Flüchtlingsfragen (13)

multikulturLetzter Beitrag der Serie zur Flüchtlingspolitik – anhand des SVR-Jahresgutachten 2017. (SVR = Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration).

Kernbotschaft 9

Werte zu vermitteln ist wichtig; Werteübernahme erfordert aber gemeinsame Praxis und soziale Teilhabe

Spätestens seit den Silvesterereignissen auf der Kölner Domplatte wird der Integration in das deutsche Werte- und Normensystem ein ähnlich hoher Stellenwert zugeschrieben wie der Bildungs- oder der Arbeitsmarktintegration.

Deshalb wurde bei der Reform der Integrationskurse der sog. Orientierungsteil dieser Kurse von 60 auf 100 Stunden aufgestockt.

Der SVR unterstützt dies, warnt aber gleichzeitig davor, die Wirkung auf den ‚Wertehaushalt‘ von Flüchtlingen zu überschätzen, die diese Stundenerhöhung entfalten kann.

Ohne Zweifel ist es wichtig, die Werte des Grundgesetzes und die deutsche Rechtsordnung zu vermitteln und dafür nachdrücklich zu werben.

Es ist auch legitim zu fordern, dass sie eingehalten werden. Eine echte Übernahme dieser Werte lässt sich aber nicht erzwingen.

Eine solche Übernahme setzt voraus, dass die Menschen sich in die Gesellschaft eingliedern können und dass sie diese Werte im Alltag erleben und praktisch erfahren, sie nicht nur theoretisch vermittelt bekommen. Stattdessen haben im Laufe des Jahres 2016 fremdenfeindliche Äußerungen und gegen Flüchtlinge gerichtete Straftaten zugenommen.

Dies hintertreibt nicht nur die Integrationsbemühungen, sondern untergräbt auch ebenjenen Wertekanon, der diese Integration entscheidend befördern soll.

Hier sind auch die zuständigen Behörden von Polizei und Justiz gefordert, solche Straftaten konsequent zu verfolgen; so können sie dazu beitragen, dass Integration gelingt. Gelingende Integration erfordert große Anstrengungen, vor allem von den Neuankömmlingen selbst.

Wie einschlägige empirische Umfragen zeigen, ist Deutschland für sie gerade deshalb attraktiv, weil es liberal und offen ist.

Sie müssen aber selbst auch ihren Beitrag leisten, um diese Offenheit und Liberalität zu erhalten. Religiös verbrämte Intoleranz gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden ist ebenso wenig zu akzeptieren wie offene Fremdenfeindlichkeit.

Die Neuankömmlinge müssen sich den Grundwerten und Normen des deutschen Rechtssystems anpassen; dass sie aufgrund religiöser oder traditioneller Vorbehalte den Vorgaben der Rechtsordnung ausweichen, ist nicht zu akzeptieren.

Gelungene Integration erfordert aber auch eine entsprechende Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft.

Hier gilt es deutlich zu machen, dass die Aufnahme von Menschen in Not ein Gebot der Menschlichkeit ist.

Und es gilt zu vermitteln, dass die Flüchtlinge von heute die Mitbürger von morgen sind, die ihren Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft leisten wollen und werden.

Die Betrachtung soll eine realistische sein; geleitet werden soll sie von Optimismus, der den Weg in die Zukunft weist.

Ein paar Bemerkungen dazu:

1. Es hat etwas Satireverdächtiges: Wegen der berüchtigten Kölner Silvesternacht wurde der Orientierungskurs von 60 auf 100 Unterrichtsstunden aufgestockt, um das deutsche Werte- und Normensystem besser zu vermitteln. – Von denen, die in dieser Nacht auffällig geworden sind, geht KEINER in einen Orientierungskurs. Es dürfte kaum einer Interesse daran haben, Deutsch zu lernen. Es handelt sich um abenteuernde junge Männer. Das sind nicht die Migranten, die in Deutschland einwandern. Warum wirft der SVR diese jungen Leute in den selben Topf wie diejenigen, die aus Syrien, Irak, Griechenland, Rumänien, Ukraine, Afghanistan zu uns kommen?

2. Ich selbst bin Integrationskurslehrkraft, mache meine Orientierungskurse mit Leidenschaft. Aber so, wie das angelegt ist, bringt es nicht so viel, wie es bringen könnte und sollte. Die bei uns üblichen Arten zu unterrichten gehen an den meisten Kursteilnehmern vorbei. Wir sollten diejenigen finanziell BELOHNEN für jede Stunde, die sie teilnehmen und mitmachen.

3. Grundsätzlich: Wenn ich in einem anderen Land einwandere, übernehme ich deshalb nicht die Werte und Normen dieser Gesellschaft. Ich mache mich mit ihnen bekannt – und überlege mir, was ich übernehmen möchte und was ich übernehmen kann. Ich passe mich an – aber bedeutet nicht, dass ich ein anderer Mensch werde. Beispiel: Ich komme aus Afghanistan und habe tief verinnerlicht, dass Schwulsein falsch ist, unakzeptabel, pervers. Ich passe mich an: Ich sage gegenüber Deutschen und auf Deutsch nichts, was unangenehm auffallen würde. Aber denken und fühlen tu ich, wie ich es gelernt habe. Meinen Kindern bringe ich auch bei, was ich für richtig finde. Was ist hier die Aufgabe des Orientierungskurses? – Er macht mit dem Sachverhalt bekannt und auf das Problem aufmerksam. Vielleicht gibt er dem einen oder anderen auch ein wenig zu denken. Wer schon angefangen hat, auf die traditionelle Abwertung der Homosexualität nachdenklich zu reagieren, wird bestärkt. Wer aber kategorisch nein sagt zu Homosexualität, lernt nur, dass er es sich gegenüber Deutschen nicht anmerken lassen darf.

4. Wie und wann verändert man seine Wert- und Normvorstellungen? – In der Lehenspraxis. Also bei der Arbeit vorallem. Auch unter Umständen, wenn man zusammen in einem Verein aktiv ist. Manchmal auch durch das Beispiel der Nachbarschaft. Man verändert sein Verhalten kaum durch das, was man in einem Kurs erfährt.

5. Der SVR knüpft vernünftigerweise nicht an die Leitkulturdebatte an.

7. Wir verfügen über keine Mittel, Einwanderergruppen davon abzuhalten, sich hierzulande eine  Parallel- und Gegenwelt aufzubauen, die nicht als Übergangsstufe, als Schritt zur Integration wirkt, sondern als Verfestigung der heimatlichen Kultur in strikter Abgrenzung zur deutschen. Wir können und dürfen Liberalität nur lehren, indem wir sie leben – und indem wir sie leben, erlauben wir allen Einwanderern, antiliberal zu sein und zu bleiben. Was für Mitbürger von morgen sind solche Ghettobürger?

7. Man sehe sich an, wie sich verschiedene solche sich nicht integrierende Gruppen mit der deutschen Rechtswirklichkeit arrangieren. Es sind unterschiedliche Fälle! Die Roma machen es anders als die Balkankriminellen. Die Salafisten machen es anders als die Erdotürken. Die “libanesischen” Clans machen es anders als die Maghrebiner. Gemeinsam haben sie miteinander: Sie verweigern systematisch und grundsätzlich die Integration. Sie WOLLEN Fremdkörper in Deutschland sein und bleiben – jede Gruppe auf ihre eigene Weise. – Darauf geht der SVR nicht konkret genug ein.

8. Werte zu vermitteln ist wichtig; Werteübernahme erfordert aber gemeinsame Praxis und soziale Teilhabe – Wie macht man es? Was kann Politik konkret zur gemeinsamen Praxis und Teilhabe beitragen? EINE Forderung von mir ist: Man muss die verschiedenen Fälle unterscheiden. Die Flüchtlinge bzw. Einwanderer sind nicht über einen Kamm zu scheren. Selbst wenn man zum Beispiel die syrischen Kriegsflüchtlinge betrachtet, hat man es da schon mit drei oder vier sehr verschiedenen Gruppen zu tun, für die man ein je eigenes passendes Angebot entwickeln muss. Vorerst aber wäre ich schon froh, wenn man mal anfangen würde, die Integrationsbereiten und Integrationsfähigen von denen zu unterscheiden, die teils keine Integration wollen, teils angesichts der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten keine Integration zustandebringen können.

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