Roma in Duisburg-Marxloh (3)

romaFranz Voll hat sich ein halbes Jahr lang Duisburg-Marxloh angeschaut. Er hat dort gelebt und mit den unterschiedlichsten Leuten gesprochen. Ein Musterbeispiel an umsichtiger Recherche.

Der Autor der Reportage “Inside Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst” setzt ein Mosaik zusammen. Seine Kommentare zeigen, dass er wie ich die multikulturelle Realität sowohl schätzt als auch für unvermeidlich hält.

Gerade darum ist es ihm – ist es auch mir – wichtig, die Schatten wahrzunehmen und darüber zu sprechen.

Fortsetzungsartikel (>>>  Artikel 1); >>> Artikel 2)

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Der Autor interviewt einen von diesen Roma in Marxloh.

“In meinem Heimatdorf Barbulesti in Rumänien, aus dem die meisten hier lebenden Roma stammen, gibt es nichts als Not und Elend. Unsere Familie zu Hause hatte uns erzählt, dass man in Deutschland viel Kindergeld bekommt und ab und zu auch noch Arbeit auf einer Baustelle. Man sagte uns, dass es keine Gewalt auf den Straßen gegen Roma gäbe und dass es in den Geschäften alles zu kaufen gibt, was man braucht. Die Arbeit wäre auch da, hat man uns gesagt.

Wir haben einen Mann im Dorf, der organisiert das. Das muss man dem aber alles zurückgeben. Die Frau und die Kinder gehen für den Mann in Deutschland betteln.

Vorher haben sie uns beigebracht, wie wir uns in Deutschland zu benehmen haben.

Wenn die Polizei kommt, sollen wir laut rufen, dann kommen immer Kollegen aus unserem Dorf und helfen uns.

Aber wir sollten uns keine Sorgen machen, die deutsche Polizei ist anders als die rumänische Polizei. Die deutsche Polizei will kein Geld und schlägt auch nicht.

Wenn die vom Amt kommen, sollen wir immer sagen, sie sind Nazis, dann geht alles besser.

Wenn uns die Leute auf der Straße oder in den Läden ansprechen, sollen wir das auch sagen.

Man hat uns auch gesagt, dass es in Deutschland zwar wenig Arbeit gibt, aber für fünf Kinder so viel Kindergeld, dass man die Miete bezahlen kann.”

Das mit dem Nazi-Vorwurf probiert auch Erdogan. Aber nachdem er das auch den Niederländern vorgeworfen hat, ausgerechnet den Niederländern, können wir uns  zurücklehnen und überlegen, wie wir es dem neo-osmanischen Möchtegernsultan heimzahlen.

Was aber machen wir, wenn uns so ein Roma mit dem Vorwurf kommt?

Der weiß ja nun nicht, was ein Nazi ist.

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Ob es in Deutschland besser ist als in Rumänien?

“Ja, man mag uns hier zwar nicht, aber in Rumänien mag man uns auch nicht. In Rumänien bekommen wir keine Arbeit, wir kriegen keine Sozialhilfe …”

Und wenn man hier kein Geld oder nicht genug Geld verdient?

“Wenn wir kein Geld mehr haben, schicken wir die Kinder in die Läden, die holen dann Sachen.”

Die Kinder werden zum Klauen geschickt?

“Nein, die nehmen. Deutschland ist so reich, die Läden sind voll, dann sollen die uns was abgeben. Die Kinder nehmen, die klauen nicht.”

Für uns ist das Klauen.

“Wenn Sie das so sehen, dann klauen sie eben. Was sollen wir denn machen? Dann soll Deutschland uns Sozialhilfe zahlen, dann klauen wir auch nicht mehr.”

Ist das vom Gastland nicht ein bisschen viel verlangt?

“Deutschland ist kein Gastland, wir sind jetzt alle Europäer, genau wie die Deutschen. Deshalb müssen die EU-Staaten für uns sorgen.”

Man könnte sich empören. Aber man könnte sich auch fragen, ob der Mann recht hat. Und, für diesen Fall, ob uns (!) diese Wahrheit nicht hoffnungslos überfordert.

Fortsetzung folgt.

Anmerkung:

Vom Bettelgeld dürfen die Roma-Bettler 10% behalten. An sehr guten Tagen sind das immerhin 25 Euro, so sagt einer, der es wissen muss.

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