Der Heimatminister, der Islam, die Logik und die Strategie

islamSeehofer:

“Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt.”

Auch durch das Christentum. Eher nicht durch den Islam oder die jüdische Religion oder den Buddhismus oder das Orthodoxe Christentum. Dafür aber sehr durch die Glaubensskepsis der Aufklärung.

Nur, wieso soll jetzt das Orthodoxe Christentum nicht zum Deutschland von heute gehören? Oder der Islam?

Sie gehören heute zu Deutschland, weil sie hier die Religionen einer beachtlichen Minderheit sind.

“Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.”

Die Religion von Muslimen ist der Islam. Wenn die bei uns lebenden Muslime zu Deutschland gehören, dann eben auch ihre Religion.

Logisch. Ganz einfach logisch.

Man sollte einem Innenminister soviel Logik schon abfordern.

Wird also die zweite Behauptung durch die erste – oder die erste durch die zweite widerlegt?

Verstehen wir Seehofer falsch, wenn wir schließen: Die Muslime sollen halt mal ihren Islam ablegen; dann gehören sie zu Deutschland?

“Das bedeutet natürlich nicht, dass wir deswegen aus falscher Rücksichtnahme unsere landestypischen Traditionen und Gebräuche aufgeben.“

Wer kommt auf die Idee, dass eine solche Gefahr bestehe? – Nur ein Paranoiker.  Oder ein opportunistischer Politiker.

 ”Muslime müssen mit uns leben, nicht neben oder gegen uns.” Dazu brauche es gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme und das erreiche man nur, wenn man miteinander spreche.

Richtig.

Es gibt Muslime, die neben uns leben. Es gibt Muslime, die gegen uns leben.

Diesem Teil der Muslime muss Seehofer sich politisch kritisch zuwenden. Das kann er nicht, wenn er den Islam insgesamt ausgrenzt.

Ich schließe daraus: Insgeheim werden sich Salafisten und DITIB-Türken über Seehofers Islamausgrenzung freuen.

Fragen eines Münchners:

In München sind etwa 8% der Einwohner Muslime. Wie kann dann ihre Religion nicht zu München gehören?

Ist irgendetwas in München oder irgendetwas Münchnerisches durch die Münchner Muslime bedroht?

Haben wir ein Problem mit unseren Muslimen in München, weil sie nicht in den Biergarten und nicht aufs Oktoberfest gehen?

Hat München etwa mehr Kriminalität als Dresden, Chemnitz, Magdeburg, Halle … (ostdeutsche Städte fast ohne Muslime)?

Sind die Münchner Muslime im Durchschnitt nicht eher besser in Deutschland integriert als – im Durchschnitt – die Sachsen?

München ist bunt. Das ist die Parole der Stadt, die Parole aller Rathausparteien (außer den Rechtspopulisten). – Dass die Stadt bunt ist, charakterisiert München ebenso wie das Oktoberfest oder die Biergartenkultur. Es macht sie lebendig, stark, attraktiv.

>>> Hier einige schnelle Reaktionen auf den heimatspaltenden Heimatminister.

>>>Hier die Antwort der Bundeskanzlerin:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist in dieser Frage anderer Meinung, wie ihr Sprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin bekräftigte. Die historische Prägung Deutschlands sei „natürlich eine christliche, eine jüdische“, sagte er. Aber inzwischen lebten in Deutschland Millionen von Muslimen.

„Auf der Basis unserer Werte und Rechtsordnung“ gehöre auch deren Religion „inzwischen zu Deutschland“, fügte Regierungssprecher Seibert hinzu. Merkel hatte bereits in der Vergangenheit betont, dass für sie der Islam zu Deutschland gehöre.

Seehofer sollte zurücktreten. Er macht Werbung gegen die Regierung und für die AfD. Die zurecht feststellt: Wer Seehofer recht gibt, muss AfD wählen. Denn Seehofer quatscht nur, WIR aber würden handeln.

Handeln auch gegen die Verfassung, allerdings. Gegen unsere Rechtsordnung.

Und noch ein starker Kommentar. Hier ein Stück davon:

Mit Blick auf seine Geschichte ist schlicht nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Land durchaus eher vom Christentum, aber auch vom Antisemitismus, vom Nationalsozialismus, von der Deutschen Bank, von Volkswagen, vom Dosenpfand und von Helene Fischer geprägt worden ist als von den Worten des Propheten. Die Frage ist vielmehr, was eine solche Meinung bewirkt. Und das kann im Hinblick auf ein gedeihliches Beisammensein in dieser Gesellschaft nichts Gutes sein.

Regelrecht perfide ist die Unterstellung, auch nur ein einziger Muslim in Deutschland würde ernsthaft wünschen, dass “wir”, wer immer das genau sein mag, “unsere landestypischen Traditionen und Gebräuche aufgeben”. Zumal Seehofer als leitkulturelle Beispiele dafür neben dem “freien Sonntag” nur “kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten” auffahren kann. Hat jemals ein Imam gefordert, damit müsse es ein Ende haben?

Kann, praktischer gefragt, die muslimische Mutter beim Kindergartenfest auch in Zukunft noch angstfrei darum bitten, dass auch solche Würstchen auf den Grill kommen, die nach ihrem Glauben “rein” sind? Oder wäre ein Eingehen auf diese Bitte schon diese ominöse “falsche Rücksichtnahme”, die Seehofer gegen eine noch ominösere “richtige” Rücksichtnahme in Stellung bringt?

Und eine Statistik:

76% der Deutschen stimmen Seehofer zu.

Die meisten davon wohl ohne Berücksichtigung von Seehofers Widerspruch: dass natürlich die Muslime zu Deutschland gehören.

Kommentare

  1. Ich habe den Eindruck für einige Leute hört die Geschichte Deutschlands mit der Gründung der Bundesrepublik auf und die letzten knapp 70 Jahre sind nie passiert.

    Zumal es ein reines Wahlkampfmanöver ist. Völlig durchsichtig.

  2. Ich finde es auch interessant, wie er sagt: “Muslime müssen mit UNS leben”, so als wenn Muslime kein Teil von uns sind. Oder wer soll “uns” sein?

  3. In dem Punkt bin ich gegenüber Seehofer etwas großzügiger.
    Muslime sieht er als Einwanderer, und Einwanderer müssen mit UNS leben – müssen schauen, dass sie mit den Einheimischen halbwegs kompatibel werden. Das ist durchaus ein wenig einseitig, auch wenn ich es wichtig finde, dass WIR – da wir ja Einwanderer brauchen und willkommen heißen – auch unsererseits Schritte auf sie zu tun und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Einwanderer mit UNS leben können.
    Einwanderer sind nicht schon automatisch – mittels Aufenthaltstitel und Bleiberecht – Teil von uns. Ich würde zum Beispiel sagen, dass ein nicht unerheblicher Teil der gläubigen Muslime in Deutschland tatsächlich nicht Teil unserer Gesellschaft sind und auch nicht sein wollen, denn unsere Gesellschaft ist sündig und dekadent und unbedingt abzulehnen.

    Das Problem stellt sich, wie ich schon ausführlich dargestellt habe, jetzt auch für die Erdotürken. Treu ihrem Großen Meister folgend haben sie UNS den Krieg erklärt.

  4. Ja, wenn Einwanderer mit uns leben müssen und nicht neben uns oder gegen uns, dann müssen wir sie auch mit uns leben lassen und nicht ausschließen oder ignorieren.

  5. Es gibt die GEGENgesellschaften einzelner Gruppen von Migranten. Die berüchtigten arabische Clans in Berlin zum Beispiel, oder die Salafisten, oder die Erdotürken.

    Ich denke, wir sind mit denen zu großzügig. Wir haben uns noch nicht genug Mittel geschaffen, um auf rechtsstaatliche UND wirkungsvolle Weise gegen sie vorzugehen.

    Andererseits: Überwiegend gehen die Schwierigkeiten nicht von den Migranten aus, sondern von der Aufnahmegesellschaft, die zu schnell ausschließt und zu wenig integrationsoffen ist. Unser Heimatspaltungsminister liefert dafür ein Beispiel.

    Gespannt bin ich, WIE er die Islamkonferenz zu gestalten gedenkt, wenn er das verrückte Motto wählt: Der Islam ist nicht, die Muslime aber sind Teil von Deutschland. Dann sitzen die Muslime dort sozusagen als Nichtmuslime in der Konferenz. Sie geben ihren Islam vorher brav an der Garderobe ab. – Wär eine Idee für einen Kabarett-Sketch. Oder einen Cartoon.

  6. Korbinian meint:

    Die Glaubensskepsis der Aufklärung scheint aus den öffentlichen Debatten weitestgehend verschwunden zu sein. Heute kräht jeder nur nach seinem Recht auf Religion und Religionsfreiheit.

  7. Nicht jeder.

    a) die Feinde der Religion versuchen, die Religionsfreiheit zu unterlaufen, zu ignorieren, zu zerstören;
    b) die Glaubensskeptiker (zu denen ich gehöre) halten sie hoch;
    c) viele Gläubige bekennen das Recht der anderen, anders zu glauben oder religionsfrei zu leben.

    Außerdem – vielleicht erinnerst du dich an meine Debatte mit dem fanatischen Atheisten Dr. Berghaus. Ich habe seinen Atheismus als einen Glaubensakt bezeichnet. Er schien mir kein Produkt der Glaubensskepsis zu sein, kein Resultat der Aufklärung, sondern eine fundamentalistische und insofern auch quasi-religiöse Variante des Atheismus.

    Diese Art des ebenso arrogante wie naive Atheismus ist weit verbreitet. Aber auch eine andere, die mir ebenfalls unbefriedenden vorkommt: die faule Gleichgültigkeit bezüglich existenzieller Fragestellungen, die manchmal auch ein Vorhang ist, hinter dem unbefragt persönliche Überzeugungen verborgen und dadurch vor Kritik geschützt werden. Auch das ist keine aufgeklärte Form der Auseinandersetzung mit Fragen, die das Ganze unserer Existenz betreffen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*