Roma in Duisburg-Marxloh (4)

romaFranz Voll hat sich ein halbes Jahr lang Duisburg-Marxloh angeschaut. Er hat dort gelebt und mit den unterschiedlichsten Leuten gesprochen. Ein Musterbeispiel an umsichtiger Recherche. Der Autor der Reportage “Inside Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst” setzt ein Mosaik zusammen. Seine Kommentare zeigen, dass er wie ich die multikulturelle Realität sowohl schätzt als auch für unvermeidlich hält. Gerade darum ist es ihm – ist es auch mir – wichtig, die Schatten wahrzunehmen und darüber zu sprechen.

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Hier spricht ein albanischer Türsteher und Drogenhändler. Im Gespräch geht es dann auch um Rumänien, Roma und Securitate-Rumänen.

“Legal arbeiten war ich noch nie, obwohl ich das heute könnte, denn ich habe eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Heute lebe ich von Hartz IV und arbeite nebenher schwarz in der Gastronomie. Diese Stelle nutze ich auch und verkaufe dort Drogen.”

Sie geben zu, ein Sozialschmarotzer zu sein?

“Wenn Sie das so sagen wollen! Mich stört das nicht.”

Haben Sie denn keinen Stolz?

“Doch, schon, aber ich bin ja nicht in meiner Heimat. Ich bin hier sozisagen in meinem Laden, denn hier bin ich, um Geld zur Seite zu schaffen, damit ich mirin meiner Heimat später ein gutes Leben machen kann. Dann kann ich es mir auch leisten, stolz zu sein. Ich sehe Deutschland nur als Einnahmequelle und als einen Selbstbedienungsladen mit vollen Regalen. Was da der Einzelne zu mir sagt, ist mir egal. Hauptsache, die Kasse klingelt. Und das tut sie.”

Dieser Kosovo-Albaner hat gut Deutsch gelernt. Er spricht auch sehr freundlich von der deutschen Polizei, die durchaus angenehm sei, wenn sie einen mal erwische. Er kam als Kriegsflüchtling 1999 mit 19 nach Deutschland und erzählt, wie großzügig man ihn hier behandelt habe. Und nun über die Roma und über die Rumänen in Marxloh:

“Die Roma in Marxloh sind zahlenmäßig zwar viele, aber denen fehlt noch der Durchblick. Aber wenn sie mal zu groß werden, dann muss man die auf das normale Maß zurückschneiden wie einen Strauch. Und wenn sie in unsere Geschäfte eindringen, gibt’s Krieg. Im Kriegmachen sind wir gut. Trotzdem muss man vorsichtig sein, denn unter den Rumänen sind auch ein paar von der ehemaligen Securitate. Die sind nicht zu verachten und sehr kaltblütig. Und vor allem: Die sind top ausgerüstet. Die haben alle Sorten Waffen und die sind gut vernetzt.”

Mehr will der Albaner dann nicht erzählen und streicht sein üppiges Honorar ein. 7 Der Autor ist bestürzt und fragt den rumänischen Tierarzt noch einmal. Hat sich die Securitate in Marxloh eingenistet?

“Das ist nicht nur möglich, das ist sicher. Das sind dann aber nicht die Leute mit den dreckigen Klamotten. Das sind die, die als integriert gelten, das sind die mit den Mercedes- und Audi-Fahrzeugen. Die arbeiten jetzt auf eigene Rechnung. Denn die haben ja alles gelernt, was man für eine Karriere in der kriminellen Szene so braucht. Die ziehen die Strippen, die organisieren Einbrüche, Drogenhandel, Prostitution, damit kennen sie sich seit Jahrzehnten aus. Die sind bestens ausgerüstet und verfügen über die besten Kontakte. Man schätzt, dass sich 600 bis 3.500 Securitate-Leute in Deutschland aufhalten, davon etwa 40 bis 60 in Duisburg und Umgebung.

Der Tierarzt warnt den Autor vor dem Versuch einer Kontaktaufnahme mit diesen Leuten. 8 Nun. Starker Tobak, zum Teil. Sind Volls Berichte zuverlässig, sind die Interviewtexte authentisch? Sie sind natürlich fast alle Übersetzungen. Man merkt, dass Voll sie in sein Deutsch übertragen hat. Dennoch, ich bin mir sicher, dass gerade auch die krassen Äußerungen etwa so gekommen sind, wie wir sie in seinem Buch lesen. Wer meint, Franz Voll würde rechte oder rechtspopulistische Ziele verfolgen, möge das ganze Buch lesen. Seine politische Haltung scheint alles in allem der meinen zu entsprechen. Auch die Neigung, sich erst einmal für die nackte Wahrheit zu interessieren und nicht dafür, ob sie einem ins Konzept passt, teile ich mit ihm. Das Thema “Roma in Marxloh” ist nur eines von vielen. Im Buch sind es etwa 20 von 220 Seiten. Franz Voll liefert ein Mosaik. Eine Vielzahl von zum Teil gegensätzlichen Stimmen sind zu hören. Ich hätte gern ein ähnlich vielstimmiges Buch über die Deutschtürken in München.

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