Off topic: Verwirrspiele

theorieDas gehört natürlich nicht direkt zum Blogthema …

Aber mich fasziniert die Neigung vieler von denen, die sich als “linke” Opposition sehen, Putin und Russland zu verteidigen. Drei Beispiele: Abschuss der MH17, Giftgaseinsätze Assads, Mordanschlag auf Skripal.

In allen drei Fällen ist es hochwahrscheinlich, dass Russland anzuklagen ist.

In allen drei Fällen kann man, wenn man will, so tun, als wäre man als politischer Beobachter genötigt, wie ein Richter vor Gericht “in dubio pro reo” anzuwenden.

Das absolute Beweisprinzip gilt natürlich nur zu unseren eigenen Gunsten.

Wenn wir den Verfassungsschutz in Sachen NSU angreifen, brauchen wir keine gerichtsfesten Beweise; es genügt die hohe Wahrscheinlichkeit. Zurecht!

Der Fall Skripal.

Es ist offensichtlich, dass es sich um einen russischen Mordanschlag handelt. Die Motivlage ist eindeutig – andere Tätermöglichkeiten muss man sich aus den Fingern saugen.

Die russische Seite entfaltet nun Verwirrmanöver. Dies könnte sein, das könnte sein … Die Putin-Freunde fallen drauf rein, wollen auch drauf reinfallen.

Warum?

Ich kann in so gut wie keinem Fall beweisen, was an den Einwänden und ihren Widerlegungen richtig und was falsch ist. Erlaubt mir das, dass ich nun frei nach parteilicher Neigung über die Fakten urteile? Ich glaube, was mir passt?

Ich halte mich an die Wahrscheinlichkeit. Es gibt hier nur eine einzige plausible Erklärung.

Woher kommt die Sympathie eines Teils der Linken für Putin?

Man ist vor allem contra USA, contra NATO, contra Kapitalismus – der Feind meines Feinds ist mein Freund.

Dabei filtert man weg: das vampiristische Wirtschaftssystem, dem Putin als Pate vorsteht, den Gangsterkapitalismus. Das Fehlen des Rechtsstaats und der Medienfreiheit. Die massive Unterstützung Putins für die Rechtsaußen in Europa.

Der Fall Assad.

Assad hat mit Hilfe seiner Verbündeten gewonnen. Um den syrischen Krieg zu beenden, müsste der Westen das eingestehen und akzeptieren. Er hätte längst – schon, als Dschihadisten den Kampf gegen Assad übernommen haben – mit Russland und dem Iran kooperieren müssen.

ABER: Heißt das, dass Assad kein Verbrecher ist? Heißt das, dass die Giftgasangriffe nicht von ihm zu verantworten sind? (Und damit auch von Russland!)

Wie kommt die Linke dazu, so zu tun, als ob die Giftgasangriffe Assads in Zweifel stünden?

… Der Feind meines Feinds ist mein Freund …

Diese Dummheit sollte man sich in Dreieckskonflikten nicht leisten.

Es gibt ein Anwendungsbeispiel im Bereich Migration:

Big Money ist in gewisser Weise ein Verbündeter derer, die sich für Einwanderung, Integration und multikulturelle Gesellschaft engagieren. Und zugleich Gegner.

AfD und Rechtspopulisten übersehen geflissentlich, dass Big Money die relativ liberale Einwanderungspolitik durchsetzt – und nicht die “naiven” Gutmenschen.

Das gilt aber auch für die Flüchtlingsfreunde. Kaum einer kapiert, dass wir für die Politik der relativ offenen Grenzen und für Merkels Reaktion Anfang September 2015 (“Wir schaffen das!“) der Wirtschaft zu danken haben.

Da wirkt die Filterblase.

Die Filterblase ist mir auch aufgefallen, als einmal jemand von ProAsyl auf meine Frage nach möglichen Grenzen der Flüchtlingsaufnahme geantwortet hat: An so etwas sei nicht zu denken.

Die Echokammer erkennen wir, wenn wir linksradikalen Sektierern zuhören. Für die ist unser Staat hier und heute faschistisch.

Nochmal zum Fall Skripal und zum Fall Gas/Assad:

Zum ersten Mal erlebt hab ich das Verwirrspiel ca. 1995, als die Serben Sarajewo belagert  und dreimal den belebten Markt in der Stadt mit Granaten und ein Massaker angerichtet haben. Auskunft der Serben: Wir waren das nicht. Die Bosnier haben sich selbst beschossen …

Damals hab ich mich entschieden, mich auf solche Ablenkungen grundsätzlich nicht einzulassen. (Natürlich konnte ich nicht beweisen, dass die Bosnier sich nicht selbst massakriert haben …)

Einmal angenommen, Snowden wird in Russland ermordet, kein Täter ist greifbar, ein Raubmord liegt auch nicht vor. Wir können sicher sein, dass dann der CIA zugeschlagen hat. Auch wenn wir oder die Russen das nicht beweisen können.

Kommentare

  1. Guter Artikel

  2. Hermann Hagena meint:

    Ich vermisse eine Analyse der niederländischen Untersuchungsergebnisse zu dem Abschuss von MH 17. In einer eingehenden Studie (Im Internet unter “Hagena Report” nachzulesen) habe ich die Putin und den Russen zugeschobene Schuld als eher unwahrscheinlich bezeichnet und argumentiert, daß vieles dafür spricht, dass die Regierung der Ukraine (vielleicht angestiftet, beraten und unterstützt durch den Geheimdienst der USA) verantwortlich war. Bin ich jetzt auch ein “Hetzer”?

  3. Ganz einfach, Herr Hagena,

    ich lass mich auf Spielchen nicht ein.
    Ich kann NICHTS persönlich verifizieren oder falsifizieren. Ich bin kein Fachmann, ich bin nicht nah genug an den Sachen. Ich halte mich also an das, was für mich offensichtlich ist.

    Damit kann man schief liegen, aber in der Regel trifft man es damit am besten.

    Vor allem: Wieso soll ich mir den Durchblick in solchen Dingen einbilden?

    Andererseits: Jeder Verbrecher kann mir gegenüber behaupten, er sei unschuldig – und ich KANN SEINE SCHULD NICHT BEWEISEN bzw. die Beweise anderer hinreichend würdigen. Ergo gäbe es für mich fast keine Verbrecher mehr (außer denen, die gestanden haben und vielleicht noch außer denen, die direkt beim Verbrechen gefilmt worden sind).

    Ich muss mich also auf das verlassen, was mir der “gesunde Menschenverstand” sagt: auf Wahrscheinlichkeitsannahmen. Und von diesen aus meine Urteile und ggfs. meine Handlungen wählen.

    Wir können uns noch unterhalten über die grundsätzliche Unglaubwürdigkeit des Westens einerseits, Russlands andererseits. Dem Westen kann man gelegentlich glauben – er hat immerhin einigermaßen freie Medien. Russlands Medien sind reine Propaganda. Ich werde nie etwas glauben, was von dieser Seite kommt, es sei denn, es ist aus anderer Quelle einigermaßen plausibel zu machen.

    Den Holländern glaube ich eher als den Russen.

    Was – als Bürger, der ins einem Wohnzimmer sitzt – soll ich denn machen?

    Soviel kann ich doch wissen: Russland ist ein Hort der Informationsverwirrung wie kein anderes Land. Informationskrieg. Im Westen geht das nicht so leicht. Als die Amis einschließlich ihrer Medien behauptet haben, Saddam Hussein habe weapons of mass destruction, haben viele europäische Medien (auch einige amerikanische) gegengehalten. Ein interessanter Unterschied zur den russischen Medien. Ich halte es für wichtig, den Unterschied zu würdigen.

    Glaub NIE einer Info aus der russischen Propagandafabrik, es sei denn, sie werde von einer dir als glaubwürdig bekannten anderen Quelle bestätigt!

    (Der Imperativ gilt natürlich auch für Fox News, Trump u. a.. Im Fall NSU glaub ich zum Beispiel auch grundsätzlich den staatlichen Behörden nicht mehr. Was nicht heißt, dass ich BEWEISE dafür habe, dass ihre Darstellungen gelogen sind. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht in diesem Falle gegen unseren Staat.)

  4. Putschdämon meint:

    Es gibt zum Fall Giftgas/Assad/Russland auch die vermittelnde Position. Zunächst wäre da doch das klassische cui bono: Was hat denn Assad, der de facto den Krieg gewonnen hat, davon, jetzt ausgerechnet das Gas auszupacken, wo er genau weiß, dass spätestens das die Nato auf den Plan rufen und alles zunichte machen könnte, siehe auch ein Jahr zuvor, nachdem der Krieg die entscheidende Wendung genommen hatte, Aleppo.

    M.E. kann man das als von der Vernunft Geleiteter gar nicht für bare Münze nehmen, weil es so unglaubwürdig dumm und ja weiß Gott nicht der erste Fall von staging in der Geopolitik wäre. Im Krieg ist alles erlaubt.

    Was das nun mit unserem Links-Rechts-Schema macht? Ich glaube, dass, wer aufgrund der offensichtlichen Unstimmigkeiten hier von vornherein Assad beschuldigt, bereits seiner ideologischen Brille aufgesessen ist: Assad ist Putins Mündel = er ist Anti-Nato = er ist Anti-Globalisierung = er ist böse. Diese innere Logik führt wohl dazu, dass selbst so ein unglaubwürdiges Ereignis (Assad vergast Zivilisten kurz vor dem Sieg) als real wahrgenommen wird.

    Diejenigen Teile der Linken, die in dem Fall (!) Assad für unschuldig halten, sind sich in Wirklichkeit treu geblieben, sie sind Opposition. Diejenigen, die ihn ohhne wenn und aber für schuldig halten, sind, so sehe ich das, möglichweise sogar unbemerkt, längst einer neoliberalen, globalistischen Ideologie unterworfen, die sich der Linken lediglich noch als idelle Unterfütterung (“no borders”) ihrer nach Grenzenlosigkeit strebenden Macht des Marktes bedienen.

  5. Warum sollte es dumm von Assad sein, Terror mittels Giftgas zu machen?
    Ich halte es für strategisch einleuchtend.
    Negative Folgen hat es nicht für ihn – der Westen kann so gut wie nichts machen. Assad weiß doch, dass es von der NATO allenfalls ein paar Bomben gibt – und so kann er auch noch allen beweisen, dass der Westen nichts gegen ihn tun kann.

    Es gibt im Falle Assad-Giftgas keine Unstimmigkeiten. Die Opfer sind die Opfer.

    Assad hat hunderttausende foltern lassen. Assad hat eine halbe Million Syrer auf dem Gewissen. Was soll’s. Er hat gewonnen. Der Schlächter hat gewonnen. Warum soll er nicht weiter foltern? Warum nicht weiter mal hier, mal da – jetzt vielleicht in Idlib? – wieder ein bisschen Giftgas einsetzen. Terror bringt’s!

    Für Assad ist es gut, wenn der Westen noch länger zögert, mit den Russen und den Iranern endlich einen Frieden für Syrien auszuhandeln. Er möchte vermutlich den Westen davon abschrecken, die Iraner und Russen zwingen, weiterzumachen. Bis das ganze Gebiet wieder unter seiner Kontrolle ist.

    Ich verstehe die Zweifel nicht. Die Opfer sind klar. Die Täter auch.

    Wenn demnächst Snowden in Moskau einem mysteriösen Mord zum Opfer fällt – und kein Täter ist zu kriegen – na, wer wird dann wohl den Mord in Auftrag gegeben haben? Der CIA. Natürlich können wir das nicht beweisen. Trotzdem ist es klar – nämlich hoch wahrscheinlich.

    Ich lass mich auf die Argumentationsspielchen und auf die Technikspielchen nicht ein. Grundsätzlich nicht.

    MIR kannst du irgendeine Sympathie mit der NATO oder mit den USA kaum vorwerfen. Aber ich lass mich auch nicht irreführen durch die Lügenpropaganda der anderen Seite. Ich würde dir das auch raten.

  6. Putschdämon meint:

    Assad hat doch gerade bewiesen, dass er die Bevölkerung auch ohne Waffen, die den Westen mobilisieren und alles viel zu kompliziert machen würden, terrorisieren kann. Bleibt mir schleierhaft, die Strategie, zumal Trump kurz vorher seinen Rückzug aus Syrien angekündigt hatte. Da poppen andere Wahrscheinlichkeiten auf. Auch die sogenannten Rebellen, also die sunnitischen Islamisten, haben schließlich bewiesen, dass ihnen Menschenleben jeder Art vor allem Werkzeuge, eher Schlachtvieh sind. Die nehmen sich da gar nichts. Und, das am Rande nur: Mit Assad, dem Schlächter inter pares, haben Minderheiten immerhin die Möglichkeit, zu leben, in quasi-säkularer Knechtschaft,aber immerhin.

    Ich traue den Russen nicht, halte sie aber in ihrem unverblümteren Machiavellismus für gewissermaßen aufrichtiger. Und Assad ist wie gesagt ein tyrannus inter pares, was sollte nach ihm kommen, das besser sein würde??

  7. Da nimmst du also lieber an, dass die Verteidiger dieser Enklaven ihre eigenen Leute vergasen. Ich halte das für grotesk.

    Strategisch ist der Giftgaseinsatz für Assad durchaus sinnvoll: Terror verbreiten gehört zu seinen Methoden. Außerdem konnte er mit dem Giftgaseinsatz einmal wieder den Westen vorführen – und die Russen zum Schulterschluss zwingen.

    Wieso sollten die Russen aufgrund von “unverblümtem Machiavellismus” aufrichtiger sein? Ihre konsequente Lügenpropaganda hat doch Erfolg! Wahrheit zählt nicht! (Wahrheit im dem Sinne, in dem ich sie verstehe: Objektivität.) NICHTS ist aufrichtig an Putin und seiner Propagandamaschine. Eben weil sie “machiavellistisch” ist. (Machiavelli, Der Fürst, 18. Kapitel. Glaub nie einem Fürsten, wenn er sich moralisch gibt! Wahrheit ist für den Fürsten, was ihm nützt. Und nur das, was ihm nützt. Ein Idiot ist, wer dem Fürsten glaubt.)

    Wir haben das schlichte Faktum von Angreifer und Opfer. Daran sollten wir uns halten.

    Seitdem die Dschihadisten den Kampf gegen Assad übernommen haben, war ich dafür, dass Assad sich behaupten kann. War ich auf der Seite der Russen und der Iraner. Das ändert nichts daran, dass ich Assad und sein Regime für verbrecherisch halte. Das ändert nichts daran, dass mir klar ist: Alle Giftgasangriffe sind von Assad zu verantworten.

    Ich habe Partei für Assad ergriffen – aber BLIND macht mich das nicht. VERARSCHEN lass ich mich nicht. Das aber ist es, was die Russen mit uns treiben: strategisch kühl kalkulierte Verarschung mit dem Ziel der Zerstörung des relativ liberalen und demokratischen und zivilen Europa.

    Darum unterstützt Putin, so gut er kann, Le Pen, Strache, die AfD, Orban und jede rechtspopulistische und rechtsradikale Bewegung in Europa.

    Es bildet sich sowas wie eine Querfront aus Rechtsradikalen und Linksradikalen …

    Auf jeden Fall, angesichts der Hilflosigkeit des Westens und angesichts der wunderbaren Wirkung der russischen Verwirrkampagne hat Assad die Möglichkeit, auch ein nächstes Mal wieder Giftgas einzusetzen. Das Ziel dabei ist nicht unbedingt, direkt Gefechtsvorteile zu erringen, sondern Terror zu verbreiten: “Ihr könnt euch vor uns nicht schützen!” Es soll die Feinde zermürben.

    Die Dschihadisten haben ihre eigene Art der Menschenfeindlichkeit, aber mit Giftgas die eigenen Leute umzubringen, das gehört nicht dazu. Das würden Assads Leute auch nicht machen – Giftgas gegen die eigenen Leute einzusetzen, etwa gegen die Alawiten, oder? Die eigenen Leute auf diese Weise in Angst und Schrecken zu versetzen, das bringt nichts. Und im übrigen weiß ja jeder, wer das Giftgas eingesetzt hat. Die Angehörigen der Opfer würden sich gegen ihre bisherigen Autoritäten wenden.

    Für mich ist es offensichtlich, dass Assad verantwortlich ist für die bisherigen Giftgaseinsätze. Die Beweislast für das Gegenteil läge voll und ganz auf seiner Seite. ER müsste BEWEISEN, dass es die andern waren. Die Tat selbst spricht für sich – und gegen Assad.

    (Stell dir zwei tödlich verfeindete Mafiosoclans vor. Fünf von dem einen Clan werden bei einem Überfall massakriert. Die von dem anderen Clan lachen und sagen, ach, die fünf sind doch von ihrem eigenen Clan umgebracht worden! Damit die Polizei auf uns losgeht! – Kein Schwein glaubt so einen Dreck. Aber WIR lassen uns von den Russen an der Nase herumführen!)

    Noch ein Punkt: Einmal angenommen, Assad hätte tatsächlich die Giftgasangriffe zu verantworten, und einmal angenommen, der Giftanschlag auf Skripal wäre tatsächlich vom russischen Geheimdienst durchgeführt worden. Glaubst du, die Russen würden dann sagen,
    Entschuldigung, das mit dem Giftgasangriff ist eine Schweinerei von Assad, das halten wir auch für ein Verbrechen!
    Und im Fall Skripal:
    Entschuldigung, ja, so machen wir das eben mit Verrätern! Soll sich keiner sicher fühlen!

    Es ist also von vorn herein klar, dass die Russen nichts zugeben. Angriff ist aber die beste Verteidigung … und mit uns Idioten kann man ja wunderbar spielen! Wir fallen auf die Verwirrungstaktik rein, dass es zum Totlachen ist! Ich nehme an, jeder Putinanhänger in Russland (und vielleicht auch außerhalb von Russland?) ist stolz darauf, dass Putin seine Macht auf diese doppelte Weise vorführen kann, erstens durch den Mord an einem “Verräter”, zweitens durch die erfolgreiche Verunsicherung der westlichen Öffentlichkeit.

    Es dürfte ihn ermutigen, so weiterzumachen.

  8. Putschdämon meint:

    Wir haben in Syrien einen der Logik der Macht folgenden Teufel, der vielen kleinen Beelzebubs gegenübersteht, die keiner Logik folgen, jedenfalls keiner rational fassbaren, die über den bloßen Krieg und kalifische Fata Morganas hinausgeht. Assad (und seine Camarilla natürlich) will über ein begrenztes Territorium langfristig herrschen und so auch seine nackte Haut retten, sein Projekt ist kein Fiebertraum eines Dschihadisten.

    Selbst wenn er also seinen sicher gewordenen Sieg nun regelmäßig mit gefährlichen Provokationen gegen die Weltmacht würzt (sowohl er als auch Putin wollen ja gerade den Isolationisten Trump, warum sollten sie ihn in die Situation bringen, dass er sein Gesicht verlieren würde?), was sagt es denn über Linke oder Rechte hierzulande aus, wenn sie ihn dennoch für die “bessere” Alternative halten als einen schrecklichen Wust aus Terrorfürstentümern? Ist nicht der Leviathan in dem Fall besser als der Behemoth, um bei den Staatstheoretikern zu bleiben?

    Nochmal, Assad ist immerhin säkular, er kann als Vorsteher einer Minderheitensekte ja auch gar nicht anders. Für die Schiiten, Christen, Drusen, Jesiden etc. bedeutet das eine Zukunft in Syrien zu haben; und bescheiden ist man dort zurecht. Das letzte christliche Dorf, in dem aramäisch gesprochen wird, wäre wohl Geschichte, hätte die Soldateska Assads es nicht von den Dschihadisten zurückerobert. Ich glaube nicht, dass es was mit links oder rechts zu tun hat, darauf hinzuweisen.

  9. Wir stimmen durchaus überein in dem letzten Absatz.

    Es ändert nichts daran, dass klar ist: die Giftgasangriffe gehen von Assad aus. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass die Feinde von Assad ihre eigenen Leute vergasen. Einmal angenommen, sie würden Giftgas gegen Assads Teil von Syrien einsetzen – würdest du dann auch annehmen, dass Assad einen solchen Angriff selber unternommen hat?

    Hier ist die Logik von Opfer und Täter klar. Sie ist es nicht immer, aber in diesem Falle ist es so.

    Warum können diejenigen, die – wie ich ja doch auch – vom Westen verlangen, Assads “Sieg” zu akzeptieren, weil es für Syrien schlicht besser so ist als ein ewig sich fortsetzender Krieg und außerdem schlicht besser ist als die Herrschaft von Dschihadisten –
    warum können – oder wollen? – diese durchaus vernünftig überlegenden Personen nicht erkennen,
    dass 1. Assad natürlich verantwortlich ist für diese Giftgaseinsätze,
    dass 2. sie mit ihrem unplausiblen, rein parteiischen Spiel ihre eigene Objektivität und ihre Glaubwürdigkeit ruinieren?

    Trau keinem, der Putins Lügenspiele mitspielt!

    Wie wird das beim nächsten Giftgaseinsatz aussehen? Schon wieder eine Selbstvergiftungsaktion der Assadfeinde?

    Die Leute vor Ort wissen natürlich, von wem der Giftgasangriff kommt. Die Dschihadisten wären auch ziemlich blöd, sich selber auf solche Weise gegen die Bevölkerung zu wenden, die sie beherrschen wollen. Aber warum nutzen sie eigentlich ihren – angeblichen – Zugang zu Giftgas nicht dazu, Assad anzugreifen? Um dann zu sagen, ja mei, das hat der Assad doch selber gemacht!

    Im übrigen meine ich, die Vorgänge in Syrien folgen durchaus gewissen Logiken. Wir kennen sie aus der Geschichte.

    Merke: Wenn wenn der Markt voller Zivilisten im bosnisch-muslimischen, von serbischem Militär belagerten und beschossenen Sarajewo mit Granaten bombardiert wird und es zu einem Massaker an Zivilisten kommt, dann waren das garantiert keine muslimischen Bosnier, die ihre eigenen Leute umbringen.

    Die Regel kannst du verallgemeinern.

    Merke: Wenn im NSU-Mordfall Kassel der Verfassungsschützer Temme bei der Tat praktisch am Ort ist, dann weißt du, dass der Verfassungsschutz in den Mord verwickelt ist. Punkt.

    Nur ein Idiot nimmt an, dass das ein Zufall ist. Nur ein Idiot – und ein Staatschützer, der sich sagt: Egal was die Wahrheit ist, wir müssen unseren Staat vor Schaden bewahren und also die naheliegende Wertung vernebeln.

    Merke: Wenn gleich nach der Ausschaltung der NSU-Bande ein Verfassungsschützer massenhaft relevante Dokumente in den Reißwolf steckt, dann weißt du, warum das gemacht wird. Die Staatsvertreter können sich da in Putinscher Vernebelungs- und Verwirrungstaktik äußern, wie sie wollen – die Sache ist klar. Das schuldhafte, rechtsstaatbrechende Verhalten staatlicher Organe wird durch die nachträglichen Schutzbehauptungen und Schutzbemühungen der staatschützenden Politiker und Medien sogar noch bestätigt.

    Ich brauche dazu keine weiteren Details. Ich brauche mich nicht auf die staatlichen Ablenkungsmanöver einzulassen. Das meiste davon kann ich sowieso nicht kompetent beurteilen. Ich halte mich an die simple Sachlage hinsichtlich Temme und hinsichtlich der Aktenvernichtung.

    Was nicht heißt, dass ich mir nicht auch die Details ganz gerne ansehe. Sowas kann durchaus sexy sein. Aber es beeinflusst kaum mein Urteil. Verfassungsschützer Temme praktisch beim Mord dabei – was will man denn noch mehr? Niemand mit einem Minimum an gesundem Menschenverstand hält so etwas für einen Zufall.

    Ich fordere mehr Resilienz des gesunden Menschenverstands – gegen die allgegenwärtigen Vernebelungs- und Verwirrungsaktivitäten der mächtigen Täter.

    Ich fordere die Bereitschaft, auch gegen die eigene Parteinahme an der Realität festzuhalten. Fakten stehen über der Partei. Fakten stehen über dem Stamm, dem man sich zugehörig fühlt. Fakten können gegen mich, gegen meine Partei, gegen meine Freunde, gegen meinen Stamm, gegen meine Religion stehen – und dann verlangt es die Ehre der Aufklärung, die grundsätzliche Ehrlichkeit, solche unbequemen Fakten trotz ihrer Unbequemlichkeit anzuerkennen.

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