Anklam (2)

deutschlandGibt es einen Zusammenhang zwischen der ziemlich trostlosen Situation in Anklam (kaum Arbeit, Depression ökonomisch, politisch, mental) – und dem Phänomen der “Ausländerlosigkeit”?

Vielleicht so: Wo es keine Arbeit gibt, zieht auch kein Ausländer hin.

Vielleicht auch andersherum: Wo kein Ausländer hinziehen will oder kann, da kommt auch keine Arbeit hin.

Vielleicht gilt beides?

Anklam, so jammert man, sei eben unglücklich strukturschwaches Gebiet. (Das knüpft an die erste Möglichkeit an.)

Ich bestreite das. Die Situation a) an der Grenze zu Polen, b) nah am Meer und an Usedom, c) die Möglichkeiten des Peene-Tourismus, d) die exzellenten Bahnverbindungen nach Westen (Stralsund, Rostock, Hamburg) und nach Berlin machen den Ort an sich attraktiv.

Außerdem: Cham oder Berchtesgaden (um zwei bayerische Beispiele anzuführen) liegen ungünstiger und stagnieren dennoch nicht.

Das deutet auf die zweite Möglichkeit hin: Anklam stagniert so stark, WEIL es keine Willkommenskultur für Migranten hat; WEIL es sich der Globalisierung rigoros verweigert.

Überlegen wir uns ein Gegenprogramm. Anklam könnte die Nachbarschaft zu Polen nutzen. Zum Beispiel so:

1. Schritt: Die Anklamer Kindergartenkinder verbringen mal ein halbes Jahr in Polen, zusammen mit polnischen Kindern, um sich spielend darauf vorzubereiten, eines Tages gut Polnisch zu lernen. Das Programm wird fortgesetzt in der Grundschule, später in Realschule und Gymnasium. Ein Teil der Anklamer wird Polnisch als Zweitsprache erwerben.

2. Anklam organisiert ein deutsch-polnisches Kultur- und Kontaktzentrum. (Das sich auch um wirtschaftliche Fragen und um Ansiedlung von Polen in Anklam kümmert, außer, dass deutsch-polnische Kulturevents organisiert werden, etc.) Ziel: Die Stadt versucht, eine Attraktion für Polen zu entwickeln, sowohl, was das Einkaufen als auch was Ansiedelung von Gewerbe als auch Einwanderung anbelangt. Anklam wird zu einer deutschen Stadt mit starkem Polenbezug, Poleneinfluss.

3. Vielleicht findet sich gleich jenseits der Grenze eine polnische Partnerstadt, die dabei mitspielen möchte.

4. Das Programm wird von der Bundesregierung finanziell und logistisch unterstützt.

5. Ein solchermaßen “polonisiertes” Anklam wäre attraktiv für so manche geschäftliche und touristische Aktivität.

Nun, das soll nur mal andeuten, in welche Richtung es gehen könnte. Ich bin kein Fachmann und kenne Anklam nicht gut genug.

Das eigentliche Problem aber dürften die Anklamer sein. Ich vermute sehr, dass sie die Polen nicht mögen und sich innerlich schütteln, wenn sie von meinem Polonisierungsvorschlag hören würden. “Der spinnt ja …!”

Anklam will ganz Deutsch bleiben. – Das ist das gute Recht der Anklamer. Aber sie sind schon dabei, den Preis dafür zu bezahlen. Ihre Stadt stagniert.

Und dies trotz guter Lage, trotz vieler Entwicklungsmöglichkeiten.

Anmerkung:

1 Prozent Ausländer soll es ja geben. Bei 12.000 Einwohnern macht das immerhin 120 Personen aus. Wer sind sie?

Youtube:

Ein Beitrag aus dem Jahr 2015 zum Thema Flüchtlinge.

Besonders interessant diese Analyse (aus dem Jahr 2013)! Das war noch vor der AfD-Zeit.

Der Anklam-Artikel davor.

Kommentare

  1. Der Vergleich mit Berchtesgaden ist allerdings touristisch unfair.

  2. Berge gegen Meer und Fluss. Da sehe ich ein Remis.

    Aber im Moment stimmt es natürlich: Touristisch hat Berchtesgaden heute (noch) sehr viel mehr zu bieten als Anklam. Es liegt aber nicht an den Naturmöglichkeiten oder der Verkehrs-Infrastruktur. Berchtesgaden bietet dem Touristen auch Vielfalt vor Ort. Und wenn ich in Berchtesgaden nicht “deutsch” ausschaue, werd ich deshalb nicht angegafft.

    Wegen der Mieten hätt ich mal fragen können. Ich vermute, dass man in Anklam nur die Hälfte von der Miete in Berchtesgaden zahlt. Wäre ein Grund, nach Anklam zu ziehen – WENN es dort Arbeit gäbe. Wäre es auch ein Grund für manchen Arbeitgeber, nach Anklam zu ziehen, WEIL man dort leicht Arbeitskräfte findet, die dann auch noch relativ billig wohnen können?

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