Tuba Sarica: “Ihr Scheinheiligen!”

tuerkeiSie ist eine junge Deutschtürkin, bloggt, hat ein Buch geschrieben und der Süddeutschen Zeitung ein Interview gegeben. Daraus zitiere ich nun (paywall; SZ 25.07.2018):

1

Natürlich geht es nicht, dass Rassisten den Fall Özil für sich instrumentalisieren.

Andererseits ist die Kritik an ihm berechtigt. Özil veranschaulicht wunderbar die Scheinintegration vieler Deutschtürken.

Äußerlich ist er der Inbegriff der Integration, hat einen deutschen Pass.

Aber für mich taugt er nicht als Vorbild. Denn er spielt der Deutschfeindlichkeit der Parallelgesellschaft in die Hände.

Einerseits schüttelt er einem Mann wie Erdoğan die Hand, der selbst im Wahlkampf mit rassistischen Tönen arbeitet.

Andererseits beschwert er sich über den deutschen Rassismus.

In Özils Twitter-Botschaften zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft erkenne ich eine für die Parallelgesellschaft typische Doppelmoral.

Alles sei nicht politisch gemeint. Dabei weiß er genau, dass Erdoğan Tausende Journalisten, Gewerkschafter, Lehrer, ja alle, die es wagen, ihn offen zu kritisieren ins Gefängnis werfen lässt.

Özil gibt da den schweigenden Mitläufer. Und stilisiert sich zum Opfer.

2

 Andererseits fand ich es ungerecht, immer den Deutschen Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen, wo ich doch wusste, wie sehr die Fremdenfeindlichkeit in der eigenen deutschtürkischen Community jede Integration hemmt.

Jedes Mal, wenn ein sogenannter deutschtürkischer Experte in einer deutschen Talkshow auftrat, war ich enttäuscht: Warum versteckt er sich hinter dem Opfermythos? Warum spricht er nicht die wirklichen Probleme der Parallelgesellschaft an?

Da war eine Lücke, die ich füllen möchte.

3

Die modernen Muslime, die behaupten, sie seien integriert, stehen unter starkem Zwang, es den Religiösen recht zu machen.

Ich habe das an meiner eigenen, eher fortschrittlich gesinnten Familie gesehen. Sobald die religiöseren und verschleierten Verwandten zu Besuch kamen, wurden oft frauenfeindliche und deutschfeindliche Ansichten geäußert.

Ich wollte immer dagegen aufstehen. Aber meine Mutter bat mich, mir den Widerspruch zu verkneifen.

Es gibt da ein weitverbreitete Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Diskussionskultur – aber sie wird als “Loyalität” verklärt.

4

Natürlich gibt es Rassismus in Deutschland.

Aber erstens ist das kein flächendeckendes Phänomen.

Und zweitens pflegt die Parallelgesellschaft ihren eigenen Fremdenhass.

Schon den Kindern wird beigebracht, dass alle Deutschen so und so sind. Jedes schreckliche Ereignis wird da zum Schutzschild gegen eine wirkliche Integration missbraucht.

Erdoğan hat die Schwächen der Parallelgesellschaft, ihr Opferdenken, ihre unterdrückte Sexualität, ihre Neigung zu Gewalt und zu Gehorsam gegenüber allem Religiösen erkannt und für sich instrumentalisiert.

In einer Rede sagte er: Die Türken in Deutschland müssen Qualen erleiden. Und: Ihr müsst euch nicht assimilieren. Das löste Begeisterung aus.

Wenn Frau Merkel dagegen sagt “Ich bin auch eure Kanzlerin”, wollen das viele gar nicht hören.

5

Nein, der Islam ist nicht mein Feindbild. Es geht mir vielmehr um die Menschen, die Religion instrumentalisieren, um anderen ihre Freiheit zu nehmen.

In der Parallelgesellschaft fällt es schwer, zwischen Religion und Politik zu unterscheiden.

Selbst deutschtürkische Studentinnen pflegen rückständiges Gedankengut à la “Wir Muslime müssen gegen die Deutschen zusammenhalten”.

6

Erdoğan hat es geschafft, in diesem ständigen Wettbewerb der Deutschtürken, wer modern und wer zurückgeblieben ist, die Vorzeichen umzudrehen.

Plötzlich dürfen sich die Mitglieder der Parallelgesellschaft, ohne irgendetwas dafür getan zu haben, als gesellschaftliche und religiöse Elite fühlen, die ihrem von Gott gesandten König folgt.

7

Ich nehme die Deutschen in die Verantwortung, sich nicht bei jedem Rassismusvorwurf wegzuducken. Sie sollten kritisch nachfragen, die Intoleranz nicht tolerieren.

Denn hinter dem modernen Äußeren, das viele quasi-integrierte Deutschtürken vor sich hertragen, herrschen noch immer undemokratische Zustände. Ein ehrlicher Dialog wäre besser.

Integration scheitert in Deutschland nicht an der Diskriminierung. Sie scheitert da, wo Liebe und Individualität verhasst sind.

Einige dieser Äußerungen werde ich morgen kommentieren.

Kommentare

  1. Korbinian meint:
  2. Cenki66 meint:

    noch so ‘ne Junior-Kelek, die ihren persönlichen Frust auf das Gesamte projiziert.
    Nur am Meckern! Lösungen: Fehlanzeige!

  3. Korbinian meint:

    Tja die Wahrheit tut weh, cenki.

  4. Sollten wir nicht beide das Buch von Sarica lesen, Cenki?
    WAs die Frau in dem Interview gesagt hat, hat Hand und Fuß.
    Natürlich kann das Ditib nicht gefallen. Aber es gefällt uns, den Deutschen. Verständlicherweise, meinst du nicht? Wir sind nun mal von unserer Kultur her eher Menschen, die mit Menschen wie Sarica fühlen und denken.

    Ich würde euch konservative Muslime gern gegen das harte Urteil von Sarica verteidigen – so, wie ich es früher gemacht habe! Aber diese Möglichkeit lasst ihr mich nicht.

    Ich schätze die Vielfalt. Darum habe ich generell kein Problem mit konservativen Strömungen, auch wenn ich sie nicht teile. Ich finde konservative Menschen sympathisch. Sie haben anerkennenswerte Stärken. Politisch: Es muss auch starke konservative Bewegung in einer gesunden Gesellschaft geben. Also möchte ich sie gern gegen Angriffe von links verteidigen.

    Nur – ihr Erdogan-Anhänger macht das unmöglich. Nicht nur mir. Und die wenigen, die im Moment noch meinen, der Protest gegen Özil sei ein Zeichen für Rassismus, werden das auch noch merken. Dafür wird euer Großer Meister Erdogan schon sorgen. Toll, wie er grade mal wieder ganz Deutschland des Rassismus bezichtigt. Das wird eine gewisse Wirkung entfalten – aber sicher nicht die, die du, Cenki, dir wünschen würdest …

    Fantomas übrigens können wir seinen drogen-getriebenen Türkeiträumen überlassen. (Ich meine nicht die Droge Heroin … Die Droge “nationale Propaganda” führt auch zu rauschhaften Phantasien. Grade wir Deutsche haben damit sehr intensive historische Erfahrungen machen müssen.)

  5. Cenki66 meint:

    “Nein, der Islam ist nicht mein Feindbild. Es geht mir vielmehr um die Menschen, die Religion instrumentalisieren”

    und bei mir klingeln die alarmglocken, bei dem wort “islamkritik”, der häufig getarnt ist um die islamfeindlichkeit auszunutzen.

    bei kelek ist das auch bekannt: persönlich schreckliches erlebt (mein respekt), aber alles zu pauschalisieren ist falsch.

    “Ich würde euch konservative Muslime gern gegen das harte Urteil von Sarica verteidigen – so, wie ich es früher gemacht habe!”
    Dann tue es doch weiterhin. Wieso projizierst du abermals alles auf Erdogan und DITIB?
    Falls es dir nicht aufgefallen ist: Es gibt genug konservative Muslime, die weder mit Erdogan, noch mit DITIB was zu tun haben. Ich nutze die Infrastruktur der Gemeinde, aber stelle mich entschieden gegen Politik in Gemeinden.

  6. Cenki,

    während ich hier konsequent selbstkritisch gegenüber uns Deutsche schreibe, tust du das Gegenteil. Für dich gibt es nur den Opferstandpunkt. Du bist nicht bereit, die Erdogan-Anhängerschaft deiner Leute zu kritisieren. Du bist nicht bereit, die Deutschenfeindlichkeit deiner Leute zu kritisieren. Du bist nicht bereit, die türkische Diktatur zu kritisieren.

    So ist die Sache doch recht einseitig. Ich kritisiere mein Volk, du – tust so, als ob auf deiner Seite alles ok wäre.

    Dabei seid ihr – ich meine die Erdogan-Anhänger – “rassistischer” als diejenigen, die ihr des Rassismus bezichtigt.

    Überleg mal, wie deine Leute sich zum Thema Homosexualität äußern, oder wie sexistisch-puritanisch sie werden, wenn es um Nacktheit geht, und wie völkisch sie werden, wenn es um das Heilige Türkentum geht. Um nur drei Punkte zu nennen.

    Nicht zuletzt solltest du die Struktur beachten: DITIB ist ein Organ des türkischen Staates, also ist Erdogan auch ihr Chef. Es gibt ja keine Gewaltenteilung und keine Trennung von Politik und Religion für einen Erdogan und sein Regime.

    In allen diesen Punkten versagst du, Cenki. Versagt ihr, die Anhänger von Erdogan.

    Ich projiziere nicht alles auf Erdogan. Meine Kritik am Rassismus ist im Gegenteil präzise und am Fall orientiert. Ich habe geschrieben:

    Es gibt ganz unabhängig von Erdogan
    1. eine tiefsitzende und bösartige Türkenfeindlichkeit; Falstaff liefert dafür hier auf dem Blog immer mal wieder ein Beispiel;
    2. eine tiefsitzende und bösartige Roma-Feindlichkeit
    3. eine tiefsitzende und bösartige Schwarzafrikaner-Feindlichkeit (Gaulands Boateng-Attacke als Beispiel)
    4. eine tiefsitzende und bösartige Islamfeindlichkeit (Islamophobie) – die ist besonders heftig
    5. generell eine Menge Xenophobie
    6. auch immer noch, wenn auch weniger als früher, tiefsitzenden und bösartigen Antisemitismus.

    Also, wieso projiziere ich alles auf Erdogan? Genau das mache ich doch nicht, oder? Weder in diesem Beitrag noch auch sonst auf dem Blog.

    Aber DU lässt jede konkrete Selbstkritik vermissen. Und deine Leute tun das sowieso. Sie sind immer nur Opfer, Opfer, Opfer – dabei sind sie Täter. Als Anhänger Erdogans sind sie Täter, mitverantwortlich für dessen Untaten.

    Und dafür erntet ihr Kritik, die dann eben keineswegs rassistisch ist. Die Stimmung wendet sich mehr und mehr gegen euch – zurecht. Sie wendet sich gegen den antideutschen Pöbler und gegen den Diktator und gegen alle diejenigen, die ihn unterstützen.

  7. Cenki66 meint:

    @Leo

    “tust so, als ob auf deiner Seite alles ok wäre. ”

    es gibt durchaus jede Menge kritikfähiges an der Türkei. Das ist ein anderes Thema, welches wir durchaus besprechen können.
    Da du aber schon alleine mein “Es gibt keine Alternative zu Erdogan” nicht verstehst, sind die Voraussetzungen für eine Diskussion unterschiedlich. Du vermischst die Situation von einem friedlichen Industrieland mit dem von täglichem Terror geplagten Schwellenland in einer Krisenregion. Auch da sind die Voraussetzungen unterschiedlich.
    Du beschwerst dich, dass es keine unterschiedliche Positionen gibt, rückst aber Menschen, die nicht deiner Meinung sind in die Erdogan Nähe.

  8. Korbinian meint:

    Du vermischst die Situation von einem friedlichen Industrieland mit dem von täglichem Terror geplagten Schwellenland in einer Krisenregion. Auch da sind die Voraussetzungen unterschiedlich.

    Komischerweise sind auch in von Terror geplagten Ländern demokratische Wahlen und Machtwechsel möglich. Und das sogar recht häufig.
    Ich erinnere an diverse mittelamerikanische Staaten, Kolumbien, Peru, Paraguay, Spanien in den Siebzigern und Achtzigern, Irland, Nordirland etc.

    Mal wieder nur eine Ausrede, cenki.

  9. genova hat auf seinem Blog über Tuba Sarica geschrieben:

    So wie es für jeden Deutschen eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dieses Land zu kritisieren, so sollte es für jeden Deutschtürken eine Selbstverständlichkeit sein, die Deutschtürken zu kritisieren. Nur so demaskiert man auch die Unterdrücker und Spießer. Nur so geht es voran. Wenn es gut läuft, dialektisch.

    Nestbeschmutzer: die vermutlich schätzenswerteste Kategorie überhaupt.

    Das trifft nicht nur meinen Geschmack. Wir hier in der IG sind eigentlich fast alle so. Beschmutzen das deutsche Nest, in dem wir (Gehalt oder Honorar) gefüttert werden – und freuen uns, wenn auch andere in anderen Gruppen der Gesellschaft ihr jeweiliges Nest beschmutzen.

    Für türkische Chauvinisten ist das natürlich ein Gräuel. WIR dürfen schon UNSER Nest beschmutzen und auf den deutschen Rassismus hinweisen. Das gefällt ihnen. Aber wehe, ein Türke oder eine Türkin macht was Ähnliches in Bezug auf seine bzw. ihre community!

    Auch das ist ein Aspekt, der eine tiefe Kluft zwischen uns aufreißt und zu dem führt, was ich erdotürkische Selbstausgrenzung nenne.

  10. Freut mich!

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