Widerstand gegen das Fremde? – Ja!

einwanderungsland-th(Fortsetzung von gestern)

Ich gehe nun noch einen Schritt weiter und möchte – als Liebhaber des Fremden – den Widerstand gegen das Fremde verteidigen.

Dabei weiß ich natürlich, auf welch glattes bzw. brüchiges Eis ich mich begebe. Also, schaut mal zu, wie ich es mache – und ob ich ausrutsche oder ob das Eis bricht.

Ich bin Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Seit 1982 etwa. Lehrer für Erwachsene, die Deutsch lernen wollen oder wollen müssen.

Ich setze mich auf den Stuhl. Ich sitze auf dem Stuhl.

Ich lege das Buch auf den Tisch. Das Buch liegt auf dem Tisch.

Das geht nicht so leicht in die Köpfe von Erwachsenen.

Bei Kindern flutscht das – denen muss ich nicht einmal die Regeln erklären, sie fügen sich automatisch, ohne bewusstes Regellernen.

Die Erwachsenen leisten Widerstand. Ihr Gehirn akzeptiert die neuen, fremden Regeln nicht. Wieso, zum Teufel, dieser Artikel? Wieso diese Veränderung des Artikels – mal den, mal dem? Wieso einmal e (setze, lege), dann i (sitze, liege), und wieso dieses sich (ich setze mich)?

Und der Lehrer erklärt und erklärt, lässt die Kursteilnehmer Beispiel um Beispiel selber machen … und stellt immer wieder fest: Immer wieder fallen die Leute zurück in falsche (eben gewohnte bzw. ihnen naheliegendere) Formen:

Ich sitze mich auf der Stuhl. Ich setze auf die Stuhl. Ich liege den Buch auf die Tisch. Das Buch legt auf das Tisch. 

Als erfahrender und geduldiger Lehrer habe ich mit diesem hartnäckigen Widerstand gegen das sprachlich Fremde kein Problem. Ich weiß schon, was zu tun ist. Und dass die deutsche Sprache gewinnen wird.

Kommen wir zum politisch relevanten Punkt in dieser Sache:

Der Widerstand des erwachsenen Gehirns gegen die Überwältigung durch Fremdes ist BERECHTIGT. Ist GESUND. Ist NOTWENDIG.

Die Schüler haben völlig recht, wenn sie (bzw. ihr Gehirn) erst einmal die Annahme des (unbewusst, instinktiv, spontan) als falsch Empfundenen zurückweisen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und das ist gut so.

Der Mensch ist als Gewohnheitstier konservativ. Und das ist gut so.

Woraus folgt: Konservativ zu sein ist gut. Generell. In der Sprache, in der Kultur, in der Politik … Ich bestehe auf dieser Erkenntnis – als leidenschaftlich Progressiver.

Ich mag die Konvervativen. Ich mag das Konservative. Ich mag diesen Widerstand gegen das Neue, gegen das Fremde. Ich mag das Fremdeln.

Menschen haben ihre Gewohnheiten, ihre Normalitäten, ihre stabilen Alltagserwartungen – und sie haben alles Recht dazu, diese zu verteidigen gegen das eindringende Fremde.

Bin ich jetzt auf dem Eis ausgerutscht? Oder bricht das Eis?

Natürlich stellt ihr die Frage, wie ich die Kurve zum Progressiven kriege.

Meine Schüler müssen schließlich am Ende doch die deutsche Grammatik übernehmen. Auch wenn sich ihr gewohnheitsversessenes Hirn dagegen sträubt.

Morgen geht es weiter.

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