Erdogan. Yücel. Afrin.

tuerkeiWas Afrin angeht, sind wir in der 6. Woche. Die türkische Armee mit ihren dschihadistischen Verbündeten kommt voran, sie soll nun ca. 25% des Territoriums in ihrer Hand haben.

Erstaunlich langsam geht’s voran. Die Ausrede, man wolle keine zivilen Menschenleben riskieren, ist lächerlich: Da, wo gekämpft wird, sind die Zivilisten weg.

Die Angreifer haben Panzer, die Verteidiger keine. Die Angreifer haben eine Luftwaffe, die Verteidiger keine. Die Angreifer haben mehr Soldaten.

Sie werden es wohl irgendwann schaffen, die Stadt Afrin zu belagern. DANN wird eine halbe Million Zivilisten zum Opfer.

Was die Freilassung von Yücel angeht, so informiert uns die FAZ: Berlin habe Ankara gedroht. Praktisch auf allen Gebieten habe die deutsche Regierung Vereinbarungen mit der Türkei verhindert – mit Blick auf die Haft Yücels.

Ankara MUSSTE nachgeben und Yücel freigeben, ohne etwas für die Geisel zu bekommen – etwa die Auslieferung bestimmter Personen oder den Panzerdeal.

Anders geht es nicht, wenn man es mit einem Büyük Lider zu tun hat.

Was Erdogans Martyrer-Obsession angeht: Man sehe sich das an! Das Mädchen soll sich freuen, wenn es als Martyrerin sterben darf. Diyanet – die Religionsbehörde – tut das Ihre dazu. (Und >>>hier) Erdogan möchte die osmanische Macht neu begründen – auf der Grundlage eines türkischen Dschihadismus mit Soldaten, die nach dem Martyrertod streben.

In Afrin zeigen sich die türkischen Soldaten allerdings eher als feige. Sie sind ja auch Teil einer noch säkularistischen Armee. Die islamistische Armee muss sich Erdogan erst noch schaffen. Wollen wir ihm dabei helfen?

Was predigen Erdogans DITIB-Imame in Deutschland? Was (und wie) lernen die Kinder im DITIB-Korankurs?

Kommentare

  1. Zur Türkei in Syrien und ihrem Verhältnis zu Russland einerseits, Assad andererseits:
    https://www.al-monitor.com/pulse/originals/2018/02/turkey-russia-lavrov-ruffles-feathers-in-ankara.html

    Kurz zusammengefasst:

    1. Lavrov fordert Erdogan auf, sich mit Assad zu einigen! Erdogan weigert sich natürlich.

    2. Die Russen stellen klar, dass sie für eine autonome kurdische Provinz in Nordsyrien sind – im Rahmen der syrischen Republik. – Für die Türken unmöglich!

    3. Die Russen stellen klar, dass die YPG für sie keine terroristische Gruppe ist. – Damit sind sie für Erdogan selber Terroristenunterstützer.

    In allen drei Punkten vermeidet Ankara offene Kritik an Russland. (Auch in den Erdogan-Medien.) Während man den Westen, die EU, die USA, die NATO hemmungslos beschimpft. Moskau und Ankara möchten der Welt im Moment weismachen, dass sie einigermaßen übereinstimmen.

    Schauen wir mal.

    Es wird wohl noch etwas dauern, denn die türkische Armee taugt nicht viel, aber am Ende wird sie um die Stadt Afrin einen Belagerungsring legen können. Wie wird es dann weiter gehen?

    Die Frage stellt sich auch auf der diplomatischen Ebene. Werden die Russen einverstanden sein mit einem türkischen Bombardement der Stadt?

  2. Zweite Ergänzung:

    „Unsere einzige in Aussicht gestellte Gegenleistung, wenn man sie denn als solche bezeichnen will, bestand in dem Versprechen, dass wir die Gesprächsfäden wiederaufnehmen wollen, wenn der Fall gelöst ist“, heißt es dazu in Berlin. Das bedeute freilich nicht die Normalisierung der Beziehungen, sondern sei nur ein Ausgangspunkt und eine Vorbedingung für eine mögliche Normalisierung. Reden könne man jetzt allerdings wieder über alles Mögliche, „also auch über die Einführung der Visumfreiheit für türkische Staatsbürger oder Rüstungsfragen“.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wie-deutschland-druck-auf-ankara-ausuebte-15463231.html

    Ich wiederhole meine Frage vom Artikel oben:

    Wollen wir Erdogan wirklich helfen?

  3. Korbinian meint:

    Meine Antwort: JA!
    In Abwandlung eines Zitats von Lenin: Die Kapitalisten werden den Dschihadisten auch noch die Fallbeile verkaufen mit denen sie dann geköpft werden.

  4. Die Türken können in Deutschland, in Europa nicht viel ausrichten. Sie sind hoffnungslos isoliert und fast ohne Potenzial.
    Auch der Sultan wird bald nur noch über eine kaputte Türkei herrschen und insofern für uns auch nicht sonderlich gefährlich werden. (Möglicherweise werden sich dann auch einige Erdotürken in Deutschland enttäuscht vom Großen Führer abwenden.)

    In Deutschland können die Erdo-Türken und Erdo-Muslime nur verlieren. Sie sind ja auch schon dabei zu verlieren.
    Frage: Wie lange wird es dauern, bis der Frust unter ihnen so gewachsen ist, dass die ersten Übergriffe uns erschrecken?

    Vielleicht bringt irgendwann in den kommenden drei Jahren ein durchgeknallter Türke (der unbedingt zur Hohen Ehre des Martyrers kommen will) den “Terroristen” und Türkenfeind Cem Özdemir um? Zum Beispiel. Ich will das mal gar nicht so laut sagen – sonst heißt es dann noch, ich hätte den Mörder auf die Idee gebracht. Auch Deniz Yücel wäre ein naheliegendes Opfer.

    Ich denke, sobald es so weit ist und die ersten Übergriffe udn vielleicht sogar Morde in den Medien sind, wird in Deutschland das Thema, das ich hier antizipierend angeschnitten habe, heiß laufen. Oder schon vorher, wenn deutlicher wird, wie sich diese Erdo-Türken hier in Deutschland in eine radikal von uns abgeschottete Gegengesellschaft einmauern.

    Konstruktive Beziehungen sind von beiden Seiten her heute schon nicht mehr möglich. So etwas entfaltet dann längerfristig fatale Wirkungen. WIR können nichts tun, und SIE können auch nichts tun, weil ihr Heiliger Erdogan es nicht will. So geht das nun seinen bösen Gang.

    Afrin zeigt übrigens, dass man die türkische Armee nicht sonderlich fürchten muss. Hätte Putin dem Erdogan nicht den Luftraum freigegeben für türkische Kampfbomber, hätte diese Armee wahrscheinlich nicht einen Kilometer von Afrin erobert.

    25% in 5 Wochen erobert … WENN das stimmt: ob dann die nächsten 25% genauso lang dauern werden?

  5. Korbinian meint:
  6. Das hab ich auch gelesen. Eine faszinierende Lektüre. Jedem, der sich für das Thema interessiert, zu empfehlen.

    Auch der Lösungsvorschlag überzeugt mich: Die USA und Russland sollten sich zusammensetzen und einen Nahost-Kompromiss finden. Der würde sicherlich günstig für Russland ausfallen müssen – das ist der Preis, den die Amis für ihre grauenhaft inkompetente Nahostpolitik seit der Bush-Ära zu zahlen hätten.

    Aber grade das lässt mich annehmen, dass es zu so einem Kompromiss nicht kommen wird.

    Putin – der bei weitem geschicktere Spieler in dieser Arena – wird also seinen Versuch vorantreiben, die Türkei aus dem westlichen Bündnis herauszulocken.

    Mein Vorschlag für die EU wäre: Geben wir die Türkei auf! Lassen wir sie gehen! Das käme der Türkei teuer – aber auch Putin. Denn der hat kaum die Mittel, die dann gigantischen wirtschaftlichen Verluste für die Türkei hinreichend zu kompensieren. Die Türken würden angesichts der dramatischen Krise gegen Erdogans Regime aufstehen …

    Natürlich wäre das eine riskante Strategie.

    Nur – die des Appeasement ist noch riskanter. Die EU und die NATO und das Kapital fördern Erdogans Umwandlung der Türkei in einen islamofaschistischen “osmanischen” Giftzwerg. Nicht dass die Türkei damit zu einer großen Macht würde. Aber zu einer für die Russen wie für Europa lästigen taliban-artigen Macht: zu einem künftigen Hort des Terrorismus.

    Erdogan selbst hat das schon angedeutet:

    “Ich rufe Europa auf, die mit dem Finger wedelt: Die Türkei ist kein Land, die man schubsen kann, mit ihrer Würde spielt, ihren Ministern die Tür vor der Nase zuschlägt, seine Bürger auf dem Asphalt herzieht. Überall auf der Welt werden die Geschehnisse mitverfolgt. Wenn ihr euch weiterhin so verhält, werdet ihr morgen nirgendwo auf der Welt, kein Europäer, kein Westler in Sicherheit und Frieden einen Schritt auf die Straße wagen. Wenn ihr diesen gefährlichen Weg weiterhin beschreitet, werdet ihr die größten Verlierer sein.

  7. Korbinian meint:
  8. Korbinian,
    es ist wichtig, auch bei den Feinden klare Unterschiede zu machen.

    Cenki hat mit den Salafisten nicht viel zu tun. Erdogan hat sich zwar geweigert, gegen den IS anzutreten, erst am Ende hat er sich vom IS ein kleines Stück Syrien erzwungen. Den ganzen Kampf gegen den IS mussten die Kurden (die angeblichen Terroristen) führen, mit Hilfe der NATO. In der Dschihadistentruppe, die die Türken jetzt in Afrin unterstützt, auch in Idlib, arbeiten Salafisten und Muslimbrüder auch zusammen.

    Insofern gibt es schon Verbindungen. Trotzdem, ich sehe keinen Muslimbrüder-Terrorismus in Europa. Der kommt allein von den Salafisten. (Bis jetzt.) Soweit ich das beurteilen kann, sind die beiden fundamentalistischen Kräfte einander eher feindlich gesinnt, auch wenn sie in Bezug auf Afrin kooperieren.

    Ich glaube nicht, dass Salafisten einen Cenki oder DITIB-Vertreter als wahren Muslim akzeptieren würden. Für die sind Muslimbrüder des Teufels.

    Also, im Moment brauchen wir wohl noch keinen Muslimbrüder-Terrorismus zu fürchten. Was ich fürchte, ist diese Kombination aus türkischem Nationalisus (oder Osmanismus) und islamistischem Fanatismus, wie er von Erdogan immer stärker propagiert wird: Sterben als Martyrer für die Türkei und für den Islam. Erdogan wird dafür wohl nicht das Bündnis der Salafisten suchen.

  9. DITIB im Feuer:
    http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/ditib-in-hessen-ditib-soll-sich-von-propaganda-distanzieren-a-1463212

    CDU-Politiker Hartmut Honka nennt Ditib eine „im Kern faschistoide Organisation“. Der Moscheenverband soll Videos gezeigt haben, die die Syrien-Offensive der Türkei unterstützen.

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