Marxloh

multikulturHeute war ich in Duisburg-Marxloh. Ca. 4 Stunden bin ich dort spazieren gegangen,

Zunächst einmal ein rascher Überblick. Fakten.

1. Im Stadtteil Duisburg-Hamborn-Marxloh leben ca. 20.000 Menschen. Den Ausländeranteil weiß ich nicht, aber er dürfte hoch sein; der Migrantenanteil (also einschließlich derer, die Migranten der 1. und 2. Generation sind, aber nur einen deutschen Pass besitzen) könnte dem Migrantenanteil am Elly-Heiss-Knapp-Gymnasium entsprechen: fast 80%. Den Eindruck hat man auch auf den Straßen, oder wenn man Klingelschilder studiert. Es sind sehr viele türkische Namen. Wichtig aber ist: Sie haben Konkurrenz bekommen von Menschen, die als Rumänen und Bulgaren in der Statistik auftauchen und die wohl fast alle Roma sind: über 6.000.

2. Marxloh ging es früher mal gut – in der Zeit, in der Thyssen und Grillo den Leuten noch Arbeit, Geld und Infrastruktur geliefert haben. Mit dem Zusammenbruch der Industrie ist auch das Viertel beinahe kollabiert. Keine Arbeit, keine Nachfrage – die Leute ziehen weg, die Geschäfte machen zu … Die Wohnungen sind noch da – und billig – und wer zieht ein? Diejenigen, die billige Wohnungen brauchen und niedrigen Standard akzeptabel finden. Das waren zunächst Türken. Sie haben das Viertel gerettet. Natürlich war es nicht mehr das alte Marxloh, Aber doch immerhin ein neues, das zwar sehr viel ärmer und fremder, aber lebensfähig war.

3. Ein Beispiel für die Lebensfähigkeit ist die Brautmeile. Hier findet man die wahrscheinlich weltweit größte, beste Auswahl an Brautmoden. Ich hab die Geschäfte nicht gezählt, aber es könnten über 50 sein, die sich da in der Weseler Straße und in einigen Nebenstraßen befinden. Kleine, große, einfache, luxuriöse. Dazwischen mal ein (türkischer) Juwelier, ein (türkischer) Friseursalon, ein (türkischer) Imbiss, ein (türkischer) Rechtsanwalt, ein (türkischer) Medienshop, undsoweiter. Am zentralen Platz gibt es auch zwei deutsche Supermärkte. – Lästere jemand darüber! Solche Geschäfte bringen Arbeit, Geld, Steuern, Leben, Ordnung. Ich bleibe dabei, die Türken haben das Viertel gerettet.

4. Seit einigen Jahren wankt es erneut. Rumänien und Bulgarien kamen in die EU – und Marxloh muss es ausbaden. Die 6.000 und mehr Roma bringen nicht so viel Konstruktivität mit, dem Viertel weiteres Leben zu schenken. Die Kriminalität unter ihnen ist extrem. Ein Polizeisprecher aus Marxloh schätzt, dass etwa die Hälfte der Roma-Männer kriminell agiert, mal mehr, mal weniger, aber eben doch kriminell auffällig wird. Dagegen scheint im Moment kein Kraut gewachsen zu sein. Hohe Polizeipräsenz ist die einzige Antwort. (Insgesamt ist die Kriminalitätsbelastung in Marxloh erstaunlich niedrig, wenn man mal die Situation in Betracht zieht. Sagt die Polizei!)

5. Die früheren Einwohner (und die wenigen von den alten Bewohnern, die da geblieben sind) klagen natürlich. Das alte Marxloh war fast ein Paradies. Und kam dann? – Aber daran sind ja wohl nicht diejenigen schuld, die auf die Folgen der De-Industrialisierung lebenskräftig reagiert haben. Die Verarmung von Marxloh, die Vernichtung der alten Welt in Marxloh ist Folge der Entwicklung des Kapitalismus – und Folge unserer Unfähigkeit, solche Entwicklungen sozial abzufedern. Es ist einfach eine Unverschämtheit, wenn man den Niedergang von Marxloh den Türken zuschreibt.

Meine Eindrücke nach meinem touristischen Spaziergang:

Alles in allem melancholisch stimmend. Man kann den Verfall sehen:; Viele Geschäfte verrammelt. Viele Fenster blind. Viele Geschäfte in der bescheidenen Art der 70er Jahre.

Aber das Viertel ist durchaus nicht schmutzig. Die Straßen sind sauber, ordentlich. Das Leben funktioniert, soweit ich das als Besucher beurteilen kann. Ich war in vielen abgelegenen Winkeln und hatte nirgends das Gefühl, das ich des öfteren in New York oder Kairo hatte – dass ich mich vielleicht besser schnell wieder in einen sicheren Bereich bewege.

Das mit der Brautmeile ist natürlich irre. Aber nicht unschön, finde ich. Es gefällt mir, dass das nicht zwei oder drei Mode-Giganten sind, die in Glitzergebäuden ihre Ware anbieten, sondern lauter kleine und mittelgroße Läden. Das ist Markt. Das ist gesund.

(Der Vergleich mit Amsterdam kommt mir da. Ich hab noch keine Großstadt gesehen, in der die kleinen Geschäfte dermaßen zahlreich und dominant waren wie in Amsterdam. In Marxloh sieht es etwas ärmlicher, aber doch ähnlich aus.)

Ich habe natürlich auch die Moschee in Marxloh besucht. Es mag ja unseren Islamophoben und Türkenfeinden nicht gefallen, aber es ist erstens ein wunderschönes Gebäude, zweitens ist es innen drin wunderschön, und drittens gefällt es mir grundsätzlich, wenn Menschen gemeinschaftsfähig sind und das auch materiell bzw. optisch sichtbar machen.

(Dass es vielleicht mit der Offenheit der Moschee nicht mehr weit her ist und dass die Moscheeleute vermutlich Erdogans Wütereien gegen uns unterschreiben, steht auf einem anderen Blatt.)

Die Merkez-Moschee ist mit Abstand das schönste Gebäude in Marxloh, innen wie außen.

Wie wird es mit Marxloh weiter gehen?

Ich bin da pessimistisch. Einmal, weil wir nicht wissen, was wir mit den Roma dort machen sollen. Die werden wohl auch eher immer mehr. Wird Marxloh in 10 Jahren ein Roma-Ghetto sein? (Ein Türkenghetto war es eigentlich nie.) Zum andern sehe ich schwarz für die türkische Community in Marxloh, nachdem sich dort wohl ein entscheidender Teil für Erdogan und gegen Deutschland entschieden hat. Das wird sie in den kommenden Jahren schwächen.

Von den eingewanderten Roma ist mir kein Beispiel einer konstruktiven Einwanderungskultur bekannt.

Ergänzung am nächsten Tag: 

64% der Marxloher haben einen Migrationshintergrund.

Ich vermute, das Drittel ohne Migrationshintergrund hat einen hohen Altersdurchschnitt. Bei denen unter 30 liegt der Prozentsatz eher bei 80%.

Marxloh ist damit tatsächlich ein Gebiet, in dem “Deutsche” (im Sinne von Deutsch als Muttersprache, im Sinne auch von deutscher Herkunft der Elterngeneration) eine Minderheit darstellen.

Das gibt es nicht oft in Deutschland.

Franz Voll – dem ich meine Infos über Marxloh verdanke – nennt einen Stadtteil wie Marxloh eine Ankunftsgesellschaft.

Ein Einwanderungsland hat sowas, braucht sowas. Die Einwanderer kommen erst einmal in eine urbane Gegend, in der sie Landsleute vorfinden, die sich schon einigermaßen orientiert und eingerichtet haben.

Man fasst dann Fuß, spätestens die zweite Generation schafft die Eingliederung – und dann zieht man weg, in “bessere” Gebiete.

Noch eine Ankündigung: Das Thema Marxloh – Roma ist von speziellem Interesse. Franz Voll hat ein faszinierendes Kapitel dazu in seinem Buch

Inside Duisburg-Marxloh.

Dazu mehr, wenn ich wieder zu Hause bin.

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*