Die Kurden und wir

tuerkeiDiesen Samstag: Große Demo von Kurden in Köln. Dazu ein paar Anmerkungen:

1. Warum hat die NATO den Islamischen Terrorstaat nicht mithilfe der Türkei, der türkischen Armee bekämpft und besiegt? – Weil die Türkei nicht gegen Daesch kämpfen wollte. Darum sind Raqqa und Manbidsch jetzt in kurdischer Hand.

2. De facto sind die Kurden unsere Verbündeten. De facto ist die Türkei einer unserer Gegner. Die türkischen Regime-Medien belegen das jeden Tag. Der Westen wird von Erdogan und den Seinen als Todfeind angesehen. Den man allerdings nach Möglichkeit auszunützen versucht. Vor allem wirtschaftlich.

3. Die Türkei ist für den Westen verloren. Sie wird mehr und mehr totalitär, islamischtisch und antiwestlich und sich bald Russland unterordnen. Damit sind die Kurden der einzige einigermaßen verlässliche Bündnispartner im Nahen Osten. Sie sind relativ säkular und – im Vergleich zu ihren arabischen und türkischen Nachbarn – weniger autokratisch orientiert. Auch unter diesem Gesichtspunkt bietet sich eine Fortsetzung des Bündnisses an.

4. Daraus folgt, dass auch innenpolitisch gegenüber den Kurden und ihren politischen Vertretern Entspannung angesagt ist.

5. Welchen Sinn macht es, die PKK als Terrororganisation zu bezeichnen, wenn 95% des Terrorismus im Verhältnis Türken-Kurden vom türkischen Staatsterror ausgeht?

6. Wäre ich morgen in Köln, ich würde mich der kurdischen Demo anschließen: Auch als Danke für die Leistungen und Opfer der Kurden im Kampf gegen Daesch.

7. Ich kann verstehen, dass Berlin Außenpolitik nicht im Alleingang macht. Die Regierung muss sich mit allen ihren Partnern absprechen, gegebenenfalls anders handeln, als sie es selber für richtig fände. Sie könnte aber signalisieren, dass es Zeit wird für einen Strategiewechsel.

 

Kommentare

  1. Korbinian meint:

    So lange die Rautenkönigin und Teeservierer Gabriel (fantomas und der warme, feuchte Muslimbruder werden sich kaputtgelacht haben) hier im Land den Ton angeben wird sich nichts ändern diesbezüglich.

  2. Korbinian,
    die beiden, die du da meinst, sind nur die Leitenden Angestellten der deutschen Wirtschaft.

    Es ist ja doch wohl nicht “das Volk”, an dem sie sich in Sachen Türkei und Kurden orientieren, sondern die Wirtschaft. Der geht es nur um die Geschäfte. Ärgerlich, dass man jetzt diese Panzer nicht verkaufen kann, jedenfalls nicht in den nächsten Monaten. Aber im übrigen laufen die Geschäfte noch recht gut, und Gabriel kümmert sich aufopfern darum, auch wenn ihn da nur wenige seiner Wähler verstehen. Der zweite Souverän, das “Marktvolk”, kommt vor dem ersten Souverän, dem dem Wählervolk. – Das steht zwar so nicht in unserer Verfassung, ist aber Verfassungsrealität.

    (Die Wirtschaft ist notorisch zukunftsblind, d. h. sie ist nicht fähig, weit vorauszuschauen. Der Profit der nächsten Zukunft zählt; wenn die Türkei totalitär werden sollte – was sie wohl wird – wird darunter auch unsere Wirtschaft leiden, aber so weit voraus blickt das Kapital nicht. Na, und Menschenrechte oder Bürgerrechte oder Demokratie sind der Wirtschaft grundsätzlich zweitrangige Angelegenheiten, Luxus sozusagen.)

  3. Korbinian meint:

    Es hat schon seine Gründe warum diese beiden Parteien unwählbar sind
    (Da hat ja die FDP noch mehr Rückgrat), letztendlich konnte man auch die PARTEI wählen, am Ende kommen wieder Merkel und Gabriel heraus. Es ist mir schon klar dass diese Truppen Büttel diverser Konzerne sind, möglicherweise gehen deren Vorstellungen aber jetzt schief wenn die SPD über die GroKo abstimmen lässt.

  4. Korbinian meint:

    Nebenbei: Die Deutsche Wirtschaft ist kein monolithischer Block, Du mit da schon Roß und Reiter benennen.

  5. Ich denke, in solchen Sachen gibt es schon einen Konsens bei der Wirtschaft: Das Geschäft geht vor. Oder kennst du Firmen, die sich gegen Merkels und Gabriels Türkeipolitik aussprechen? Solange das keine Firma macht, geh ich davon aus, dass der Konsens besteht.

    Apropos FDP: Das ist ja nun die 150%ige Wirtschaftspartei. Mehr Büttel der Konzerne und der Finanzmächtigen kann man doch gar nicht sein.

  6. Korbinian meint:

    Betr. FDP: Eben drum! Das macht es ja umso schlimmer.

  7. Korbinian meint:

    @fantomas
    Schau mal Deine Versagerarmee an:
    http://mobil.krone.at/1622278
    Genauso enteiert wie Dein Gangbangpräsidönt im Osmanenpalazzo.

  8. Es ist schon wahrscheinlich, dass sich am Ende die mindestens 10fache materielle und zahlenmäßige Überlegenheit der türkischen Armee durchsetzen wird. Je länger das dauert, desto peinlicher wird’s natürlich für Ankara. Aber das verkaufen sie dann als Zurückhaltung aus Rücksicht für die Zivilisten.

    Wie sich die militärische Lage in Afrin im Moment darstellt, wissen wir nicht genau genug. Sicher können wir nur sein, dass es bisher kein Durchmarsch war und dass die Informationen, die uns über die Opferzahlen aus Ankara erreichen, reine Propagandameldungen sind. Der Oberwitz dabei: Bei den Feinden, die man “neutralisiert” habe, handle es sich um kurdische Terroristen UND TERRORISTEN DES ISLAMISCHEN STAATES. Allein damit entwerten die Türken schon ihre Informationen.

    Einen guten Überblick über den augenblicklichen Stand und vor allem die politisch-strategische Situation liefert mal wieder al-monitor.

    Am Ende des sehr detaillierten Artikels steht:

    If Turkey can wrap up the operation quickly, say by August, the country is likely to retain its current socio-economic posture. However, the longer the operation stretches out, and the more territory it involves — especially if it leads to a confrontation with the United States — the more likely it is to harm Turkey’s economic and political stability and its social cohesion.

    Will Erdogan and his personal charisma manage the current operation in his favor, accelerating his fast-track toward becoming Turkey’s first executive president? Or will the operation spiral into more than the country can handle, further damaging Turkey’s already fluctuating economic performance, crippling bureaucratic capacity and deteriorating ethnic, sectarian and social-political neurological points?

    Das heißt, anders als ich angenommen habe, dass Erdogan wohl bis ca. August Zeit hat, Afrin zu erobern. Dass die Türken das schaffen, ist – leider – wahrscheinlich. Aber – immerhin – nicht sicher.

    Ein Gedanke, der mir beim Lesen dieses al-monitor-Artikels gekommen ist: WENN die Amerikaner die Kurden ganz im Stich lassen sollten – könnte es sein, dass sich die Kurden Syriens dann ganz in die Hände der Assad-Koalition (mit Russland, Iran, Hezbollah) begeben? Es bliebe ihnen wohl kaum was anderes übrig. Dann müssten die Amis ganz raus aus Syrien … und es käme zur Konfrontation der um die Kurden erweiterten syrischen Koalition gegen die Türkei? Aber warum sollte DANN der Westen die Türkei unterstützen? DANN wird eben Syrien unter Assad vollständig wiedervereinigt – wie es dem internationalen Recht entspricht, und die Türkei muss raus. Ganz raus. Und die Kurden sitzen mit einer gewissen Selbstverwaltung an der ganzen syrisch-kurdischen Grenze und haben immerhin halb gewonnen.

    Jetzt geht es erst einmal um Afrin. Dann kommt wohl Manbidsch dran – und da wird sich dann zeigen, ob die Amis die Kurden wirklich fallen lassen wollen. Bzw. fallen lassen KÖNNEN.

    Noch ein guter al-monitor-Artikel: Die Pläne der Türkei für Afrin – dieses Gebiet praktisch auf Dauer von Syrien abzuspalten und Dschihadisten zu übergeben – wird auf heftigen Widerstand in Damaskus stoßen, vermutlich auch den Russen und Iranern nicht genehm sein. Da wird sich also bei Gelegenheit noch etwas gegen die Türkei tun.

  9. Cenki66 meint:

    zu Punkt 1: ich erinnere mich noch sehr gut daran, als es hiess: Hanneman, geh’ du voran. Die EU bzw. USA wollten, dass die Türkei alleine in diesen Sumpf hinein spaziert. Das wollten die Türken nicht.

    Bis sich dann die Herrschaften dann entschieden haben, war plöztlich der Russe und der Iraner da und haben dann das Spiel verdorben –> Schockstarre in der EU und USA.

    Dass die YPG als Stellvertreter der USA fungieren, und dass die Russen und die Türken keine Lust darauf haben, ist dir wohl entgangen.

    Die Welt ist doch ein wenig komplexer als du denkst, Leo.

    https://erenguevercin.wordpress.com/2018/01/25/warum-afrin-und-warum-jetzt/

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-01/tuerkische-militaeroffensive-syrien-kurden-gruende-terror?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.whatsapp.ref.zeitde.share.link.x

    und insbesondere hier: https://www.theatlantic.com/international/archive/2018/01/syria-turkey-kurds-ottoman-isis/551099/

    tolle “partner”, die du dir da aussuchst: dass die “volksschutzeinheiten” insbesondere araber aus ihren siedlungen vertreiben, das machtvakuum vor ort ausnutzen und eklatante menschenrechtsverstösse auf dem kerbholz haben, scheint dir entgangen zu sein.

  10. Cenki,

    die USA, die NATO hätte liebend gern zusammen mit der Türkei dem IS das Ende bereitet. Dann hätte man die Kurden Nordsyriens dafür nicht gebraucht. Aber die Türkei wollte ja nicht. Warum nicht?

    Nun denn, so hat die NATO es eben mit der YPG gemacht.

    Da sind wir jetzt eigentlich zu Dank verpflichtet. Kann gut sein, dass die USA an der YPG festhält. Kann auch sein, dass nicht. Also müssen wir mal wieder abwarten und schauen.

    Falls die USA die Kurden Nordsyriens im Stich lassen und der Türkei ausliefern, werden sich die Kurden gezwungenermaßen ganz Damaskus, Moskau und Teheran unterwerfen. Dann werden Assad&Putin&Khamenei darauf bestehen, dass sich die Türkei gefälligst vollständig aus Syrien zurückzieht. Falls die Türkei das nicht tut, kann es zur militärischen Konfrontation kommen.

    Wird die NATO dann auf der Seite ihres Pseudomitglieds Türkei stehen? Einer erklärtermaßen antiwestlichen Türkei?! – Oder eher abwinken?

    Nun, im Moment haben die türkischen Truppen und ihre Verbündeten trotz haushoher Überlegenheit noch Schwierigkeiten, gegen die Afrin-Kurden voranzukommen. Auch das werden wir erst einmal abwarten müssen. Wir wissen noch nicht, wie es in Afrin ausgeht, auch wenn es natürlich wahrscheinlich ist, dass sich die quantitativ 1000fach überlegene türkische Armee am Ende doch durchsetzen dürfte.

    Und dann Manbidsch? – Na, im Rausch traut man sich vieles zu … Auch im Nationalrausch. Es ist noch offen, ob die Amis bezüglich Manbidsch einknicken. Wenn ja, dann übernimmt Assad Manbidsch – im Einvernehmen mit den Kurden. Die Türkei sehe ich eher nicht dort.

    Ist es Erdogans Ziel, Assad wieder zur Herrschaft über ganz Syrien zu verhelfen? – Man könnte es so interpretieren. Putin jedenfalls grinst. Er freut sich über seinen dummen Helfer Erdogan.

  11. Neues aus Afrin:

    1. Es scheint der türkischen Armee (zusammen mit ihren dschihadistischen Verbündeten) schwer zu fallen, voranzukommen. Zum Beispiel Bursaya:
    https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/01/turkey-olive-branch-claims-victory-bursaya.html

    2. Russen scheinen noch zahlreich in Afrin zugange zu sein. Die Russen scheinen genau zu verfolgen, wie sich die Dinge in Afrin entwickeln. Möglicherweise, um den Türken rechtzeitig ein Stopp! zurufen zu können. Könnte sein, dass die Russen zwar den Angriff auf Afrin, aber nicht die Eroberung Afrins durch die Türken befürworten.
    http://www.independent.co.uk/voices/syria-kurds-turkey-afrin-erdogan-pkk-ypg-what-they-stand-for-a8184056.html

    Wird es also für die im Moment hemmungslos erhitzte türkische Öffentlichkeit bald eine kalte Dusche geben?

  12. Korbinian meint:

    Wohl eher nicht:
    https://www.heise.de/tp/features/Nordsyrien-Tuerkische-Regierung-bereitet-Annexion-der-Sheba-Region-vor-3952971.html

    Die Völkermord- und Vertreibungsnation wird wie immer ihr bewährtes Spiel durchziehen.

  13. Korbinian,

    ich weiß im Moment auch nicht genau, was los ist, vermute aber, dass die Russen ihrem Erdogan da doch einige Grenzen setzen werden. Die Russen haben – wie mir scheint – kein Interesse daran, dass diese Ecke Nordsyriens türkisch wird. Sie wollen das Gebiet für ihren Assad, für Syrien haben. Jetzt geht es – vielleicht – nur darum, die Kurden Nordsyriens dazu zu zwingen, sich ganz und gar Assad (also Putin) zu unterwerfen.

    Was da bezüglich “Sheba” verlautet, ist wohl nur türkischer Größenwahn.

  14. Im Bundestag scheint man sich einig zu sein, was den Angriff der Türkei auf Afrin angeht:

    Redner aller Fraktionen haben im Bundestag den türkischen Angriff auf die syrisch-kurdische Region Afrin verurteilt.

    Für die CDU sagte der Außenpolitiker Roderich Kiesewetter: “Das türkische Vorgehen ist in keiner Weise angemessen und als völkerrechtswidrig zu bewerten.” Die SPD-Außenpolitikerin Dagmar Freitag sagte, die Türkei habe hier eine zusätzliche Konfliktlinie geschaffen “mit ganz erheblichem Konfliktpotenzial”. Die Offensive sei nicht mit dem Völkerrecht vereinbar. Eine Friedenslösung rücke damit in weitere Ferne.

    Kipping bezeichnete die Kurden als “Bollwerk gegen den ‘Islamischen Staat’”. Sie würden im Norden Syriens für “Gleichberechtigung von Männern und Frauen und für Religionsfreiheit” eintreten, sagte die Linkenchefin. Abgeordnete der Linksfraktion drückten ihre Solidarität mit den Kurden auch aus, indem sie mit Tüchern in den kurdischen Farben auftraten. Das sorgte zwischenzeitlich für Diskussionen …

    Der FDP-Politiker Bijan Djir-Sarai warf der Türkei einen Kampf gegen die Kurden “mit allen Mitteln” vor. Deutschland sei “verpflichtet, dies zu verurteilen”. Auch er kritisierte, dass die Bundesregierung hierzu nicht klar Position beziehe. Die von Außenminister Gabriel ausgedrückte “große Sorge” sei ihm zu wenig.
    Die FDP forderte auch ein Ende der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, ebenso wie der AfD-Politiker Rüdiger Lucassen. Er wandte sich wie Sprecher anderer Fraktionen gegen Rüstungsexporte an die Türkei. Mehrere Oppositionsredner forderten zudem einen Ausstieg der Bundeswehr aus der Awacs-Aufklärungsmission der Nato von der Türkei aus.

    “Wir erwarten, dass die Bundesregierung jegliche Rüstungsexporte in die Türkei untersagt”, verlangte die Grünenpolitikerin Katja Keul. “Ein solcher Überfall ist ganz klar völkerrechtswidrig und wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie das auch klar benennt.” Keul verwies dabei auch auf den Einsatz von Deutschland gelieferter Panzer gegen die Kurden in Afrin.

    Die weichste Linie ist die von der SPD:

    Vor allem von der SPD kamen allerdings auch Mahnungen, im Verhältnis zur Türkei weiterhin auch auf politische Gespräche zu setzen. “Die Bundesregierung muss alle diplomatischen Mittel nutzen, um diesem Einmarsch so schnell wie möglich ein Ende zu setzen”, verlangte der SPD-Politiker Christoph Matschie. Er äußerte sich ähnlich wie vergangene Woche Außenminister Gabriel. Der hatte sich in einem Telefonat mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu “besorgt” gezeigt und auf eine politische Lösung gedrängt.

  15. Korbinian meint:

    Die Nationaltürken lachen die SPD trotzdem aus. Mich würde interessieren ob die Wähler der SPD momentan zu den größten Teilen aus Ü50-Studienräten bestehen.

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