Seehofers Heimat (5)

theorie(Fortsetzung von Sonntag, Samstag, Freitag und Donnerstag. Ich habe bisher zitiert aus der ZEIT.)

Dieser Artikel besteht aus einem langen Zitat von Stefan Seibt, SZ. (Meine Hervorhebungen)

Seehofers bemerkenswerter Satz sei: “Für mich ist der Begriff der Heimat zentral, weil er in seiner Vielfältigkeit weniger streitbelastet ist als Leitkultur oder Nation.”

Weniger streitbelastet, das ist untertreibend gesagt, man könnte auch sagen: weniger politisch und, ja, weniger neuzeitlich. Wird damit die fruchtlose Leitkultur-Debatte der letzten zwanzig Jahre abgeräumt?

Seehofer erläutert, dass “Deutschland seit Jahrhunderten der Ort in der Mitte Europas ist, der Menschen zur Heimat wurde, indem sie hier Halt fanden (…). Über die Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart gibt es unzählige imposante Beispiele für die Fähigkeit Deutschlands, unterschiedlichsten Menschen zur Heimat zu werden.”

Damit verweist der Minister auf historische Grundbedingungen Deutschlands: ein geografisch unklar abgegrenzter, durch Grenzen schwer zu sichernder Raum, jahrhundertelang ein Durchzugsgebiet von Völkern (und auch von Armeen), ein Kreuzweg von Wanderungen seit prähistorischen Zeiten – jedes Heimatmuseum weiß davon zu berichten.

Deutschland wurde erst spät zu einer Nation, ganz hat es sich mit dieser der Französischen Revolution entsprungenen Form nie angefreundet. Der Begriff der Nation ist genuin politisch, die Zugehörigkeit zu ihr ist verrechtlicht und mit abstrakten kulturellen Lasten beschwert, wie sie Gemeinschaften von vielen Millionen zwangsläufig erfordern.

Heimat dagegen ist auf dem Platz. Hier lebt die Gesellschaft auf Sichtweite in Zusammenhängen, in denen die Menschen sich kennen können.

Dass Heimatgefühle intolerant, ausgrenzend sein können, bleibt unbestritten. Dafür hat die Heimat den Vorzug des Vorpolitischen: Über Zugehörigkeit zu ihr entscheiden nicht Staatsbürgerschaft, Abstammung, politische Bekenntnisse, sondern das gelingende Zusammenleben, das Vertrauen unter Anwesenden. Ob Integration gelingt, lässt sich kaum durch Einbürgerungstests ermitteln, wohl aber aus der Stimmung im Kiez.

Dass Seehofer Heimat an die “Vielfalt unterschiedlichster Menschen” bindet, ist begriffspolitisch ein kluger Zug. Er verbindet das Urkonservative mit den aktuellen Realitäten und entlastet den weiterhin unverzichtbaren Begriff der Nation von identitären Anforderungen.

Rechtspopulisten und hartgesottene Traditionalisten wollen unbedingt verhindern, dass das Zusammenleben gelingt. UNSERE Aufgabe besteht darin, es gelingen zu lassen.

Was wäre damit gewonnen, wenn es nicht gelänge?

Dass es mit abenteuernden maghrebinischen jungen Männern (Kölner Silvester), mit Salafisten aller Varianten, mit Erdotürken oder mit den kriminellen Clans der Mhallamiye nicht gelingt und dass wir darum eine gemeinsame Abwehrpolitik finden müssen,

sowie dass es auch Grenzen für die Einwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen geben muss -

das ist zu beachten, damit Vertrauen und gelingendes Zusammenleben in der Heimat möglich bleiben.

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