wollen sie kaum was erreichen, es geht um Gefühle. Das kommt mir in den Sinn, wenn ich das Arendt-Zitat lese.

  2. Jakobiner meint:

    Naja, sie erhoffen sich doch reale Veränderungen: Keine Mexikaner und Immigranten mehr, ein WASP-Amerika, das so stark ist wie in den 50er Jahren–die wesentliche Weltmacht eben, eine konservative Revolution, Jobs und Wirtschaftswachstum ohne Ende, niedrigere Steuern, keine Regulierungen fürs Kapiatl,etc.–durchaus materielle Interessen, die sie hoffen, dass Trump diese durchsetzen wird.

    Zu Punkt 3

    “Bevor die Massenführer die Macht in die Hände bekommen, die Wirklichkeit ihren Lügen anzugleichen, zeichnet sich ihre Propaganda durch eine bemerkenswerte Verachtung für Tatsachen überhaupt aus.
    In dieser Verachtung drückt sich bereits die Überzeugung aus, dass Tatsachen nur von dem abhängen, der die Macht hat, sie zu etablieren. “

    Daran arbeitet ja Trump gerade mit seinem Krieg gegen liberale Medien, die er und Breitbart-News-Bannon als “Feinde des Volkes” und “Fake Newsmedia” bezeichnet. Bei Trump gilt Orwell: Lüge ist Wahrheit und Wahrheit ist Lüge.

  3. Jakobiner meint:

    Zum Punkt 4:
    Ob die Verhältnisse nach einem Sieg wirklich besser werden, interessiert kaum. Die Massen sind “nur am Sieg als solchem, am Erfolg überhaupt interessiert. Es geht ihnen nie um die Sache oder eine bestimmte Unternehmung, sondern um den Sieg ganz gleich welcher Sache und um den Erfolg welchen Unternehmens auch immer.”

    Das stimmt auch nicht so, denn die Anhänger extremistischer Bewegungen erhoffen sich durchaus eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und derer ihrer Nation. Sei es bei den Nazis durch die Aufhebung des “Versailler Schandfriedens”, sei es durch die “Brechung der (jüdischen) Zinsknechtschaft” oder bei den Kommunisten durch die Einführung einer Planwirtschaft, die Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichers Elend des Proletariats beseitigt. Da geht es eben nicht nur um Symbolik, sondern um handfeste materielle Interessen.

  4. Jakobiner meint:

    Zu Punkt 1:

    “Die Massen, mit welchen es totalitäre Propaganda zu tun hat, leiden “an einem radikalen Schwund des gesunden Menschenverstandes und seiner Urteilskraft sowie an einem nicht minder radikalen Versagen der elementarsten Selbsterhaltungstriebe.”

    Dazu ist zu sagen, dass sich extremistische Bewegungen verbal ja gerade auf den gesunden Menschenverstand und das gesunde Volksempfinden berufen, während das Establishment angeblich abgehoben und realitätsfern agiere. Und wie oft kann man in CSU-nahem Zeitungskommentaren lesen, dass Trump nur das macht, was auch deutsche Politiker machen sollten und zu dem sie laut Amtseid verpflichtet sind: Dem Volke zu dienen und zuerst an die eigene Nation, das “nationale Interesse” zu denken. Damit wird eine gewisse Pseudorationalität in Anspruch genommen.

  5. Naja, sie erhoffen sich doch reale Veränderungen: Keine Mexikaner und Immigranten mehr, ein WASP-Amerika, das so stark ist wie in den 50er Jahren–die wesentliche Weltmacht eben, eine konservative Revolution, Jobs und Wirtschaftswachstum ohne Ende, niedrigere Steuern, keine Regulierungen fürs Kapiatl,etc.–durchaus materielle Interessen, die sie hoffen, dass Trump diese durchsetzen wird.

    Jakobiner,

    ich glaube kaum, dass es den Xenophoben wirklich drauf ankommt, diese Ziele zu erreichen – sie wissen recht gut, dass das nicht geht. Es dient vor allem als Vorwand.

    Was man will, das ist HASSEN.

    Wenn das eine Hassobjekt weg wäre, würde man sich ein nächstes suchen (müssen).

    So geht es eben um die Macht. Die Macht für sich.

    Wer glaubt denn wirklich daran, dass ökonomisch irgendetwas besser wird mit Trump? Auch die, die sagen, es zu glauben, glauben es nicht wirklich. Besser wird es vielleicht, vielleicht auch nicht für die Superreichen.

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