Ein Versuch, die Gesamtstimmung einzuschätzen

deutschlandNaika Foroutan in der Süddeutschen Zeitung:

Ein Drittel der Gesellschaft ist ganz entschieden für Europa, für die Vielfalt, für Hilfe für Flüchtlinge. Ein Drittel ist ganz hart und entschieden dagegen. Und dazwischen ist das Drittel, das unentschieden und deshalb tendenziell nach beiden Seiten mobilisierbar ist. Um dieses Drittel geht es, wenn man sich fragt: Wohin tendiert unsere Gesellschaft?

Dazu einige Gedanken der Wissenschaftlerin:

1. Foroutan stellt fest:

Wir erleben eine Polarisierung zwischen den beiden äußeren Dritteln. Das xenphobe Drittel fühlt sich weniger zugehörig, fühlt sich im Stich gelassen.

2. Was treibt das xenophobe Drittel?

Im Rechtspopulismus gibt es drei, vier zentrale Antriebskräfte, die sich zu einem Ganzen vermengen: die Eliten-, die Europa-, die Islam- und die Migrationskritik, die sich bis zur Feindlichkeit fortsetzen. Alles, was der Rechtspopulismus bekämpft, steht sinnbildlich für Pluralität. Gut die Hälfte der Bevölkerung will keine diverse Gesellschaft; sie will Klarheit – und das in einer Zeit, in der Geschlechter, Nationalitäten, Kulturen und politische Lager vieldeutig werden. Es geht um eine Sehnsucht nach Eindeutigkeiten.

3. Die Nervosität betrifft durchaus auch gut-situierte Deutsche:

Es ist eine emotionale, affektive Unruhe, die viele Menschen erfasst hat. Es gibt Leute, die haben zwei Flatscreens, zwei Autos und ein Eigenheim, das sie abbezahlen können, weil sie einen sicheren Job zum Beispiel in der Sparkasse haben. Sie sind angesehen. Wenn wir sie fragen, warum sie sich bedroht fühlen, dann merken wir, dass die objektiven Parameter, die wir für Angst kennen – also die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder dem Verlust des eigenen Status’ – in Wahrheit gar nicht der Punkt sind. Ein kluger Autor hat das neulich mit dem “Zauberberg” von Thomas Mann verglichen: Zanksucht, kriselnde Gereiztheit und namenlose Ungeduld hat die Menschen eingenommen.

4. Eine falsche Reaktion des “liberalen” Drittels auf das xenophobe:

Sobald man von der Radikalität einer kleinen Gruppe auf die Gesamtheit schließt, radikalisiert man irgendwann die große friedliche Mehrheit. Die rassistischen Parolen der Rechtspopulisten als ostdeutsche Charaktereigenschaft abzutun oder islamistische Rückständigkeit mit muslimischer Kultur zu erklären, führt automatisch dazu, dass man in die Verteidigungshaltung übergeht. Und aus dieser Haltung wächst Entfremdung. Den Fehler dürfen wir nicht mehr machen. Nicht mit Muslimen, nicht mit Ostdeutschen.

 

 

Kommentare

  1. conring meint:

    Frau Faroutan erzählt doch etwas sehr Märchen aus 1000 und einer Nacht.
    Ich bin etwa sehr für Europa, sehe allerdings, daß diese gute Idee gerade von Leuten wie Schulz und Junckers komplett gegen die Wand gefahren wird.

    Und Jobs bei der Sparkasse sind heute eben auch nicht mehr so sicher, wie die Dame es sich erträumt.

  2. Korbinian meint:

    Generell wird die Europa- und Migrationsfrage zu sehr mit der Islamfrage verknüpft.

  3. conring,

    wiedereinmal eine Äußerung, die uns ratlos lässt.

    Wie kann man sagen, Schulz und Junkers etc. würden Europa an die Wand fahren, ohne einigermaßen plausibel zu erläutern, inwiefern? So kann man nicht diskutieren!

    Unklar ist auch, inwiefern denn die Autorin Märchen erzähle.

    Kurz und gut: Ich mag solche hingerotzten Äußerungen nicht. Sie zeugen nur von Dummheit – nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie ohne Hirn daherkommen: ohne Begründung!

  4. Es fehlt heute wohl die linke Erzählung, deshalb geht es gegen Flüchtlinge und die da unten. Ich sah vor einer Weile auf youtube den Mitschnitt einer AfD-Veranstaltung, bei der sich eine Nazi-Frau darüber beschwerte, dass sie bei der AfD wegen NPD-Aktivitäten nicht Mitglied werden dürfe. Der Kreisverbandschef konterte damit, dass er das ok fände, denn die NPD, das seien Sozialisten, damit wolle er nichts zu tun haben.

    Dass die NPD Nazis sind, damit hatte er offenbar keine Probleme. Das Feindbild war der angebliche Sozialismus der NPD.

    Was soll man da noch sagen? Es ist eine weitreichende Kommunikationslosigkeit, weil die Begriffe mittlerweile von rechts auf absurde Art besetzt wurden. Wir werden umgevolkt, die Eliten wollen uns abschaffen und die arische Rasse beseitigen etc. Da noch vernünftig reden zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. In den USA ist das wohl schon fortgeschrittener.

    Dein Blog, Leo, ist da ein gutes Unterfangen, aber ich fürchte, mit Argumentation kommen wir nicht wirklich weiter.

  5. Ich mache mir auch keine Hoffnung, mit Argumentation “weiter zu kommen”, genova.
    Eher schon damit, dass meine Argumentation immer mit Leidenschaft gepaart ist. Mit Emotion. Aber auch da reicht meine Hoffnung nicht sehr weit.

    Von Luther gibt es die schöne Anekdote: Gefragt, was er denn tun würde, wenn der Menschheit der jüngste Tag angekündigt würde, soll er geantwortet haben: Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

    Das heißt: Ich bin nun mal ich, und solange ich leben, bleib ich mir treu und mache, was mir entspricht. Und nehme in Kauf, was ich nicht ändern kann, ohne mich davon drausbringen zu lassen.

    Also: Ich bin ein demokratischer Mensch. Ich hab in meinem Kopf immer das rationale Dreieck des Urteilens: Ankläger-Verteidiger-Richter. Es geht im geistigen Prozess immer um das, was Fakt ist, um das, was logisch zu erschließen ist – egal, ob es mir gefällt oder nicht, egal, ob es “meinem Stamm” gefällt oder nicht. Ich bin außerdem ein politischer Mensch. Ich kommuniziere und agiere politisch, öffentlich. Schließlich bin ich auf soziale Fairness geeicht. Ich kann nicht anders, ich muss gegen sozial und kulturell ungerechte Behandlung anderer eintreten. – Und so pflanze ich mein Apfelbäumchen.

    Früher mal, zu Brechts Zeiten, konnte man vielleicht einige Hoffnung auf das konstruktive Wirken von dem setzen, was man damals als Arbeiterklasse sah – einer potenziellen Mehrheit, die aus ihrem nackten Interesse heraus die Herrschaft des Bürgertums stürzen und eine Gesellschaft errichten würde, die ohne Klassendiskriminierung wirken würde. Es gibt keine solche Arbeiterklasse. Es gibt keine gesellschaftliche, politisch agierende Bewegung, die global im humanistischen Sinne wirksam werden könnte. Es gibt Millionen Einzelne, die, wie wir beide, eine kosmopolitische, humanistische, konstruktive Perspektive einbringen, hier und da mal sogar was erreichen, aber insgesamt zu wenig und (machtmittelbedingt) zu schwach sind, um die Selbstzerstörung der Menschheit zu verhindern.

    Ich bin wenigstens in der glücklichen Lage, für mein Engagement nicht bestraft zu werden durch Prügel, Gefängnis, Ausgrenzung, Ermordung. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit der deutschen Gesellschaft und Politik gegenüber. Es bewegt mich zu einer gewissen Loyalität. Trotz der Beteiligung Deutschlands und der Deutschen an der Zerstörung der Lebensgrundlagen für die Menschheit.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*