(1) Epistemisches Stammesdenken

theorieDen meisten Menschen ist es wichtiger, die Zugehörigkeit zu ihrem “Stamm” zu pflegen, als sich an der Wahrheit, an den Fakten, an der Logik zu orientieren – WENN die Wahrheit vom eigenen Stamm nicht akzeptiert wird.

Der Materialismus der Linken lässt diesen Gedanken nur ungern zu.

Die Linke ist immer davon ausgegangen, dass die irdischen Fakten, und da zentral die faktischen materiellen Interessen, sich im Gehirn letztlich durchsetzen.

Es ist nicht so, Wir erleben es jetzt so nachdrücklich, dass wir gezwungen sind, es zu erkennen. (Es sei denn, wir selbst haben uns fangen lassen im – marxistischen – Stammesdenken.)

Trump kann lügen, wie er will. Kann sich unflätig und inkompetent und destruktiv äußern, wie er will. Seine Anhänger werden nicht an ihm irre. Warum nicht? Er gehört zum Stamm. Man hält zusammen, auf Teufel komm raus.

Wisnewski, dieser zynisch die Dummheit ausbeutende Verschwörungstheorien-Produzent, hat auch dieses Jahr wieder seinen grotesken Bestseller – Platz drei auf der Bestsellerliste des Spiegel. Vermutlich ist es noch nie gelungen, einen Anhänger einer Verschwörungstheorie von der Faktenlage zu überzeugen. Es ist grundsätzlich unmöglich.

Man wird nie einen Rechtspopulisten mit Fakten zur Ausländerkriminalität überzeugen können. Denn es geht dem Xenophoben nicht um Fakten. Er wird getrieben von seiner paranoiden Angst, seinem Ressentiment. Das drückt jede Möglichkeit einer sachlichen Abwägung weg.

Etwas muss nicht wahr sein, sondern sich “wahr anfühlen”, um als Wahrheit anerkannt und verteidigt zu werden. (“truthiness” ersetzt “truth”.)

Wissenschaft und Expertenwissen verlieren an Geltung.

Unsere Gesellschaften können sich immer weniger darauf verständigen, was Fakt ist. Sie barbarisieren sich.

1 Epistemisches Stammes-Denken

2 Erst kommt das Fressen …?

3 Die Rechte bietet der Seele mehr

4 Es gibt formal zwei Wahrheiten

5 Stammes-Denker verstehen keine Objektivität

6 Gibt es sowas wie objektive Wahrheit?

7 Contra Stammes-Wahrheit: Was tun?

Kommentare

  1. Fundamentalisten mit Argumenten zu überzeugen ist unmöglich. Ich würde auch nicht sagen, dass solche Leute von Angst getrieben werden sondern insbesondere Vorteile (nicht nur materiell sondern auch psychisch) für sich herausschlagen wollen, d.h. weniger für andere Menschen = mehr für mich. Die kommen ja auch extra ins Internet, um ihre Ansichten zu verbreiten. Das würden hauptsächlich ängstliche Menschen so bestimmt nicht machen.

    Desweiteren werden sie wohl eine Abhängigkeit entwickelt haben. Das Lesen und Verbreiten von fremdenfeindlichen Aussagen setzt bei denen sicherlich Glücksgefühle frei, besonders dann, wenn man damit andere Argumente niederbrüllen kann.

    Wenn der Kick mangels Erfolg ausbleibt, dann reagiert man natürlich aufgrund des “Entzugs” gereizt. Das konnte man wieder sehr gut in den Kommentaren zum Cottbus-Beitrag erkennen.

    Zusammengefasst gesagt, für mich sind Fundamentalisten davon abhängig, ihre Ansichten erfolgreich zu verbreiten, weil sie davon Glücksgefühle bekommen. Überdenken der eigenen Ansichten würde zu negativen Gefühlen führen und dann wehrt sich der Körper.

    Andere Personen, ich schließe uns hier mal mit ein, haben Spaß an der Debatte an sich und nicht am Ausgang der Debatte. Wir brauchen eine möglichst lange Debatte mit vielen Argumenten um glücklich zu sein. Daher bevorzugen wir diesen Weg.

    Und beide Vorgehensweisen sind quasi inkompatibel zueinander. Was könnte man da machen?

  2. Tja, was könnte man da machen?

    Die Erziehung ändern? Das Erziehungs- und Bildungssysem?

    Wie lernen die Kinder da? – Offensichtlich läuft es irgendwie (wie genau?!) darauf hinaus, dass die Leute keinen großen Spaß am Denken und am Lernen und am Sich-selbst-in-Frage-stellen bekommen. Dass sie nicht lernen, zu sich selbst Distanz zu entwickeln. Unser konsumorientiertes Glück ist leer.

    Könnte sein, dass die Konservativen in dieser Hinsicht einen richtigen Punkt treffen: Es wäre hilfreich, wenn man als junger Erwachsener merkt, wie man sich selbst beherrschen kann; wie man eigene Bedürfnisse aufschieben und uminterpretieren und überhaupt in Frage stellen kann; wie man, wie ich das ausdrücke, im Dreieck denkt; Angreifer – Verteidiger – Richter zm Beispiel; oder Forderer – Kopfschüttler/Zweifler – Entscheider. Und wenn man seine Existenz nicht im Haben und Kriegen, im Mehr und Besser und Größer zentriert sieht. Vielleicht geht das Erwachsensein in einem kindisch-exzessiven Konsumverhalten unter, das man schon als 3jähriger gründlich verinnerlicht: Ich WILL das haben! Krieg ich es nicht, ist das SCHLIMM! Und gibst du mir das nicht, bist du BÖSE!

    Nun, selbstkritisches Denken, umsichtiges Prüfen, pragmatische Zurückhaltung, auch eine gewisse Demut – das alles ist nicht gerade in. So entsteht dann auch keine Lust auf Debatte. Dafür Lust auf Diktatur. Der Eigenwille will sich möglichst keine Grenze setzen lassen. Der Egoist ist Trump(f).

    Das wär mal ein Erklärungsvorschlag mit der Chance zu konstruktiver Reform.

    Ich meine aber, dass du das Element der Angst unterschätzt. Heute merkt fast jeder, dass es nicht mehr aufwärts geht; dass die Gefahr des Abstiegs gegeben ist. Sogar die Gefahr der Katastrophe. Die Leute sind nervös. (Ich ja auch.) Zur Entlastung genehmigen sie sich nicht eine sachorientierte Debatte, eine rationale Erklärung, mit deren Hilfe man dann gegebenenfalls konstruktive Antworten findet, gegebenenfalls aber auch das Unglück zu akzeptieren im Stande ist, wenn es nicht abzuwehren ist. Da muss jemand unbedingt schuld sein, und das muss natürlich eine Gruppe von Menschen sein. Man muss seinen Frust abreagieren können, und das geht nur mit sichtbarem Sündenbock.

  3. Guter Artikel, danke.

    Stammesdenken, so kann man das wohl sagen. Es ist also eine Rückentwicklung, das Unbehagen an der Moderne. Wobei die einzig sinnvolle Frage die nach dem Grund des Unbehagens ist. Denn in weiten Teilen sind wir Menschen wohl alle so, dass wir rein rationale Argumente nicht ohne weiteres akzeptieren. Wir haben unendlich viele Möglichkeiten der Verwässerung, des Verschiebens von Perspektiven, um eine uns genehme Haltung zu realisieren. Intellektuelle machen das nur anders als andere.

    Leute wie Wisnewski sind natürlich besondere Helden, deren Popularität ist unglaublich, in der Tat. Andererseits gab es sowas wohl schon immer, das Internet allein macht die populär. Stammtisch halt.

    Vielleicht läuft es auf eine stärkere Regionalisierung hinaus. Man lebt in kleineren Gegenden unter sich, der Osten wird braun, man ist mehr virtuell unterwegs und staatliche Konstruktionen werden schwächer.

  4. genova,

    an diesem Thema werde ich dranbleiben. Wie verändert sich unsere Gesellschaft?

    Stammes-Formationen aller Art (vor allem in Form von Sektierereien und Fundamentalismen, aber auch in Form von Spontan-Mobs) werden an Bedeutung gewinnen. In der Folge werden die westlichen Gesellschaften allmählich desintegrieren. Möglicherweise wird ein digital gesteuerter totalitärer Machtüberbau das Gegenmittel werden – der Versuch der Geldmächtigen, sich ihren Profit und ihre privilegierte Position zu retten.

    Es wäre Aufgabe jüngerer Nachdenker, als ich es bin, angesichts dieser fundamentalen und lebensgefährlichen Veränderungsprozesse die Möglichkeit positiver, konstruktiver Wendungen zu entdecken und auszuloten (und auszuprobieren).

    Ich sitze nur traurig in meinem Wohnzimmer und sehe die Welt der Aufklärung zerkrümeln.

    (Und wie die rechtspopulistischen und rechtsradikalen Deppen auch noch einen Untergang bejubeln, der sie selber genauso kaputt machen wird wie mich. Na ja, sie sind ja schon ziemlich kaputt, vielleicht kann es ihnen deshalb egal sein.)

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