Deutsche. Türken. Eine Entwicklungsgeschichte. Teil 2

tuerkei (Fortsetzung; >>> Teil 1)

Zunächst hat sich dank der erfolgreichen Politik der AKP-Regierung ab 2002 der Respekt vor der Türkei und den Türken erhöht. Außerdem konnte man sehen, in wie vielen Bereichen Deutschtürken sich konstruktiv und erfolgreich in unsere Gesellschaft eingefügt haben.

(Nebenbei: Ich bin grade im Ruhrgebiet. Gestern hab ich meinen Marxloh-Report gebracht. Ein Loblied auf die Türken.)

Mit Gezipark 2013 hat sich die Wahrnehmung der Türkei geändert. Erdogan hat genau diejenigen Türken, die eher europäisch (“westlich”) orientiert sind, in Istanbul und anderen Städte zusammenprügeln lassen. Ein großer Teil der Deutschtürken hat dabei Erdogans Partei ergriffen.

Wie sollten diejenigen in Deutschland, die für die Integration der Deutschtürken eingetreten sind, auf diesen Verrat an der Demokratie und der Meinungsfreiheit reagieren? Die Entfremdung setzt ein.

Jahr für Jahr wird es nun es schlimmer. Erdogan hat sich zum Büyük Lider, zum Diktator entwickelt. Die Abschaffung der Gewaltenteilung und die Unterdrückung der Opposition, die Gleichschaltung der Medien und der Staatsorgane in seinem Dienst lassen uns fragen: Und ihr Deutschtürken, wo steht ihr da?

Bis zum Äußersten zugespitzt wurde die Sache durch die maßlosen Attacken Erdogans auf den Westen, auf Deutschland. 

Ihr Deutschtürken, wo steht ihr da?

Wir haben haben die Antwort schwarz auf weiß bekommen.

Ein Drittel steht gegen uns. Wohlgemerkt: ein Drittel. Für zwei Drittel gilt das nicht.

Ein Drittel der Deutschtürken mit türkischem Pass hat sich gegen uns entschieden, nennt uns Faschisten, begeistert sich an der osmanischen Eroberungsperspektive, die sie mit Erdogan, dem Großen Führer, zu sehen meinen.

Das setzt eine neue Dynamik in Gang. 

Bis Gezipark kann man sagen: Die Integration, die Akzeptanz, die Bejahung der multikulturellen Situation einschließlich Moscheen und türkischer Zutaten ist bis dahin kontinuierlich gewachsen. Auch ein Sarrazin konnte dagegen nicht erfolgreich anstinken.

Gezipark hat den guten Trend gestoppt.

Die Begleiterscheinungen des Referendums drehen den Trend nun um.

Es ist ein Trend. Ein Prozess. Eine Entwicklung. 

Da passiert nicht allzuviel im Moment.

Aber das, was passiert, geht in eine bestimmte Richtung.

Die Erdotürken haben in Deutschland keine Verbündeten mehr. Allenfalls finden sich noch einige, die meinen, man solle das alles mal ignorieren.

Es gibt keinen Politiker mehr, der DITIB oder sonstige erdotürkische Vereine unterstützen könnte.

Der Blick der Medien ist neugierig-misstrauisch auf diese seltsame Community gerichtet, die uns doch tatsächlich Faschisten nennt und dem Semifaschisten Erdogan zujubelt.

Der Blick der Medien geht auf die Opfer der Erdoganschen Unterdrückungspolitik in der Türkei.

Die Bürger, die mit dem Thema zu tun haben, fühlen sich zumindest unwohl, wenn sie mit Erdotürken zu tun bekommen.

Die Erdotürken selbst werden das immer mehr zu spüren bekommen.

Ihre Reaktion darauf wird sein: Trotz. Verhärtung. Radikalisierung.

Das ergibt eine Abwärts-Spirale. Es wird immer ungemütlicher für die Erdotürken. Die Ausgrenzung wird zum Selbstläufer.

Im Moment noch hört man viele Stimmen, die beschwören: Wir müssen auf diese seltsamen Erdogan wählenden Türken zugehen.

Habt ihr je gehört, dass diese Verständigungsbeschwörer einen konkreten Vorschlag gemacht haben, WIE das gehen soll?

Es ist Geschwätz. Politikergeschwätz. Journalistengeschwätz.

Es gibt zurzeit keine Möglichkeit, den Scheidungsprozess zu stoppen. 

Wird es in Zukunft eine geben?

Ja. Wenn Erdogans Herrschaft erkennbar zum Fiasko für die Türkei wird. Wenn Erdogans Herrschaft stürzt.

Das wird früher oder später passieren, ist aber noch Zukunftsmusik.

Bis dahin, sage ich, geht der Trend zur Scheidung weiter.

Die Frage liegt nahe: WENN ihr Deutschland so seht, warum bleibt ihr dann in Deutschland? Ist dann Deutschland nicht das falsche Land für euch? Warum klammert ihr euch an euer Verbleiben in Deutschland? Ihr habt uns doch erklärt, dass wir Faschisten sind! 

Ich vermute, für einen Teil dieser Erdotürken gilt: Sie haben sich eingeigelt und agieren nun als eine kriegerische Gegengesellschaft im Namen und im Auftrag von Erdogan.

Es ist nicht schwer vorherzusagen, wie die deutsche Gesellschaft darauf reagieren wird. Nicht gleich. Nicht überstürzt. Nicht mit einem Wutausbruch. Nicht mit einem großen Schlag. Sondern nach und nach.

So, wie die Schritte hin zur Integrationspolitik langsam gekommen sind, zögernd, trippelnd sozusagen, so werden es auch Trippelschritte sein, die die Scheidung herbeiführen werden.

Ausgesprochen ist sie schon – von den Erdotürken selbst. Deutschland zögert die formellen Schritte noch etwas hinaus.

Es ist nicht schlecht, dass wir in solchen Angelegenheiten eher langsam und vorsichtig reagieren. Aber die Scheidung wird vollzogen werden. Das ist meine Prognose für die nächsten 10 Jahre. 

Kommentare

  1. Mich interessiert als Vergleich, wie Italiener in den USA in den 30er Jahren mit der Mussolini-Frage konfrontiert wurden. Da scheint es ganz viele Ähnlichkeiten mit der heutigen Situation mit Erdogan zu geben. Zum Beispiel dass der Löwenanteil der Migraten damals aus sehr armen Verhältnissen und aus dem agrarischen Süden kam, dass es wegen ihrer katholischen Religion extrem viel Missachtung gegen sie gab, dass den Italienern sehr oft pauschal Kriminalismus oder sogar Terrorismus (etwa wie bei Sacco und Vanzetti) bzw. Sympathie damit vorgeworfen wurde, und dass es unter den Italienern in New Jersey und in New York extrem unstritten war, ob man in puncto Faschismus sich weiterhin mit Italien und Mussolini identifizieren sollte, oder ob man sich den USA und der neuen Heimat dort anschließen musste. Aus heutiger Sicht ist die italienische Integration so gut wie vollbracht. Dafür bezweifele ich, dass die USA etwas Vorbildliches gemacht hätte, wovon Deutschland hier lernen könnte. Schließlich wurden Italiener während des zweiten Weltkriegs in Internment Camps gesammelt. Es scheint eher eine Frage der Zeit, des Glücks, und der schieren Größe der USA gewesen zu sein. Oder könnte man meinen, die damalige Distanz und das Nichtbestehen des Internets machen den Unterschied zwischen damals und heute aus? Ist eine solche (gelungene) Integration nur dann denkbar, wenn es aus praktischen Gründen keine Alternative gibt?

  2. Casey,
    auf längere Sicht vermute ich: Erdogans Regime wird kollabieren, die Türkei wird von inneren Konflikten zerrissen, die Wirtschaft wird schwer leiden, die Türken werden verarmen.

    Das wird seinen Effekt auf die Deutschtürken haben – auf diejenigen, die bis dahin noch in Deutschland leben. (Also die meisten. Vergessen wir nicht, dass nur ca. ein Drittel der wahlberechtigten Türken in Deutschland mit JA abgestimmt hat. Und ein Teil davon eher als Mitläufer und ohne viel politische Ahnung.)

    Die Situation ist für uns in Deutschland neu. Da haben wir also nun tatsächlich eine Gruppe von Einwanderern, die uns total feindlich gesinnt ist und sich als eine Art Kriegertruppe gegen uns organisiert.

    Wenn das nur eine winzige Sekte ist – wie zum Beispiel die “Reichsbürger” oder wie die Salafisten – dann ist das lästig, es fließt auch etwas Blut, aber ich mach mir da keine Sorgen. Wie ist es nun aber, wenn es sich um eine Gruppe handelt, die ca. eine Dreiviertelmillion Menschen umfasst (also die 412.000 JA-Türken samt Familienanhang und denen, die keinen türkischen Pass haben, aber auch mit JA gestimmt hätten, wenn sie gekonnt hätten)?

    Das ist eine spannende Herausforderung. Es gibt da noch keinen Präzendenzfall.

    Meine Vermutung:
    (1) Diese Wahnsinnsgruppe bietet sich als Prügelknabe geradezu an. Niemand, wirklich niemand mag sie, niemand verteidigt sie mit Engagement. (Ein paar defensive, beschwichtigende Stimmen gibt es schon noch, aber die werden untergehen, wenn es ernst wird.)
    (2) Man wird sie widerwillig dulden, solange die Spannung nicht zu groß wird.
    (3) Man hofft, dass sie nach und nach selber gehen. Einige werden das wohl auch machen. Mal sehen, wie viele.
    (4) Sie schaden der Türkei und ihrem Führer. Man könnte die Türkei im Südosten liegen lassen und so behandeln wie Ägypten oder den Iran – aber weil da diese erdotürkischen Wahnsinnigen sich bei uns aggressiv arrogant bemerkbar machen, wird es für die Außenpolitik schwieriger, diplomatisch zu bleiben. Die meisten Wähler möchten gern, dass etwas gegen diese Scheißkerle von Erdotürken passiert.
    (5) Sobald eine Situation kommt, in der ein Teil der Bürger zum Mob wird, steht der Prügelknabe bereit, und da niemand mit ihm sympathisiert, kriegt er auch keine Hilfe.

    Eine Parallelsituation gab es meines Wissens noch nicht. Du hast von Italoamerikanern gesprochen, die für Mussolini waren. Als die USA in den Krieg gezogen sind, waren die aber ganz ruhig, oder? Stell dir mal vor, die Italoamerikaner hätten sich pro Mussolini stark gemacht …

    Ich überleg ständig, ob es in Europa ein Vergleichsbeispiel gibt, aber es fällt mir keins ein. Es gab in Europa bis vor 50 Jahren keine großen Einwandererminderheiten in den europäischen Staaten.

    Mir scheint, die Situation, die wir jetzt mit den Erdotürken haben, ist wirklich eine historische Novität.

  3. conring meint:

    @ Leo Brux
    “Es gab in Europa bis vor 50 Jahren keine großen Einwandererminderheiten in den europäischen Staaten.”
    Es gab in Europa vor 45 durchaus Minderheitenprobleme. Und die Sudetendeutschen haben sich eben auch im Zeichen des Großdeutschen Nazitums zu den Schergen unseres Adülfs machen lassen…

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