Hannah Arendt zum heutigen Rechtspopulismus. Teil 2

theorieFortsetzung. Punkte 1 – 5 im Artikel davor.

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“Die Mentalität moderner Massen vor ihrer Erfassung in totalitären Organisationen ist nur zu verstehen, wenn man die Durchschlagskraft dieser Art von Propaganda voll in Rechnung stellt.

Sie beruht darauf, dass Massen an die Realität der sichtbaren Welt nicht glauben, sich auf eigene, kontrollierbare Erfahrungen nie verlassen, ihren fünf Sinnen misstrauen und darum eine Einbildungskraft entwickeln, die durch jegliches in Bewegung gesetzt werden kann., was scheinbar universelle Bedeutung hat und in sich konsequent ist.

Massen werden so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen.

Auf sie wirkt nur die Konsequenz und Stimmigkeit frei erfundener Systeme, die sie miteinzuschließen versprechen.

Wiederholung ist nicht darum ein so wirksamer Bestandteil aller Massenpropaganda, weil die Massen zu dumm wären, etwas zu verstehen, oder zu träge, sich an etwas zu erinnern, sondern weil Wiederholung Folgerichtigkeit in der Zeit sichert, die zeitliche Konsequenz, die die nur logisch unantastbaren Systeme sonst entbehren würden.

Was die Massen sich weigern anzuerkennen, ist die Zufälligkeit, die eine Komponente alles Wirklichen bildet.

Ideologien kommen dieser Weigerung entgegen, sofern sie alle Tatsachen als Beispiele vorweggenommener Gesetze verwandeln, und alle Koinzidenz eliminieren durch die Annahme einer alle Einzelheiten umfassenden Allmächtigkeit.

Diese Attitüde der Flucht aus der Wirklichkeit in die Einbildung, von dem Ereignis in den notwendigen Ablauf des Geschehens, ist die Voraussetzung für alle Massenpropaganda.”

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“Die Hauptschwierigkeit totalitärer Propaganda besteht darin, dass sie die Sehnsucht der Massen nach einem völlig in sich konsequenten, verständlichen und voraussagbaren Geschehen nicht erfüllen kann, ohne mit dem gesunden Menschenverstand in Konflikt zu kommen.”

(Arendt geht hier auf die absurden Geständnisse bei den stalinistischen Schauprozessen ein: auf ihre geradezu irrsinnigen Inhalte – und ihre ebenso verblüffende Uniformität. Letztere lässt die Anhänger erstere für authentisch halten: Sie gestehen alle genau das gleiche, in den gleichen Worten … Für jemand mit gesundem Menschenverstand wäre eben dies ein Beweis, dass die Geständnisse falsch sind. Für Menschen ohne gesunden Menschenverstand ist die Uniformität der Beweis, dass sie richtig sein müssen.)

8

“Die besessene Blindheit, die der Realitätsflucht der Massen in eine in sich stimmige, fiktive Welt eigen ist, entspricht ihrer Heimatlosigkeit in einer Welt, in der sie nicht mehr existieren können, weil der anarchische Zufall in Form vernichtender Katastrophen ihrer Herr geworden ist.”

(Arendt bezieht sich auf die Katastrophen, die die Deutschen vor 1933 und die Russen vor dem Stalinismus über sich ergehen lassen mussten.)

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“Die Revolte der Massen gegen den Wirklichkeitssinn des gesunden Menschenverstandes und das, was ihm im Lauf der Welt plausibel erscheint, ist das Resultat einer Atomisierung, durch die sie nicht nur ihren Stand in der Gesellschaft verloren, sondern mit ihm die ganze Sphäre gemeinschaftlicher Beziehungen, in deren Rahmen der gesunde Menschenverstand allein sinngemäß funktionieren kann.

In einer Situation völliger geistiger und sozialer Heimatlosigkeit ergibt eine wohlabgewogene Einsicht in die gegenseitige Bedingtheit des Willkürlichen und Geplanten, des Zufälligen und des Notwendigen, durch die sich der Lauf der Welt konstituiert, keinen Sinn mehr.

Nur wo der gesunde Menschenverstand seinen Sinn verloren hat, kann ihm die totalitäre Propaganda ungestraft ins Gesicht schlagen.

Wo immer aber Menschen vor die an sich unerhörte Alternative gestellt werden, entweder inmitten eines anarchisch wuchernden und jeder Willkür preisgegebenen Verfalls dahinzuvegetieren oder sich der starren und verrückten Stimmigkeit einer Ideologie zu unterwerfen, werden sie den Tod der Konsequenz wählen und bereit sein, für ihn auch den physischen Tod zu erleiden – und dies nicht, weil sie dumm sind oder schlecht, sondern weil im allgemeinen Zusammenbruch des Chaos diese Flucht in die Fiktion ihnen immerhin noch ein Minimum von Selbstachtung und Menschenwürde zu garantieren scheint.”

So schlimm ist es natürlich heute noch nicht. Aber es wird so schlimm werden. Arendt sagt insofern voraus, was uns dann u. a. auch blühen wird.

Schon für heute kann man anknüpfen an diese Überlegungen: wie Menschen, die überfordert sind, sich ihr Minimum von Selbstachtung und Menschenwürde rassistisch und autoritär und pöbelnd zu retten versuchen.

Arendt spricht, das sei nochmal betont, von NSDAP und KPD vor der jeweiligen Machtübernahme: von straff und stamm organisierten Massenparteien. Die haben wir heute nicht. Die rechtspopulistischen Bewegungen von Pegida über FN bis zur Tea Party sind Organisationen ganz anderer Art, weitgehend ohne einen ideologischen Zusammenhalt. Das gilt für die gesamte ziemlich anarchische Bewegung, wie sie sich digital präsentiert.

Überhaupt: Was waren Massen damals – was sind sie heute? Sie haben sich auf jeden Fall auffallend verändert.

Diese und andere Unterschiede sind zu berücksichtigen, wenn man aus Arendts Analyse der totalitären Bewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die heutigen rechtspopulistischen Bewegungen schließen möchte.

Fortsetzung folgt …

in ein paar Tagen. Ich bin bis Dienstag in Amsterdam. Mehr als 50% Migrantenanteil dort … (München hat nur 40%) Die Stadt floriert – wie München.

Am Mittwoch oder Donnerstag geht es dann weiter; es folgen noch mehr Zitate aus dem Propaganda-Kapitel von Arendts Buch und am Ende ein oder mehrere Artikel mit meinem Versuch, Arendts Analyse für uns heute fruchtbar zu machen.

Wer möchte, kann sich ja schon mal daran versuchen.

 

 

 

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    Noch als Lesetip zum “Hannah Arendt”-Film von Magarethe von Trotha:

    http://www.global-review.info/2013/02/26/hannah-arendt-die-deutsche-philosophie-und-der-us-pragmatismus/

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