Filterblasen und Echokammern (1)

theorieDie Gesellschaft zersplittert zunehmend in Sekten.

Die großen Einheiten (Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Mainstream-Medien u. a.) verlieren an Zuspruch, die relativ kleinen heißen Gruppen formieren sich in scharfer Abgrenzung und zuverlässiger Einigelung, Abschottung gegen geistige Zumutungen von außen.

Felix Stephan (SZ) und C. Thi Nguyen helfen uns, das besser zu verstehen:

Der amerikanische Philosoph C. Thi Nguyen hat in dem Magazin Aeon dargelegt, dass die Öffentlichkeit zwar schon seit einiger Zeit in epistemologische Blasen zerfällt, dass sich diese Entwicklung aber gerade verschärft.

Die Blasen würden abgelöst von ihrer nächsten Evolutionsstufe: den Echokammern.

In epistemologischen Blasen, schreibt Nguyen, werden abweichende Informationen lediglich ausgeblendet: “Ein soziales Netzwerk, das ausschließlich aus unglaublich intelligenten, besessenen Opernfans besteht, würde mir sämtliche Informationen über die Opernszene liefern, die ich mir nur wünschen könnte, aber es würde mich nicht über den Umstand informieren, dass, sagen wir, mein Land von einer steigenden Flut von Neonazis befallen ist.”

In Echokammern hingegen würden abweichende Meinungen konsequent untergraben und delegitimiert.

Während sich Filterblasen auflösen ließen, indem man ihre Mitglieder mit Fakten konfrontiert, ist das bei Echokammern keine praktikable Variante mehr. Echokammern, schreibt Nguyen, gingen über die reine Facebook-Gruppe weit hinaus und funktionierten ähnlich wie Sekten: Wenn ihre Mitglieder mit der Außenwelt konfrontiert werden, halten sie deren Einwohner für Gefallene, die an die von verschworenen Kräften manipulierte Welt verloren sind und nur gerettet werden können, indem sie ihrer Gruppe beitreten.

Der Aufstieg der Echokammer bringe wiederum eine Weltsicht hervor, die einen “Alles-oder-Nichts-Krieg zwischen Gut und Böse” austrägt.

Auf diese Weise versteifen sich lose Interessengruppen zu Agitationskollektiven, die sich in einem erbitterten Verteidigungskampf befinden: gegen das Impfen, gegen den Genderwahn, die Agrarlobby, die Manipulation durch die Mainstreammedien, die Überfremdung. Das Internet hat für jeden Interessenten eine maßgeschneiderte Manson-Family im Angebot – auch wenn es nicht immer zum Schlimmsten kommt.

Meine Hervorhebungen.

Fortsetzung folgt: Wie Faschisten diese Situation nutzen.

Weitere Fortsetzung: WARUM begeben sich Menschen in Filterblasen? Warum suchen sie Echokammern auf? – Sie gewinnen damit etwas: Sicherheit. Identität. Stolz.

Eine Frage an mich wäre: Befinde ich, der Blogger, mich in einer Echokammer oder in einer Filterblase?

Eine zweite Frage – die geht an alle: Warum bemerken Menschen, die sich in einer Filterblase oder einer Echokammer befinden, nicht, dass es so ist? Und dass das ein Problem ist?

Eine dritte praktische Frage: Wie spricht man mit denen, die in einer Filterblase stecken – und wie mit denen in einer Echokammer?

 

Kommentare

  1. Warum bemerken Menschen, die sich in einer Filterblase oder einer Echokammer befinden, nicht, dass es so ist? Und dass das ein Problem ist?

    Der Mensch lernt durch Belohnung und Angst. Genau das wird in Echokammern bedient. Für andere Blickwinkel gibt es daher leider keine Motivation. Das wäre nur Aufwand für diese Personen in der Echokammer.

    Eine dritte praktische Frage: Wie spricht man mit denen, die in einer Filterblase stecken – und wie mit denen in einer Echokammer?

    Man müsste Sie belohnen, wenn sie einen anderen Blickwinkel einnehmen. Besser wäre es aber, sie bereits vorher mit den geistigen Fähigkeiten auszustatten, eine Filterblase zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Ich finde, das wäre als Aufgabe in der Schulbildung sehr wichtig.

  2. Zum ersten Punkt:

    Belohnung und Angst – das ist schon richtig, aber müssen wir da nicht einen Schritt weitergehen?
    Belohnung – von wem? – Von der Bezugsgruppe, der man zugehören will.
    Angst – vor dem Verlust in der Bezugsgruppe, der man zugehören will.
    Für Bezugsgruppe könnte man auch – bildlicher, griffiger – “Stamm” sagen.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen, ein StammesTier, sozusagen. Er kann darüber hinausgehen, er kann abstrahieren, er kann mit sehr großen Einheiten opoerieren, er kann sich selbst auch kritisch vom eigenen Stamm und von sich selbst distanzieren – ER KANN. Die Frage ist: Wann und wie? Und kann es jeder? Ich fürchte, es ist immer eine Ausnahme. Dass es einmal mehr als eine Ausnahme geworden ist, zeigt die Aufklärung, zeigen die Institutionen der Aufklärung – die Demokratie zum Beispiel, der Rechtsstaat, die Etablierung der Menschenrechte.

    Das Normale, leider, und besonders unter dem Druck von Stress, ist der vollständige panische Rückzug auf den Stamm, die Sekte, die abgeschottete Eigengruppe.

    Drum mein Vorschlag an die Politik: Wir müssen den Stress reduzieren. Wir brauchen eine selbstsichere Mitte. Eine Mitte, die die Politik und die Kultur dominiert – und die die Oberschicht klein hält und die die Chancen derer, die zur Unterschicht gehören, steigert, in die Mittelschicht aufzusteigen.

    Im Moment arbeiten alle daran, dass die Armen ärmer werden; dass die Mittelschicht in Abstiegspanik gerät.

    EIN Resultat davon ist, dass man sich auf die Migranten als Prügelknaben stürzt.

    Erziehung: Wer erzieht? – 1. Die Eltern. 2. Die Peers. 3. Die Verwandten und die Nachbarn. 4. Die Lehrkräfte. 5. Die Medien.
    Wer erzieht nicht? – Der Staat. Er hat dazu, so scheint es, kein Mandat. Er hat nur ein Vetorecht – das Jugendamt kann in extremen Situationen eingreifen. Oder die Polizei. Er kann auch einen groben Rahmen setzen für Didaktik, für Pädagogik. Aber dazu braucht er auch wieder – die Bürger. Die Einsicht der Bürger. Und die Bereitschaft von Big Money, es zu akzeptieren. (Big Money kann gesellschaftskritische Hirne nur in kleiner Menge brauchen, für einige der Elitejobs, aber nicht in großer Menge, nicht bei allen.)

    Ich sehe keinen Weg. Keine Strategie. Keine Chance.

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