Roma in Duisburg-Marxloh (2)

romaFranz Voll hat sich ein halbes Jahr lang Duisburg-Marxloh angeschaut. Er hat dort gelebt und mit den unterschiedlichsten Leuten gesprochen. Ein Musterbeispiel an umsichtiger Recherche.

Der Autor der Reportage “Inside Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst” setzt ein Mosaik zusammen. Seine Kommentare zeigen, dass er wie ich die multikulturelle Realität sowohl schätzt als auch für unvermeidlich hält.

Gerade darum ist es ihm – ist es auch mir – wichtig, die Schatten wahrzunehmen und darüber zu sprechen.

Fortsetzungsartikel (>>> Artikel 1)

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“Ihr habt die Roma doch gewollt!”

sagt ein rumänischer Tierarzt dem Autor.

Warum so viele Roma nach Deutschland kommen?

Erstens, weil das Leben für sie in Rumänien unerträglich ist; weil die Behörden in Rumänien die Auswanderung der Roma gern sehen und fördern.

“Roma haben in Rumänien keinerlei Menschenrechte. Man kann Roma ohne Strafe verprügeln. Roma wurden immer schon ohne Verfahren eingesperrt. Wären die Roma jemals zu Besitz gekommen, hätte es garantiert ein Gesetz gegeben, dass man ihn den Roma einfach so wegnehmen kann. Was sollte sie unter solchen Umständen in Rumänien halten?

Die rumänischen Roma haben in Rumänien keinerlei Chance, sie werden behandelt wie Aussätzige. Sie erhalten keine Ausbildung und keine Unterstützung. Sie leben in menschenunwürdigen Häusern unter unwürdigen Bedingungen. Qualifizierte Arbeit bekommen sie auch nicht.”

Warum kommen sie nun besonders nach Duisburg?

“Roma leben in Großfamilien, von denen eine schon mal 300 bis 500 Personen umfassen kann. Hatte früher ein Roma irgendwo eine gute Stelle zum Geldverdienen gefunden, dann ist immer die ganze Großfamilie mit ihm dorthin gezogen. So ist es auch heute noch. Wahrscheinlich leben in Duisburg schon viele Großfamilien, und viele andere ziehen nach.”

Ich würde hinzufügen: Duisburg-Marxloh hat den Vorteil für sie, dass sie hier auch genug billigen Wohnraum für sich finden.

Der rumänische Tierarzt gibt der EU die Hauptschuld:

“Hier regen sich die Leute auf, dass zum Beispiel in Duisburg jetzt 10.000 bis 20.000 rumänische Roma wohnen. Die Roma, die hier sind, sind aber die falsche Adresse zum Aufregen. Regen Sie sich lieber über die Idioten auf, die Rumänien in die EU geholt und somit den Roma ermöglicht haben, problemlos und legal nach Deutschland zu kommen.”

Der Mann geht so weit, dass er meint, die rumänische Regierung sei auch deshalb so erpicht auf eine EU-Mitgliedschaft gewesen, weil das einen Weg zur Verminderung des Roma-Problems für sie war.

Die deutsche Wirtschaft hingegen hat sich begeistert an der Perspektive von jungen, gesunden, einigermaßen gut ausgebildeten rumänischen Fachkräften, die ja auch gekommen sind und kommen (und die Rumänien verloren gehen).

Er sieht noch einen Grund für die Wanderung der Roma nach Deutschland: das Kindergeld.

Sie haben im Durchschnitt sechs Kinder. Hartz IV kriegen sie nicht, aber Kindergeld für diese sechs Kinder und vielleicht noch für ein oder zwei gefakte weitere Kinder.

“Mit den Problemen muss jetzt die Bevölkerung fertigwerden, die immer nur die Nachteile von solchen Entwicklungen zu spüren bekommt, weil es den Verantwortlichen egal ist, ob die öffentlichen Kassen einknicken, ob die hiesigen Kinder noch ins Schwimmbad gehen können, alles egal! Hauptsache, die Gewinne sprudeln.

Und so schlimm das jetzt klingt: Ich gönne jedem, der das nicht sehen will, dass in seiner Nähe Roma einziehen. Ihr alle seid Europa, ihr alle wählt die, die euch anschließend über den Tisch ziehen. Bitte nehmt dies als Zeichen eurer Dummheit.”

Wenn die “Gewinne sprudeln”, kriegen natürlich alle hierzulande etwas ab. Aber extrem unterschiedlich viel. Die Duisburger kriegen deutlich weniger ab als die Münchner – müssen dafür aber mehr von den Nachteilen schultern. Was sich in der Bilanz dann zumindest in Duisburg-Marxloh als ein Minus herausstellt. Und die ohnehin schon Reichen kriegen sehr viel mehr ab als das untere Drittel, das dafür auch fast alle nachteiligen Begleiterscheinungen auszuhalten hat.

Dieser Tierarzt hat schon recht, wenn er den Finger nicht auf die Roma richtet, sondern auf – uns.

Allerdings hat er keine Vorstellung, wie es denn nun mit den Roma in Europa weiter gehen soll.

Die Roma sind ein europäisches Problem – und weder dieser rumänische Tierarzt noch die mit dem Problem befassten Politiker noch die mit dem Problem befassten Wissenschaftler noch der Blogger, der darüber schreibt, haben ein Lösungskonzept.

(In der Politik ist es tabu, von einem Problem ohne Lösung zu sprechen. Als Blogger kann ich mir das leisten.)

Fortsetzung folgt.

 

 

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