Leitkultur, schon wieder. Nachtrag 1

multikulturUnter dem letzten Artikel gibt es eine Debatte, die mich dazu angeregt hat, weiter nachzudenken.

Ein Leser, der sich Karma nennt, formuliert Leitkultur im Sinne von Bassam Tibi und stark bezogen auf die Muslime. Gefordert sind:

1. Trennung von Religion und Politik durch Privatisierung des Glaubens.

2. Ablehnung religiös-politischer Herrschaftsideologien, die über dem staatlichen Recht stehen.

3. Akzeptanz der säkularen Demokratie als Werteorientierung für ein Gemeinwesen, in dem alle Bürger gleichberechtigt als Citoyens leben.

4. Toleranz im Sinne der europäischen Aufklärung und nicht das, was manche Religionen unter Toleranz verstehen, nämlich Duldung der Anderen als untergeordnete Gläubige; dies widerspricht den Grundwerten Europas.

5. Aufgabe des Anspruchs auf Vorherrschaft und religiöse Überlegenheit der eigenen Religion, zugunsten eines Pluralismus aller Religionen, die den Grund- und Menschenrechten nicht widersprechen.

6. Bestimmung des Menschen als selbstverantwortliches Individuum, nicht als Kollektiv, im Rahmen von individuellen Menschenrechten; Geschlechtergleichheit-Glaubensfreiheit gelten in einem demokratischen Gemeinwesen für Individuen und nicht für ethnisch-religiöse Kollektive oder Clans.

Kulturen haben auch Primärmerkmale, und diesem Sinne sollte man, meiner Meinung nach, diese Debatte führen. Ich sehe z.B. nur max drei Kulturen in Europa, wenn ich die Primärmerkmale betrachte.

Meine Antwort darauf:

Zum einen: Wie möchtest du das durchsetzen?
a) Durch Gesinnungsterror? Jeder muss da was hoch und heilig schwören?
b) Durch Bruch der Verfassung: indem der Staat auf alles (!), was irgendwie den Standards des aufgeklärten Systems widerspricht, mit Verboten reagiert? (Also durch Kriminalisierung unaufgeklärten Verhaltens)

Also, forderst du zum Beispiel das Verbot der Fußballfanclubs?

(Überleg mal, wie sehr das alles, was du da forderst, auch gegen die Ultras wenden lässt. In denen zeigt sich das menschliche Bedürfnis nach fundamentalistischem Glauben, bedingungsloser Loyalität, Hetze gegen das rivalisierende Andere. – Wir finden sicherlich noch sehr viel mehr Erscheinungsformen des totalen Glaubens und der kollektiven Glaubensgemeinschaft bei uns, die sich nicht in der Form eines religiösen Gottesglaubens wie im Christentum, Judentum oder Islam zeigen.)

Für WEN sind die Grundwerte verbindlich? – Grundsätzlich nur für den Staat und für seine Amtsträger, seine Amtshandlungen.

Sie KÖNNEN NICHT und DÜRFEN NICHT für die Bürger in ihrem Alltag rechtsverbindlich sein. Das wäre gegen das Grundgesetz. Das GG steht gegen den Gesinnungsterror.

“Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Damit beginnt der Grundrechtekatalog des GG. Nun setz das mal rechtsverbindlich um für alle Bereiche außerhalb des staatlichen Handelns! WIE willst du das machen? Durch staatliche Eingriffe ins Privatleben der Familien und der Vereine und der Wirtschaft? Für die Kontrolle des staatlichen Handelns gibt es das Bundesverfassungsgericht. Wer kontrolliert (rechtsverbindlich!), dass Papa seinen Sohn strikt gemäß des Grundrechts Nummer 1 behandelt?

Speziell:

Totalitär patriarchalisch geprägte Menschen aus vielen Teilen der Welt betrachteten dagegen diese westlichen Konfliktlösungsstrategien, bei Verhandlungen im Rahmen von sozialen oder politischen Konflikten, aber als Zeichen der Schwäche.

Das gilt für mindestens ein Drittel der Deutschen auch. Für zwei Drittel der Osteuropäer vielleicht auch.

Sie betrachten den Einsatz von Aggression als akzeptiertes und sogar oft auch erwartetes Verhalten in Konflikten und sie sehen in der fehlenden Bereitschaft Drohungen zu benutzen und gegebenenfalls auch umzusetzen als ein Zeichen von Angst und Unterwerfung.

Erfreulicherweise sinkt trotzdem in Deutschland im großen und ganzen die Kriminalität – trotz der starken Zunahme von Migranten aus dieser patriarchalischen Welt. Fast nur dort, wo auch sozial verwahrloste Biodeutsche zur gewalttätigen Reaktion neigen, gelingt es den Migranten nicht, ihr traditionelles Konfliktverhalten hinreichend den Standards der Gesellschaft anzupassen, in die sie eingewandert sind. Es handelt sich also nur sekundär ein Problem des Patriarchats, primär aber um ein soziales.

Summa sumarum:

Bassam Tibi ist auf seine Weise ein Fundi.
Darf er sein. Er hat auch in vielem Recht – so, wie ein Öko-Fundi auch in vielem Recht hat.
Deswegen braucht es uns nicht zu gefallen, dass er das, womit er sachlich bzw. logisch recht hat, fundamentalistisch vergiftet.

Da sehe ich DEIN Problem, Karma. Du verwendest Aufklärung unaufgeklärt, nämlilch selbstkritiklos und als Waffe. Aufklärung gibt es aber grundsätzlich nur als selbstkritische Bewegung.

Bassam Tibi und du, ihr verwendet Teile der Aufklärung – aber ihr verwendet sie nicht in aufgeklärter, sondern in fundamentalisierter Form. Ihr verteidigt damit nur einige Ergebnisse der Aufklärung, nicht die Aufklärung selbst. Die geht anders um mit sich selbst und der nicht-aufgeklärten Welt – wenn sie sich nicht selbst widersprechen will.

Aufklärung – das heißt nicht nur Pluralismus in der Gesellschaft, sondern auch Pluralismus in meinem eigenen Gehirn.

Ich bin viele. Und ich operiere in mir selbst mit Hypothesen, mit Vermutungen, mit Widersprüchen, mit viel Einerseits-Andererseits, mit Kompromissen, mit Selbstkorrektur und Meinungsumschwüngen. Ich versuche, den “Bestätigungsfehler” zu vermeiden, also die Selektion der Fakten und Informationen mit dem Ziel, das eigene Weltbild zu stützen. Der aufgeklärte Mensch freut sich daran, dass er durch überraschende Informationen herausgefordert und ggfs. zu einer Meinungsänderung, sogar zu einer Prinzipienänderung veranlasst wird. Man nennt das Lernen.

Darauf hab ich noch keine Erwiderung von Karma erhalten.

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