Erdogandebatte. @ Lourdes Ros (4)

initiativgruppeFortsetzung. Es sind noch ein paar Fragen offen.

1. Wer ist Opfer, wer ist Täter? – Ich behaupte, Erdogan, Özil und die Erdogan-Anhänger sind Täter.

Aber sie sind nicht auch Opfer? – So gut wie alle Täter waren mal Opfer. Warum wird ein Täter ein Täter? In der Regel können wir uns seine Opfer-Biografie ansehen.

Im Gefängnis Stadelheim sitzen ich weiß nicht wie viele Häftlinge. Sie alles waren mal, als Kind, als Jugendliche, Opfer. Es macht Sinn, sich das immer wieder zu vergegenwärtigen. Nur, wenn man die Opfergeschichte berücksichtigt, findet man eine menschlich angemessene Haltung zu den Tätern – eine, die ihr Menschsein nicht außer Acht lässt, und eine, die zu vernünftigen politischen bzw. gesellschaftlichen Antworten führt: Man muss bei den Ursachen ansetzen.

Das ist nun auch bei den Tätern, von denen ich hier spreche, nötig. Wir müssen verstehen, WARUM viele Deutschtürken zu Befürwortern von Diktatur und Unterdrückung und warum sie zu Hassern unserer deutschen multikulturellen Welt geworden sind.

Diesen Blog gibt es seit 9 Jahren. Er ist voll von Artikeln und Diskussionsbeiträgen, die diese Frage zu beantworten versuchen.

Aber wir werden einen Dieb nicht deshalb laufen lassen, weil er mal ein Opfer war und sein kriminelles Verhalten Folge einer unglücklichen Biografie ist.

Täter ist Täter.

Wer zum Beispiel der Diktatur und dem Staatsterrorismus eines Erdogan huldigt und seiner antwestlichen Hetze, der muss mit harter und unmissverständlicher Ablehnung rechnen.

2.

Wer sind die Einheimischen?

Ich habe meinen ersten Integrationspunkt bewusst provokativ formuliert:

I) Die Regeln und die Grenzen setzen die Einheimischen, nicht die Einwanderer. Wenn einem diese Regeln und die Grenzen nicht passen, sollte man wieder gehen. (Wenn man kann. Für Flüchtlinge ist das nicht ohne weiteres möglich.)

Die “Einheimischen” sind alle diejenigen, die hier und heute deutsche Staatsbürger sind. Ich würde persönlich dafür plädieren, auch diejenigen hinzuzurechnen, die noch keinen deutschen Pass haben, aber einen festen Aufenthalt. Ich bin ja auch der Meinung, dass es für uns besser wäre, wenn auch sie wählen könnten. (Auch Özil gehört zu den “Einheimischen” – er gehört dazu, obwohl er sich selbst demonstrativ ausgegrenzt hat.)

Diese “Einheimischen” wollen alles in allem, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und bleibt. Gemeinsam – nämlich via Wahlen und Parlament und Regierung – werden die gesetzlichen Regeln dafür aufgestellt.

Darüber hinaus setzen diese “Einheimischen” weitere, kulturelle Regeln. Zum Beispiel ist bei uns Homophobie verpönt. Wir zeigen (oder sollten zeigen): Wenn einer sich homophob gibt, gefällt uns das nicht. Es  ist gesetzlich nicht verboten, aber wir schätzen es nicht.

Es gibt viele solche Regeln. Auch eine multikulturelle Gesellschaft setzt einen Rahmen. Dazu gehört, um nur mal noch ein Beispiel zu nennen, dass wir für die Freiheit der Mädchen eintreten, auch vor ihrer Heirat sexuellen Kontakt aufzunehmen. Es ist einer Einwandererfamilie (oder einer “einheimischen” christlich-fundamentalistischen Familie) nicht verboten, im Rahmen des Erziehungsrechts der Eltern und im Rahmen der Religionsfreiheit hier andere Lebensformen zu verteidigen, aber wir machen durchaus deutlich, dass uns solche Repression nicht gut erscheint – dass wir sie für schädlich halten.

Also: Auch diejenigen, denen meine Formulierung nicht gefällt, müssen zugeben: Genauso handeln auch wir. Wir, die Verfechter der multikulturellen Gesellschaft. WIR setzen die Regeln und Grenzen – im kollektiven Austausch, durchaus kontrovers, oft auch uneinheitlich und widersprüchlich. Das geht nicht top-down, denn es gibt hier keinen Kulturpapst.

Eine multikulturelle Gesellschaft setzt darum grundsätzlich einen sehr weiten Rahmen. Vielfalt ist gut. Vielfalt ist für eine Gesellschaft gesund. Wir akzeptieren vieles, was uns nicht zusagt, ohne uns davon bedroht zu fühlen.

Ergänzung: Die “Einheimischen” haben einen Teil der Regelungskompetenz für Einwanderung an die EU übergeben. Das ist zusätzlich zu berücksichtigen. Unsere Einwanderungsregelungen sind zum Teil europäisch; das gilt dann auch für die nicht gesetzlich, aber zu gestaltenden Aspekte. Wir sind bekennende Europäer.

3.

GEGENgesellschaft

Wenn Gruppen dazu übergehen, für sich das Konzept der multikulturellen Offenheit in Frage zu stellen und zum Beisiel meinen, diese ganze westliche, säkularistische, liberale, multikulturelle Gesellschaft sei einfach nur Sünde und dekadent – man müsse sich und seine Familie und seine Kinder vor dieser sündigen Welt schützzen – dann bekommen wir ein Problem.

Wir werden dann erkennen müssen, dass solche Gruppen nicht nur eine Parallelgesellschaft bilden, sondern eine GEGENgesellschaft.

Parallelgesellschaften sind in einer multikulturellen Gesellschaft die Norm. Die Vegetarier bilden eine Parallelgesellschaft. Die katholischen Christen auch. Die Fußballfans dito. Etcetera. Wenn Einwanderer engen Kontakt zu Landsleuten suchen und organisieren, ist das einfach nur normal und gesund – ich werde es ihnen immer empfehlen. Dazu gehört auch, dass man seine heimatliche Kultur hegt und pflegt. Das macht die Eingliederung in die fremde Welt der Einwanderungsgesellschaft leichter, ist für viele sogar die Voraussetzung dafür, dass diese Eingliederung gelingt.

Um so wichtiger ist es, dass wir dann erkennen, wann eine Parallelgesellschaft zur GEGENgesellschaft wird.

Das ist das Thema der Debatte.

Darum wähle ich den Titel Erdogandebatte.

Ein charismatischer, autoritärer, missionarischer Volksführer lässt seine Anhänger hier in Deutschland (auch in Österreich und den Niederlanden) eine GEGENgesellschaft aufbauen – und wir schauen einfach nur weg? Und reden von Rassismus, wenn sich die Leute hier misstrauisch oder verärgert dagegen wenden?

Fortsetzung folgt.

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