Tellkamp und die Toleranz

rechtsLiest man die Berichte und Kommentare zu Tellkamps hetzerischem Auftritt, so überwiegen die Verteidigungsversuche. Seien wir doch tolerant! Verstehen wir doch, dass Tellkamp seine armen Sachsen gegen die bösen Angriffe aus dem Westen schützen will. Und: Es ist doch gut, wenn mal wieder hart und scharf diskutiert wird!

Auf die bösartige, in der Tendenz mörderische Äußerung Tellkamps, die Flüchtlinge wollten sich fast alle einfach bloß ins deutsche soziale Netz legen, gehen sie kaum ein. Sie deuten nur an, dass das mit den “über 95%” vielleicht nicht so ganz faktengerecht sei.

Es handelt sich hier nicht einfach um eine falsche Aussage. Es ist Hetze.

Hetze mit zwei Wirkungsabsichten:

  • Gewalt gegen Flüchtlinge, die fast allesamt Vampire sind, die uns aussaugen wollen.
  • Aufruf an die Bundesregierung, das Asylrecht der Verfassung und die Flüchtlingskonvention zu unterlaufen.

Darum noch einmal das zentrale Argument zur Debatte:

  1. In Afghanistan, Irak und Syrien ist Krieg.
  2. Millionen fliehen vor diesen Kriegen.
  3. Sie fliehen zunächst in ein Nachbarland.
  4. Sie wollen auch arbeiten, ihren Lebensunterhalt verdienen.
  5. Also fliehen viele Kriegsflüchtlinge weiter, dorthin, wo es vielleicht Arbeit und Verdienst gibt.
  6. In Deutschland gibt es sozialstaatliche Leistungen, die laut Verfassung allen Einwohnern zugute kommen – auch anerkannten Flüchtlingen.
  7. Die Flüchtlinge wollen fast alle arbeiten. Offensichtlich. Wenn sie nicht arbeiten, dann deshalb, weil man sie nicht lässt, oder weil es noch an Ausbildung mangelt.

Sie WOLLEN arbeiten.

Das weiß auch Tellkamp. Warum lügt und hetzt er? -

Er darf. Meinungsfreiheit. WIR sind tolerant.

Wir erlauben uns, ihm die Hetze anzukreiden.

Ich erwarte mir das auch von den Kommentatoren der Leitmedien.

Die beiden Tellkamp-Artikel davor:

Tellkamp: Ein großer Autor hetzt

Tellkamps Versagen

Dazu: Freital – die Stadt des Rechsterrorismus. Mit Anmerkung zu Tellkamp

Anmerkung:

Wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen können bzw. aufnehmen wollen, steht auf einem anderen Blatt – ist eine andere Debatte. Die kann man ohne Hetze gegen die Flüchtlinge und ohne xenophobe Argumente führen. Auch restriktiv, wenn man will.

Und wenn die Hälfte der Ostdeutschen depressiv ist, liegt das wohl kaum an den Flüchtlingen – von denen es in Ostdeutschland nur sehr sehr wenige gibt.

Es liegt wohl eher daran, dass zu viele im Osten das scharfe neoliberale Tempo nicht mitgehen können; dass der Westen sie abhängt; dass sie selber zu wenig Dynamik entwickeln, um aufzuholen oder mitzuhalten.

Dazu gehört dann auch, dass man zu wenig Einwanderer in die Regionen des Ostens holt und damit die Entwicklung lähmt.

In Dresden gibt es nun wirklich nicht zuviele “Ausländer” und nicht zu viele Flüchtlinge.

In ganz Sachsen (über 4 Millionen Einwohner) halten sich insgesamt knapp 25.000 Flüchtlinge auf. Etwa so viele, wie in München (1,5 Millionen Einwohner).

In Dresden haben ca. 8% der Einwohner Migrationshintergrund. In den Städten Süddeutschlands sind das 30%, oft sogar 40% und mehr.

Wieso haben die Sachsen da ein Problem – und nicht wir in Bayern oder Baden-Württemberg oder Hessen?

Eine Woche später, Stefan Berg bei Spiegel Online

Wenn ich mir die Aufzeichnung des Streitgesprächs aus dem Dresdener Kulturpalast anhöre, dann erschrecke ich vor allem über die Kälte, mit der Sie über Menschen hinwegreden.

Wie kann einem Dresdener angesichts der Trümmerlandschaften, in die Syrien, der Irak, Afghanistan, Jemen verwandelt wurden, so leicht die Floskel vom “Einwanderer in unsere Sozialsysteme” über die Lippen kommen?

Als hätte jemand leichten Herzens eine Wanderschaft hinter sich gebracht, von Aleppo nach Dresden. Motto: Ich bin dann mal weg…

 

Kommentare

  1. ResEvl meint:

    Das hat dich schon hart getroffen, dass einer deiner Lieblingsautoren nicht links tickt, oder? ;)

    Ich hingegen freue mich, dass es unter den überwiegend doch sehr naiv-gutmenschlichen Autoren auch noch ein paar Realisten wie Tellkamp gibt.

    Gut, seine Zahlen mögen zu hoch gegriffen sein, aber mit seinen anderen Äußerungen liegt er richtig. Vor allem damit, dass man schnell in die “rechte Ecke” gestellt wird und eine kritische Debatte über Flüchtlinge und Einwanderung in Deutschland kaum möglich ist, ohne dass solche wie du gleich einen Kübel Dreck über ihn auskippen (“Hetzer, Idiot, mörderische Äußerungen”).

    Auch sein eierloser Verlag bekommt sofort die Distanzeritis, statt zu seinem Autor zu stehen. Peinliche Nummer.

  2. Man kann natürlich auch politisch korrekt rumschwafeln und ihn nur als Konservativen bezeichnen, aber das wird er sicherlich nicht befürworten.

  3. Zur Strafe, ResEvl, verurteile ich dich zur Lektüre von Tellkamp, “Der Turm”. Knapp 1000 Seiten.
    ICH hab’s gelesen, und mit Genuss. Jetzt kommst du. Ist doch DEIN Autor, oder?

  4. ResEvl meint:

    Ich lese nur Fachliteratur – keine Fiktion.

    Tellkamp ist mir egal. Finde es jedoch mutig von ihm, dass er sich so geäußert hat. Ihm wird sicher klar gewesen sein, dass eine Hexenjagd beginnen würde…

    Ich verurteile dich hiermit zum anschauen von alten “Gina Wild”-Pornos, damit du mal auf andere Gedanken kommst… hehehehehehehe (TM).

  5. ResEvl meint:

    Tschöööö mit ööö :D

  6. Korbinian meint:

    @RESEVL

    Du solltest das wirklich mal lesen. Falls es Dir zu anstrengend wird: Schau die Verfilmung dazu an.

  7. Wäre wirklich schön, wenn Sie Fachliteratur lesen würden. Aber Seiten wie PI-News sind keine Fachliteratur.

  8. Da haben wir ResEvls Niveau. Hehehe. Pornos. Und sowas möchte für deutsche Kultur stehen.

    Er muss sich mal wieder verabschieden – bei der Debatte unter dem Artikel “Tellkamps Versagen” findet er keine Argumente, keine Antworten. Schaut euch das mal an!

    Zu Tellkamp: Da wird wohl ein Problem für ihn liegen. Von den Rechten werden einige seine Bücher kaufen und gut sichtbar ins Regal stellen – aber lesen wird sie kaum jemand von ihnen. Das sind zuallermeist Leute, die kaum Zugang zu guter Literatur – wie sie Tellkamp schreibt und vermutlich auch weiter schreiben wird – finden.

    Tellkamp braucht als Leser Leute wie mich. Mich wird er nicht verlieren – aber sehr viele andere.

    Mir scheint, auf der rechten Seite des politischen Spektrums entsteht allmählich eine Allergie gegen hohe Kultur. Auf dem Denkmal darf sie stehen – aber lesen und nutzen soll sie niemand mehr. Die Großen der deutschen Kultur waren ja doch fast alle Kosmopoliten, Weltbürger. Widerwärtig, wie undeutsch doch diese deutschen Kulturriesen fast alle waren!

  9. Parviz meint:

    Ja, Liebe/r Resevl, die Rechten können sich gegenseitig auf die Schulter klopfen: Sarrazin ist mutig, weil er die Moslems generell als dumm bezeichnet, Gauland ist mutig und will er eine Ministerin nach Anatolien entsorgen will, Höcke ist mutig, weil für ihn das Holocaust-Mahmal eine Schande ist. Und jetzt Tellkamp mit seinem ostdeutschen Hintergrund ist mutig, weil er – ohne eine Ahnung davon zu haben, 95% der Flüchtlinge als Schmarotzer bezeichnet? Ist das wirklich Mut? Nein das ist einfach Feigheit. wie oft haben diese Herrschaften sowas von sich gegeben und sobald die Kritik kam, den Schwanz abgezogen und sich falsch haben verstanden wollen. Dein Herr Telkamp ist genauso ein Feiger, weil er gegen die Menschen hetzt, die keinerlei Möglichkeit haben, ihm zu antworten oder ihn fragen, wer waren die Leute, die 1989 im Westberlin Stundenlang vor den Sparkassen standen, um ihre 100-Markscheine als Begrüßungsgeld bekommen. Nicht zehn oder 50% sondern 100%.

  10. ResEvl meint:

    Parviz,

    was für ein unpassender Vergleich! 1989 waren das Deutsche! Unsere eigenen Leute! Zumal das Begrüßungsgeld eine einmalige Sache war und keine dauerhafte Alimentation, wie es im Fall der meisten Flüchtlinge sein wird.

    Und ja, man muss als Konservativer/Rechter heutzutage schon mutig sein, weil man von den meisten Medien, Leuten wie Brux und vermutlich auch dir gleich für vogelfrei erklärt wird, sobald man es wagt, Flüchtlinge oder die Masseneinwanderung zu kritisieren.

    Toll, dann seid ihr jetzt zu dritt. Oder sogar zu viert, falls man Korbinian mit seine Ein- und Zweizeilern dazu zählen möchte. Dessen Position ist mir nie ganz klar gewesen. Wahrscheinlich hat er oder sie gar keine.

    Vielleicht stößt ja irgendwann noch ein linker Irrläufer dazu… haha.

    -

    Grüße an Leo, der unbedingt mal wieder einen wegstecken sollte, um lockerer zu werden :P

    -

    Ganz spezielle Grüße an KM, den unterbezahlten Aushilfs-Brux mit den vielen Nebelkerzen, der immer dann aktiv wird, wenn man einen Wunden getroffen hat und ihm die Felle davonschwimmen :D

    Bye, bye.

    Euer
    ResEvl

  11. Das kennen wir auch schon von früher.
    ResEvl – wie alle seine Vorgänger – verkündigt das Ende seiner Beteiligung – und dann kommt doch noch was. Und noch was …

    Erinnert an Beethoven. Der setzt einen Schluss. Und dann noch einen Schluss auf den Schluss. Und einen dritten auf den zweiten …

    “was für ein unpassender Vergleich! 1989 waren das Deutsche! Unsere eigenen Leute!”

    Aha. Wir selber, wir dürfen uns ins soziale Netz legen. Die Ostdeutschen dürfen sich hängen lassen und weiter darauf vertrauen, dass wir sie schon hinreichend alimentieren werden. Sind ja unsere eigenen Leute.

    Dafür arbeiten sich dann im Westen die Einwanderer krumm.

    Und ja, man muss als Konservativer/Rechter heutzutage schon mutig sein, weil man von den meisten Medien, Leuten wie Brux und vermutlich auch dir gleich für vogelfrei erklärt wird, sobald man es wagt, Flüchtlinge oder die Masseneinwanderung zu kritisieren.

    Grade vorhin hat er geschrieben:

    Kaum jemand in Deutschland teilt eure kruden Ansichten.

    Ja was nun, ResEvl?
    Einerseits sind wir einsam und marginal, andererseits braucht man Mut dazu, uns zu widersprechen, weil wir wie die meisten Medien einen wie dich gleich für vogelfrei erklären …

    Wie sollen wir DARAUS schlau werden?

  12. Parviz meint:

    Resevl,
    ja, sag bitte, was an meinen Beispielen von den Leuten, die du hier als mutig bezeichnet, wirklich eine Kritik ist. Wäre ich auch mutig, wenn ich- in der Sprache deiner “Mutigen” gesprochen – pauschal 95% der Ostdeutschen für Nazis halten würde? Wäre ich mutig, wenn ich sagen würde, dass die gesamte AFD in den Mülleimer der Geschichte gehört? Das ist doch keine Kritik und dafür braucht man auch keinen Mut. Diese Herrschaften sind nicht dumm und wissen genau, dass sie bestimmte Leute, wahrscheinlich wie du, diese Behauptungen für wahre Münze nehmen, ohne sie zu überprüfen.
    Liebe/r Resevl, so ist es: Sobald du Gegenrede erfährst, sind die Leute “linke Irrläufer”. Als was möchtest du bezeichnet werden, wenn du mir diesen Titel verpasst?
    Deine Meinung über die Bevorzügung der eignen Leute” ist ja bekannt. Aber das Begrüßungsgeld wird schon seit fast drei Jahrzehnten in Form von Solizuschlag weiterbezahlt und auch von Denjenigen, die von den sog. Mutigen nicht dazugehören.

  13. Parviz meint:

    Der Solizuschlag wird auch von denjenigen bezahlt, die nach der Meinung
    der sog. Mutigen und Selbsernnanten Alternativen nicht dazugehören.

  14. Ich hab noch eine Ergänzung zu Tellkamp. In der SZ vom Dienstag, den 13.3., fasst Johan Schloemann Tellkamps Äußerungen so zusammen:

    Die Aufnahme von Flüchtlingen war ein Rechtsbruch.
    Die gleichgeschaltete linke Presse gefährdet die Meinungsfreiheit.
    Dagegen erfordert es Mut, die eigentlichen Wahrheiten auszusprechen.
    Kaum ein Flüchtling ist verfolgt, sondern nur Wirtschaftsmigrant.
    Thilo Sarrazin hingegen kann als Verfolgter gelten.
    Das Geld für Einwanderer müsste man lieber in die Rentenversicherung stecken.
    Der gesamte Osten wird vom Westen für braun erklärt, und der Rassismus ist in erster Linie durch solche Kränkungen erklärbar.
    Der Islam ist gefährlich für unser Land.

    Tellkamp gehört zur Ressentiment-Partei.

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