Gauland, das “SPEZIFISCH DEUTSCHE” und die deutsche Geschichte

rechtsEin Leser schreibt im Forum:

“Es existiert keine gemeinsame Kultur außer der Sprache“ und “das Zusammenleben muss jeden Tag neu ausgehandelt werden“ .

Ist sachlich falsch weil es Punkt 1 : historischen Tatsachen widerspricht und Punkt 2: Normen und Werten die in Gesetze gegossen worden sind, ignoriert.

(Fortsetzung des vorigen Artikels)

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Inwiefern widerspricht die Aussage, eine spezifisch deutsche Kultur sei, jenseits der Sprache, nicht identifizierbar, historischen Tatsachen?

Korbinian macht sich nicht die Mühe, dies zu belegen. Es wäre doch spannend, hier Belege zu bekommen.

Praktisch alles, was wir als Teil unserer heimatlichen Kultur erleben, finden wir in der einen oder anderen Form auch in den Nachbarländern, in weiten Teilen Europas. Es handelt sich insofern um eine geteilte europäische oder westliche Kultur.

Die verschiedenen Elemente sind je nach Nation, Region, Schicht, Religion (u. a.) verschieden zusammengesetzt und zeigen hier und da kleine, auffallende Besonderheiten. Weihnachten feiert man in München etwas anders als in Hamburg oder auf dem bayerischen bzw. mecklenburgischen Dorf, aber auch wieder etwas anders als in England oder Holland oder Polen.

Was ist denn nun SPEZIFISCH DEUTSCH an Weihnachten und daran, wie es gefeiert wird? – Bitte, ich warte auf eine Antwort.

Aber nehmen wir mal an, es gebe tatsächlich sowas wie etwas an Weihnachten, das SPEZIFISCH DEUTSCH und insofern unterscheidbar von allen anderen Regionen und Nationen wäre. Was würde daraus folgen?

Doch sicherlich nicht, dass es keine Minderheiten in Deutschland gäbe, die von diesem SPEZIFISCH DEUTSCHEN abweichen würden – und abweichen dürften.

Es ist nicht spezifisch Deutsch, aber grundlegend für unsere Kultur, dass wir Vielfalt schätzen, dass wir pluralistisch organisiert sind – nicht nur, was politische Überzeugungen angeht, sondern auch die kulturellen Formen und Vorlieben betreffend.

Halten wir fest: Die Überzeugung, es gebe eine SPEZIFISCH DEUTSCHE Kultur, findet keine sachliche, keine plausible Grundlage in der realen Lebenswelt der deutschen Staatsbürger.

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Welchen HISTORISCHEN TATSACHEN soll nun die These von Özoguz widersprechen?

Vielleicht ist dies gemeint: Es gibt außer der gemeinsamen Sprache auch eine gemeinsame, von den Deutschen geteilte Geschichte.

Das sehe ich auch so.

Darum würde ich Özoguz und jeden anderen Vertreter der These, es sei nur die Sprache spezifisch gemeinsam, danach fragen, wie sie diese andere Gemeinsamkeit einschätzen.

Wenn man nun als Holländer, Portugiese, Pole, Russe, Italiener, Grieche, Türke, Schweizer, Franzose, Afghane, Syrer in Deutschland einwandert, teilt man in der ersten Generation nicht die Muttersprache Deutsch mit den Einheimischen; aber man teilt auch wohl in der zweiten und dritten Generation vielleicht noch nicht die den Einheimischen gemeinsame (brutale) Geschichte.

Ich würde als Sohn eines in Deutschland eingewanderten, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzenden Portugiesen die deutsche Geschichte immer anders sehen, als ich es als Sohn eines Soldaten der Wehrmacht, der in Polen, Ungarn, Russland, Frankreich dabei war, tatsächlich sehe.

ICH trage Verantwortung für diese deutsche Geschichte. (Auch wenn ich erst 1950 geboren wurde.) Als Portugiese (zum Beispiel) bzw. als deutscher Staatsbürger portugiesischer Herkunft würde ich persönlich diese Verantwortung nicht spüren.

Folgt jetzt daraus wiederum irgend etwas, was die Äußerungen von Aydan Özoguz falsch macht?

Es handelt sich um eine interessante und wichtige Ergänzung.

(Man beachte, dass Gauland den Standpunkt von Özoguz, den ich hier erläutere und etwas erweitere, für kriminell hält, und dass er darauf mit brutaler Staatsgewalt antworten möchte: Deportation im Falle einer Hamburgerin und deutschen Staatsbürgerin, die aus der Türkei stammt; KZ in meinem Fall, weil man mich ja wohl nicht deportieren kann? – Siehe den Artikel davor!)

(Ein letzter Artikel folgt.)

Anhang:

Ich zitiere für meine Antwort den ganzen Artikel als Kontext. (Die von Leser Korbinian erwähnten zwei Punkte, die er für falsch hält, habe ich hervorgehoben.)

Deutschland ist vielfältig und das ist manchen zu kompliziert. Im Wechsel der Jahreszeiten wird deshalb eine Leitkultur eingefordert, die für Ordnung und Orientierung sorgen soll. Sobald diese Leitkultur aber inhaltlich gefüllt wird, gleitet die Debatte ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkommen zum Klischee des Deutschsein. Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar. Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt. Globalisierung und Pluralisierung von Lebenswelten führen zu einer weiteren Vervielfältigung von Vielfalt.

Diese kulturelle Vielfalt ist auch anstrengend, aber sie macht die Stärke unserer Nation als eine offene Gesellschaft aus. Die Beschwörung einer Leitkultur schafft dagegen nicht Gemeinsamkeit, sondern grenzt aus. Sie gießt Öl ins Feuer, um sich selbst daran zu wärmen.

Die Verfassungsnormen des Grundgesetzes liefern den Ordnungsrahmen für das Zusammenleben der Bürger. Innerhalb dieses Rahmens haben wir die Grundfreiheiten, nach der eigenen Fasson glücklich zu werden. Da darf es keine Rolle spielen, wer was glaubt, liest, hört oder anzieht. Kulturelle Regeln sind nicht ohne Grund ungeschrieben. Sie unterliegen einem steten Wandel, einer permanenten Aushandlung. Fragen Sie mal Frauen, Mütter, Jugendliche, Homosexuelle oder Menschen mit Behinderungen, was sie von einer rechtlichen Konservierung einer Leitkultur der 1950er Jahre halten würden!

Auch Einwanderern kann man keine Anpassung an eine vermeintlich tradierte Mehrheitskultur per se verordnen, noch unterstellen, dass sie Nachhilfeunterricht benötigen, weil sie außerhalb unseres Wertesystems stünden. Oder wollten wir ernsthaft behaupten, das Leistungsprinzip gebe es nur in Deutschland, nur wir sähen Bildung als Wert?

Hat unsere Verfassung also keine Erwartungen, keine Zumutungen an ihre Bürgerinnen und Bürger, eingewandert oder einheimisch? Doch, aber sie liefert uns kein kulturelles, sondern ein politisches Leitbild. Sie gibt eine politische Kultur vor, die allen zugänglich ist und zugemutet werden kann und muss. In diesem Sinn können und müssen sich natürlich auch Eingewanderte in die politische Kultur einleben, ein geschichtliches Verständnis von der neuen Heimat und deren Verfassungsprinzipien entwickeln, Respekt haben vor einer lebendigen Streitkultur, die auf Widerspruch, Meinungsvielfalt und Verständigung setzt.

Natürlich bleibt die Frage, wie wir Vielfalt gestalten und ein gemeinsames Wir schaffen. Diese Frage betrifft alle, die hier leben. Mein Vorschlag: Ein Gesellschaftsvertrag mit den Werten des Grundgesetzes als Fundament und gleichen Chancen auf Teilhabe als Ziel. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat unter meinem Vorsitz und breiter gesellschaftlicher Beteiligung konkrete Vorschläge dafür gemacht: ein Einwanderungsgesetz mit klaren Regeln, interkulturelle Öffnung in allen Bereichen, faire Zugänge zu Ausbildung und Arbeitsmarkt für alle, Integrationskurse massiv ausbauen, Einbürgerungen erleichtern. Genauso erwarten wir aber auch von jeder und jedem die klar erkennbare Anstrengung, teilhaben zu wollen und sich einzubringen. So betrachtet müssen wir uns dann nicht über eine kulturelle, sondern über eine politische Handlungslinie verständigen. Damit wir unser gemeinsames Ziel erreichen, dass sich jeder und jede zugehörig fühlen kann, unabhängig von der Herkunft.

 

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    Mal als Einstieg:

    Kulturelle Regeln sind nicht ohne Grund ungeschrieben. Sie unterliegen einem steten Wandel, einer permanenten Aushandlung.

    Diese Aussage impliziert zum Beispiel dass sofern es eine große Mehrheit für die Abschaffung von kulturellen Regeln ist diese auch durchgeführt werden. Wollen wir das wirklich?

  2. Korbinian meint:

    Es ist sehr wohl eine deutsche Kultur außetrhalb der deutschen Sprache zu erkennen:
    Es mag ein relativ neues Phänomen sein (vor 150 Jahren war dem noch nicht so, da entwickelte sich so eine Art Preußen-Deutschland) aber wenn ich mir die Bau- und Gartenkultur z.B. anschaue erkenne ich aus Köln heraus mehr Gemeinsamkeiten mit Berlin, Mitteldeutschland oder auch Westfalen als mit z.B. die mit den Niederlanden oder Belgien, obwohl die auch zum ursprünglich deutschen Kulturraum zählen. Desweiteren sind die Mentalitäten mittlerweile sehr ähnlich entwickelt so dass man schon von einer bundesrepublikanischen Kultur sprechen kann, ob ich nun im Großraum München, im Badischen, im Kölner Raum, Berlin oder Hamburg unterwegs bin. Ich bemerke zwischen diesen Städten weniger Unterschiede als wenn ich z.B. in Amsterdam, Brüssel oder Kopenhagen bin.
    Im negativen Sinne könnte man jetzt sagen dass dem Ganzen manchmal eine etwas steife Pedanterie zugrunde liegt, die man so in den Niederlanden, Belgien oder Dänemark nicht so merkt.

    Es mag regionale Überschneidungen geben an den Grenzen der BRD, aber jeder der aus dem Ausland wieder in die BRD zurückkommt merkt sofort dass er wieder da ist. Und das ganz ohne dass man sich mit jemandem unterhält: Man braucht sich nur die Form der Straßenlaternen anschauen.

  3. Ungeschrieben sind sie, diese “kulturellen Regeln” – aber doch formulierbar? Wenn man sie nicht formulieren kann, dann kann man sie auch nicht einfordern; dann kann man nicht über sie reden. Kulturelle Regeln bestehen nur, insofern sie auch einigermaßen bewusst sind, beobachtbar, beschreibbar. Sonst merkt man ja nicht, dass jemand von ihnen abweicht oder sie gefährdet.

    Also bitte, formulier doch mal ein paar kulturelle Regeln, die zurzeit im Feuer sind, Korbinian! Ein paar, über die Aushandlungsprozesse zurzeit in gefährlicher Weise laufen!

    Machen wir es konkret!

    Weißt du, welcher Kulturwandel mir am meisten auffällt? – Die Offenheit, mit der bis in die Kindheit hinein Pornografie zugänglich und normal geworden ist.

    Als zweites Beispiel eines durchdringenden Wandels im Bereich der kulturellen Regeln: dass man heute telefonierend oder lesend durch die Gegend laufen kann; dass man im Zug einer jungen Frau gegenübersitzen kann, die eine Stunde lang über ihr Handy intime Geschichten mit ihrer Freundin bespricht – und ich zuhören muss (oder darf?).

    Ein drittes (nicht unangenehmes) Beispiel: dass in München die Bedienung der Kunden viel freundlicher, zuvorkommender abläuft als früher – der Münchner Grant ist (fast) out.

    Die größte Änderung im Bereich kulturelle Regeln hat, meinem Eindruck nach, die digitale Welt hervorgebracht. Eine Revolution der Lebenswelt. Wir sind noch dabei, dafür Regeln zu entwickeln.

    Von den (zugegebenermaßen: vielen) Migranten kommt eigentlich eher wenig Veränderung unserer kulturellen Regeln, außer vielleicht, dass das ethnisch und sprachlich Fremde heute selbstverständlicher akzeptiert wird als früher – dass es also heute viel weniger naiven urwüchsigen Rassismus gibt. Vor allem die jüngere Generation findet es überwiegend normal und wenig problematisch, mit ethnisch Nicht-Deutschem umzugehen. Man lernt das im Kindergarten, in der Schule so ganz nebenbei.

  4. Zu deinem Beitrag soeben, Korbinian:

    Schön, Schrebergärten sind typisch deutsch. Ok. Und?

    Die Unterschiede, die du bezüglich Amsterdam für größer hältst als für Dresden, kommen von der Sprache her. Klar, wenn ich nicht Holländisch spreche, gibt es da ein kleines oder größeres Problem, eine gewisse Fremdheit auch (die mir nicht so unangenehm ist).

    Ein zweiter Aspekt: Das Fremdeln kann auch auf Einbildung basieren.

    Deutsche sind alles in allem etwas steifer als Österreicher, Holländer, Dänen, Belgier? Mag sein, im Durchschnitt. Aber was heißt das denn in unserem (politischen) Kontext?

    Richtig ist: Wir haben (nicht alle, aber die meisten von uns) ein ausgeprägtes Heimatgefühl. Mit den kulturellen Regeln hat das aber nicht unbedingt zu tun, sondern eben mit der Sprache, mit der vertrauten äußeren Umwelt (in der man sich auskennt), mit den Gewohnheiten.

    Aber auch da wieder meine Frage: Was daran kann politisch verbindlich gemacht werden?

    WENN schon, dann wäre sowas wie ein Veränderungsschutz nötig. Also zum Beispiel: Die Stätten meiner Kindheit werden komplett unter Denkmalschutz gestellt, dürfen nicht verändert werden, damit sie mir beim Besuch nicht fremd vorkommen. – Geht natürlich nicht, oder?

    Da bin ich auch wieder bei der Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt. DA findet der größte, radikalste Umbruch statt.

  5. DAS sagt nicht Gauland, sondern die FDP:

    Christian Lindner will, dass Kriegsflüchtlinge sobald wie möglich in ihre Heimat zurückkehren. Aus dem Flüchtlingsstatus könne „nicht automatisch ein dauerhafter Aufenthaltsstatus werden“, sagte der Politiker der „Bild“. Das sei „humanitäres Völkerrecht“ und gelte auch für hier geborene Kinder von Flüchtlingen, wird Lindner zitiert. Wenn es in Syrien wieder sicher sei, müsse der Flüchtlingsschutz in Deutschland „erlöschen“.

    und !!!

    „Es gibt kein Menschenrecht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen.“

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article168398768/Lindner-will-Kriegsfluechtlinge-so-bald-wie-moeglich-zurueckfuehren.html

  6. Ja,
    aber wenn einer dann sehr lang in Deutschland bleiben musste (oder konnte), gehört er eben zu uns, ist er möglicherweise Teil von Deutschland geworden. Was spricht dann dagegen, ihn auch so zu behandeln?

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