Das Kreuz mit dem Kreuz (3)

bayern(Fortsetzung der Artikel vom Mittwoch und Donnerstag)

Darum geht es: Das Kreuz

sei “als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland” anzubringen, teilte die Staatskanzlei mit.  …

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, die Kreuze sollen kein religiöses Symbol des Christentums sein. “Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung”. Es verstoße nicht gegen das Neutralitätsgebot.

Das Kreuz ist für jeden Christen und für jeden Nichtchristen das zentrale Symbol des christlichen Glaubens. Egal, was Söder behauptet.

Was ist der Sinn seines politischen Spiels mit dem Kreuz?

Für Orban gehört das Christentum zur Abwehr alles Fremden = Nicht-Magyarischen, zur Abwehr von Flüchtlingen. Es gehört zur völkischen Identitätspolitik.

In Ungarn funktioniert das.

Auch in Bayern?

Söder möchte den harten Kern der konservativen Christen sowohl an die CSU binden als auch radikalisieren. Dazu missbraucht er als politisches Symbol das Kreuz.

Die Nichtchristen werden per Kreuz ausgegrenzt. Denn sie werden das Kreuz kaum als nicht-religiöses Symbol würdigen können. Das gelingt nur den politisch motivierten Trick-Christen.

Diejenigen, die ihr Christentum ernst nehmen, sind in der Regel flüchtlingsfreundlich und einwanderungsoffen. IHR Kreuz wird missbraucht für das Gegenteil von dem, was sie als Christen leben, der Bergpredigt gemäß.

Wird es in Bayern funktionieren?

Ich zweifle. Es gibt zwar dieses konservative christliche Milieu auf dem Land und in vielen Kleinstädten, und einigen wird der Trick mit dem “nicht-christlichen” (aber dann natürlich doch wieder christlichen) Kreuz gefallen.

Söders KREUZzug weckt allseits Misstrauen und ist als Missbrauch leicht erkennbar.

Die CSU – eine (pseudo-) christliche AfD?

Aktueller Nachtrag:

CSU-Gernalsekretär hält jeden, der Söders abenteuerlicher Kreuz-Entchristlichung widerspricht,

entweder für einen “Religionsfeind”

oder für einen “Selbstverleugner”.

Blume hat jetzt gesagt, dass jene, die Söders Kreuzpflicht in den Eingangsbereichen staatlicher Gebäude kritisierten, entweder “Religionsfeinde” oder “Selbstverleugner” seien. So ist das also in der Wahrnehmung des angeblich so nachdenklichen Herrn Blume: Wer nicht der Meinung der CSU ist, ist entweder ein Feind Gottes oder tickt nicht ganz richtig. Wenn man sich ein bisschen in der Welt auskennt, weiß man, dass dies ein fundamentalistisches Argumentationsmuster ist. Und man weiß auch, dass die politische Instrumentalisierung von Religion Ursache vieler sehr ernster Konflikte ist.

Offenbar will die CSU, jedenfalls die Söder-Blume-CSU, den Bayern vorschreiben, wie sie ihr Land und ihre Religion zu verstehen haben. Seitdem in dieser Partei die Angst vor dem Verlust der absoluten Mehrheit umgeht, sind Söder und seine Hintersassen in einen Kulturkampfmodus verfallen. (Parteichef Seehofer schweigt dazu leider.) Und deswegen beleidigt der Generalsekretär Blume nun all die, die das Kreuz achten, und viele, die gläubig sind, aber im Kreuz eben kein geeignetes Symbol für Treppenhäuser und Eingangsflure sehen.

SZ

Kommentare

  1. Putschdämon meint:

    Kulturkämpfe… Es geht sowohl bei der Kreuzoffensive, als auch bei den Kopftüchern auf den Lehrerköpfen, die oft so verbissen und unnachgiebig bis nach Karlsruhe hochgeklagt werden, um Symbole, es geht um Macht.

    Söder will hier seinen Wählern in spe vermitteln: Ihr seid mit mir noch Herren im eigenen Hause, nicht so wie die anderen, die Eure Heimat abtreten und meinen, diese würde dann allen gehören. So läuft das nicht. Es gibt immer einen “Herren”, der den Ton angibt, und wenn wir weichen, kommen andere. Religion selbst ist es gar nicht, worüber hier gestritten wird.

    Dazu muss man sagen, die Kopftuch-Verbissenheit islamischer Verbände und Individuen folgt durchaus ähnlichen Prämissen, hier in einem expansiven Sinne. Ein universales “Alles gehört allen” ist nur möglich, wenn wirklich alle Menschen so denken würden. Und das bezweifle ich stark. Ich bin deshalb weder dafür, noch dagegen, ich sehe es als Symptom der Zeit, als vorhersehbare Brandbeschleunigung.

  2. “Brandbeschleunigung” – ein guter Begriff.

    Man muss aber auch die andere Seite dieser Sache sehen: Wir sind soziale Wesen, und bei vielen prägt sich das sehr sehr stammesförmig aus, in dem Sinne, dass sie sich total mit ihrem Stamm identifizieren und sich insofern nicht primär als Menschen sehen, sondern zuallererst als Angehörige ihres Stammes.

    Je größer der Stress, je desparater die Überforderung, desto heftiger der Rückzug auf den Stamm, der Mauerbau, die Abschottung, das Anheizen der Feindschaft.

    Das zeigt uns Söder – und er ist nicht der einzige. Ich sehe es wie du: Auch bei den Muslimen findet man diese Verbissenheit, diese Abschließung.

    Man macht das u. a. über Statements mit Symbolen. Das Kreuz. Das Kopftuch. Etc.

    Apropos Kreuz und Christentum.
    Die CSU sieht es
    (1) als nicht-christliches und allgemein-westliches Symbol, zu dem sich der Staat bekennen soll –
    (2) als christliches Symbol, zu dem sich man sich individuell öffentlich bekennen soll.

    (1) und (2) beißen sich.
    IST es ein christliches Symbol, DARF die Regierung es nicht zum Staatssymbol machen.
    Ist es KEIN christliches Symbol, entwertet man es total, nimmt man dem Kreuz seinen Sinn.

    Es ist schlichte Logik, gegen die Söder und die CSU verstoßen. Es ist ein politischer Trick, das Kreuz ZUGLEICH als nicht-christliches und als christliches zu propagieren.

    Bemerkenswert ist daran, dass die CSU meint, damit durchzukommen.
    Kann schon sein, dass sie damit durchkommt. Aber das ist die Absage an die Aufklärung.
    Aufklärung geht nicht ohne Logik.
    Das Kreuz ZUGLEICH als christliches und als nicht-christliches Symbol zu propagieren und denen, die das schon mal aus logischen Gründen nicht mitmachen wollen, Religionsfeindschaft ODER Selbstverleugnung vorzuwerfen, ist BARBAREI.

    Ich mach mal ein Parallelbeispiel.
    Da sind zwei starke Raucher. Der eine hört auf, aus Gesundheitsgründen, wie er sagt. Der andere macht ihm dazu zwei Vorwürfe:
    Vorwurf 1: Du lässt dich reinlegen, das Rauchen ist doch gar nicht gesundheitsgefährdend.
    Vorwurf 2: Na und, ist Rauchen eben gesundheitsgefährdend … Du bist ein Feigling!
    Stell dir vor, einer bringt BEIDE Vorwürfe vor – und merkt nicht, dass sie sich widersprechen.

  3. Putschdämon meint:

    Dieses Einigeln im “Stamm” und die Reviermarkierung sind ja eine Reaktion, das muss man fairerweise sagen. Die offensive Zurschaustellung identitärer und v.a. religiöser Symbolik ist mit dem Islam hierzulande bzw. in Westeuropa wieder aufgetaucht, während das Christentum seine Rolle in einer säkularen Gesellschaft seit längerer Zeit gefunden hatte und zu so etwas wie “smells and bells” geworden ist, wie der Engländer sagt, also eine mehr oder weniger akzeptierte Form von im Grunde privater, säkularisierter Religionsausübung. Religion war bis in die 90er was Abseitiges.

    Jetzt ist die Konfessionalisierung, die Politisierung des Religiösen zurück und das ist ein Import, Söder spielt nur auf dieser Klaviatur. Erdogans und co. Hetztiraden von der “Eroberung Europas” sind ja wirklich gefallen. Die potentiellen Wähler Söders müssen also davon ausgehen, dass Erdogans hiesige Wähler sich an sowas wirklich aufgeilen und unseren Kontinent gern kreuzfrei unter der Herrschaft der Mondsichel sehen würden. Dass das und die ganzen Anschläge usw. eine gewisse Wut und den Drang zur Reviermarkierung nach sich ziehen, ist ja verständlich. Es herrscht dann der Bauch, leider weniger der Verstand, das ist die Gefahr.
    _

    Mit Logik hat das alles auch wenig zu tun, der Populismus ist eine Herrschaft des Bauches, er appelliert an Stolz, Identität, Gefühl. Das ist übrigens auchein Schnittpunkt zur identity politics, die Hillary Clinton die Wahl gekostet, andererseits Trump den Sieg beschert hatte. Die Aufklärung scheint tatsächlich auf dem Rückzug, quer durch die Bank. Ich vermisse die Zeit, wo Politik sich um ökonomische Fragen drehte, um rationale Themen.

  4. Dass das Christentum sich überwiegend kompatibel mit der säkularen, demokratischen, pluralistischen – aufgeklärten – Gesellschaft gemacht hat und die Trennung von der staatlichen Macht akzeptiert hat, gilt leider nur für Europa, und da auch nicht überall. Gegenbeispiele in Europa sind Ungarn, Polen, Russland, eventuell auch noch Irland.

    In den meisten anderen Ländern ist diese Entwicklung nicht dominant geworden. Vor allem nicht in den USA. Da dominiert ein fundamentalistischer Evangelikalismus. In Brasilien wird er demnächst vielleicht sogar den Präsidenten stellen.

    Die Kritik an Söder kommt nicht zuletzt von den deutschen Christen. Zum Beispiel aus München, Kardinal Marx:

    Kardinal Reinhard Marx, der Chef der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, kritisiert Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für dessen Kreuz-Erlass scharf. Es sei “Spaltung, Unruhe, Gegeneinander” entstanden, sagte Marx im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. “Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden”, sagte der Erzbischof von München und Freising. “Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.” Es stehe dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeute.

    http://www.sueddeutsche.de/bayern/kreuz-erlass-kardinal-marx-wirft-soeder-spaltung-vor-1.3962223

    Keine 30% finden Söders Gesetzesinitiative gut. Aber immerhin 29% sollen das tun, bundesweit. Darunter offensichtlich viele, die keine Christen sind – vermutlich AfDler. Denen wäre das Kreuz als nicht-christliches Symbol schon recht.
    Wäre interessant, das Umfrageresultat aus Bayern zu erfahren.

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