Leitkultur, schon wieder. – Nachtrag 2

multikulturUnter dem letzten Artikel gibt es eine Debatte, die mich dazu angeregt hat, weiter nachzudenken. Hier ein zweiter Nachtrag.

Ich zitiere einige meiner eigenen Absätze aus dem Forum.

Greven, ZEIT, schreibt:

Die geschriebenen Regeln – Recht, Gesetze, das Grundgesetz – sind nicht verhandelbar. Sie muss der Rechtsstaat notfalls mit Gewalt und Strafen durchsetzen. Die ungeschriebenen Normen sind Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses, der immer wieder neu geführt werden muss. Sie können nur vorgelebt werden, in den Familien, in den Schulen, auch in der Politik.

Das ist zunächst einmal ein sehr guter Punkt: Die ungeschriebenen Normen kann man nur vorleben.

Sind sie Ergebnis eines gesellschaftlichen DISKURSES? – Einen Diskurs stelle ich mir vor als tatsächliches Gespräch, offenes Aushandeln unter Leuten auf Augenhöhe. Ich würde aber sagen, die ungeschriebenen Normen einer Gesellschaft sind nicht offen, diskursiv ausgehandelt, sondern stellen sich hinter unserem Rücken her, sind eine Art Grammatik unseres Handelns und Kommunizierens.

Ich lebe in einer Stadt mit ca. 40 Prozent Migranten. In einem Stadtteil, in dem der Anteil wohl noch etwas höher ist. Hab ich da schon mal eine Norm mit einem Migranten diskursiv ausgehandelt? Es scheint mir gar nicht nötig zu sein. Ich erlebe keine Probleme.

Das heißt nicht, dass es nicht welche gibt. Ich weiß, dass Lehrkräfte an den Grundschulen gelegentlich durchaus Anlass zum Gespräch mit Migranteneltern über Themen haben, die etwas Migrantenspezifisches haben. Ob das aber dann wieder mit den ungeschriebenen Normen zu tun hat?

Als Lehrkraft in Integrationskursen
erlebt man Situationen, in denen es darum geht, was in der Klasse erlaubt ist und was nicht. Das ist in Unterrichtssituationen so, egal, ob es sich um deutschstämmige oder ausländische Personen handelt.)

Ich mache Integrationskurse. Da ist das, was viele gern unter dem Titel Leitkultur einfordern möchten, direkt Thema, vor allem im Orientierungskurs (Modul 7). Ich verwende dann nicht den Begriff Leitkultur. Ich vermittel den Teilnehmern, was in Deutschland üblich ist; womit sie rechnen müssen, wenn …

Zum Beispiel vermittle ich ihnen, dass sie – egal, was sie persönlich für eine Einstellung haben mögen – eventuell erfahren, wenn sie sicht- und hörbar Homosexuelle diskriminieren. Oder wenn sie in der Öffentlichkeit ihrem Kind eine schallende Ohrfeige geben. Oder wenn sie gegen uns Erdogan verteidigen. Oder wenn sie meinen, Hitler sei doch ein starker Politiker gewesen, und überhaupt die Juden … Oder wenn sie meinen, es mal hier, mal da mit Bestechung vorwärts kommen zu können. Oder wenn sie, ohne die Nachbarn zu informieren, laut in die Nacht hinein feiern. Oder wenn sie ihre Tochter nicht am Schulschwimmen und Schulausflug teilnehmen lassen möchten.

Ich sage ihnen, mit welchen Reaktionen sie dann zu rechnen haben. (Die Reaktionen werden durchaus verschieden sein; aber es gibt wahrscheinliche und charakteristische Reaktionen, und darüber sollte man Bescheid wissen.)

Ich teile ihnen auch mit, dass jetzt die meisten Deutschen das Gefühl haben, es seien genug Ausländer im Land, eher zuviel, und dass wir erstens den weiteren Zustrom begrenzen wollen, zweitens mehr drauf achten wollen, WER da zu uns kommt, drittens mehr als früher hinschauen, ob und wie sich die Einwanderer bei uns einfügen. Das Klima hat sich gedreht.

Auf der anderen Seite zeige ich ihnen, wie gut München mit 40% Migrantenanteil funktioniert, und dass es grade auch dank der Migranten so floriert. München IST multikulturell. Wir brauchen (und haben in München) ein win-win-Verhältnis zwischen den Eingewanderten und den Einheimischen, bei denen außerdem bereits ein erheblicher Teil Migranten und Migrantennachkommen sind.

Also, ich sitze bzw. stehe genau dort, wo wir mit den Einwanderern am intensivsten über unsere deutsche (?!) Kultur sprechen. Ich rede nicht von Leitkultur, aber ich vermittle, so gut ich kann, was in Deutschland üblich ist. Womit man als Migrant rechnen muss. Und das nicht nur im Bereich der gesetzlichen Regelungen und der institutionellen Gegebenheiten, sondern auch im Bereich der im Alltag gültigen Normen. Wir sprechen auch über das, was informell gilt; was die Leute nicht unbedingt in richtige Worte fassen können, weil es ihnen zu selbstverständlich ist.

Das ist wie bei der Grammatik. Warum heißt es: Ich gehe in die Küche. Ich bin in der Küche. -? Erklären Sie das mal! Sie müssen dabei geistig jonglieren: Wahl des Artikels – Wahl des Falls – Erkennen des Charakters des Relativpronomens – Wo/Wohin-Differenz. Wer kann das? Es funktioniert eben automatisch, unbewusst, und man muss schon ein bisschen Profi sein, um es dann genau erklären zu können. So geht es auch mit den “ungeschriebenen” Gesetzen unseres Alltags. Ja mei, man macht das eben so! Ist doch eigentlich klar, oder?

Eben hier liegt eines der Probleme, die die Leitkultur-Fetischisten mit dem Erklären haben. Sie kapieren die “Kultur-Grammatik” nicht, wollen sie auch nicht kapieren, denn es geht ihnen nicht ums Erklären, sondern ums blinde Befolgen. Um Anpassung. Und ums “Othering” – ums Ausgrenzen der “Fremden”. Dafür ist rationale Erklärung nicht nur nicht nötig, sondern sogar schädlich.

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