Halb-Halb. Und da auch wieder Halb-Halb? – Diktatur-Referendum unter Deutschtürken.

tuerkei1,43 Millionen Türken in Deutschland (mit und ohne deutschen Pass) konnten sich am Referedum beteiligen.

48,7% haben sich beteiligt.

Das ist zwar mehr als bei der letzten Parlamentswahl (da waren es 41%), aber immer noch nicht einmal die Hälfte.

Wir können also schon mal feststellen:

Eine Hälfte der Deutschtürken will mit der Türkei eher nichts oder nicht viel zu tun haben. Diese Türken leben in Deutschland, orientieren sich an Deutschland.

Die andere Hälfte ist gespalten. Eine (voraussichtlich) gute Hälfte lebt eher in der Türkei, identifiziert sich mit ihr, wählt Erdogans Alleinherrschaft, der starke Mann soll absolut herrschen können.

Die zweite (voraussichtlich) etwas schwächere Hälfte wehrt sich dagegen, opponiert dagegen, ist gegen Erdogan und seinen autoritären, extremen Kurs. Die Gründe dafür sind recht verschieden, aber immerhin, eine Diktatur wollen sie nicht. Viele unter ihnen sind säkular und demokratisch orientiert.

(Ich kenne persönlich viele von dieser mir natürlich angenehmen Kategorie.)

Der Anteil der Erdotürken macht also ein Viertel bis ein Drittel der Deutschtürken aus. Grob geschätzt (mit Familienanhang) ist das eine von drei Millionen. Eher etwas weniger.

Warum sind diese Zahlen wichtig?

Wir haben keinen Grund, die Kriegserklärung Erdogans und seiner Truppe gegen den Westen, gegen Deutschland, für eine Kriegserklärung aller Türken oder auch nur einer Mehrheit der bei uns lebenden Türkischstämmigen zu halten.

Es ist eine Minderheit in der Minderheit, die sich mit uns auf Kriegsfuß befindet.

Das gilt selbst dann, wenn sich bei der Auszählung der in Deutschland abgegebenen Stimmen eine Mehrheit fürs Ja zur Diktatur ergeben sollte. Man muss diejenigen einrechnen, die nicht zur Wahl gegangen sind. Viele davon demonstrativ, aus Überzeugung.

Wer pro Erdogan war, IST zur Abstimmung gegangen.

Unsere Antwort, soweit es Türken in Deutschland betrifft, kann sich auf DITIB und UETD beschränken.

Habe ich einen Tipp für das Ergebnis?

Nein. Ich rechne eher mit einer Mehrheit fürs JA, aber es könnte auch anders ausgehen.

Für die Türkei rechne ich auch eher mit dem JA. Auch deshalb, weil im Rahmen von ein oder zwei Prozent eine Manipulation wahrscheinlich ist.

Andererseits bemerken die Prognostiker, so mancher in der Türkei habe Angst, ihnen ihr Nein-Votum zu verraten. Man weiß ja nie, ob man da verraten wird. Wozu ein Risiko eingehen? Wer NEIN sagt, muss mit Repressalien rechnen. Also SAGEN manche bei der Umfrage JA (oder tun so, als ob sie sich noch nicht entschieden haben), werden aber mit NEIN abstimmen.

Vielleicht abgesehen von Südostanatolien, wo die blanke Willkür herrscht, ist das Wahlgeheimnis noch gewahrt. Man kann also schon noch riskieren, so abzustimmen, wie man es für richtig findet.

Eine andere Sache ist, ob zuverlässig ausgezählt wird. Viele sagen, dass das durchaus der Fall sein wird – auch viele Erdogan-Gegner und NEIN-Sager meinen das. Andere (und ich) sind sich da nicht so sicher. Erdogan wird sich nicht genieren, das Ergebnis zu manipulieren, wenn er es kann, ohne dass es zu offensichtlich wird. (Putin hat es in Russland vorgemacht.)

Wie dem auch sei, ich bin auf den Sonntagabend gespannt.

Wäre ein JA wirklich ein Sieg für Erdogan?

Da habe ich auch meine Zweifel. Die Kosten waren ziemlich hoch für ihn, sollte er es knapp schaffen. Zu hoch, vermutlich.

Und was will er mit seiner Alleinherrschaft dann anfangen? Weder wirtschaftlich noch politisch sieht es gut aus für ihn, selbst bei einem Sieg. Die Widerstände sind durch Repression nicht auszuschalten, wenn die Wirtschaft nicht mehr funktioniert und wenn sich innen wie außen zu viele gegen den Großen Führer wenden.

Anders als Trump kann er nicht so leicht für sich mittels einer Militäraktion Stimmung machen. Da merkt man, dass die Türkei eben nur ein Zwerg auf der Bühne ist und andere das Sagen haben.

Aber Erdogan wird sich die Macht in der Türkei nicht nehmen lassen. So oder so, also beim NEIN genauso wie beim JA. Es riecht nach weiterer Eskalation und – am Ende vielleicht sogar? – Bürgerkrieg.

So bin ich denn sowohl pessimistisch als auch optimistisch. Letzteres soll heißen: Erdogans Ende ist absehbar.

 

Kommentare

  1. In Berlin lag die Wahlbeteiligung nur bei 43,4%. Dabei hatten die Berliner doch besonders kurze Wege zur Wahlurne. Was ist los mit den Berliner Deutschtürken?

  2. Silvia Öksüz meint:

    Mein Mann ist auch ein hayırcı. Also einer der nicht dafür ist. Er ist aber nicht nach Nürnberg gefahren zur Abstimmung, da sowieso abzusehen ist dass Erdoğan gewinnt. So oder so. Ich glaube mal so denken viele hayırcılar.
    Ein Ende ist wohl echt in Sicht. Wenn rdoğan gewinnen sollte, dann werden wohl erstmal ein paar Familienmitglieder in Ministersessel gehievt. Sein damat ist ja schon Energieminister. Hat ja auch Beziehungen zum Öl. Dann bekommt Töchterchen Sümeyye noch den Posten der Familien- und Sozialministerin. Sohnemann Bilal wird Erziehungsminister. Und so weiter.
    Früher oder später knallts. Eher früher.

  3. Korbinian meint:

    Vielleicht gibt es ja einen umgekehrten Trump-Effekt.
    siehe:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schweigespirale

  4. Jakobiner meint:

    Offtopic: US-Militärschlag gegen Syrien

    mMr war schon am Vorabend des US-Militärschlags gegen Syrien lar, dass die USA “was”tun mussten. Drei rote Linien wurden sukkzessive überschritten: Die Mittelstreckentests des Irans, die nordkoreanischen Atom- und Interkontinentalraketentests und dann auch noch der Giftgaseinsatz.Die Frage bleibt aber, wie es nun weitergeht. Wie es aussieht, werden die USA militärisch nichts mehr in Syrien machen, es sei denn, dass Assad wieder Giftgas einsetzen sollte. Die syrische und russische Luftwaffe bombadieren inzwischen wieder–ohne weiteren Protest der USA.Business as usual. Assad hat Aleppo erobert und Ibdil wird demnächst folgen–damit kontrolliert Assad zwar nicht die meisten Gebiete Syriens, aber 75% der syrischen Bevölkerung.Gleichzeitig zeigt aber der G-7-Gipfel, dass die USA und der Westen Russland auch mittels weiterer Sanktionen dazu bewegen wollen, sich von Assad zu distanzieren und Druck auf ihn zu machen, dass er abtritt. Illusorisch halte ich hingegen Gabriels Wunschdenken, wonach Assad den Weg für “ein freies und demokratisches Syrien”freimachen sollte. Ohne Assad besteht die Gefahr, dass die säkular-despotische Baathpartei desintegriert, die marginalen säkular-demokratischen Kräfte, wie sie noch in Form der FSA und der Souther Front als Reste existieren zugunsten der Muslimbrüder oder anderer Islamisten verdrängt würden, d.h eine islamistische Diktatur herauskommen würde oder das Land eben zu einem failed state ala Irak oder Lybien wird.Dier Forderung nach “Schutzzonen”ist auch nicht ungefährlich und wirft auch die Frage auf, wer sie denn schützen soll und vor allem wie und gegen wen? Fraglich, ob sich die USA soweit in den Konflikt hineinziehen lassen.

  5. Jakobiner meint:

    Zur CSU-Debatte zur Leitkultur:

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