Erdogan – einladen oder nicht einladen?

tuerkeiEr ist schon eingeladen. Nur der Termin und einige weitere Umstände sind noch zu regeln.

69% der Deutschen sollen die Einladung missbilligen. 24% sagen ok.

Ich bin gespalten.

Einerseits:

Warum sollte die Regierung nicht mit ihm reden? Und wenn schon, dann tut man das nicht auf die Erdogan- oder Trump-Art, man pöbelt nicht, sondern bleibt respektvoll.

Das gefällt mir an Angela Merkel und an unserem Außenminister. Sie sind und bleiben diplomatisch. Für mich heißt das auch: kompetent, professionell, zugleich zivilisiert.

Werden Merkel und Maas unter vier bzw. sechs Augen Erdogan kontra geben? – Ich nehme eher an: Nein. Es wird ums Geschäft gehen und um politische Strategie. Mit Blick auf die EU. (Deutschland soll bitte keine eigensinnige Außenpolitik machen!)

Wird Erdogan hier hetzen? – Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Er wird sich voraussichtlich ordentlich benehmen.

Warum kommt er? – Einmal kann er zeigen, dass er gegen uns pöbeln kann wie er will – und er wird trotzdem hofiert. Seinen Fans wird das gefallen. Zum andern könnte es sein, dass er (heimlich) betteln muss. Die Wirtschaft der Türkei nähert sich dem Abgrund.

Ich nehme darum an, dass ein paar seiner deutschen Geiseln bald freikommen werden. Was der Diktator dafür bekommt, wird uns nicht gesagt werden.

Also: Warum soll er nicht kommen? Auch andere Verbrecher haben wir schon in Berlin freundlich empfangen … Und zurecht. Politik geht so.

Andererseits:

Ich wüsste keinen Staatschef, der jemals die Bundesrepublik Deutschland und die Deutschen so permanent und heftig angepöbelt hätte wie Erdogan. (Trump ist noch meilenweit von diesem Pöbel-Niveau entfernt!)

Die Antwort aus Berlin darauf: Achselzucken. Weghören. Ignorieren. Schweigen. Business as usual.

Man hätte den türkischen Botschafter ins Außenministerium einbestellen können, um sich die Attacken seines Herrn und Meisters erklären zu lassen und um den Botschafter dann nach Ankara zu schicken mit dem Hinweis, dass eine Rückkehr nur im Fall einer halbwegs anständigen Entschuldigung möglich sei.

Es werden strategische Gründe dagegen gesprochen haben.

Wie dem aus sei: Lädt man so einen Pöbler ein? Gibt man ihm einen Staatsempfang?

Es geht jetzt nicht um Differenzen, oder darum, dass er ein Diktator ist. Es geht um die Pöbelei.

Das, so nehme ich an, sagen sich die knapp 70%, die diesen Staatsbesuch ablehnen. Bürger müssen und können keine Diplomaten sein. Sie können nicht einfach weghören, wenn der Oberste Pöbler der Türkei wieder mal eine Salve loslässt. Sie sähen gern eine Antwort.

Ich möchte ergänzen: Ist es klug, den Eindruck der Arschkriecherei zu erwecken, den es auf viele macht, wenn sich die eigene Regierung taub stellt gegenüber den Pöbeleien eines Erdogan?

Der DFB und Löw haben diese Haltung gewählt nach Özils und Gündogans Huldigungsauftritt für den Pöbler gegen Deutschland. Die Antwort kam vom Volk – das Fußballpublikum hat die eigene Mannschaft gnadenlos ausgepfiffen – und hat den Kotzbrocken Erdogan damit gemeint.

Es wird jetzt, was Pfiffe angeht, nicht gleich so schlimm kommen für die Regierung. Aber wenn 70% einen Staatsbesuch ablehnen (und dies eventuell recht leidenschaftlich), und wenn von den 24% Befürwortern vermutlich auch fast alle gegen den türkischen Staatsterroristen sind – tut sich die Regierung dann selber etwas Gutes mit diesem Besuch?

Sie erwartet, die Begegnung mal wieder – wie schon einige frühere peinliche Begegnungen mit dem Politmacho aus Ankara – einigermaßen heil zu überstehen. Nicht allzuviel Kredit bei der Bevölkerung zu verlieren.

Zurecht, diesmal noch.

Und ich?

Ja oder Nein?

Ja.

Ja, er soll kommen.

Warum entscheide ich mich dafür? – Weil ich der Kompetenz der Regierung in der Außenpolitik traue.

Sie haben im Moment viele Bälle zu jonglieren, und einige davon fliegen gerade prekärer als der Ball Türkei.

Merkel, Maas und Steinmeier müssen wissen, was sie tun.

Ich hoffe, sie wissen es.

Ich verlasse mich darauf.

Die IG-Debatte um Erdogan setze ich am Wochenende fort.

Zur institutionellen Situation siehe meinen Diskussionsbeitrag im Forum.

Eine sarkastische Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen.

Für unsere Erdogan-Anhänger UND für unsere Rassismus-Beschwörer sind die 69% natürlich alle mehr oder weniger nur aus antitürkischem Rassismus gegen den Staatsbesuch.

Mit Erdogans Politik oder Erdogans antideutscher Pöbelei habe das kaum zu tun, werden sie meinen. Schließlich sagt Erdogan doch nur, was wahr ist: Rassisten sind wir! Faschisten sind wir!

Dank an alle, die uns Rassisten nennen, weil wir Özil und Gündogan und Erdogan ausgepfiffen haben!

Kommentare

  1. Falstaff meint:

    Übrigens…
    ….Trump “wirkt”:

    Türk. Lira bei 5,88 / Euro

    Wann wird die 6 Euro Marke rerreicht ?
    Nun, zumindest die Touristen dort freuts….

  2. Falstaff meint:

    Türkisch besetzte Stadt Afrin : Amnesty prangert Türkei für Verbrechen in Syrien an

    Türkei lasse ihre „Drecksarbeit“ von Milizen erledigen

    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amnesty-prangert-tuerkei-fuer-verbrechen-in-syrien-an-15719773.html

  3. Korbinian meint:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amnesty-prangert-tuerkei-fuer-verbrechen-in-syrien-an-15719773.html

    Konnte man sich alles schon vorher denken, auch wenn der eifrige Aktuelle-Kamera-Schauer fantomas Gegenteiliges behauptet hat.
    Auf Nordzypern lief es ja in den Siebzigern und Achtzigern nicht anders.

  4. Diese barbarischen Türkenhorden…

    Dann könnt ihr euch ja so richtig an so einem Artikel aufgeilen.

  5. Frank Berghaus meint:

    Ganz selbstverständlich muss man sich – den Regeln der Diplomatie folgend – auch mit islamistischen Despoten einlassen. Daran kann es keinen vernünftigen Zweifel geben.

    Es geschieht ja auch immer in der Hoffnung, dass man vielleicht das Schlimmste noch ein wenig abmildern kann. Auch wenn es derzeit völlig hoffnungslos zu sein scheint:

    https://www.deutschlandfunk.de/tuerkei-atheistinnen-mit-kopftuch.886.de.html?dram:article_id=424266

  6. Brux ab in die Rente meint:

    habe brux bei lourdes ros angeschwärzt. hihi.

  7. Brux ab in die Rente meint:

    seinen kruden müll kann er demnächst auf einer privaten seite mit 5 besuchern im monat absondern. hihi.

  8. Danke, lieber Redford (etc etc. …) Danke für die Hilfe!
    Jetzt muss ich Lourdes nur noch überzeugen, dass ICH dich NICHT um deinen netten Einsatz gebeten und dafür vielleicht auch noch bezahlt habe.

    Auf jeden Fall also: Danke.

  9. Korbinian meint:

    @manu

    MIMIMI :) du klingst wie so ein beleidigter PEGIDA-Otto. Bist Du ja auch. Quasi ein türkischer Identitärer.

  10. Frank Berghaus meint:

    Schade, dass hier derzeit keine sachliche Auseinandersetzung mehr möglich ist. Wahrscheinlich muss ich warten, bis die Themen nicht mehr von Anti-Bruxisten beherrscht werden.

    Das ist ja nur noch trübe.

  11. Frank,
    es ist ja normal, dass sich eher Kritiker als Unterstützer im Kommentarbereich melden.

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