Differenzierungsversuche. Die einen genießen Deutschland, die andern leiden an ihm.

multikulturNoch ein Versuch, das Dilemma zu formulieren.

Kürzlich traf ich einen 21 Jahre alten Mann mit marokkanischen Wurzeln, der in Deutschland geboren wurde und hier aufwuchs.

Seine helle Haut und die bräunlichen Haare verrieten wenig über seine Herkunft. Trotzdem sprach er mit mir ganz aufrichtig darüber, wie fremd und allein er sich in Deutschland fühle.

Nun glaube ich, dass Identitätskrisen in diesem Alter ganz normal sind, besonders dann, wenn die Eltern am traditionellen Lebensstil ihres Herkunftslandes festhalten wollen.

Trotzdem fand ich es merkwürdig, dass mir der junge Mann sagte, er fühle sich in Marokko mehr zuhause als in Deutschland.

Wörtlich sagte er: „Ich bin nach Marokko geflogen und habe dort das Opferfest gefeiert. Die Feiern und die Werte, die dieses Fest umgeben – das ist etwas, was ich hier nicht spüre.“

Diese Einstellung zeigen fast 80 Prozent der Menschen, die aus anderen Kontinenten in westliche Ländereingewandert sind.

Das berichtet Meral Jamal, eine Journalistin aus Pakistan, die seit 2008 in Deutschland lebt. (SZ 24./25.6.2017, nicht frei online)

Wir gehen wir damit um?

Einerseits:

Das Heimweh ist mir verständlich. Auch ich würde unter Heimweh leiden, wäre ich zum Beispiel nach Marokko oder in die USA ausgewandert.

Dazu kommt die mögliche Identitätskrise, wenn man als Kind in einer Einwandererfamilie geboren wird, im “fremd bleibenden” Land aufwächst – irgendwie den vollen Anschluss an die neue Gesellschaft verpasst hat.

Von deutscher Seite aus frage ich mich dann auch, was WIR dabei falsch gemacht haben könnten.

Andererseits.

Es sieht so aus, als ob bei einem Teil der Einwanderer, auch denen der zweiten Generation, die Integration scheitert.

Wenn ich mich frage, was WIR in dieser Sache falsch gemacht haben könnten, dann werde ich mich auch fragen dürfen, was diese Einwandererfamilien falsch gemacht haben.

Wir können uns weiter fragen, was der Islam – auch der organisierte Islam, die Moscheevereine – zu diesem Scheitern beigetragen haben.

Drittens:

Wir können aber auch einmal diese Schuldfrage beiseite lassen und einfach feststellen: Es ist – bei einem Teil – nicht gelungen.

Was dann?

(Zu dieser Frage wird es in nächster Zeit viele Artikel geben.)

Wie reagiert Meera Jamal?

Das erzeugt Unwohlsein bei Menschen wie mir, die sich in die deutsche Kultur viel besser einfügen, als dies in ihrer alten Heimat möglich war.

Vielfalt der Kulturen mag erstrebenswert sein, und ich selber habe kein Problem damit.

Auch ich liebe das Essen, die Musik und die Artefakte, die aus anderen Regionen nach Deutschland kommen.

Man darf sich aber auch nichts vormachen. Es ist notwendig, eine rote Linie zu ziehen, wenn bestimmte kulturelle Werte mit deutschen Empfindlichkeiten oder sogar der Verfassung in Konflikt geraten.

Was mich mit am meisten ärgert, sind religiöse Empfindlichkeiten.

Wir, die Gemäßigten (oder Atheisten, wie in meinem Fall), müssen auf der Hut sein, um nur ja nichts zu sagen, das die „Gefühle“ von Muslimen, Juden oder Christen verletzen könnte.

Gleichzeitig nehmen sich die anderen das Recht heraus, herunterzumachen, was ich für richtig halte.

Mir scheint, als versteckten sich alle hinter einem Schleier der Akzeptanz von Diversität, was in manchen Fällen nicht Diversität bedeutet, sondern Verletzung der Menschenrechte.

Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Probleme gibt es und sie können die Aufklärung gefährden, die Europa unter so großen Schmerzen erkämpft hat.

Menschen müssen sich explizit zu diesen Werten bekennen, wenn man ihnen erlaubt, in Deutschland zu leben.

Man muss das Bewusstsein dafür schaffen, welche Gesetze hier gelten, in Schulen und auch in religiösen Räumen.

Das GG gibt denen, die die Werte des GG ablehnen, die Möglicheit, diese Ablehnung in Parallelgesellschaften zu pflegen.

Darin liegt das Problem.

Und: Darf ich den in Deutschland geborenen jungen Mann aus Marokko fragen: “Bist du sicher, dass Deutschland das richtige Land für dich ist? – Wenn ja, inwiefern?”

 

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