Wirtschaft? – Etwas anderes ist wichtiger!

tuerkei

Identität, nationale Ehre, Selbstachtung sind den meisten Menschen wichtiger als wirtschaftlicher Erfolg. Das gilt für unsere deutschen Rechtspopulisten und Rechtsradikalen genauso wie für die amerikanischen Trumpisten und die türkischen Erdofans.

Erklärt sich so die derzeit spektakuläre türkische Irrationalität?

Für die Türkei ist Deutschland Exportland Nummer 1 – insofern besonders wichtig. Die Türkei will doch exportieren?

Für Deutschland ist die Türkei Exportland Nummer 14. Also nicht ganz unwichtig, aber besonders wichtig nicht unbedingt.

Wer braucht also wen?

Noch krasser wird es, wenn man die Kapitalströme betrachtet. Wieviel türkisches Geld wird in Deutschland investiert? Wieviel deutsches Geld in der Türkei?

Hinzu kommt, dass Deutschland Teil der EU ist. Dass sich also die Rechnung EU-weit machen lässt und dann noch krasser ausfällt.

Russland ist für die Türkei keine Alternative. Russland kann die EU wirtschaftlich nicht ersetzen.

Und China? – Könnte. Aber China werden die Wirtschaftsbeziehungen zur EU wichtiger sein als die zur Türkei. China wird sich also auf kein Türkei-Abenteuer einlassen.

Und die arabischen Nachbarn? – Zwerge. Wirtschaftlich. Trotz Öl & Gas.

So bleibt der Türkei nur die EU als großer Handelspartner.

Warum setzt die Türkei das aufs Spiel?

Hier ein Wirtschaftskommentar, geschrieben von einem Fachmann, Stephan-Götz Richter, präsentiert bei Spiegel Online. Er macht die Absurdität der türkischen Politik noch deutlicher:

1. Erdogan hat die Türkei in den vergangenen Jahren zu einem Paradefall politischen Risikos gemacht. So etwas schreckt Investoren immer ab.

2. Erdogans Neigung, vom Ausland alles an Unterstützung anzunehmen, um dann die bösen internationalen Investoren für wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Türkei verantwortlich zu machen, ist – in der Fußballersprache, die Erdogan ja versteht – ein klassisches Eigentor.

3. Seine Enteignungsmaßnahmen, die er landesweit gegen unliebsame und/oder religiös ausgegrenzte erfolgreiche türkische Unternehmer ausführt, erinnern die Deutschen nicht nur sehr unschön an die Praktiken im Dritten Reich. Sie lassen auch bezweifeln, dass für die eigenen Investitionen effektive Rechtssicherheit besteht.

4. Die Art und Weise, wie Erdogan mit den Medien umspringt, hat auch nichts mit einem Rechtsstaat zu tun.

5. Sein Rückzug in die Religion trägt wenig dazu bei, um die Produktivität der Türkei nach vorne zu bringen.

6. Sein herablassender Umgang mit Deutschland, das er wie eine türkische Provinz zu betrachten scheint, trägt auch nicht dazu bei, dass er hierzulande Freunde gewinnt.

7. Erdogans unstetes Suchen nach “Freunden” im internationalen Raum ist von einer fast panischen Sucht getrieben, immer irgendwie, irgendwo die Oberhand haben zu wollen; in jedem Fall zeugt sie aber von hoher persönlicher Unreife.

8. Erdogan sollte verstehen, dass sein ständiges Verlangen nach “Respekt” eine Zweibahnstraße ist. Der türkische Präsident hingegen versteht Respekt allein als einen Tribut, den andere ihm zollen müssen, um in der Gunst des Sultans zu stehen. Solche Mechanismen mögen innerhalb der Türkei wirken, aber gewiss nicht in Deutschland.

9. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Auch wenn Angela Merkel vermeint, ihr seien die Hände gegenüber Erdogan gebunden, der deutsche Tourist hat weltweit die Qual der Wahl – und ist nicht geneigt, Erdogan bei seinem bösen Spiel zu helfen, indem man ihm die Taschen füllt. Das wird sich nach dem Referendum, so es – wie zu befürchten steht – für Erdogan erfolgreich verläuft, noch stärker erweisen.

10. All das ist ein trauriger Befund für das gastfreundliche türkische Volk, das eine enorme Wegstrecke hinter sich gebracht hat. Doch Erdogan geht es jetzt um “Rückschritt, Marsch!” Sein Hang zum Totalitären ist zu deutlich, als dass man davon abstrahieren könnte.

Wenn also der ehrenwerte Mehmet Simsek seinem Präsidenten den eigentlichen Grund benennen will, warum die Deutschen sich nicht mehr wirtschaftlich in der Türkei engagieren, so besteht dieser Grund aus drei Worten: Recep Tayyip Erdogan.

Diese Botschaft zu überbringen, würde zwar der Wahrheit entsprechen, käme aber beim obersten Dienstherrn in Ankara gar nicht gut an. Denn Erdogan lebt schon lange nach dem Motto, dass nur noch das wahr sein kann, was ihm genehm ist und dient.

Ich bleibe bei meiner Frage: Warum setzt die Türkei (“Erdoganistan”) seine wirtschaftliche Zukunft aufs Spiel?

Mögliche Antworten:

1. Sie wissen nicht, was sie tun.

2. Bisher reagiert der Westen doch eher duldsam. Man kann also weiter eskalieren.

3. Das Wirtschaftliche ist sekundär. Primär ist die Religion. Oder die Nation. Politische Stärke und Größe erwachsen, wie man aus der Zeit der ersten Kalifen und aus der Zeit der Großen Osmanen “weiß”, nicht aus der Wirtschaft oder aus demokratischen Verhältnissen, sondern aus der nationalen und religiösen Einheit, aus dem fanatischen Willen des Volkes, gebündelt in der Hand einer Erleuchteten Führung. Dann kann man erobern und die Unterworfenen ausbeuten. Im Namen Allahs!

4. Erdogan ist primär seine eigene Macht wichtig. Seine Allmacht. Der Preis, den die Türkei dafür zu zahlen hat, ist nicht von ihm zu zahlen. (Dito: Die fanatischen Erdogan-Fans glauben, auf jeden Fall die Gewinner zu sein, auch wenn das Land wirtschaftlich katastrophal verlieren sollte. Hauptsache, man selber gewinnt, ist oben und herrscht. DAS befriedigt viel mehr als etwas mehr Konsum, als wirtschaftliche Vorteile.)

Ich vermute, alle vier Erklärungen sind richtig. Sie ergänzen sich.

Fortsetzung morgen.

Kommentare

  1. Jakobiner meint:

    “Dann kann man erobern und die Unterworfenen ausbeuten. Im Namen Allahs!”

    Aber was will er denn “erobern? Sollte er sich gegen Griechenland wenden, hätte er einen Krieg gegen die NATO–da könnte er nur noch hoffen, dass Russland ihn unterstützt, was aber fraglich ist. Syrien–da käme er wohl mit Rußland und dem Iran aneinander, den Iran–bestenfalls mit Trumps Unterstützung und an der Seite des US-Militärs, Nordirak, den Kaukasus? Auch hier ist nichts zu holen. Die Herstellung eines neoosmanischen Reichs mittels Waffengewalt aus eigenen Kräften scheint nicht möglich. Zumal würde ihm bei solch einem Feldzug die Finanzen und Resourcen ausgehen–das wäre so erfolgreich wie die deutsche Wehrmacht bei ihrem “Blitzkrieg”gegen die Sowjetunion, als das Öl und die Kleidung ausging.

  2. Jakobiner meint:

    “Und China? – Könnte. Aber China werden die Wirtschaftsbeziehungen zur EU wichtiger sein als die zur Türkei. China wird sich also auf kein Türkei-Abenteuer einlassen.”

    Leuchtet mir nicht ein, denn die EU bindet ihre Handelsbeziehungen mit China ja nicht daran, welche Handelsbeziehungen China mit anderen Ländern inklusive der Türkei unterhält und China hätte sicherlich nichts daggegen, die EU beim Türkeihandel zu beerben. Zudem passt die Türkei ideal in die One-Belt-One-Road(OBOR) -Neue Seidenstrasseninitiative Chinas, wie die Türkei auch schon überlegt Mitglied in der Shanghai Cooperation Organization (SCO) zu werden. Nur weenn sich die Türkei in ausländische Militärabentuer gegen Chinas Verbündete wie den Iran oder Syrien begeben würde, wäre wohl Schluß mit lustig.

  3. Die Türkei hat seit 2012 Beobachter-Status in der SCO. Da wäre der Weg zu einer Mitgliedschaft noch relativ weit. Das Prinzip der “billigen Werkbank” für die EU wäre für die türkische Wirtschaft in Richtung Asien geradezu absurd, denn die können auch alle billig!

  4. Korbinian meint:

    Aber was will er denn “erobern? Sollte er sich gegen Griechenland wenden, hätte er einen Krieg gegen die NATO–da könnte er nur noch hoffen, dass Russland ihn unterstützt, was aber fraglich ist.

    Falls der Gangbangstar Griechenland angreifen sollte würde er wohl Russland gegen sich auf den Plan rufen.
    Den Feind der orthodoxen Brüder zu unterstützen würde Putin wohl innenpolitisch nicht überleben.
    Dann würde es eher heißen Turchiam esse delendam.

  5. Jakobiner

    bezüglich Türkei-China-EU:
    Es gibt, wenn man GUTE Geschäfte machen will, durchaus politische Rahmenbedingungen dafür, sozusagen freundschaftliche Ermöglichungen. Die spielen eine erhebliche Rolle.

    Sollte sich China darauf einlassen, den Patron für die Türkei und gegen die EU zu spielen, gingen gewiss die Geschäfte China-EU weiter – nur eben nicht so gut, nicht so flüssig, nicht so gewinnbringend. Es hat ja schon seine wirtschaftlichen Gründe, warum sich zum Beispiel die EU zu einem Wirtschaftsraum von 28 oder 27 Nationen macht; oder warum man politisch-freundschaftlich der Türkei die privilegierte Partnerschaft mit der EU gewährt hat. Es hat schon seine Gründe, warum Staatsbesuche meistens auch ein ökonomisches Rahmenprogramm absolvieren.

    Mit der Türkei, wenn die sich total von der EU abgewandt hat, hätte China wenig Freude. Es würde China nur sehr viel kosten, weil sie das Land päppeln müssten und zugleich das eine oder andere Geschäft mit der EU leiden würde. Warum sollten sie sich auf so eine Option einlassen?

    Man könnte das auch noch politisch-militärisch deuten. Würde sich China einer antiwestlichen Türkei als Patron und Sponsor zur Verfügung stellen, würde sich die EU und würde sich auch die NATO fragen müssen: Will China jetzt im Mittelmeerraum gegen uns politisch-militärische Macht aufbauen? – Ein solcher Verdacht wäre nicht von der Hand zu weisen – und hätte schwerwiegende politisch-ökonomische Konsequenzen.

    Wir sollten bei allen Überlegungen zu den momentanen und zukünftigen Möglichkeiten der Türkei einrechnen, dass das Land auf einen wirtschaftlichen Niedergang zusteuert.

    Aus politischen UND aus wirtschaftlichen Gründen werden wohl bald Millionen Türken an unsere Tür klopfen …

  6. Korbinian, Jakobiner,

    Erdogan hat in Bezug auf die Welt außerhalb der Türkei bloß ein riesengroßes Maul.
    Das imponiert den dummen Nationaltürken in der Türkei, aber auch in Deutschland, Österreich, Holland.
    Nur, was kommt da am Ende raus?

    Gewiss kein Aufstand der Nationaltürken gegen den Rest der Welt in diesen drei Ländern.

    Man stelle sich mal vor, 100.000 Erdotürken in Deutschland würden in Berlin den Reichstag umzingeln … Das wäre nicht das Ende des Reichstags, da käme was ganz anderes heraus.

    Die Erdotürken sind hoffnungslos isoliert. Sie haben nicht nur keine Macht, sie haben das, was man Minus-Macht nennen könnte. Sie sind nicht nur ohnmächtig, sondern – mir fehlt das Wort dafür – sie sind einfach verloren.

    Es ist – für sie – das blanke Elend.

    Das sie im Moment noch hinter heißen Parolen verstecken. Aber ihr Großer Führer kann ihnen hier in Deutschland nicht wirklich helfen. So sehr sie sich das im Moment noch einbilden möchten.

    Im übrigen möchte ich nach den letzten Ereignissen und den letzten Äußerungen Erdogans in Holland kein Türke sein. Gibt es EINEN Holländer, den nicht die Wut packt auf diese …türken?

    400.000 Holland-Türken gibt es. Die Hälfte davon dürfte über den Daumen gepeilt pro Erdogan sein. Die werden sich die Holländer wohl mal vornehmen, wenn das so weiter geht. Die kriegen in Holland kein Bein mehr auf den Boden.

    “Wir kennen Holland und die Holländer noch vom Massaker von Srebrenica”, sagte Erdogan. “Wie verdorben ihre Natur und ihr Charakter ist, wissen wir daher, dass sie dort 8000 Bosniaken ermordet haben.” Der Präsident fügte hinzu: “Niemand soll uns Lektionen in Zivilisation geben. Dieses Volk hat ein reines Gewissen. Aber deren Gewissen ist pechschwarz.”

    Na, was will ein Erdotürke da noch in Holland? In diesem verkommenen Land verkommener Menschen mit pechschwarzem Gewissen?

    Greift man als Staatspräsident im Namen des ganzen Volkes ein anderes Volk in dieser Weise an?

    Das macht ja nicht einmal Kim Yong Un. Allenfalls einem Trump wäre etwas Vergleichbares zuzutrauen. Auch unseren AfDlern, denen grundsätzlich eine unanständige Sprache bei Spitzenpolitikern super gefällt. (Weil sie damit in ihrer eigenen Unanständigkeit bestätigt werden.)

    Die Türkei hat wenig wirtschaftliche und sonstige Substanz. Leider wartet die EU noch, den größenwahnsinnigen Türken das einmal vorzuführen.

    Weil Erdogan & die Erdotürken das Gefühl haben, die Europäer würden ja doch nur kuschen und sich einschüchtern lassen vom Großen Führer und seiner Gloreichen Osmanischen Nation, machen sie so weiter und steigern sie ihre Unverschämtheiten noch. Ist es nicht großartig, wie wüst man mit Merkel & Co umspringen kann, ohne dass die irgendwie reagieren? Das kann doch nur Angst sein, sagt sich so ein Türken-Macho, und ist begeistert und wünscht sich, dass Erdo noch einen draufsetzt.

    Merkel & die EU-Führung sind dafür mitverantwortlich.

    Es geht nicht ums Beleidigtsein. Aber gewisse Dinge lässt man sich nicht sagen, ohne hart darauf zu reagieren. Persönlich nicht, und schon gar nicht als Bundeskanzlerin.

    „Kanzlerin Merkel stellt sich auch auf die Seite Hollands“, poltert er in einem Interview mit regierungsnahen Fernsehsendern, das tatsächlich eine zweistündige Wahlwerbesendung mit Journalisten als Stichwortgebern ist. „Schande über Dich!“ Erdogan wirft der Kanzlerin zudem vor: „Verehrte Merkel, Du unterstützt Terroristen.“

    Nein, Merkel muss das nicht mit einer Schimpfkanonade beantworten. Sie kann ruhig kühl und gelassen bleiben. Aber TUN muss sie was. Etwas, das Erdogan weh tut. Und sie kann natürlich nicht mehr mit ihm verhandeln.

    Auch Diktatoren müssen einen gewissen Mindestanstand wahren, wenn ein Gespräch mit einem Ministerpräsidenten oder Bundeskanzler möglich bleiben soll.

    Angesichts solcher Worte wie denen von Erdogan über die Holländer und über Merkel kann man nicht zur Tagesordnung übergehen.

  7. Jakobiner meint:

    Da übersiehst du etwas: Dass China zusammen mit Rußland schon gemeinsame Marinemanöver im Mittelmeer abgehalten hat, wenngleich sein Schwerpunkt im Pazifik, vor allem im Süd- und Ostchineischen Meer liegt.Desweiteren, dass die chinesische Luftwaffe auch schon gemeinsame Luftwaffenmanöver mit der Türkei in der Türkei (Anatolian Eagle) abgehalten haben, bei denen chiesische Kapmfflugzeuge über den Bosporus donnerten. Desweiteren, dass China über riesige Staatsfonds verfügt, die bei Auslandsinvestitionen und mit der neugegründeten Asian Infrasturture Invesetment Bank (AIIB) die Finanzierung des Neuen Seidenstrasse vorantreibt– Mittel, die der Westen nicht hat und auch nicht immense Verluste wie etwa China bei seinem Investment in eine Kupfermine und anderes in Afghanistan einfach in Kauf nimmt bei seinen langfristigen Strategien. Da gibt es also einige Ansätze. Aber Vorraussetzung wäre wahrscheinlich, dass sich die Türkei mit Iran, Syrien und Rußland verträgt. China hätte da kein Interesse, dass es da zu hasadeurartigen Aktionen kommt. Desweiteren scheint Erdogan ja auch abzuwarten, ob die USA unter Trump die Erdogantürkei nicht als Ordnungsfaktor für den Nahen Osten In Konkurrenz mit Rußland, China, Syrien und Iran sehen könnten. Das ist zwar noch völlig unklar, aber in dieser Richtung gibt es dann auch gewisse Hoffnungen des Sultans.

  8. Jakobiner meint:

    “Man könnte das auch noch politisch-militärisch deuten. Würde sich China einer antiwestlichen Türkei als Patron und Sponsor zur Verfügung stellen, würde sich die EU und würde sich auch die NATO fragen müssen: Will China jetzt im Mittelmeerraum gegen uns politisch-militärische Macht aufbauen? – Ein solcher Verdacht wäre nicht von der Hand zu weisen – und hätte schwerwiegende politisch-ökonomische Konsequenzen. ”

    Das kommt auch darauf an, wie sich Trump gegenüber China verhält. Wenn er auf Konfrontationskurs geht, sowohl ökonomisch wie auch militärisch, muss China abwägen: Bei Strafzöllen, etc. würde dann die EU und die asiatischen Staaten wichtiger für China. Militärisch könnte Peking aber an einer Verschärfung des europäisch-russischen Konflikts gelegen sein, um US-Truppen in Europa zu binden, die dann im Pazifik oder im Hahen Osten dann nicht verfügbar wären. Da gebe es dann im Politbüro wohl zwei Lager, zumal umgekehrt China aber auch ein Interesse haben könnte, die EU gegen die Trump-USA zu stärken und unabhängiger zu machen, was umgekehrt wieder bedeuten könnte, dass es auf einen europäisch-russischen Ausgleich aus sein könnte. Ziemlich komplex die Sache, zumal auch Putin eben ein entscheidender Akteur in diesen Beziehungen bleibt.

  9. Jakobiner meint:

    Vielleicht sollte man sich die Entwicklung auch nicht so binär als “Entweder oder”vorstellen, sondern mehr graduell. Wahrscheinlich ist, dass sich die Erdogantürkei von der EU entfernt und näher auf China zugeht. Wenn Erdogan sein Referendum durchb ekommt, dann wäre die Türkei eine islamitische Präsidialdiktatur–was China nicht stören würde, da Menschenrechte und Demokratie keine Kategorien beio den Chinesen sind. Umgekehrt würde die EU dann ihre Beziehgungen zur Türkei auf eine neue Basis stellen, vielleicht privilegierte Partnerschaft ala CSU oder eben normale Beziehungen wie auch zu anderen autoritären Staaten. Das wäre dann ein Neuanfang und eben nicht Abbruch aller Beziehungen. China selbst ist erst einmal mit der Erschließung Zentralasiens beschäftigt, sowie seinen Aktivitäten im Süd- und Ostchinesischen Meer, würde also sicherlich nicht die Türkei gleich als Verbündeten und Schwerpunkt sehen, wenngleich es sich sicherlich nicht die Chancve einer weiteren Annäherung entgeghen lassen würde. Wobei Erdogan dann aber auch bezüglich der Turkvölker und der uigurischen Ostturkestanbewegung Abstriche machen müsste. Desweieteren ist die Frage, ob die Wirtschaftsstruktur der Türkei nicht mit der EU kompatibler ist als mit China. Und dann muss man auch noch sehen, sollte die Türkei die NATO verlassen, bei ihrem militärischen Equipment einige Schwierigkeiten hätte. Ersatzteile für westliche Waffenssteme herzubekommen, zumalö eine Substitution westlicher Waffensysteme durch chinesische und russische Waffensysteme immense Investitionen vorraussetzen würde. Zudem die Türkei dann auch ohne NATO-Schutz gegenüber Russlöand existieren würde, sollte Putin es sich anders überlegen. Von daher ist ein völliger Bruch eher ausgeschlossen, eher eine graduelle Entfernung wahrscheinlich.

  10. Solange die Türkei ihre Grenzen nicht überschreitet, besonders nach Norden und Osten, wird kein Russe der bei Verstand ist, einen Krieg mit 80 Mio Türken beginnen wollen!

  11. Jakobiner,
    solange das alles in kleinem, bescheidenem Rahmen bleibt, wird die NATO keinen Grund haben, die Gelbe Karte zu zücken. Wie im Fußball: Ein bisschen Drängeln ist noch kein Foul.

    Richtig ist, wenn du darauf verweist, wie wenig sich die türkisch-osmanischen Interessen mit denen der Nachbarn decken, u. a. dem Iran oder Assads Syrien oder Hezbollah – und dass dies in Chinas Überlegungen eine beträchtliche Rolle spielen wird.

    Ich schließe aus der gegebenen Situation, dass Erdogan nur blufft. Dass er nur bluffen kann. Dass er keine chinesische oder russische Option hat.

    Also könnte, sollte der Westen ihn auflaufen lassen.

    Wie gesagt, keine bösen Kommentare, kein Schimpfen – einfach kühl das eine oder andere tun, das Erdogan bzw. Erdoganistan weh tut. Was man da tun kann, tun soll, wie man es dosiert und timet, möchte ich den Fachleuten überlassen.

    Man sollte z. B. die EU-Aufnahmegespräche offiziell beenden und öffentlich mitteilen, dass man mit jemandem, der in einer Weise pöbelt wie Erdogan & Co, leider nicht sprechen kann. Jedenfalls bis auf weiteres. Bis sie den Ton wieder mäßigen. (Erdogan würde dagegen hemmungslos wüten, aber er wütet sowieso hemmungslos. Für die türkische Öffentlichkeit wäre ein – wenn auch vorübergehender – kühler Kontaktabbruch eine kalte Dusche. Ihr Großer Führer wäre für sie nicht mehr ganz so groß.)

    Wie du weißt, Jakobiner, mach ich das hier auch so. Wer pöbelt, kriegt die Gelbe Karte, und wer weiter pöbelt, fliegt erst mal raus. Nach einer Karenzzeit kann er zurückkommen.

    (Es gibt übrigens auch Möchtegern-Kommentatoren, die ich ganz aussperre. Das sind die, die ich als reine Zerstörer einschätzen muss. Das sind die Kim Yong Un’s, sozusagen.)

  12. Noch ein interessanter Nachtrag zum Artikel:

    Der türkische Demoskop Özkiraz verwettet seine berufliche Existenz darauf, dass Erdogan keine 50% für das Ja bekommt. Real seien im Moment 40% dagegen, 28% dafür, und bei denen, die dagegen sind, neigen die meisten eher zum Nein.

    SPIEGEL ONLINE: Sie haben angekündigt, Ihren Job als Meinungsforscher aufzugeben, sollte Erdogan das Referendum gewinnen. Warum?

    Özkiraz: Meine Aufgabe ist es, Prognosen zu treffen. Und wenn diese Prognosen am Wahltag von der Wirklichkeit eklatant widerlegt werden, hat es keinen Sinn, weiterzumachen.

    Spiegel Online

    Interessieren würde mich, wie denn sicher gestellt werden kann, dass es nicht zum groß angelegten Auszählungsbetrug kommt.

    Ein oder zwei Prozent Fälschung kann Erdogan durch Schwindel schon heimlich hinkriegen. Aber bei 10% könnte es selbst in der jetzigen Situation auffallen.

    Die Konfliktanheizung ist nach Meinung von Özkiraz nur Show, um nationalistische Wähler in der Türkei zu ködern und vom giftigen Inhalt des Referendums abzulenken.

    Seiner Meinung nach spielt die sich verschärftende Wirtschaftskrise durchaus eine starke Rolle bei der aktuellen Erdogan-Skepsis. Auch das soll durch die Pöbelei gegen die Niederlande und Deutschland überdeckt werden.

    So also schätzt Erdogan “seine” Türken ein: als Idioten, die sich durch aggressiven Nationalismus ablenken lassen.

    Allerdings funktioniert das in unseren Ländern ja auch so, oder?

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