Deutschland wird sicherer. – Woher kommt die Angst? (3)

theorie(Zitat: Spiegel-Kommentator Thomas Fricke – Fortsetzung vom Mittwoch und Donnerstag.)

Wodurch entsteht nun Verbitterung? Ein Erklärungsansatz ist, dass die Bürger ständig gepredigt bekommen haben, dass sie bitte schön Eigenverantwortung übernehmen sollen. Was irre ist, wenn plötzlich via chinesischer Billigkonkurrenz ganze Industrien weggefegt werden.

Die kollektive Verbitterung könnte zudem wachsen, weil 40 Prozent der Bevölkerung in den vergangenen Jahren kaum oder keine Einkommenszuwächse verbuchen konnten, während andere ihr Geld auf paradiesischen Inseln mehren lassen oder noch ein paar Milliönchen drauf kriegen, obwohl sie mit Diesel getrickst haben.

Kollektive Verbitterung entsteht, wenn, wie vor zehn Jahren, plötzlich Geld für die Rettung von Großbanken da ist, nachdem den Leuten über Jahre gesagt wurde, dass für Renten, Schulen und Medikamente leider nichts mehr übrig ist.

Oder wenn plötzlich Gesetze gelten, laut denen – Mantra Eigenverantwortung – selbst Menschen nach einem Jahr ohne neuen Job der Absturz auf Hartz IV droht, die über viele Jahre brav geackert haben und aufgrund der Bankenkrise oder Allgemeinrezession gar nicht so schnell einen neuen Job finden können.

All das heißt nicht, dass man nicht für die Integration von Geflüchteten sorgen sollte. Oder für die Abschiebung von Leuten, die sich an Regeln partout nicht halten. Es ist nur absurd so zu tun, als wäre das unser größtes Problem. Als ließe sich dadurch erklären, warum der Unmut im Land so groß ist. Gegen Verbitterung hilft auch das x-te Asylverschärfungsgesetz nur wenig.

Wir brauchen eine ganz andere Aufregung. Wir müssen dafür sorgen, dass die Zahl derer im Land schrumpft, die das Gefühl haben, nicht das zu bekommen, was sie verdienen. Und sie davor zu schützen, dass sie sich für globalisierungsbedingte oder politisch einkalkulierte Schicksalsschläge selbst verantworten müssen, über die sie gar keine Kontrolle haben.

Das Problem liegt also im Sozialen. In der sozialen Ungerechtigkeit, die zu extrem geworden ist und nun die Grundlagen unserer Gesellschaft zerstört.

Kommentare

  1. Das mit der Angst ist so eine Sache. Die Statistiken sind das eine, das andere ist – nein, nicht die gefühlte Angst, sondern – das Zustandekommen von Statistiken. Die Polizei und der Innenminister haben natürlich ein enormes Interesse an guten Zahlen, an besseren Zahlen als letztes Mal. Vielleicht sind die Tendenzen richtig und bei Wohnungseinbrüchen ist das wohl so. Andererseits: Die Zahlen waren vorher massiv gestiegen, und bei den vielen Kelleraufbrüchen frage ich mich, wer das eigentlich noch bei der Polizei anzeigt, wenn er dort nicht gerade Versichertes gelagert hatte. Ähnlich ist es mit Fahraddiebstählen. Entweder ist das versichert, dann erstatte ich Anzeige bei der Polizei, oder eben nicht, dann spar ich mir den Weg, schon mal, weil ich mir dann auf der Wache in Berlin nicht diese frustrierten und überforderten Beamten anschauen muss, die mit Röhrenbildschirmen aus den frühen 90ern arbeiten.

    Der aufmerksame Beobachter sieht beispielsweise bei vielen älteren Autos, vor allem bei VW Bussen und anderen begehrten Kisten, immer öfter Lenkrad- und Reifenschlösser. Vermutlich, weil die alten Autos leicht zu knacken sind. Vor 40 Jahren hatte niemand Lenkradschlösser, denke ich.

    Die Grenzöffnungen nach Osten haben massenhaft Kriminelle hierhergebracht, die einer vermutlich lukrativen Beschäftigung nachgehen. Ob sich daran ernsthaft etwas geändert hat, wage ich zu bezweifeln.

    In die Statistik fließt also nur das ein, was man zur Zählung freigibt.

  2. Mein Eindruck von der bayerischen Polizei ist eher, dass sie ungern von der zunehmenden Sicherheit reden; sie heben gern und ganz besonders immer die vergleichsweise kleinen negativen Daten hervor. Wenn die Sicherheit zunimmt, könnte man ja auf den schrecklichen Gedanken kommen, dass man an der Polizei sparen könnte … Außerdem gibt es dann nicht die gewünschten Gesetzesverschärfungen. Die CSU und die bayerische Polizei also LEIDEN, wenn es so läuft, wie es läuft: dass das Leben hier immer noch sicherer wird. Die Hysterie der Bürger kommt ihnen allerdings entgegen. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen – je sicherer die Verhältnisse, desto hysterischer werden die Leute.

    (Nimmt man einmal die literarische Krimi-Mord-Produktion, so dürfte die höchste Mordziffer pro Einwohner in den skandinavischen Ländern erzielt werden; aber Deutschland kommt gleich danach. Während in den meisten von den Ländern, in denen die realen Mordzahlen hoch sind, kaum Krimis geschrieben und gelesen werden. (Ausnahme: USA, vermutlich. Dort aber dürften genau diejenigen Bürger das Krimi-Lesepublikum abgeben, die noch in relativ sicheren Verhältnissen leben. Die Bewohner der Slums dürften kein Interesse an Krimis haben. – Ich erlaube mir, hiermit ein Gesetz zu formulieren, das Brux’sche Sicherheitswahrnehmungsgesetz: Je sicherer die Lebensverhältnisse, desto größer die Sicherheitshysterie.)

    Bei der statistischen Messung zählt die Polizei nicht die tatsächlichen Taten bzw. Verurteilungen, sondern die Anzeigen. Ausländer werden natürlich deutlich häufiger angezeigt.

    Bezüglich der Ausländerkriminalität wäre interessant zu erfahren, wie sich die auf Ausländergruppen verteilt. Ich schätze auch, dass die Osteuropäer hier führend sind, nicht die Araber oder Türken oder Afghanen. Also nicht die Flüchtlinge.

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