Leitkultur, schon wieder

multikulturEs ist ja auch eines meiner Lieblingsthemen. Hab schon so einiges darüber geschrieben.

Und werde noch oft Gelegenheit haben, mich darüber auszulassen.

Jetzt also schlägt de Maizière zu.

Ich muss nicht wiederholen, was er uns an Peinlichkeiten zumutet, ich brauche das jetzt auch hier nicht im einzelnen zu kritisieren. Das haben schon andere sehr gut gemacht. (Der Tenor der Medien ist auffallend negativ.)

(1) Unter diesem Artikel der ZEIT findet sich der Text von de Maizières BILD-Beitrag.

(2) Dazu dann auch ein heftig kritisierender Kommentar bei Spiegel Online.

(3) Sehr gute Zusammenfassung sowie scharfe Kritik von Heide Oestreich in der taz.

(4)  Sogar die konservative WELT ärgert sich (Rainer Haubrich).

(5) Dito Ludwig Greven in der ZEIT.

(6) Und Jürgen Kaube in der FAZ.

(7) Last not least Heribert Prantl in der SZ: “Warum de Maizières Leitkultur-Katalog gesellschaftsschädlich ist. – Der Innenminister streicht ein Sammelsurium von Nichtigkeiten und Wichtigkeiten schwarz-rot-golden an und erklärt es zur deutschen Leitkultur. Das ist so albern.”

In diesen sechs Kommentaren alles gesagt. Fast alles. Etwas fehlt.

Einige der Kritiker erwähnen es nebenbei: Mehr als zwei Drittel der Deutschen finden das Leitkultur-Thema wichtig. Ihnen gefällt es, wenn die Unionsparteien das Thema aufgreifen. Ihnen gefällt auch der Tenor dieser Leitkulturvorschläge. (Auch wenn sie je nach Geschmack das eine besonders gut und das andere eher vernachlässigenswert betrachten.)

Was der Kritik also fehlt, ist der Versuch einer Erklärung für dieses Interesse der großen Mehrheit der Deutschen.

Hier meine Theorie.

Die Bürger spüren, wie sie den (Kultur-)Boden unter ihren Füßen verlieren. Unsere Welt verändert sich mit einem Tempo, das Angst macht. Unsere Umwelt verliert immer noch mehr an Vertrautheit, an Stabilität. Gewissheiten sind nicht mehr gewiss. Die Zukunft ist so unsicher wie noch nie. Alle Identitäten fragmentieren.

Woran machen die Bürger diesen ebenso umfassenden wie durchdringenden wie komplexen Prozess der Entfremdung fest?

An den Migranten.

Nicht an der permanenten Revolution im Bereich der Technologien. Nicht am beängstigenden Wandel der Arbeitswelt. Sondern an den Fremden.

Die Umwelt wird ihnen unsicher, fremd, gefährlich – wegen der “Ausländer”, wegen der Flüchtlinge, wegen der Muslime, wegen des Terrorismus und der Kriminalität.

Das erinnert an die Reaktion der Bürger auf die rabiate Modernisierung ab Ende des 19. Jahrhundert: Der Jude ist schuld! Überall marschieren die Juden an der Spitze des unangenehmen, bedrohlichen Neuen. Deutschland (Frankreich, etc.) verjudet! Ein Synonym mit: Deutschland verliert sich selbst, verliert seine traditionelle Art, das Vertraute.

Wir wissen, wie sich diese panische Verschwörungstheorie politisch zuspitzen kann.

Ich sehe das, was sich an Fremdenangst bei uns abspielt, vor einem ähnlichen Hintergrund; die Attraktivität des Leitkultur-Themas erklärt sich aus dieser panischen Angst vor dem uns überfordernden Wandel.

Was wünschen sich die Leitkulturler? – Ruhe. Sicherheit. Eindeutigkeit. “Die gute alte Zeit.”

Dazu gehören Nation, nationale Grenzen, völkische oder staatsbürgerliche Homogenität.

Dazu gehören verbindliche Normen – natürlich nur und genau die eigenen.

Ein menschliches, verständliches Verlangen. Die Bürger haben schon recht, wenn sie von der Politik eine Umwelt fordern, die sie nicht überfordert.

Aber man kriegt selten, was man haben will und zu brauchen meint.

Die technologischen Innovationen und ihre Umsetzung in Wirtschaft, Kommunikation und Unterhaltung erzwingen die Globalisierung ebenso wie den weiteren Wandel. (Ich nenne es nicht – nicht mehr – Fortschritt.)

Die Nation von früher – heute neu belebt – wäre nicht mehr die Nation von früher, sondern ein Fossil.

Die gute alte Langsamkeit führt zum wirtschaftlichen Fiasko.

Folgt daraus nun, dass man die heiße Sehnsucht nach Sicherheit und die wachsende Wut über die Überforderung (verengt auf die Einwanderung und die Einwanderer) einfach nur politisch abdrängen muss?

Gibt es eine plausible Politik, die das menschliche Bedürfnis nach Heimat, sicherer Identität, Mitbestimmung verbinden kann mit Globalisierung, Multikulturalität und Innovation?

Die Kritiker des CDU-Leitkultur-Geschwätzes müssen mehr bieten als das Bloßstellung. Sie müssen herausfinden, was am Bedürfnis nach Leitkultur berechtigt ist.

Es genügt nicht, hierzu auf das Grundgesetz als Orientierungslinie zu verweisen?

Anmerkung:

Ich wollte im Text noch einen wichtigen Gesichtspunkt unterbringen, hab aber auf die Schnelle keinen Platz dafür gefunden.

Könnte es sein, dass unsere mentalen und insofern auch politischen Probleme mit der Entfremdung auch zu tun haben mit unserem zunehmenden Mangel an Resilienz? Also damit, dass wir immer weniger in der Lage sind, Schmerzen, Niederlagen, Unsicherheit, Gefahr auszuhalten?

Anmerkung:

Dieser Artikel unterbricht meine Flüchtlings-Serie. Sie wird fortgesetzt werden.

Nachtrag:

Frage 1:

Braucht eine multikulturell zu charakterisierende Gesellschaft eine LEITkultur?

Sicher braucht sie einen RAHMEN. Nicht alles geht, und nicht alles kann mainstream sein. Es gibt Normales und zulässig Nicht-Normales auch in einer Multikultur. Und nicht-zulässig Nicht-Normales. Und eine Grauzone.

Was aber wäre eine LEITkultur für eine MULTIkultur innerhalb ihres RAHMENS?

Frage 2:

Komme mir niemand mit der Forderung, Deutschland dürfe nicht multikulturell sein. Deutschland IST multikulturell. Wollen wir das abschaffen, bräuchten wir ethnische Säuberung und eine totalitäre Volksgemeinschaftsorganisation dazu.

Aber vielleicht meinen die Verunsicherten ja nur, wir sollten unsere Multikultur ein bisschen beschränken, ein bisschen zurückfahren, ein bisschen weniger Vielfalt und Freiheit zulassen?

 

Kommentare

  1. conring meint:

    “Es genügt nicht, hierzu auf das Grundgesetz als Orientierungslinie zu verweisen?”
    Das tut doch auch de Maiziere.
    Das Problem ist, dass keiner von seinen KritikerInnen irgendwie in der Lage ist zu formuleiren, wie sie sich denn die schöne neue Einwanderungswelt konkret vorstellen.
    Das GG verpflichtet übrigens niemanden dazu an die Gleichwertigkeit aller Menschen zu glauben oder auch nur die allgemeine Verbindlichkeit demokratischer und rechtstaatlicher Spielregeln.
    Da darf man als Bewohner dieses Landes durchaus anderer Ansicht sein.

  2. conring meint:

    Übrigens hat Frau Oestreich mit ihrer Behauptung “Es ist in Deutschland noch keine einzige Burkaträgerin gesichtet worden” einfach unrecht (Oder verbreitet sie eine fake news?). In Frankfurt gibt es Burka-TrägerInnen.

  3. conring meint:

    Zur linken Leitkultur gehört wohl auch, dass die Bundesfamilienministerin jetzt mit ihrem Projekt “Demokratie leben” Ditib-Initiativen fördert .
    http://www.n-tv.de/politik/Ministerium-gibt-Foerdergelder-fuer-Ditib-frei-article19817931.html
    Warum eigentlich nicht auch staatliche Mittel für Scientologen, Mormonen, Opus Dei und PiusbrüderInnen?

  4. Korbinian meint:

    fantomas wird diesen Artikel mit Genuss lesen. Als türkischer Leitkültürler kann er nur mit Verachtung auf diese scheinbar nur innerdeutsche Debatte schauen.

    @conring
    In bezug auf DITIB sind die Linken mit Blindheit geschlagen.
    Zum Glück steht jetzt der Bundeswehrfranco auf der Tagesordnung.

  5. Sind es nicht Niqab-Trägerinnen, conring?

    Übrigens sollte man auch die Unterscheidung machen zwischen Touristinnen aus dem arabischen und afghanischen Raum und Frauen, die tatsächlich in Deutschland wohnen, hier amtlich gemeldet sind. Du hörst oder liest, dass da oder dort tatsächlich mal eine Burka-Trägerin gesichtet worden sei – und weißt weder das eine noch das andere.

  6. DITIB-Fördergeld: Frag mal einen Juristen, wie das ist, wenn man Geld versprochen hat und es dann verweigert. Braucht man rechtsgeignete Gründe dafür. DAS wäre im vorliegenden Fall zu prüfen, meinst du nicht, conring?

  7. Korbinian,
    warum die Linken? Ist die Haltung gegenüber DITIB bei der CDU wirklich anders als bei SPD, Grünen und Linken? Nicht dass ich wüsste.

  8. Ich habe dem Artikel einen Nachtrag hinzugefügt:

    Frage 1:

    Braucht eine multikulturell zu charakterisierende Gesellschaft eine LEITkultur?

    Sicher braucht sie einen RAHMEN. Nicht alles geht, und nicht alles kann mainstream sein. Es gibt Normales und zulässig Nicht-Normales auch in einer Multikultur. Und nicht-zulässig Nicht-Normales. Und eine Grauzone.

    Was aber wäre eine LEITkultur für eine MULTIkultur innerhalb ihres RAHMENS?

    Frage 2:

    Komme mir niemand mit der Forderung, Deutschland dürfe nicht multikulturell sein. Deutschland IST multikulturell. Wollen wir das abschaffen, bräuchten wir ethnische Säuberung und eine totalitäre Volksgemeinschaftsorganisation dazu.

    Aber vielleicht meinen die Verunsicherten ja nur, wir sollten unsere Multikultur ein bisschen beschränken, ein bisschen zurückfahren, ein bisschen weniger Vielfalt und Freiheit zulassen?

  9. Karma meint:

    Zur Belebung der Debatte
    Was ist deutsch?
    Auszug aus der Dokumentation von Dr. Thomas Petersen in der FAZ vom 22. Sept 2016
    “Die Bevölkerung beim Thema Einwanderung hin- und hergerissen. Auf der einen Seite haben die Allensbacher Umfragen immer wieder gezeigt, dass viele Deutsche großes Verständnis für die Einwanderer aufbringen. Doch gleichzeitig reicht die Furcht vor dem Verlust der kulturellen Identität weit über den Kreis der AfD-Anhänger hinaus. Das zeigen die Antworten auf die Frage „Wenn immer mehr Einwanderer nach Deutschland kommen, geht dann das, was Deutschland war, allmählich verloren, oder glauben Sie das nicht?“ 53% der Befragten sagen heute, sie glaubten, das was Deutschland ausmache, gehe langsam verloren, nur 30% widersprechen. Konsequenterweise fordern auch rund drei Viertel der Deutschen die Durchsetzung einer deutschen Leitkultur: 76% stimmen der Aussage zu: „Ausländer, die in Deutschland leben, sollten sich an der deutschen Kultur orientieren. Natürlich können sie ihre eigenen Bräuche, Sprache oder Religion pflegen, aber im Konfliktfall sollte die deutsche Kultur Vorrang haben.
    ……..
    Man kann, je nachdem, welchen Standpunkt man in dieser Frage selbst einnimmt, solche Ergebnisse vielleicht beklagen, doch es ist wichtig, sie zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren. Politik muss sich an der Wirklichkeit orientieren. Zur Wirklichkeit in Deutschland gehört, dass mindestens eine relative Mehrheit der Bevölkerung ihre eigene Nationalität auch über eine in Jahrhunderten gewachsene Kulturtradition und eine gemeinsame Herkunft definiert. Das hat mit Chauvinismus oder Fremdenfeindlichkeit nichts zu tun, sondern es ist Ausdruck eines meist nicht tiefer reflektierten, aber dafür umso tiefer im Unterbewusstsein verankerten Identitätsgefühls. Wer solche Vorstellungen pauschal als „völkisch“ diffamiert, verwässert damit nicht nur diesen Begriff, sondern er wird den Zuspruch der Menschen verlieren und sie nationalistischen Bewegungen in die Arme treiben.”
    http://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_reportsndocs/FAZ_September_2016.pdf

  10. Konsequenterweise fordern auch rund drei Viertel der Deutschen die Durchsetzung einer deutschen Leitkultur: 76% stimmen der Aussage zu: „Ausländer, die in Deutschland leben, sollten sich an der deutschen Kultur orientieren. Natürlich können sie ihre eigenen Bräuche, Sprache oder Religion pflegen, aber im Konfliktfall sollte die deutsche Kultur Vorrang haben.

    Karma,
    ein großes Problem bezüglich dieser 76% ist, dass sie selber nicht wissen, was denn nun die “deutsche Leitkultur” sei.

    De Maizières Versuch zeigt einmal mehr, dass auch der deutsche Innenminister mit seinem Stab an Experten nicht in der Lage ist, es auch nur annähernd plausibel zu definieren.

    Mal ganz ohne Ausländer: Die Deutschen haben keine deutsche Kultur, von der Sprache und der gemeinsamen Geschichte mal abgesehen. Die kulturellen Unterschiede zwischen uns Biodeutschen sind so groß, dass es lächerlich ist, uns kulturell in einen Topf zu werfen. (Dasselbe gilt für die Franzosen, etc.)

    Als Beispiel dafür: Ich habe, so wie ich bin, mit einem Intellektuellen aus Italien, Russland, USA, Japan mehr gemeinsam als mit einem Biodeutschen, dem alle intellektuellen Aspekte von Kultur fremd bleiben. Damit will ich diesen unintellektuellen, bildungsfernen Biodeutschen nicht abwerten. Nur, was zum Teufel (außer der Sprache, der Nationalität und der deutschen Geschichte) hab ich denn mit ihm gemeinsam? Doch sicher nicht “die deutsche Kultur” im engeren Sinne – im Sinne der deutschen Hochkulturleistungen. Denn die diese deutsche Hochkultur ihm fremd. Er liest und hört und versteht keine Klassiker, auch keine modernen Klassiker; er denkt und fühlt nicht europäisch und weltbürgerlich, er philosophiert nicht … Er muss das alles auch nicht. Ich habe großen Respekt, wenn er geschickt und verantwortungsvoll Auto fährt, seinen Job als Heizungsmonteur gut macht, nett mit seiner kleinen Tochter spielt und im übrigen versteht, dass er halt mit mir nicht über Sachen reden kann, die Abstraktionsfähigkeit und viel Bildung voraussetzen. Es ist schon gut, dass wir Menschen nicht alle gleich sind. Aber, Karma, erzähl mir nicht, dass dieser Mann und ich in dem Sinne zur gleichen Kultur gehören, der von den 76% gemeint ist.

    Nocheinmal: Es gibt keine “deutsche” Kultur. Es gibt viele Kulturen in Deutschland, Kulturen, die erfreulicherweise und nützlicherweise auch sehr verschieden sind.

    Das meiste, was de Maizière auflistet, ist mittel-, west- und nordeuropäische Kultur, nicht deutsche Kultur, oder? Genauer gesagt, es sind europäische Üblichkeiten, die ein Nicht-Europäer klugerweise zu verstehen und zu berücksichtigen versucht, auch wenn er in dem einen oder anderen Punkt sie nicht für sich übernehmen will. Auch nicht muss. Denn es gehört zu unserer europäisch-aufgeklärten Kultur, dass wir auf solche Zwänge verzichten.

    Was im Konfliktfall Vorrang hat, das möchte ich – ganz deutscher Multikultureller – von Fall zu Fall entscheiden.

    Wir können schon sinnvoll über das Thema reden. Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir das ohne Pistole machen. Dass wir nichts FORDERN. Ich lass mir in meine Kultur schon reinschauen und reinreden, aber ENTSCHEIDEN darüber tu dann am Ende ich. Das gestehe ich jedem andern zu, und ich bitte mir für diese Entscheidungen Respekt aus, auch dann, wenn sie mir nicht gefallen. Die Grenze wird von den Gesetzen gezogen, nicht von meinem speziellen Geschmack oder von dem meiner Nachbarn und Kollegen.

  11. Karma meint:

    Bassam Tibi hat z.B. für Muslime einige Grundvoraussetzungen für Teilhabe, Integration und interkulturelle Öffnung, in seinem Pamphlet “Warum ich kapituliere”, definiert:

    1. Trennung von Religion und Politik im Rahmen der Privatisierung des Glaubens. 2. Aufgabe der islamischen Konzepte von Dschihad und Scharia, die jede Integration behindern. 3. Islamische Akzeptanz der säkularen Demokratie als Werteorientierung für ein Gemeinwesen, in dem Muslime und Nichtmuslime als Citoyens leben. 4. Toleranz im Sinne der europäischen Aufklärung und nicht das, was Muslime unter Toleranz verstehen, nämlich Duldung von Christen und Juden als Dhimmi, untergeordnete Gläubige; diese Auffassung widerspricht der Grundidee Europas. 5. Aufgabe des islamischen Anspruchs auf Siyadat, Vorherrschaft und religiöse Überlegenheit der Muslime, zugunsten eines Pluralismus der Religionen. 6. Bestimmung der in Europa lebenden Muslime als Individuen, nicht als Umma-Kollektiv, im Rahmen von individuellen Menschenrechten; Geschlechtergleichheit und Glaubensfreiheit gelten in einem demokratischen Gemeinwesen für Individuen und nicht für ethnisch-religiöse Kollektive.

    Ich sehe diese Grundwerte, etwas anders formuliert, auch als verbindliche kulturelle Grundwerte, der deutschen und europäischen Kultur an.

    1. Trennung von Religion und Politik durch Privatisierung des Glaubens. 2. Ablehnung religiös-politischer Herrschaftsideologien, die über dem staatlichen Recht stehen. 3. Akzeptanz der säkularen Demokratie als Werteorientierung für ein Gemeinwesen, in dem alle Bürger gleichberechtigt als Citoyens leben. 4. Toleranz im Sinne der europäischen Aufklärung und nicht das, was manche Religionen unter Toleranz verstehen, nämlich Duldung der Anderen als untergeordnete Gläubige; dies widerspricht den Grundwerten Europas. 5. Aufgabe des Anspruchs auf Vorherrschaft und religiöse Überlegenheit der eigenen Religion, zugunsten eines Pluralismus aller Religionen, die den Grund- und Menschenrechten nicht widersprechen. 6. Bestimmung des Menschen als selbstverantwortliches Individuum, nicht als Kollektiv, im Rahmen von individuellen Menschenrechten; Geschlechtergleichheit-Glaubensfreiheit gelten in einem demokratischen Gemeinwesen für Individuen und nicht für ethnisch-religiöse Kollektive oder Clans.

    Kulturen haben auch Primärmerkmale, und diesem Sinne sollte man, meiner Meinung nach, diese Debatte führen. Ich sehe z.B. nur max drei Kulturen in Europa, wenn ich die Primärmerkmale betrachte.

  12. Karma meint:

    Grundsätzliche kulturelle Merkmale

    1. Strategien zu Konfliktlösung

    Europäer betrachten es im Allgemeinen als kindisch und unreif wenn Menschen zu Drohungen und aggressivem Verhalten greifen, wenn sie ihre Abneigung hervorheben wollen und Dinge nicht so sind wie sie es gerne hätten. Stattdessen beurteilen wir die Fähigkeit der Menschen logische Argumente vorzubringen, Kompromisse zu schließen, die Situation aus der Sicht des Gegners zu sehen sowie deren Faktenkenntnis anzuerkennen, und ruhig zu bleiben wenn man herausgefordert wird, als klares Zeichen von Stärke und Authentizität.

    Totalitär patriarchalisch geprägte Menschen aus vielen Teilen der Welt betrachteten dagegen diese westlichen Konfliktlösungsstrategien, bei Verhandlungen im Rahmen von sozialen oder politischen Konflikten, aber als Zeichen der Schwäche. Sie betrachten den Einsatz von Aggression als akzeptiertes und sogar oft auch erwartetes Verhalten in Konflikten und sie sehen in der fehlenden Bereitschaft Drohungen zu benutzen und gegebenenfalls auch umzusetzen als ein Zeichen von Angst und Unterwerfung.

  13. Zum einen: Wie möchtest du das durchsetzen?
    a) Durch Gesinnungsterror? Jeder muss da was hoch und heilig schwören?
    b) Durch Bruch der Verfassung: indem der Staat auf alles (!), was irgendwie den Standards des aufgeklärten Systems widerspricht, mit Verboten reagiert? (Also durch Kriminalisierung unaufgeklärten Verhaltens)

    Also, forderst du zum Beispiel das Verbot der Fußballfanclubs?

    (Überleg mal, wie sehr das alles, was du da forderst, auch gegen die Ultras wenden lässt. In denen zeigt sich das menschliche Bedürfnis nach fundamentalistischem Glauben, bedingungsloser Loyalität, Hetze gegen das rivalisierende Andere. – Wir finden sicherlich noch sehr viel mehr Erscheinungsformen des totalen Glaubens und der kollektiven Glaubensgemeinschaft bei uns, die sich nicht in der Form eines religiösen Gottesglaubens wie im Christentum, Judentum oder Islam zeigen.)

    Für WEN sind die Grundwerte verbindlich? – Grundsätzlich nur für den Staat und für seine Amtsträger, seine Amtshandlungen.

    Sie KÖNNEN NICHT und DÜRFEN NICHT für die Bürger in ihrem Alltag rechtsverbindlich sein. Das wäre gegen das Grundgesetz. Das GG steht gegen den Gesinnungsterror.

    “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Damit beginnt der Grundrechtekatalog des GG. Nun setz das mal rechtsverbindlich um für alle Bereiche außerhalb des staatlichen Handelns! WIE willst du das machen? Durch staatliche Eingriffe ins Privatleben der Familien und der Vereine und der Wirtschaft? Für die Kontrolle des staatlichen Handelns gibt es das Bundesverfassungsgericht. Wer kontrolliert (rechtsverbindlich!), dass Papa seinen Sohn strikt gemäß des Grundrechts Nummer 1 behandelt?

    Speziell:

    Totalitär patriarchalisch geprägte Menschen aus vielen Teilen der Welt betrachteten dagegen diese westlichen Konfliktlösungsstrategien, bei Verhandlungen im Rahmen von sozialen oder politischen Konflikten, aber als Zeichen der Schwäche.

    Das gilt für mindestens ein Drittel der Deutschen auch. Für zwei Drittel der Osteuropäer vielleicht auch.

    Sie betrachten den Einsatz von Aggression als akzeptiertes und sogar oft auch erwartetes Verhalten in Konflikten und sie sehen in der fehlenden Bereitschaft Drohungen zu benutzen und gegebenenfalls auch umzusetzen als ein Zeichen von Angst und Unterwerfung.

    Erfreulicherweise sinkt trotzdem in Deutschland im großen und ganzen die Kriminalität – trotz der starken Zunahme von Migranten aus dieser patriarchalischen Welt. Fast nur dort, wo auch sozial verwahrloste Biodeutsche zur gewalttätigen Reaktion neigen, gelingt es den Migranten nicht, ihr traditionelles Konfliktverhalten hinreichend den Standards der Gesellschaft anzupassen, in die sie eingewandert sind. Es handelt sich also nur sekundär ein Problem des Patriarchats, primär aber um ein soziales.

    Summa sumarum:

    Bassam Tibi ist auf seine Weise ein Fundi.
    Darf er sein. Er hat auch in vielem Recht – so, wie ein Öko-Fundi auch in vielem Recht hat.
    Deswegen braucht es uns nicht zu gefallen, dass er das, womit er sachlich bzw. logisch recht hat, fundamentalistisch vergiftet.

    Da sehe ich DEIN Problem, Karma. Du verwendest Aufklärung unaufgeklärt, nämlilch selbstkritiklos und als Waffe. Aufklärung gibt es aber grundsätzlich nur als selbstkritische Bewegung.

    Bassam Tibi und du, ihr verwendet Teile der Aufklärung – aber ihr verwendet sie nicht in aufgeklärter, sondern in fundamentalisierter Form. Ihr verteidigt damit nur einige Ergebnisse der Aufklärung, nicht die Aufklärung selbst. Die geht anders um mit sich selbst und der nicht-aufgeklärten Welt – wenn sie sich nicht selbst widersprechen will.

  14. Formulieren wir das Problem mal so:

    Warum ist ein Teil der Öffentlichkeit so anfällig für Fake News, Echokammern, Verschwörungstheorien? Ich halte zum Beispiel den tiefen, oft glühenden Hass auf Angela Merkel in bestimmten Kreisen sozialer Medien viel eher für das Symptom eines Problems als für das Problem selbst.

    Die Leute ahnen häufig, dass eine geteilte Merkel-News so kaum stimmen kann – aber es ist nicht so wichtig, weil die Verbreitung eine soziale Funktion erfüllt: ein Symbol der Gruppenzugehörigkeit.

    Ziemlich viele Menschen in den westlichen, angeblich aufgeklärten Gesellschaften neigen dazu, ihre Meinungsbildung in fundamentalisierten Gemeinschaften zu organisieren. Sie suchen Sicherheit, und da, in diesen säkularen Glaubensgemeinschaften, finden sie sie.

    DAS ist der Verrat an der Aufklärung hier und heute. Es ist gewiss auch ein Problem der gläubigen Muslime. Aber eben nicht nur.

    Aufklärung – das heißt nicht nur Pluralismus in der Gesellschaft, sondern auch Pluralismus in meinem eigenen Gehirn. Ich bin viele. Und ich operiere in mir selbst mit Hypothesen, mit Vermutungen, mit Widersprüchen, mit viel Einerseits-Andererseits, mit Kompromissen, mit Selbstkorrektur und Meinungsumschwüngen. Man sollte den “Bestätigungsfehler” vermeiden, also die Selektion der Fakten und Informationen mit dem Ziel, das eigene Weltbild zu stützen. Der aufgeklärte Mensch freut sich daran, dass er durch überraschende Informationen herausgefordert und ggfs. zu einer Meinungsänderung, sogar zu einer Prinzipienänderung veranlasst wird. Man nennt das Lernen.

  15. Und noch eine Frage:

    Inwiefern handelt es sich bei deinen Vorschlägen um eine DEUTSCHE Leitkultur?

    Das, was du forderst, ist nichts Deutsches, sondern – wenn auch fundamentalisiert, leider – die Realisierung von Aufklärung.

  16. Noch keine Antwort von Karma.

    Also setze ich mal die Diskussion fort. Greven, ZEIT, schreibt:

    Die geschriebenen Regeln – Recht, Gesetze, das Grundgesetz – sind nicht verhandelbar. Sie muss der Rechtsstaat notfalls mit Gewalt und Strafen durchsetzen. Die ungeschriebenen Normen sind Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses, der immer wieder neu geführt werden muss. Sie können nur vorgelebt werden, in den Familien, in den Schulen, auch in der Politik.

    Das ist zunächst einmal ein sehr guter Punkt: Die ungeschriebenen Normen kann man nur vorleben.

    Sind sie Ergebnis eines gesellschaftlichen DISKURSES? – Einen Diskurs stelle ich mir vor als tatsächliches Gespräch, offenes Aushandeln unter Leuten auf Augenhöhe. Ich würde aber sagen, die ungeschriebenen Normen einer Gesellschaft sind nicht offen, diskursiv ausgehandelt, sondern stellen sich hinter unserem Rücken her, sind eine Art Grammatik unseres Handelns und Kommunizierens.

    Ich lebe in einer Stadt mit ca. 40 Prozent Migranten. In einem Stadtteil, in dem der Anteil wohl noch etwas höher ist. Hab ich da schon mal eine Norm mit einem Migranten diskursiv ausgehandelt? Es scheint mir gar nicht nötig zu sein. Ich erlebe keine Probleme.

    Das heißt nicht, dass es nicht welche gibt. Ich weiß, dass Lehrkräfte an den Grundschulen gelegentlich durchaus Anlass zum Gespräch mit Migranteneltern über Themen haben, die etwas Migrantenspezifisches haben. Ob das aber dann wieder mit den ungeschriebenen Normen zu tun hat?

    Als Lehrkraft in Integrationskursen
    erlebt man Situationen, in denen es darum geht, was in der Klasse erlaubt ist und was nicht. Das ist in Unterrichtssituationen so, egal, ob es sich um deutschstämmige oder ausländische Personen handelt.)

    Ich mache Integrationskurse. Da ist das, was viele gern unter dem Titel Leitkultur einfordern möchten, direkt Thema, vor allem im Orientierungskurs (Modul 7). Ich verwende dann nicht den Begriff Leitkultur. Ich vermittel den Teilnehmern, was in Deutschland üblich ist; womit sie rechnen müssen, wenn …

    Zum Beispiel vermittle ich ihnen, dass sie – egal, was sie persönlich für eine Einstellung haben mögen – eventuell erfahren, wenn sie sicht- und hörbar Homosexuelle diskriminieren. Oder wenn sie in der Öffentlichkeit ihrem Kind eine schallende Ohrfeige geben. Oder wenn sie gegen uns Erdogan verteidigen. Oder wenn sie meinen, Hitler sei doch ein starker Politiker gewesen, und überhaupt die Juden … Oder wenn sie meinen, es mal hier, mal da mit Bestechung vorwärts kommen zu können. Oder wenn sie, ohne die Nachbarn zu informieren, laut in die Nacht hinein feiern. Oder wenn sie ihre Tochter nicht am Schulschwimmen und Schulausflug teilnehmen lassen möchten.

    Ich sage ihnen, mit welchen Reaktionen sie dann zu rechnen haben. (Die Reaktionen werden durchaus verschieden sein; aber es gibt wahrscheinliche und charakteristische Reaktionen, und darüber sollte man Bescheid wissen.)

    Ich teile ihnen auch mit, dass jetzt die meisten Deutschen das Gefühl haben, es seien genug Ausländer im Land, eher zuviel, und dass wir erstens den weiteren Zustrom begrenzen wollen, zweitens mehr drauf achten wollen, WER da zu uns kommt, drittens mehr als früher hinschauen, ob und wie sich die Einwanderer bei uns einfügen. Das Klima hat sich gedreht.

    Auf der anderen Seite zeige ich ihnen, wie gut München mit 40% Migrantenanteil funktioniert, und dass es grade auch dank der Migranten so floriert. München IST multikulturell. Wir brauchen (und haben in München) ein win-win-Verhältnis zwischen den Eingewanderten und den Einheimischen, bei denen außerdem bereits ein erheblicher Teil Migranten und Migrantennachkommen sind.

    Also, ich sitze bzw. stehe genau dort, wo wir mit den Einwanderern am intensivsten über unsere deutsche (?!) Kultur sprechen. Ich rede nicht von Leitkultur, aber ich vermittle, so gut ich kann, was in Deutschland üblich ist. Womit man als Migrant rechnen muss. Und das nicht nur im Bereich der gesetzlichen Regelungen und der institutionellen Gegebenheiten, sondern auch im Bereich der im Alltag gültigen Normen. Wir sprechen auch über das, was informell gilt; was die Leute nicht unbedingt in richtige Worte fassen können, weil es ihnen zu selbstverständlich ist.

    Das ist wie bei der Grammatik. Warum heißt es: Ich gehe in die Küche. Ich bin in der Küche. -? Erklären Sie das mal! Sie müssen dabei geistig jonglieren: Wahl des Artikels – Wahl des Falls – Erkennen des Charakters des Relativpronomens – Wo/Wohin-Differenz. Wer kann das? Es funktioniert eben automatisch, unbewusst, und man muss schon ein bisschen Profi sein, um es dann genau erklären zu können. So geht es auch mit den “ungeschriebenen” Gesetzen unseres Alltags. Ja mei, man macht das eben so! Ist doch eigentlich klar, oder?

    Eben hier liegt eines der Probleme, die die Leitkultur-Fetischisten mit dem Erklären haben. Sie kapieren die “Kultur-Grammatik” nicht, wollen sie auch nicht kapieren, denn es geht ihnen nicht ums Erklären, sondern ums blinde Befolgen. Um Anpassung. Und ums “Othering” – ums Ausgrenzen der “Fremden”. Dafür ist rationale Erklärung nicht nur nicht nötig, sondern sogar schädlich.

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